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54 . Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Freilag, den 12. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1806 .
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Ualionallibernle und Schulgesetz.
Aus nationalliberalen Kreisen wird dem „Berl. ^agebl." geschrieben: Die Schulgesetzkommission beginnt issit mit ihrer Arbeit. Es wird an den Nationalliberalen (Egen, ob ein Gesetz zustande kommt, das nicht allein die Fortentwickelung des Schulwesens hemmt, sondern, das och auch wie ein Mehltau auf das ganze Kulturleben Egen wird. Diese Schulgesetzgebung würde, wenn sie Slücfert sollte, doch nur das Ansangslied von einer Kette Reaktionärer Experimente sein. Diese Befürchtung wird sisich im nationalliberalen Lager gehegt, und ein großer ^eil der Jungliberalen ist von inneren'. Widerwillen siegen Liesen jedes liberalen Hauches entbehrenden Ge- letzesdorschlag erfüllt.
Wenn diese Abneigung sich noch nicht zur offenen 'Gegnerschaft gegen diese Schulgesetzmache ausgewachsen oat, so liegt das an der eifrigen Beschwichtigungs- und ^erschdnerungsarbeit der „Staatsmännischen", die zurrst noch eine gewisse Wirkung übt. Auch ein Teil der 'UUngliberalen —-- sicherlich der kleinere — hat sich von Vorstellung noch nicht freimachen können, in dem kou- strvativen Anerbieten gemeinsamer «chülgesetzgeberei "oge eine Verbeugung vor der nationalliberalen Potenz, Und die Ablehnung werde eine parlamentarische Kalt- Nollung der Nationalliberalen und eine Verbindung von Konservativen und Zentrum zur Folge haben. . Man Äußert lebhafte Befriedigung über die vermeintliche Ausschaltung des Zentrums und sonnt sich in der Hoffnung, Konservative und Nationalliberale würden künf- Hand in Hand die Klinke der Gesetzgebung in Bewegung setzen.
.. Eitle Täuschung! Der einzig Vergnügte bei dem üblen Handel darf bas Zentrum sein. Nationalliberale Und Konservative besorgen seine Geschäfte, und es faucht nicht einmal das Odium dieser volksfeindliche!: Gesetzgeberei auf sich zu nehmen und kann sich also still ins Fäustchen lachen. — Die Nationalliberalen hätten ^ darauf ankommen lassen sollen, ob die Konservativen uch auch mit dem Zentrum zu diesem Zwecke verbunden batten. Niemals! Die Herren ahnten den Sturm, und w wurde der nationalliberale Vorspann herangeholt. ,7f a kann man dem Bürgertum doch entgegenhalten: das Gesetz kann ja so schlimm nicht sein, haben doch auch die ->cationalliberalen an seinem Zustandekommen mitge
wirkt. Hat man der Reaktion in dieser ungefährlichen Weise eine breite Gasse gebrochen, dann kann der nationalliberale Mohr gehen. Er ist ungefährlich geworden und behaftet mit dem Odium, an einem schul- und kulturfeindlichen Gesetze mitgewirkt zu haben. Nachher wird der wirkliche Verbündete, der Junker, schon Wiederaus der Bildiläche erscheinen.
Wollen die Nationalliberalen nicht die Getäuschten fein, dann nKgen sie mit den Konservativen ruhig ein reines Unterhaltungsgesetz auf gerechter Grundlage schaffen. Das ist wünschenswert! Heraus aber mit allem konfessionellen Beiwerk, das in Wirklrchkert die verschleierte Hauptsache bildet. Und wollen die Konservativen darauf nicht cingehen, so sollten die National- liberalen dieser Waffenbrüderschaft entsagen. Sonst werden sie bald genug nach allen Seiten hin die Kosten dieser Gefolgleistunq zu tragen haben. Unsere Zeit ist zu aesetzgeberischer Rückdämmung die allerungeeignetste. Es "ist zu hoffen, daß diese Überzeugung vor einer etwaigen Verabschiedung des Gesetzes bei den Jung- liberalen wenigstens zum vollen Durchbruch gelangen wird.
Politische Übersicht.
