S 4 . Jahrgang.
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No. 11.
Berlags-Fernsprechex No. 2353.
Montag, den 8. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1906.
Kbend -Ausgabe.
^ _ 1. MLcrtt. __
Neichslag und Landtag.
Berlin, 7. Januar.
Nach der politischen Ruhe- und Erholungspause, die , die Weihnachts- und Neujahrsferien gebracht haben, am Dienstag wieder die politische Saison und K 1>ion. An diesem Tage nininit sowohl der deutsche .ssklchstag wie der preußische Landtag die durch den werhaachtlichen Waffenstillstand unterbrochene Verhand- ^ngen wieder auf: der Ausdruck „Waffenstillstand" ist ller wohl berechtigt, denn sowohl im deutschen wie im t^^ußischen Parlament steht uns manche heiße Schlacht > ^or, die dort in erster Reihe um die Steuervorlagen, um den Volksschnlgesetzentwurf geschlagen werden
wird.
. Das Steuerbukett, und nicht die Flottenforderungen, Udet, wenn diese auch mit jenem eng zusammenhängen, . bn Kern- und Angelpunkt der R e i ch s t a g s s e s s i o n, enn es fanrt nicht als zweifelhaft gelten, daß den ff i o t t e n f o r d e rn n g e n der Regierung eine Mehr- im Reichstage sicher ist. So weit es sich darum sandelt, die Erfahrungen und Fortschritte der Schisfs- autechnik unserer Flotte zuglite kommen zu lassen, ist Flottenvorlage der Regierung höchstens bei der Sozialdemokratie auf Widerstand gestoßen.
. Was aber die geforderte Vermehrung der Auslands- ^uzex betrifft, so ist hiergegen von keiner bürgerlichen >artei grundsätzlicher Widerspruch erhoben worden, denn .^ Proteste aus den Kreisen der Freisinnigen heraus be- °^hen sich nur auf die etatsrechtliche Frage. Somit ist Flottenforderungen eine starke Mehrheit sicher, und o der Wille ist, da wird sich auch der Weg dazu, das die Einigung über die finanzielleGrundlage, finden. Freilich wird der Reichschatzsekretär Freiherr von Grengel die Mühe, die er sich mit dem Aufbau seines Fchstems einer Reichsfinanzreform gemacht hat, SUm nichj. geringen Teil als „verlor'ne Liebesmüh" &e» Fechten müssen, denn der Reichstag wird aus dem °ünten Steuerbukett der Regierung einige Blumen er- ^rmungslos ausrupfen. Es ist wohl außer Zweifel,
. sich für den Fahrkarten-, Quittungs-, Paket- oressen- und Frachtbriefstempel eine Mehrheit im .serchstage nicht finden wird, und es ist sehr wahrschein- daß die Pläne einer Erhöhung der Tabak- und ^wisteuer mancherlei Änderungen erfahren werden. Da k~ ei i der Reichstag gleichzeitig über das Einnahme-Be- -mfnis des Reiches wesentlich anderer Meinung sein .w^ste als die Regierung, so wird sich eine Einigung ?er die Reform der Reichsfinanzen zum Schluß doch ersten lassen, wenn di^ Regierung ihre Wünsche und Forderungen ganz erheblich einschränkt. Es spricht manches dafiir, daß eine solche Resignation aus den Bc- inngen entsprossen ist, die in den letzten Tagen im F^chsschatzamt über das Matz der Zugeständnisse statt-
FeniUeton.
^chauspielL in der Mrche.
