Wiesbadener Tagblatt.
54. Jahrgang.
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Uv. 10. Verlags-Fernsprecher No. 2883. dkN
Morgen - Ausgabe.
__ 1. HUatt. _
Nujsisches..AttjuruSsilches".
g. Petersburg, 2. Januar.
Die russische Revolution wird mit jedem Tage rätselvoller. Vergebens wird man versuchen, einen vernünf- ^üon Zusammenhang zwischen den sich überstürzenden Vorgängen und Ereignissen herzustellen. Es sind ebeir Uscht mehr intellektuelle Kräfte, von denen die Verhält- in Rußland bestimmt werden, sondern chaotische Griebe, denen einstweilen nur der Drang nach Zer- llorung gemeinsani ist. Wer hätte noch vor einigen Wochen gedacht, daß die Regierung mit solcher robusten ^olvalt plötzlich gegen die Revolutionäre einschreiten ll>ürde, als teilweise dieselben Regimenter, die in Moskau fanatischem Gehorsam den bewaffneten Aufstand -niederkämpften, meuterten? Wenn noch so viele zuver- ^assige Truppen zur Verfügung standen, wozu dann die woche^lange vollkommene Gleichgültigkeit der Bureau- ratie gegenüber dem zerstörenden Wirken der aufrühre- sichen Elemente? Man kommt aus den Widersprüchen .ucht heraus. Man spricht von dem Zarenregiment pinnet nur als von dem der Knute, aber würde in Eilend einem zivilisierten Lande eine solche Reihe be- ^ofsneter Aufstände, wie sie nacheinander in Kiew, Sewastopol, Kronstadt usw. vor sich gingen, so rasche 'nd sa weitgehende Nachgiebigkeit auf seiten der Regie- U"g gefunden haben wie rn Rußland? Gewiß, Zu- 6oständnisse und entsprechende Maßnahmen sind zwei ^vschiedentz. Dinge, aber insoweit die bisher gegebenen ^orsprechungen der Regierung nicht gehalten worden inch ober gehalten werden sollen, ist dies nicht daraus aUrückzuführen, daß sie nur zu heuchlerischem Scheine ll?geben wären, sondern darauf, daß man auch in Re- gierungskreisen sich mangels einer klaren Einsicht in das notwendige von unbestimmten, wechselnden Gefühls- Zungen leiten läßt. Tie russische Nation weiß noch 'ucht, was sie will: sie ist wie im Taumel einem Irrlicht Uochgagangen und sieht sich jetzt in einem Sumpfe. Fast nutet einem aber die ganze Revolution an, als ob ein inunchhausen sich am eigenen Zopfe aus dem Morast an vaz üf er eine§ geordneten Staatswesens herausziehen wollte. Möglich, daß dem plötzlichen Eingreifen des iten Militarismus die Bedeutung innewohnt, daß da- wt die Würfel zugunsten eines wiederhergestellten auto- wtischeo Regiestungssystems, das ja immerhin einen weiteren Spielraum für die individuelle Freiheit ge-
NcLakiionL-Fernsprcchcr Nr 82.
1906 .
Feuilleton.
5M§ meiner Mappe.
ü r das „Wiesbadener Tagblatt".)
Bon Walther Schulte vom Brühl.
Oll.
Girrbilvimg.
- Den Radschah hatte er einen Thronräuber genannt, os Volk hatte er aufgewiegelt. Aber der Aufruhr war hedergeschlagen worden und der kühne Fanatiker befand N in der Gewalt des Fürsten. Nun sollte er ferne strafe erleiden. ...
