N-. Ä.
Morgen Ausgabe.
A. Klatt.
Witsbaökner Tsgblstl
Mittwoch,
3. Januar 1906.
34. Jahrgang.
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Ich liebe mir den heitern Mann Am meisten unter meinen Gästen:
Wer sich nicht selbst zum Besten haben kann.
Der ist gewiß nicht von den Besten.
Goethe.
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(4. Fortsetzung.)
En öer Morösee.
Roman von Dietrich The>e«.
Zum ersten Male kam ihm der Einfall, doch einmal den jungen Tofohr über die nähere Geschichte des Stür- hofes und seiner Bewohner zu befragen, und mit dem Gedanken reiste auch alsbald der Vorsatz.
Er nahm an, daß Jürs Tofohr sich selbst von der Wahlhandlung im Jebsenschen Kruge fernhalten und demnach zu Hause sein würde. Zugleich bot wohl auch der Wahltag die beste Gelegenheit, die gewünschte Auskunft inöglichst unauffällig zu erbitten.
So schulterte er denn ain Vormittag seine Sprungstange, um den Weg nach dem Tosohrschen Hofe in gerader Richtung über die Äcker zu nehmen, da er, wenn er dem Fahrwege hätte folgen wollen, einen beträchtlichen Umweg hätte machen und erst das Jebsenschen Wirtshaus passieren und nachher dorthin hätte zurückkehren müssen.
Kam er an einen der Gräben, die meist mtt etrtcrrt einfachen Anlaufe nicht zu nehmen waren, so setzte er d:e mit einer Stumpfkrücke versehene Stange, die ein Einbohren und Festsitzen unmöglich machte, auf den Grund und schwang sich bequem hinüber. Des gleichen Hülfs- mittels zur Abkürzung der Wege bedienten sich übrigens wlle Einheinrischen vom Pastor bis zuin geringsten Arbeiter; es war typisch für die Gegend.
Jürs Tofohr, ein schlichter, ernster Mann am Ausgange der Zwanziger, empfing den Hoyerhofer mit ungesuchter Freundlichkeit und stand ihm bereitwillig Rede.
„Sind Sie noch im Zweifel zwischen Stür und Meiner Wenigkeit?" fragte er lächelnd.
„Das werden Sie kaum annehmen", entgegnete Bebrend. „Aber daß Ihr — und ja auch mein — Gegner heute ein etwas erhöhtes Interesse für mich hat, rst wohl nicht unverzeihlich. Und allzu neugierig bin ich nicht einmal. Nur das möchte ich erfahren: was hat es mit der Herkunft Stürs auf sich — liegt darin — oder worin sonst — der Grund seiner Abneigung gegen uns?"
Tofohr ging eine Weile auf und ab und sann. Dann erklärte er mit einem Anfluge von Humor:
„Na, als erblich belastet kann er wohl nicht gelten, wenigstens nicht nach der Seite seiner Dänenfreundschaft bin. Mein Vater hat manchmal mit mir darüber gesprochen, und von den: also weiß ich, daß früher gerade auf dem Stürhofe die Freude an der Dänenhcrrschaft nie recht groß gewesen ist. Einmal soll wohl einer der Stür- bauern als erste Frau eine Jütländerin . heimgeführt haben; aber die zweite Frau hat auch er sich aus dem eigenen Stanune geholt, wie es dann nach ihm alle gehalten haben. Ich glaube, die meisten haben sich zu ihrer Zeit mehr um ihren Boden als um die Politik bekümmert; aber als das aufhörte, da war es gerade Sven Erdzard Stür, der Großvater, der sich nicht etwa zu den Dänen, sondern zu den Deutschgesinnten neigte, und — wäs noch merkwürdiger — nach ihm sein Sohn Sven Ocko. der Vater des jetzigen Bauern ,der sich sogar offen an der achtundvierziaer Erhebung gegen die Dänen- herrfchaft beteiligte und bei Bau ziemlich schwer verwundet wurde. Sven Ocko hat dann während der dänischen Gewaltherrschaft manche^Unbill zu tragen gehabt, und von dem hat der Sohn Sven die Dänenliebe Wohl nicht, von dem hätte er Wohl eher das Gegenteil erben können."
„Hm, damit wird die Lösung des Rätsels nicht gerade leichter", Warf Behrend hin.