Ai, Für den Menschen des Mittelalters war eine ^teraufführung in der Kirche nichts Ungewohntes, k: e Passionsspiele sind ja aus den Dialogen der gottes- s^Oüstlichen Liturgie entstanden, und bald galt es als '°'nmer Brauch, daß am Osterfeste das Grab des Herrn Altäre gezeichnet war, ein junger Diakon mit den ^rabe kommenden Frauen die biblischen Worte wselte un£> rüstige Novizen den Wettlauf der Apostel k ^ ^rahg wagten. Aber dem naiven, religiösen Gefühl kJ, Gläubigen kam gar nicht der Gedanke, daß mrt eJi e ^ aus der liturgischen Osterfeier erwachsenen
eine theatralische Schaustellung beabsichtigt sei; n^^ehr taten sie ein Gott wohlgefälliges und verdrenst- ani? ® er ^, wenn sie zu des Herrn Ehre sich in der Kirche bpi. . T e . r dramatischen Darstellung der heiligen Geschichte s.^Pstgten. Aus solch demütig einfältiger Fromnng- s lst auch jene altfranzösische Legende von dem Gauk- /^lliachsen, der im Kloster der lieben Jungfrau Maria R seine beste Gabe darbieten wollte und daher vor ft.-:?** Bilde zu ihrer Erheiterung seine Tänze und Kunst- aufführte. Heute erscheint es uns freilich als be- mistich, wenn wir davon hören, daß die Kirche zur bon Theateraufführungen gemacht werde, ^edoch "us England und Amerika verschiedene solche berichtet, und es scheint auch hier häufig frommer gn^ube zu sein, der auf solche Weise die Herzen der erschüttern und zum wahren Glauben bekehren I ü 7i- So hat der Rederenü A. F. Sterger in der deuffch- ^^schen Trinitaskirche zu Baltimore an einem
gefunden haben, die dem Reichstage bei den Steuer-Vorlagen gemacht werden sollen.
Ebenso wie die Flottenvorlage stehen auch die beiden Militär pensions - Gesetzentwürfe, denen eine Mehrheit int Reichstage ebenfalls sicher ist, im Zusammenhang mit der Reichsfinanzreform. Heftige Kämpfe dürften sich noch an die angekündigte Vorlage, betreffend die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine, knüpfen, während es sehr unwahrscheinlich geworden ist, daß die Börsenreform den Reichstag noch in dieser Session beschäftigen wird. Die Thronrede zur Eröffnung des Reichstages hatte bekanntlich angekündigt, es werde „erwogen", daß diese Vorlagen in der Gestalt, die sie im Reichstage erhalten haben, diesem aufs neue zugehen sollen.
Was den preußischen Laildtag betrifft, so wird dieser zunächst alle Hände voll zu tun haben, um den Staatshaushaltsetat rechtzeitig, das heißt vor dem 1. April, fertigzustellen. Wenn dies gelingen soll, so muß die Etatsberatung im Abgeordnetenhause so gefördert werden, daß der Etatsentwurf wenn möglich schon Mitte März an das Herrenhaus gelangen kann. Neben der Etatsberatung wird sich die Hauptarbeit des Abgeordnetenhauses zunächst in den Kommissionen abspielen, vor allem in denen, die mit der Vorberatung des Schulttnterhaltnngsgesetzes, mit der Abänderung des Einkommensteuergesetzes und mit dem Entwurf eines Kreis- und Provinzialabgabengesetzes betraut ^worden sind. Insbesondere zu der Kommission für das Schul- unterHaltungsgesetz stehen so langwierige Debatten und Kämpfe bevor und sind so viel Abänderungsanträge, die hoffentlich inanche der Verschlimmbesserungen des Gesetzentwurfes beseitigen werden, zu erwarten, daß es noch gar nicht abzuiehen ist, wann die Vorlage wieder an das Plenum zurückgelangen wird. Keinesfalls wird dies vor Ostern der Fall sein.
Im Plenum wird dagegen zunächst der Gesetzentwurf, betreffend die Reforin des Knappschaftsgesetzes, zur Beratung gelangen und die Vorlage, betreffend die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und gering besoldeten Beamten, die alsbald dem Abgeordnctenhause zugehen wird. Dazu kommen dann noch der ebenfalls in Bälde zu erwartende Gesetzentwurf, der den Eigentümern land- und forstwirtschaftlich genützter Grundstücke die Befugnis zur Festsetzung einer V e r s ch u l d u n g s g r e n z e gewähren soll, der schon in der vorigen Session beratene Entwurf, betreffend die Vorbereitung zum höheren Verwaltungsdienst und die erst später zu erwartende Sekundärbahn Vorlage. Wann die beiden Vorlagen, welche die schlimmsten Auswüchse der Dreiklasseneinteilung beim Landtagswahlsystem beseitigen und eine Teilung der am unförmlichsten angeschwollenen Wahlkreise herbeiführen sollen, dem Landtage zugehen werden, darüber ist bedauerlicherweise noch immer nichts bekannt. In der Thronrede zur Landtagseröffnung hieß cs hierüber, daß „die Vorarbeiten zu den Vorlagen ihrem Abschluß nahe geführt" sind.
