y* Jahrgang.
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VerlagS-Fernlprecher No. 298».
Dienstag, den 2. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1906 *
bend-Ausgabe.
1. Wlatt.
igsbild um 3. PreuMkn Kehrerlage.
Berlin, 29. Dezember.
.snitzer tot!" Mit diesem Ruf wurden die Lehrer die am 28. Dezember aus allen Teilen der en Monarchie nach Berlin geeilt waren, um hier em außerordentlichen Lehrertage Stellung zu zu dem vielumstrittenen Schulunterhaltungswurf. Clausnitzer tot, der Mann, welcher fünf- sthre lang die deutsche Lehrerschaft geführt und 'r wenigen Tagen den Entwurf des Schulgesetzes st und Schrift einer eingehenden Kritik unterhatte. Clausnitzer der Unermüdliche, war nicht Plötzlich war er gestorben. In drei Tagen hatte agendfrischen eine heimtückische Krankheit dahin- Eine starke Bewegung ging durch die Lehrer- Man vermochte der Trauerbotschaft anfangs nicht üben, bis schließlich das Gerücht seine Bestätigung
s konnte kaum anders sein, als daß der dritte zische Lehrertag zu einer Trauerversammlung :, die des verlorenen Führers in tiefen Worten ge- >. Reißmann-Magdebnrg übernahm es, den Ge- n Ausdruck zu geben, die jedes Lehrcrherz bewegten, ar ein ergreifender Anblick, als bei den ersten Wor- es Redners die imposante Versammlung von etwa Lehrern sich von den Sitzen erhob, um stehend den .mf anznhören, der dem Namen des Toten geweiht Reißmann pries mit Worten, die die innere Er- ig bekundeten. Clausnitzer als den Bannerträger Crzieher der deutschen Lehrerschaft. Als wachsamer icr habe er von hoher Warte allzeit gemahnt, ge- i und die rechten Wege gewiesen. Die Versamm- iei es Clausnitzer schuldig, daß sie die bevorstehenden rndlnngen führe in seinem Geist. Nachher wurde Lehrertage noch die Mitteilung, daß cs durch das ,en Clausnitzers geboten sei, die für den Abend vor- ene gemütliche Zusammenkunft ansfallen zu lassen, tun trat das Leben mit seinen Forderungen in seine te. Es war voraus,znseben, daß die pädagogischen .er heftig au feinanderplatzen würden. Das Schul- rhaltnngsgesetz hat lebhafte Erörterungen nicht bloß n politischen, sondern mehr noch in den pädagogischen fern hervorgerufen. Einer stieß dein andern die Feder ins Herz, die Ansichten wogten hin und her, daß es bis jetzt gelungen wäre, sie auf einem Mittel» zu vereinigen. Nicht nur das: der dritte Preußische -rtag hat zur Erweiterung der bestehenden Kluft beigen. Mehr und mehr schwand die Mäßigung, die .>em Ernst der Lage, noch verdunkelt durch die ften der Todesnachricht, jedem Redner geboten er-
FeuiUelon.
fttadftruif verdorr».)
Das Musikjahr 1905.