„Nein. Und ich weiß ihm auch nicht recht beizukommen, denn ursprünglich nahm selbst Sven nicht die. Partei, zu der er sich später bekannte. Der Vater Sven Ocko starb gerade in dem Jahre, in dem die Losreißung der Herzogtümer von Dänemark erreicht wurde, und mit meinem Vater ist dann auch Sveu Stur für die Herrschaft deS Augustenburger Herzogs ernge- treten. Na, niein Vater hat zuerst daran getragen, daß sein Wunsch nicht erfüllt wurde ,daß die Herzogtümer die preußische Provinz wurden. Der Stürhofer aber hat es vielleicht überhaupt nicht überwinden können, oder hätte es erst allmählich fertig gebracht, wenn sich niemand um ihn und seinen Groll gekümmert, wenn man ihn ruhig sich selbst überlassen hätte. Das ist wohl leider nicht geschehen, und bei dem Charakter Stürs — hm, man kann wohl sagen: dem vieler Nordfriesen überhaupt — hat dann auch ein Liebeswerben keinen Erfolg gehabt oder — wenn Sie wollen — einen andern, als beabsichtigt war —"
„Den entgegengesetzten?"
„Ja, das denke ich mir. Ich war als Junge auch erne etwas störrische Natur, und wenn mich irgend was erregt batte — so'n Bündel Unverstand wird ja bald einmal aus dem Häuschen gebracht — da half weder Peitsche noch Zuckerbrot. Nein, Zuckerbrot auch, nicht. Es wurde weiter gemault — na, bis etwa eine Nacht dazwischen lag und der Trotzrausch im Schlafe so fachte verflogen war. So, meine ich, hätte man es mit dem Stürhofer auch machen sollen: nicht anrühren — ausschlafen, sich ernüchtern lassen. Und dann ruhig, gleichmäßig weiter. Das verstand meine gute Mutter, und wenn mein Vater einmal nach der Weichen oder ein anderes Mal nach der harten Seite abschweifen wollte, dann war sie es, die ihn immer wieder in die Mitte lenkte. Ich glaube, etwas mehr mütterlichesErziehungstalent täte, wenigstens mitunter, auch im Staate gut. Väterchens Hand greift oft zu wohlwollend streichelnd und ein anderes Mal wieder zu herrisch anpackend zu. Den Stürhofer streicheln, das war auch schon verkehrt; aber ihn: nachher die Faust zeigen, das ging noch weniger an. Wie ich ihn kenne, hat er sich da erst in die Verbissenheit recht hineingelebt."
„Ja, wie schätzen. Sie, Tofohr: wünscht er denn die dänische Herrschaft ernstlich zurück?" fragte der Hoyerhofer gespannt.
Tofohr zuckte mit den Schultern.
„Ins Herz kann man ihm ja nicht sehen", meinte er
zurückhaltend. „Aber — na ja-Nein, rch will Sie
so nicht abspeisen. Also offen: Sven ist kein dumtner Kopf, und er mutz Momente haben, in denen er sich der besseren Einsicht nicht verschließen kann. Aber er verkriecht sich dann hinter sich selbst, weist den Sonntagsgedanken zurück und schiebt weiter in der Schere des Alltagspfluges."
„Und die anderen der Partei?"
„Es gibt Vernagelte darunter, selbstredend, die wünschen ,ohne zu übersehen, was. Und Mitläufer. Die meisten. Und Stürköpfe, vielleicht auch Leidensgenossen ■—"
„Gematzregelte?"
„Einige. Mehr nur Mitaufgestachelte."
„Keine Überzeugten?"
Jürs Tofohr lächelte.
„Vielleicht. Eine."
„Eine?" wiederholte Behrend im Frageton.
' „Ja. Meine Frau hat mir davon erzählt. Sie hat sie vor ein Paar Wochen gesprochen und Vorwürfe erhalten, daß sie einen Preußen geheiratet habe. Mein Schwiegervater hielt ja auch zuerst mehr zum gegnerischen Lager und galt seit der Heirat seiner Tochter als ein Abtrünniger. Das ward auch meiner Frau noch manchmal vorgehalten."
„Von wem?" forschte Behrend.
„Na, tvie sich's trifft —"
„Wen meinten Sie vorhin mit der einen?"
