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1906 .
§tft. 16. Verlags-Fernsprecher Ro. 2958.
IonnersLag, den 11 Januar.
Redaktions-Fernsprecher Nr. 52.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Zscatt. _
Unsere Landwirtschaft.
Dem Beobachter des öffentlichen Lebens kann es nicht utgangen sein, daß der Bund der Landwirte und seine glatter seit einigen Monaten ihreit Kampfeseifer ge- ^?fnbft haben, daß sie weniger Lärm machen, weniger schreien". Freilich wäre es wunderbar und unnatürlich, wenn es sich anders verhielte. Denn die Landwirtschaft M gegenwärtig wesentlich bessere Tage als seit langer oelt, und dies kann auch derjenige in der gegebenen »arm. anerkennen, der dem Bund der Landwirte das 'wecht bestreitet, die Zustände der Vergangenheit grau in °^au zu malen. Die Preise der landwirtschaftlichen Er- obilgnisse sind vor allem infolge der russischen Wirren . !'stiegen. Die Zufuhren aus dem Zarenreiche sind ge- Usger geworden, und die dort fortherrschende Unsicher- läßt einen völligen Wechsel der gegenwärtigen Verrisse in dieser Beziehung kaum erwarten, so daß
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russische Zusammenbruch auch weiterhin preis- . igernd aus die Erzeugnisse der heimischen Landwirt- chaft wirken wird. Indem sodann dio Regierung hart- ackig an ihrer Fleischpolitik sesthält, hat sie der Landwirtschaft Gewinns verschafft, die selbst von den rabiaten Zündlern niit dem bekannten süßsaueren Dank (denn ^^ue böHtge Zufriedenheit wird in jenem Lager niemals geäußert werden) zugegeben worden sind. Neuerdings .macht sich die gebesserte Lage des Grundbesitzes in ,’ nc iii merklichen Anziehen der Pachtpreise wahrnehm- Es will immerhin etwas sagen, wenn sogar die '-Deutsche Tageszeitung" nicht bloß die Tatsache an- Zrennt — dazu gehört ja nicht viel —, sondern aus JH' auch folgert, daß es mit ^>er Landwirtschaft wirklich wwder bergauf gehe. Die »Steigerung der Pachtpreise Staatsdomänen betrug im Jahre .1905 etwa 7 bis / Prozent. Das ist nicht wenig, obwohl die Bündler Jyaupten, es sei wenig; das ist sogar viel. Will man 5.W Zunahme der Pachtpreise zur Grundlage für die , wtragsfähigkeit des Grundbesitzes im allgemeinen stachen, so kommt man jedenfalls zu Ergebnissen,_ die "sofern befriedigen müssen, als sie ein zuverlässiger Gradmesser siir die Besserung der Gesamtlage sind. Wir ‘^ollcvt hier die Frage zunächst beiseite lassen, ob und stw dch Aussicht auf die Wirkung der neuen Agrarzölle . Steigerung der Pachtpreise und demgemäß die Steigerung des gesamten Bodenwertes beeinflußt hat.
wlinehr diese Beeinflussung ist so selbstverständlich, daß st sich um ein „Ob" dabei gar nicht handeln kann, sondern eben nur um ein „Wie". Aber die Tatsache an üch jedenfalls ist jeder Hervorhebung wert, daß die Land- .^tschaft heute ungleich geringere. Gründe zu Klagen als vordem, und daß sich der eingetretenc Wandel 1
sofort fühlbar gemacht hat im Nachlassen der agrarischen Agitation, richtiger gesagt: der systematischen Be- schwerdesührung und Verhetzung.