Sonntags ein von ihm verfaßtes Stück „Die Waise" aufgeführt und eine tiefgehende Wirkung damit erzielt. Sterger leitete selbst die Proben, während die Schauspieler aus Mitgliedern seiner Gemeinde bestanden. Als ihn einige orthodoxe Zeitungen deswegen hart an- griffen, verteidigte er sich mit der Begründung, daß „Die Waise" ein Bild aus dem wirklichen Leben sei und die Gemüter mehr in ihrem Innersten aufwühlen müsse als tausend Predigten. Der Reverend ist durchaus der Ansicht. daß die Kirche die herzbezwingcnde Macht über die Seelen, die die Bühne ungemrtzt lasse oder zu schlechten Verführungen mißbrauche, für ihre heiligen Zwecke verwenden müsse, und daß der wahre Prediger nicht Traktate schreiben und Predigten halten, sondern, wenn er denBeruf in sich fühle, durchDramen aus seine Gemeinde wirken solle. Sterger, der ein Deutscher ist, hat schon viele Stücke religiösen Inhalts verfaßt, deren Titel wie „Der Geizhals", „Der blinde Musikant und sein Kind", ^Weihnachtsabend fern von der Heimat", „Die Waschfrau" den Inhalt der Merkchen bereits ahnen lassen. Die Idee zu seinen rührenden und erhebenden Stücken erwächst ihm aus seiner Tätigkeit. So stand er an einem trüben Tage vor dem kleinen Grabe eines Kindes, um das außer ihm nur noch der Totengräber und der Leichenträger standen: da stieg ihm die Idee zu seinem Drama „Die Waise" aus, und noch erschüttert von dem traurigen Erlebnis, schrieb er den ersten Entwurf hin. Am folgenden Tag führte er die einzelnen Szenen aus, verteilte die Rollen an geeignete Gemeindemitglieder, und schon nach vierzehn Tagen fand die Aufführung in seiner eignen Kirche statt, die einen so tiefgehenden Eindruck hinterließ, daß man sich auch an andern Orten entschloß, das Stück aufzuführen. Nicht so aus einer Weltanschauung und einer bewußten Absicht entsprossen war die Vorführung, die der Geistliche der Methodisten-Kirche von
f nuiäreidj im Jahre 1905 und zu Beginn van 1906.
s. Paris, 3. Januar.
Nach der deutsch-französischen Vereinbarung bezüglich der Konferenz zur Regelung der marokkanischen Angelegenheiten widmete man sich in Frankreich zunächst mit großem Eifer wieder den inneren Fragen, die während der diplomatischen Verhandlungen stark in den Hintergrund gedrängt worden waren. Die Trennungs- Vorlage wurde nach heftigen Kämpfen mit den bei jedem einzelnen Kapitel protestierenden und aufhebcnde oder einschränkenoe Zusatzanträge einbringenden Konservativen lind Gemäßigten in der Kammer durchgebracht, und zwar ohne jede Äiiderung an der vom Abg. Briand mit den Reaierungsvertretern vereinbarten Fassung. Im Senate vollends ging das Gesetz sehr rasch und glatt durch, so daß seine Veröffentlichung trotz allen entgegengesetzten Besorgnissen der Radikalen und Sozialisten noch vor dem Jahresschluß erfolgen konnte.