„Das brauche ich Ihnen nicht zu verheimlichen: di?
junge Karen vom Stürhof. Die will nur einen enU schiedenen Freund ihrer Partei zum Mann."
„Pardon", sagte Behrend angeregt, „mir ist da noch einiges nicht klar. Der Sven Stür hat den Hof vierundsechzig übernommen — wie alt war er denn damals?"
„Na, so Mitte der Zwanzig."
„Ta steht er heute in den Sechzigern?"
„Allerdings."
„Und hat eine Tochter von achtzehn-?"
„Ja so. Aber das stimmt. Und den Sohn — beim Militär — von zweiundzwanzig. Kinder zweiter Ehe
— die erste war ohne Nachkommen. Nach dem Tode der Mutter — ich weiß nicht: waren Sie schon hergezogen?
— mußte Karen aus der Pension heimkehren und die Wirtschaft zu Hause übernehmen. Wie lange sind Sie hier? Ach so, sieben Monate. Da liegt der Trauerfall doch wohl eine Reihe Wochen weiter zurück."
„Ich entsinne mich jedenfalls nicht. Aber sagen Sie, lieber Tofohr: wie an die Erziehung der Tochter, so hat der Bauer doch wohl auch an die des Sohnes etwas gewandt —"
„Gewiß —"
„Ja, da dient der einjährig?"
„N—-ein! Er hätte können, denn das Reifezeugnis hatte er. Aber — — na, da ist so ein gewisser dunkler Punkt. Der Alte — Sie würden's ia gelegentlich doch von anderer Seite erfahren - wollte ihn überhaupt nicht dienen lassen — wie man so sagt — Fisematenten ■ schickte ihn über die Grenze — na ja, und mußte ihn sich dann von: Hofe holen lassen, als er einmal heimlich m Besuch da war. Und da war's natürlich mit dem Ein- jährigen vorbei. Erst zum Oktober kann er nun zurück- kommen, weil dann die drei Jahre um sind."
„Drei?"
„Kavallerie. Fürstenwalder Ulanen."
, Waren Sie Soldat?" fragte Bebrend.
„Ja. Einjähriger bei den 35er Füsilieren in Brau- denburg."
„Und die Erinnerung daran?"
„Na, 'es ist einem ja manchmal etwas hart angekommen. Aber die Erinnerung, nein, die möchte ich nicht missen." r _
„Ich auch nicht", stimmte Behrend zu. „Viel Ernst, aber auch mancher Scherz. Und ja: straffe Disziplin, aber doch auch viel köstliche Freiheit. Mancher Storrkops wird in dem bunten Rocke umgekrempelt — wer weiß, ob nicht auch der junge Stürhofer."
Tofohr schüttelte den Kopf.
„Störrkopf? Das war er wohl nicht; eher em Nnllen- loser Schwärmer, dem vielleicht der Dienst vollends das Rückgrat bricht. Ich wenigstens habe so meine Be- denken. Und was dann? Dann sind zwei weltfremde Menschenkinder auf dem alten Hofe."
Wehrend neigte sich zu anderer Ansicht.
„Für den Jungen fürchte ich nicht", entgegnete er. „Freilich, wenn man ihn zu den „Unsicheren" gerechnet hat, da wird er sich haben in acht nehmen müssen .... Die Tochter-
Er sprach nicht aus.
„Die?" nahm Tofohr das Wort auf. „Die mutz ihren Meister finden, sonst ist's schade um sie."
Die junge Hausfrau, eine frische, fast noch mädchenhafte Erscheinuna, trat mit ihrem zweijährigen Sprossen ins Zimmer und schloß mit ihrer Dazwischenkunft die Unterhaltung der Männer ab. Aber Behrend blieb noch und freute sich über den festen kleinen Bengel, der ungeniert auch dem Gaste auf die Kniee kletterte, ihn mit den großen Blauaugen zutraulich anguckte und die Eltern und den Fremden mit seinem drolligen Kinderwesen ergötzte. -
Dann — es war bald Mittag geworden — brach der Besucher endlich auf, um nun als Wähler seine Pflicht
zu tun. ^
Tofohr zweifelte selbst, ob er als^ Sieger ans dem Kampfe hervorgehen würde. (Fortsetzung folgt.)
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