, Äuf der Plattform vor seinem glänzenden Palast u . ^ er grausame Gewaltherrscher unter einein gold- s^otzenden Purpurbaldachin, zurückgelehnt in seinen ^stenbeinthron. Den sonnüberstrahltchp Platz vor der »"rg umschloß eine dreifache Mauek*' weißgekleideter "rreger mit gelben Turbanen. Die Lanzen hielten sic 0'^ sich aufgestellt. Eine bunte, tausend-köpfige Menge 77~ viele waren auf die Bäume geklettert drängte sich fiter den Kriegern. . ,
v. In der Mitte des Kreises hielt der Riesenelefant vor s^'fi Klotz, auf dem er des Gefangenen Kopf zertreten Er wiegte den gewaltigen Leib, pendelte mit dem ' u, 11el hin und her, wie vor Ungeduld. ,
-L , "nd nun schleppten sechs Wächter den iii klirrende " gefesselten Hochverräter berbei, vor den Thron des Ott \ en ’ l§ine Weile weideten sich die Blicke des Radschah s.»,fier Ohnmacht des überwundenen Feindes, dann tt. ifite er ihn mit herbem Wort: „Verräter du! ^.oren IN behaupten, du seiest ein Heiliger, seiest ein n^llattma, der geheimsten Kräfte mächtig. Ha, so schaue w? Sieh den Kreis, gebildet aus den Marmor»
Km meines Palastes und aus den Lanzen meiner Mer. Schon wartet dein das Tier, das dein Hirn d„i'vfiltzen soll unter seinem Fuß. Aber so zeige doch fie Kpäfte, die bisher versagten vor meiner Macht.
währleisten könnte, gefallen sind, was aufs neue zu einer abenteuerlichen Expansionspolitik führeii müßte. Grundsätzlich wäre damit die Revolution gescheitert, denn sie könnte nur durch eine Umgestaltung des russischen Staatswesens dauernd Erfolg haben. Es muß sich jetzt entscheiden, ob der Russe überhaupt ein geeignetes Material für ein höheres Staatsideal wie das zaristische vorstellt. Dazu müßte sich aus dem Chaos der Revo- luttoii ein bestimmtes, kunstgerecht gefügtes Programm kristallisieren, aber sie war bisher völlig unfruchtbar. Kennzeichnend für den Mangel an positiven Gesichtspunkten im Russeiitum ist z. B. die Stellung der einzelnen Parteien und Gruppen deni Grasen Witte gegenüber. Die Revolutionäre, einschließlich der konstitutionellen Demokraten, sagen: Graf Witte ist ein Bureau- krat; nichts gutes kann von ihm kommen, deshalb weg mit ihm und seiner Regierung! Die mittleren, gemäßigten Parteigruppen erklären, Witte habe sich seiner Ausgabe nicht gewachsen gezeigt; seit der Veröffentlichung des.Manifestes habe er kein einziges Gesetz erlassen mit Ausnahme desjenigen, welches die Presse betrifft, das sich aber als verfehlt erwies. Die Reaktionäre schließlich halten ihn für einen von den Juden gedungenen Verräter, der einer Republik zustrebe. Dabei herrscht ein unbeschreiblicher Meinungswirrwarr im Tagesgespräch vor. Wenn man an hundert Russen eine bestimmte politische Frage richtet, so bekommt man hundert verschiedene Antworten zu hören. So sagt der eine von der Regierung, sie sei zu schwach, und das komme allein daher, weil sie sich gleich im Anfang zu schwach zeigte und die Meuterer von Kronstadt nicht hängen ließ. Ein zweiter meint, die Regierung sei von Anfang an zu reaktionär gewesen und habe das Vertrauen des Volkes verloren, indem sie den Kriegszustand in Polen herstcllte. Ein dritter wieder ist der Ansicht, von einer so revolutionären Regierung wie der gegenwärtigen könne nichts gutes erwartet wexden. Dann hört man sonst sehr vernünftige Menschen allen Ernstes behaupten, in Rußland brauche man überhaupt keine Regierung, ein Gtaatsrat, der einmal im Jahre zusammentrete, genüge. Hier wird nach einem Diktator gerufen, der gleich zehntausend „Intellektuelle" einsperren soll, dort verlangt einer, Witte niüsse gehängt werden, eher könne es nicht besser werden, und während der eine von einer Entthronung des Zaren alles Heil für Rußland erwartet, erhofft es der andere von einer Verlegung des Regierungssitzes nach Moskau. So lange diese Gedankenverwirrung an- dauert, kann man dem Russen wirklich mit Nietzsches Worten znrufen: „Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken möchte ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist. Bist du ein solcher, der einem Joche entrinnen durfte?"