Darauf wird Wohl kein unbefangener Beobachter rechnen, daß die Bündler demnächst abrüsten werden, aber charakteristisch ist es, daß sie im Augenblick gar nicht recht zu sagen wissen, was eigentlich sie noch von der Gesetzgebung begehren. Wenn das leitende Blatt des Bündlertums „gleiches Gedeihen" mit den anderen Berufsklassen verlangt, wenn es sogar ein „Erstgeburtsrecht" für die Landwirtschaft in Anspruch nimmt, so sind das an und für sich inhaltsleere Redensarten, so lange nicht gesagt wird, was Staat und Gesetzgebung weiter für die Landwirtschaft tun sollen. Die Gelegenheit, dies zu sagen, ist jederzeit gegeben, und wer solche lauten Rufe nach gleichem Gedeihen und Erstgeburtsrecht hört, der erwartet auch, daß im Anschluß daran wenigstens in den Grundzügen ausgeführt wird, was denn nun noch geschehen soll. Aber inan wartet umsonst, und damit ist eigentlich schon gesagt, daß das Bündlertum in Verlegenheit ist, wenn es seinen Wunschzettel präsentieren soll, der die Verwirklichung der Forderung nach einem „Erstgeburtsrecht" zu bringen hätte. Die Landwirtschaft wird unter allen Umständen am besten daran tun, wenn sie sich in unermüdlicher Arbeit der Gewinne wert macht, die ihr eine ungerecht einseitige Zollgesetzgebung zugeschanzt hat. Nur so kann sie die Unbill sühnen, die in der anstößigen Bevorzugung dieses Berufszweiges durch die Gesetzgebung liegt.
GeinejWWliche AussperrunWMik.
Es ist aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen sehr zu bedauern, daß die Kämpfe zwischen Unternehmern und Arbeitern sich immer mehr zu Massenstreiks und Massenaussperrungen gestalten. Es handelt sich bei diesen Kämpfen um eine Entwickelungsphase unseres sozialen Lebens, die eines Tages überwunden sein wird. Aber man muß diese Entwickelung scharf beobachten. Man soll auch bei ihr die Grundsätze der Gerechtigkeit nicht verleugnen und das soziale Empfinden nicht zu töten versuchen. Das war im hohen Maße zu befürchten bei dem den Unternehmerorganisationen für Aussperrungen vorgeschlagenen Abc - S y st e m, nach dem bekanntlich in einem Berufe Arbeiter, deren Namen mit einem bestimmten Buchstaben beginnt, immer wieder ansgesperrt werden sollen, bis den Arbeitern dieses Berufes die Strciklust für iinmer ausgegangen ist. Dieses verwerfliche System, das auch völlig schuldlose Arbeiter für die Dauer ihres Lebens brotlos machen wollte, fand in deutschen Unternehmerkreisen so starken Widerspruch, daß es heute wohl als tot angesehen werden kann.
Aber von derselben Seite, die dem deutschen sozialen Leben das Abc-System auszubürden versuchte, wird jetzt * eifrig für ein anderes System Stimmung gemacht, das
Feuilleton. Ohne Herz.
(Nachdruck verböte».)
Skizze von I. Wcber-Mainka.
5 v Phea Gondler steht vor dem hohen Spiegel ihres und betrachtet ihr Bild aufmerksam mrt ihren klugen, stahlblauen Augen. Die hochrote Seide Kleides fällt in schweren Falten um ihre stattliche Wr ltr rnd paßt gut zu dem glatten, dunkelblonden Haar, sien Flechten ein kostbarer Brillantpfeil zusammenhaü. n„£? a ' man hat recht, sie ist eine der imponierendsten, wallendsten Erscheinungen des Ballsaales: alles stark rFg?bildet, kühii der Schnitt ihres Gesichts, selbst die Eos gewachsenen Zähne größer als bei anderen "'"gen Mädchen.
i, J l1 i> docb schüttelt sie deii Kopf, und ein schatten )cht über ihre Stirn. „Alles so grob, so derb, fast auf- pp^si^ch", murmelt sie, und ein Zug herben Schmerzes ^eht ihre Mundwinkel. Tief seufzend setzt sie sich rn
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Sessel und stiitzt deii Kopf in die Hand.
jr_,Poiii, er kann sie nicht lieben, der seine, schlanke YUr Ellers mit den vornehmen, aristokratpchcn l l S e », und er liebt sie auch nicht, sic weiß cs wie oft K seiii Blick sinnend und bewundernd an ihr hangt.
s Mochte ihren Toiletten gelten, wie sie wohl kaum j, e »weite Dame der Stadt aufzuweisen hatte, oder bM Brillanten — ihrer Person nicht.
fit' 50 ' hätte sie Millys anmutige Gestalt gehabt, dcm o? Gesichtchen dieser kleinen Cousine, das üch stet-> mit Z 8er Glut überzog, wenn der junge Kaufmann das rt an sie richtete!