Inzwischen verschärfte sich die Spaltung zwischen den revolutionären Sozialisten und den anderen Republikanern immer mehr, ohne daß die Regierung etwas hierfür zu tun brauchte. Auf dem Kongresse der „unifizierten Sozialisten" in Chalon-sur-Saüne wurde der Pakt mit den „Bourgeois"-Fraktionen des „Bloc" gekündigt und für die Wahlen die Losung des Klassenkauipses aus- gegeben. Dadurch wurde auch ein Keil zwischen die Sozialisten selbst getrieben und ein bedeutender Teil der parlamentarischen Führer, die bis dahin sich als Sozialisten bezeichnet hatten, sagte sich offen von der Partei los, so der Leiter der „Petrte R6publique", Abg. Gärault-Richard, der bisherige Vertreter von Lyon, Angagneur, der sich, um den Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, an Stelle des zurücktretenden Generals Galliern zum Generalgouverneur von Madagaskar ernennen ließ, und andere hervorragende Debatter, so daß den „Unifizierten" in der Kammer als Redner und Kämpen eigentlich nur Jauräs, Rouanet und Sembat verblieben sind, während bis zu dieser Spaltung die Sozialisten im Palais Bourbon gerade durch die Fülle guter Redner und gewandter parlamentarischer Strate- gikcr eine Macht und somit eine Gefahr gebildet hatten. Zwar wurden einige schüchterne Versuche mrternomnien, die Einheit des „Bloc" wiederherzustellen, sie erwiesen sich aber sämtlich als vergeblich und wurden dann ganz aufgegeben, als die revolutionären Sozialisten sich der antimilitaristischen Propaganda ziemlich offen anschlossen.
Denn infolge der Verwicklungen mit Deutschland, von denen es sich nach einer kurzen Pause unmittelbar nach der getroffenen Vereinbarung über die Konferenz deutlich zeigte, daß sie noch keineswegs gelöst sind, hat sich hier allgemein die Überzeugung gekrästigt, daß die Abrüstungs- und Weltschiedsgerichts-Kampaguen vorläufig keine Aussicht auf Erfolg haben und daß die einzelnen Nationen, wenn sie nicht die Opfer unerfüllbarer Wahnvorstellungen werden wollen, die größte Sorgfalt auf ihre Wehrkraft verwenden müssen. Es hat sich da-
Lavahette, Rev. Joseph Redheffer, vor seiner erstaunten Gemeinde veranstaltete. Der gute alte Reverend wollte seinen lieben Pfarrkindern ein Vergnügen machen und engagierte daher eine herumziehende Truppe, deren Direktorin eine gewisse Miß Vallah war. Sie sagte dem Pfarrer, er brauche sich um die „Show" gar nicht weiter zu bekümmern, sie würde schon überraschend schön und würdig verlaufen. Der ahnungslose Geistliche gab zu allem seine Zustimmung und wandte all seine Kraft an eine Schlußvredigt, in der er den freundlichen Helfern seinen Dank aussprechen wollte. Der ereignisreiche Abend kam. Aus den Ehrenstühlen, die schön geschmückt waren, saßen die Würdigsten der Gemeinde und mitten unter ihnen der Pfarrer. Zunächst kam eine junge Dame auf eine schnell improvisierte Bühne und sang zu aller Entzücken ein sentimentales Liedchen. Aber bald ging sie zu einem nicht gerade sehr würdigen Gassenhauer über, und der Kirchenchor ließ sich verleiten, mit aller Macht in die wohlbekannten Töne einzufallen Rev. Redheffer, der zuerst sehr laut geklaffcht hatte hielt seine Hände still und wurde etwas unruhig. Darauf senkt sich der Vorhang, und als er wieder ausgrng, führten einige exotisch gekleidete junge Damen einen Serpentintanz auf. Als sie geendet, verbeugten sie sich und warfen dem Pastor verführerische Kußhände zu. Das war zuviel. Der alte Herr erhob sich, und mit einer Stimme, die er sonst nur bei den stärksten Stellen seiner Bußtagspredigten anzuwenden pflegte, erklärte er die Vorstellung für beendet. In Philadelphia überraschte der Reverend Clarence Woolaston seine Sonntagsschüler, wie sie sich in der Kirche von einem Menageriebesitzer einen kleinen Löwen und ein Tigerbaby vorführen ließen. Zuerst war er entrüstet, aber dann verfolgte er selbst mit Vergnügen die drolligen Bewegungen, mit denen die kleinen Raubtiere sich produzierten, C. K,