Gemeine Intrigen gegen Pius X.
Der römische Korrespondent des „Berl. Tagebl? schreibt seinem Blatte:
. . . „Der päpstliche Hof, seit lange ein Stelldichein der allerschlimmsten und dabei geistreichsten Zungen. . . „Erwägt man, welch grotze Zahl von enttäuschten Stcllen- jägern, von hoffnungsvollen Feinden und Konkurrenten der Begünstigten, von Zeitvertreiberir sittenloser Prälaten beisammen war, so kann es nicht ausfallen, wenn Roin für das wilde Pasquill eine wahre Heimat wurde. Allmählich sagte man jedem das Schlimmste nach, und gerade die strengste Tugend weckte die Bosheit am sichersten."
Diese Worte Burkhardts kennzeichnen die vatikauische Welt, nicht etwa nur tu den Zeiten der leidenschaftlichen Renaissance — nein, bis in unsere Tage hinein. Hatte unter dem „Diktator" Leo XIII., diesem eisernen Mann der Kirche, das Pasquill geschwiegen, so lebt cs heute unter dem guten, schwachen Pius mit doppeltem Ingrimm auf- ja die Art und Weise, die geifernde Gehässigkeit, mit der man gerade in italienischen Priesterkreisen den sittenstrengen und kindlich frommen Papst anfällt, erinnert auffallend an die Hetze gegen den gleichgesinnten Holländer auf Petri Stuhl, Hadrian VI. Papst Pius X. will Reformen, er will, daß der in Überfluß und Ignoranz verkommene römische Prälatenstand zuni wahren Christentum, zur Enthaltsamkeit, Einfachheit, Sittenreinheit zu- rückkehre; und die Kardinale und Monsignori mit den reichen Pfründen, die mit cynischem Lächeln ans den Glaubenseifer der Peters-Pfennige spendenden fremden Katholiken herabschanen, sehen sich in ihrer lukullischen Existenz bedroht und rebellieren. Sie rebellieren aber nicht offen, das wäre nicht römisch, und schließlich könnte doch der derbe Landpfarrer ans Venctien einmal seine Faust auf das Gewürm hcrniedersansen lassen. Sie rächen sich also nach guter Väter Weise, und da Pasquino pensioniert ist, greifen sie zu Pamphleten.
Eine ganze Hochflut von solchen Machwerken ergießt sich seit einiger Zeit über das schwarze Rom: das neueste Elaborat, das, dem Vernehmen nach, in Jesuitenkreiser: entstanden und von gewissen Kardinalen inspiriert ist, übertrifft a^r alle anderen an Perfidie. Als vatikanisches „SchwarzbrG" und zum Zeichen der Trauer ist es schwarz gebunden, und der Deckel trügt — als bittere Ironie — die Embleme der „Sede Vacante" (das heißt der Vakanz des Heiligen Stuhles), was natürlich bedeuten soll, daß zurzeit überhaupt kein Papst auf dem Stuhle Petri sitze! In der Form eines Hirtenbriefes an die italienischen Bischöfe werden nun unter eifrigem Zitieren von Bibel, Kirchenvätern usw. all die Sünden Pius X. aufgezählt, zunächst natürlich — als captatio benevolentiae! •— die angeblichen Übergriffe gegen den niederen Klerus: viele Geistliche sähen sich dadurch in die Zwangslage versetzt,
Vermagst du diesem Kreise, in dem du stehst, zu entrinnen, nun so entrinn ihm!"
Er gab den Wärtern einen Wink und die Ketten des Gefangenen fielen. _
„Du stehst frei. .. So durchbrich doch den Kreis, elender Prahler!" höhnte der Radschah aufs neue.
Der Gefangene streckte seinen hageren Leib. Seine dunklen Augen starrten in die Menge. Und langsani, die Hände gegen die Zuschauer erhebend, schritt er an der lebenden Mauer der Krieger vorbei, leise Sprüche vor sich hinmurmelnd und mit seinen Blicken gleichsam die Blicke der Tausende aufsaugend, die auf ihn gerichtet waren.