-Was dachte sie sich nur, die arme Kleine ohne einen wnnig Vermögen?
Glaubte sie wirklich, darauf rechnen zu können, so leicht einen Mann zu bekommen?
Und nun gar Arthur Ellers, dessen Auge, wie Thea oft gesehen, so geflissentlich über das unbedeutende Ding hinwegsah, als beleidige ihn der grobe Stoff, der schlechte Schnitt ihrer Kleider? Sonst war sie aller Liebling, die kleine Achtzehnjährige mit dem warmblütigen Temperament, deren seelische Stimmungen und Regungen noch, wie cs im Lenz des Lebens zu sein pflegt, stürmisch nach- sofortiger äußerer Bestätigung verlangten.
„Ach, Thea, du hast wirklich kein Herz", zwitscherte sie wie ein Vögelchen, wenn die stolze Cousine einen begeisterten Wortschwall, einen in seiner Heftigkeit und Dauer schwer zu motivierenden Tränenergnß, Küsse und Umarmungen so ruhig über sich ergehen ließ, als habe sie ihre Seele zugeschlossen, daß kein Auge, keine täppische Hand ihr nahe komme.
„Kein Herz —?!" flüsterte sie jetzt und legte die weißen Finger an die Schläfen, „woher denn wohl dies Pochen hier und dieser Schnierz in der Brust, wenn ich an ihn denke? — Aber glaubt's nur alle, alle! Es könnte eine Zeit kommen, wo's so am besten ist."
Sie steht auf, geht gesenkten Kopfes am Spiegel vorbei und tritt aus den Korridor hinaus. Mit ihren großen, festen Schritten steigt sic die Treppen hinunter, aber ihre Hand stützt sich fest aufs Geländer, als könne sie nicht sicher genug gehen, und ihr Ohr horcht auf das Stimmengewirr, das von unten herauftönt — horcht auf die eine — eine Stimme — —
Mit verschwenderischer Pracht sind die Gesellschaftsräume des reichen Bankiers Gondler ausgestattet. Von der Decke des Hauptsaales flutet ein Meer von Licht und ergießt sich rn" blendender Helle über jeden neuen Ankömmling.
Als der Lohndiener die Flügeltüren für die Tochter des Hanies öffnet, verstummt das Geplauder einen Augenblick, einige Gruppen lösen sich, und Thea begrüßt
so ungerecht wie jenes ist, aber noch sozialgefährlichcr Wirken würde. Man hat jetzt ein „A l l e r s k l a s s e n- S y st e m" für die Aussperrungen vorgeschlagen. Nach ihm sollen in einem bestimmten Erwerbszweige, in dem ein Streik ausgebrochen ist oder auszubrechen droht, sämtliche Arbeiter eines bestimmten Alters immer wieder ausgesperrt werden. Das System würde wie eine schwarze Liste wirken, aber es würde weit mehr Verbitterung als schwarze Listen erregen, die bekanntlich gesetzlich verboten sind. Und diese Verbitterung würde sich nicht nur gegen Unternehmer und bürgerliche Gesellschaft richten, sondern auch gegen unsere wichtigste staatliche Wohlfahrtseinrichtung, die eine Durchführung dieses Aussperrungssystems erst ermöglicht. Es soll sich nämlich aufbauen auf die Alters- und Jnvaliditätsversiche- rung des Reiches, deren Quittungskarten mit der Angabe des Alters des Inhabers als ebenso bequemes wie zuverlässiges Mittel benutzt werden sollen, um die aus- zuspcrrenden Arbeiter kenntlich zu machen.