Lehren der preußischen Sparkassenstatistik von 1890 bis 1903.
Aus den Ergebnissen der preußischen Sparkassen- Statistik von 1890—1903 leitet der Hallenser Natronal- ökonom I. Conrad im neuesten Heft seiner „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik" bemerkenswerte Lehren ab. Die wesentlichste davon widerlegt schlagend. die auch in: Erfurter Parteiprogramm noch enthaltene sozialdemokratische Behauptung von der wachsenden „Verelendung ' der Massen. Es hat grämlich in dem angegebenen Zeitraum die Zahl der Sparkassenbücher unter 150 M. besonders stark zugcnommen: von 2,5 Millionen i. I. 1890 auf 3,7 Millionen i. I. 1903. Ergibt sich hieraus, daß die Vermögenslage der unteren Klassen sich erheblich gebessert hat, so beweist der Durchschnittswert eines Sparkassenbuchs dieselbe erfreuliche Entwickelung. Denn jener Durchschnittswert bezifferte sich i I. 1871 auf 373 M., i. I. 1880 auf 443 M., i. I. 1885 auf 537 M.. i. I. 1891 auf 690 M., i. I. 1896 auf 682 M., i. I. 1903 auf 688 M. Auch die Berechnungen auf den Kopf der Bevölkerung veranschaulichen den Fortschritt, den die Wohlbabenheit der Masse gemacht hat. Kamen doch auf einen Einwohner i. I. 1871 eine Einlage von 23,5 M., i. I. 1880 eine Einlage von 58,4 M.,
i. I. 1896 eine solche von 126,8 M., i. I. 1903 eine solche von 186,6 M. Allerdings kommt hierbei in Betracht, daß in den letzten Jahren über 50 000 Bücher mit einer Einlage von mehr als 10 000 M. verzeichnet wurden. Hiergegen wendet sich Conrad, da es ein Mißbrauch der Sparkasse sei, wenn die wohlhabendere Bevölkerung sie als Bankinstitut ausnütze; dadurch werde die Verwaltung der Sparkassen erschwert und ihr Risiko erhöht, deshalb müßten die Statuten die Höhe der Einlagen allgemeiner beschränken, als es jetzt der Fall sei. Das Anschwellen des Zinsüberschusses von 30,5 Mill. Mark i. I. 1890 auf 62 Millionen Mark i. I. 1903 veranlaßt Conrad zu der Forderung, es Zolle der Zinsfuß erhöht werden. Denn die Überschüsse würden nicht überall angemessen verwertet, das eigene Vermögen genüge für das übernoinmene Risiko, und die günstigere Verzinsung habe als besonderer Anreiz zum Sparen eine allgemeine volkswirtschaftliche Bedeutung. Was endlich die Anlage der Spargelder betrifft, so war während der letzten Jahre der größte Teil in Hypotheken (35,4 Prozent in städtischen, 22,5 Prozent in ländlichen) plaziert. Wenn die preußische Gesetzgebung zugunsten der preußischen Staatsanleihen demnächst hierin eine Änderung herbeiführen will, so läßt sich dagegen etwas Stichhaltiges kaum einweuden. Conrad übrigens berührt diesen letzteren Punkt nicht.
Militär- und Zivilgewalt in Spanien.
3. Madrid, 8. Januar.
In Regierungs- wie politischen Kreisen beschäsftgt nian sich noch immer lebhaft mit der Militärfrage, dre auch in der Presse erregt diskutiert wird. Eine Militär- und eine Bürgerpartei machen sich selbst innerhalb des Ministeriums den Vorrang streitig. Die Träger der zivilen Portefeuilles bestehen aus der Erhaltung des Übergewichtes der Zivilgewalt über die Militärgewalt, besonders hinsichtlich der Gerichtsbarkeit, abgesehen von den Fällen, für die schon die bestehende Gesetzgebung eine Ausnahme vorsieht. Die Minister für Heer und Marine und alle Militärs berufen sich dagegen auf die Versprechungen, die ihnen während der letzten Krise gemacht wurden, bevor Montero Rios und Weyler demissionierten; sie fordern deshalb, daß jeder gegen das Vaterland und die Armee gerichtete Angriff dem Forum der Militärgerichte überwiesen werden solle. Der überwiegende Teil der öffentlichen Meinung ist gegen die Ansprüche der Militärpartei gerichtet; es besteht aber ans keiner Seite eine Neigung zum Nachgeben. Die endgültige Lösung dieses latenten Konfliktes ist infolge der Heirat der Infantin hinausgeschoben worden.