„Seht, seht. Die Sonne prallt schräge hernieder, aber er wirft keinen Schatten. Er ist doch ein Mabattma!" tönte eine Stimme aus der Menge.
Dann versank alles wieder in lautloses, staunendes Schweigen.
Nun trat der Gefangene vor den Elefanten, der sich unablässig weiter wiegte. Ein Blick des seltsamen Mannes und der Mahaut glitt von seinem 'Litze ans dem Elefantenschädel zur Erde nieder, verneigte sich mit gekreuzten Armen vor dem andern, der ihm die buntgestreifte Schärpe von den Hüften löste und sie durch die Finger gleiten ließ.
„Tu hast gesprochen, Radschah!" rief der Gefangene und "schleuderte ein Ende des Shawls in die Luft. Und siehe, die Schärpe verlängerte sich und wuchs und wuchs ins unermeßliche, und dann stand ein Regenbogen in sieben leuchtenden Farben dort und spannte sich von dem Ricbtplatz bis zu den fernen Schneebergen. Nun stieß der Riesenelesant einen durchdringenden Trompetenton aus ' umschlang den Gefangenen mit seinem Rüssel und hob "ihn auf seinen Hals. Und alsbald betrat das mächtige Tier den Regenbogen und stieg an dem breiten, leuchtenden Farbenband empor, höher und höher. Und wandelte sich nach und nach in eine weiße Wolke. Und aus der Wolke erscholl eine Stimme hernieder: Die Götter er- halten euch eure Einbildung, ihr Narren!
Im selben Augenblick war es, als ob alle Zuschauer ans einem Traum erwachten. - Der Radschah sprang auf
und schrie wild: „Wo ist der Verräter? Wer ließ ihn entweichen?"
Doch der Gefangene blieb verschwunden, und am Richtblock wiegte sich der Riesenelesant, den Mahaut mit der bunten Schärpe auf seinem Kopf, wieder hin und her und Pendelte mit seinem Rüssel.
6III.
Das Unglück.
„Wie doch das Unglück den Charakter verdirbt", sagte der Gerichtsrat am Biertisch zum Bankier. „Hatte La heute eine Verhandlung zu leiten, die mich ordentlich mitnahm. Anonyme Schmähbriefe schlimmster Art. Und wer war's? Keine andere als Else Lankert, die Jüngste von Kommerzienrat Lankert, der sich vor fünf Jahren wegen finanziellen Ruins erschoß. Ich verkehrte damals in dem Hause. Und die Else schien mir immer ein so herz- frisches, lustiges, wenn auch etwas oberflächliches'Ding. Sie verkehrten ja auch in dem Hanse, kannten sie auch. Jetzt ernährt sie sich mühsam mit Sprachunterricht und Klavierstundeti. Ist ganz verbittert, voll Neid, Haß und Niedertracht. — Na. und ehe es zu dieser Strafsache kam — wir mußten sie zu sechs Wochen verdonnern, so sehr es mir gegen die Haare ging — war schon ein langes Sündenregister da: Beleidigungen, ja, Tätlichkeiten, Bctrugsversuche und allerlei andere Bagatellen fürs Schöffengericht. — Es kann einem ans Herz greifen wenn man sieht, wie der Mensch durch Unglück herunterkommt."
„Hm", brummt der Bankier. „Sie entsinnen sich wohl auch noch der älteren Schwester. Sie war mit einem Leutnant verlobt; aber die Sache ging natürlich zurück, alc- der Rinn da war Das Mädel war weniger schön als Else und galt für kalt und hochfahrend."
„Ja, die Lilli", sagte der Amtsrichter. „Herb, aber, so glaub' ich, ein Charakter. Sie soll sich mit Handarbeiten durchbringen."
»Ja, elend genug. — Sie wissen, in meinem Kontor ist eine Sammelstelle für die Abgebrannten in Helbach. Denken Sie, und da kommt nun heute Kommerzienrats Lilli und bringt einen Taler für den guten Zweck. Ich