Ein besseres Mittel hätte inan nicht finden können, um den deutschen Arbeitern die Wohlsahrtsetnrichtungen zu verekeln. Es muß laut Einspruch gegen den Versuch erhoben werden, gewissermaßen aus der Sozialpolitik des Reiches den Arbeitern für ihren Kamps um eine höhere Lebenshaltung eine Fallgrube zu bauen. Unsere großen staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen sollen in derartige wirtschaftliche Kämpfe nicht hineingezogen werden. Es widerspricht dem sozialen Geist, ans dem sie hervorgingen, sie jetzt in jenen Kämpfen als tödliche Waffe gegen die Arbeiter zu benutzen. Sollte das wirklich in größerem Umfange geschehen, so würde sich die Notwendigkeit ergeben, gesetzlich gegen einen solchen Mißbrauch einzuschreiten. Das sind schlechte Doktoren am sozialen Körper, die von derartigen Mitteln einen Erfolg erwarten. Sie werden den Arbeitern bei allgemeiner Durchführung solcher Maßregeln den letzten Rest von Vertrauen zu den Arbeitgebern, zur bürgerlichen Gesellschaft und zum heutigen Staat rauben, werden sie dem ödesten Radikalismus in die Arme treiben und die Verbitterung unerhört steigern- Selbst der Gleichgültigste muß begreifen, daß man unendlichen sozialen Haß säet, wenn man die staatliche Alters- und Invaliditäts- Versicherung benutzt, um die Arbeiter in ihren Wirtschaft- lichen Bestrebungen niederzuhalten.
Wenn man Schutz gegen Streiks sucht, so soll nian doch die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit dabei nicht geflissentlich verletzen und namentlich die Wohlfahrtseinrichtungen des Reiches unangetastet lassen. Wir haben die Überzeugung, daß die Mehrzahl der deutschen Unternehmer auf dem gleichen Standpunkt steht, wie die Ablehnung des Abc-Systems beweist. Wie dieses, so darf auch ein sich auf die Alters- und Jnvaliditätsver- sicherung stützendes „Altersklassen-System" niemals
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den deutschen wirtschaftlichen Kämpfen Bedcutuirg gewinnen. c
und laßt sich begrüßen —, jeden einzelnen mit dem gl wohnten, unbeweglichen Gesicht, das unliebsame Ar Näherungen so trefflich sernzuhalten versteht. Nur al ein blonder, eleganter Mann mit einer Gestalt vo vollendetem Ebenmaß vor ihr steht und den schön gi forrnten Kops mit bewunderndem Lächeln neigt, ist di Bewegung, mit der sie ihm die Hand reicht, ein wem hastiger und unfreier als sonst. Er bemerkt es woh und das Lächeln verschwindet von seinem Gesicht. Erns fast feierlich reicht er ihr derr Arm und tritt mit ihr zu Polonäse an.
„Sahen Sie Milly schon, Herr EllerS?"
„Gewiß, gnädiges Fräulein. Ihr Fräulein Cousin scheint Ihren Eintritt nicht bemerkt zu haben?"
„O, bitte, — so war es nicht gemeint. Wie hätt rch ein Recht zu verlangen, daß sie mich aussucht? Um gekehrt! Denn sie ist Gast in unserem Hause"
Im gleichen Augenblick schlingen sich zwei weich Arme um Theas breite Schultern.
„Da bist du ja, Milly; eben sprachen wir von dir."
„Von mir? mache sie mit reizender Verlegenheit wic^in Purpur getaucht,. „nicht möglich!"
^(ica lacht, sieht, wie ihr Tanzherr anaeleacntliö nach der anderen Seite des Saales schaut, als fessele dor etwas besonderes seine Aufmerksamkeit, und streicht dam im. der Hand über die lieblich gerundeten Wangen.
„Wen hast du zur Polonäse, Milly?"
„Den langen Wiedemann", kichert die Kleine; „zun ^aizer auch. Morgen hat er sich das Rückgrat an mii verbogen und Sonntag stehen wir in den fliegender Blmtern!
, Damit eilte sie hinweg, graziös mit der kleinen Hand winkend und immertort lachend.
„Ein drolliges Ding", macht Thea und sicht aufmerksam in Arthur Ellers Gesicht, der mit kcineni Blick der Enteilenden folgt. Aber er scheint in tiefen Gedanken gewesen zu sein.