Feuilleton.
tNachdrnS Dfrtotm.)
Verlioz-Ltrautz.
. Man wird nach diesem Titel vermuten, daß nun ein öftstsprühendes Essay über die inneren künstlerischen Be- |} e (Utttge!i dieser beiden unumstritten großen Meister des '^chesters folgt. Das trifft aber keineswegs zu, obschon Jf r Gegenstand, dem diese Zeilen gewidmet sind, die ftamen Berlivz - Strauß in engste Verbindung mit- ^ncander gebracht hat. Es ist bekannt, daß Berlivz nicht sisir ein genialer Musiker, sondern auch ein espritvoller Schriftsteller war. Die zahlreichen Bände seiner ^ cenwiren, seiner Schriften und Briese sind nicht bloß für ei1 Musiker von Fach eine unversiegbare Duelle an- * e Se:töfter und belehrender Lektüre. Für den musikalischen Wachmann ist eines der Verliozschen Bücher aber von besonderem Wert, und zwar bis auf den heutigen seine umfassende JnstrumcntationSlehre, die in 'vrer erschöpfenden Art einzig dasteht. Das berühmte d"rk Berlivz' ist freilich mehr eine Jnstrumentenkunde, "sin eine eigentliche Jnstrumcntationslehre. D. h. es si^lchäftigt sich mit dem Wesen und mit der Technik eines Eden Instruments in bezug auf seine praktische Verödung jm Orchester, aber es lehrt nicht eigentlich Methodisch instrumentieren. Es ist mehr ein praktisches ^achschiage- und Anschauungsbuch als ein direktes Lehr- Keiner aber hat das gesamte instrumentale "ftaterial so gründlich und dabei in so geistvoller Art für i le Zwecke des Studiums bearbeitet, als der geniale Eanzösische Meister. Keiner vor ihm wußte freilich auch 0 Mit dem Orchester Bescheid. Berlivz ist, man kann es Msiq so ansdrücken, der Erfinder des modernen Jnstru- Z^ütalkörpers. Natürlich sind seit dein Erscheinen seines ^ uch^A zahlreiche neue Erfindungen zur Verbesserung nü Vervollkommnung der einzelnen Instrumente ge- sicht worden. Der Tonumfang und die technychen Migkeiten einer Anzahl von Instrumenten, speziell der ^mser, sind zum Teil sehr erheblich gesteigert worden, ich. daintt wurden naturgemäß dem Tonsctzer manrng- Mwe neue Mittel in die Hände gegeben. Das Wesen des
modernen Orchesters aber, des Orchesters, wie es heute von unseren Sezessionisten in staunenerregenüer Weise ausgebildet worden ist, hat Berlivz in seinem Werke klar festgelegt. In seinen ästhetisicrenden Betrachtungen, die das wertvollste Element dieser Jnstrumentationslehre bilden, öffnet Berlivz dem stannenden Leser ungeahnte Perspektiven. Das, was er hier prophetisch angekünöigt, setzt bald darauf ein noch Größerer in die Tat um. Richard Wagner brachte die Erfüllung der Verliozschen Träume. Natürlich ist hier speziell der große Orchesterzauberer und nicht der Musikdramatiker im allgemeinen gemeint.
Berlivz nimmt naturgemäß in seiner 1843 erschienenen Jnstrumentationslehre noch keinerlei Notiz von dem eben werdenden Wagner, dessen erste epochemachende künstlerische Taten (Rienzi, Holländer) ungefähr in die Zeit der Edition des Werkes fallen. Abgesehen von dem Nachtrag der seit jenen Jahren sehr zahlreichen technischen Verbesserungen fehlte für den modernen Musiker dem Werke auch die Bezugnahme auf die Wagnerscheu Partituren, die jedoch das A und O für jeden, der heute instrumentieren lernen will, sind. Um dem Berliozschen Meisterwerk seinen vollen praktischen Wert auch für die Neuzeit und vor allem für die Zukunft zu erhalten, war eine Ergänzung nötig. Diese diffizile Arbeit zu bewerkstelligen, ohne dem Original nahe zu treten, schien eine sehr penible Aufgabe. Derjenige, der sie ideal lösen wollte, mußte ein souveräner Beherrscher der gesamten Materie, und zwar nicht nur als Theoretiker, sein, er niußtc auch ein außerordentlich feines Anpassungsvermögen und eine klare, stilistisch ge- mandte Feder besitzen.
Kein Geringerer als Richard Strauß hatte das ehrenvolle Wagnis unternommen. Wie es geglückt ist, davon geben die beiden bei Peters in Leipzig erschienenen stattlichen Bände beredtes Zeugnis. Strauß hat am Originaltext nichts verändert. Groß ist die Zahl der zum Teil sehr ausgedehnten Partitur-Beispiele ans neueren und modernen, in erster Linie ans Wagnerschen Werken, die hinzugefügt worden sind. Hier hat Strauß ein überaus kostbares Material zusammengctragen, das für den Lernenden eine reich? Fnnögabe instrumentaler Weisheiten ist Wohl kaum ein zweiter lebender Musiker weiß so fein in den neueren Meisterpartituren Bescheid wre
Richard Strauß. Und sicherlich kein anderer weiß in gleichem Maße zu sagen, worauf es bet der Kunst zu instrumentieren ankommt. Den wertvollsten Bestandteil der Straußschen Neuarbcit bergen aber die dem Urtext an den betreffenden Stellen angeschkossenen Erläuterungen und kritischen Bemerkungen, die sämtlich der praktischen Erfahrung Strauß' als Komponist und als Orchesier- leiter entstammen. Wer könnte wohl ein besserer Lehrmeister sein als derjenige, der durch sein eigenes künstlerisches Schaffen ein- kaum je zu erschöpfendes Lernmaterial aufgchänft hat. Es ist ganz köstlich, diese Straußschen Lehren zu lesen. Strauß schreibt eine überraschend anschauliche Feder. Dabei atmet alles eine wohltuende Reserve und Objektivität üeS Urteils. Das eigene Ich läßt er bescheiden in den Hintergrund treten. Er verschmäht es auch nicht, gelegentlich Beispiele aus seiner eigenen Praxis anzuführen, um zu zeigen, wie man sich in der Wirkung verrechnen und täuschen kann. Prächtige Betrachtungen und Lehren hat Strauß auch in dem glänzend geschriebenen längeren Vorwort niedergelegt.
Folgende goldenen Worte, dem Schlußteile des Vorworts entnommen, mögen diese Zeilen abschlicßen. Da heißt es: „AufS ernstlichste aber ist der Anfänger in der Jnstrumentationstcchnik bei seinen ersten schüchternen Schwimmversnchen in den Wogen des Orchcstermecres davor zu warnen, daß er die gewaltigen Älangphänomene, die das Genie eines Heltor Berlivz und Richard Wagner dem Orchester eritlockte, um unerhört neue und große poetische Gedanken, Empfindungen und Natnrbilöer zu tönendem Leven erstehen zu lassen, einfach zum Gemeingut jedes Stümpers, zum Spielzeug eines Kindes erniedrige. Könnte doch jeder, der sich im Orchestersatze versuchen will, dazu gezwungen werden, seine Laufbahn mit der Komposition einiger Streichquartette zu beginnen. Diese Streichquartette müßte er dann dem Gutachten von zwei Violinisten, einem Bratschisten und einem Cellisten unterbreiten. Wenn diese pier braven Jnstrunrentalisten erklären: ja, das ist gut geschrieben für die Instrumente, „wohlgereimt und singbar", dann möge der Mnsensohn seinen Drang weiterhin für izunüchst am besten kleines) Orchester betätigen. Andernfalls aber lieber „die Karriere wechseln". Wenn dann schließlich der Drang nach großem Orchester nicht mehr zu bändigen, dann vergleiche der gut-