tn wesentlich anderes Gepräge als die vorherge- enen Jahre trug das soeben verflossene nicht. Nur ger neue Namen erschienen auf der Bildfläche, c aber, der schon seit längerem einen guten Klang stieg in diesem Jahre zu ungeahnter Höhe empor. Stern Max Negers leuchtet heut mit einem ichen Feuer am musikalischen Firmament wie der- ,e Richard Strauß'. Freilich er flimmert noch un- ch hin und her. Man weiß am Ende des für Reger uhmreichen Jahres 1905 noch nicht, ob sein Stern etzlich nickt doch wieder an Glanz verlieren wird. ,ard Strauß' Bedeutung ist bereits für alle Zeiten zelegt. Seine monumentalen Werke zeugen für ihn i für seine Unsterblichkeit. Es gibt unter allen fort- ittlich gesinnten Musikern und Musikfreunden wohl it einen, der an der epochalen Bedeutung der Strauß- n Kunst noch ernsthaft zweifelte. Anders steht die che bei Reger. Hier teilen sich selbst die Modernen in ■i Lager. 'Diejenigen, die eng um Reger stehen und in ihm unbedingt den überragenden schöpferischen ist sehen, der berufen ist, die Reihe der Großmeister -tznsetzen, sind an Zahl sehr gering. Und man kann cht einmal sagen, daß es im wesentlichen Männer von -verlässigem künstlerischem Ruf sind, die das Panier egers ergriffen haben. Der größte und der maß- ebendste Teil der modernen Musiker sieht in Reger vor er Hand nichts anderes als ein phänomenales, tech- lisches Talent, das bisher nur in verhältnismäßig geringem Maße den Beweis dafür erbracht hat, daß es auch über eigentliche schöpferische Potenzen verfügt. Nur wenige fortschrittliche Zeitgenossen können zu Negers künstlerischer Persönlichkeit überhaupt keine Stellung
schien. Tie Leidenschaften wachten auf, durch monatlange Erörterungen genährt und erhitzt. Es hat wohl selten oder nie eine Lehrerversammlung so sehr unter dem Zeichen des sturmes gestanden wie die eben verflossene. Gewiß war es zum Teil der Gegenstand der Debatte, durch welchen die in der Brust wohnenden Gefühle bis zur Siedehitze gebracht wurden. Andererseits aber erklärt sich das Brausen und Sausen durch den Umstand, daß die Berliner Lehrerschaft in der Versammlung naturgemäß sehr stark vertreten nxtr. Was oben die Galerien Kopf an Kopf füllte, das waren zum weitaus größten Teil Berliner Lehrer. Sie sind entschieden freisinnig, verwerfen jedes Konlpromiß in Schulangelegenheiten und wollen ihren Ansichten unter allen Umständen Geltung verschaffen. Wohl diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß die Beschlüsse einen entschieden freisinnigen Anstrich haben. Sachsen und Hannover hatte einen schweren Stand.
Schon gleich die Erörterungen über die Träger der Schullasten deuteten eine bewegte Szene an. Die Lehrerschaft ist nämlich in der Frage, ob Staats- oder Kommunalschule, durchaus geteilter Meinung. Die Großstadt- lehrer rühmen die Leistungen ihrer Kommune und betonen, wenn deren Schulwesen so blühend geworden sei, wie es jetzt ist, so sei das dem Opfersinn eben dieser Verbände zu danken. Umgekehrter Ansicht sind die Landlehrer. Sie klagen, daß auf dem Lande die Bevölkerung leistungsnnfähig und leistungsunwillig sei. Was man erlangt habe, sei dem Staat zu verdanken. Ironische turnte, dicht wie Hagelschlossen, mußten die Redner vom Lande für diese Lobpreisung aus den Staat über sich er- gehen lassen. „Gott bewahre uns vor der Staatsschule!" Das war der Grundgedanke des endgültigen Beschlusses, der durch Tews-Berlin formuliert worden war. Tews! Ein unscheinbarer Mann! Vom Salonanstrich des Großstadtlehrers keine Spur! Was diesem Manne den gewaltigen Einfluß auf die Lehrerschaft gesichert hat. das ist seine Beredsamkeit, die um so mehr besticht, als sie von einer bezwingenden Gewalt der Logik getragen wird. Tews drängt seine Ansichten nicht auf. Er meint immer bescheiden: „Könnten wir diese Fassung des geschäfts- führenden Ausschusses ans den und den Gründen nicht so und so abändern? Und nun spinnt der Mann seine Fäden, um sie zu einem unzerreißbaren Netz zu verdichten, aus dem es kein Entrinnen gibt. Man übertreibt nicht, wenn man sagt: Die Beschlüsse des Lehrertages sind ein Werk des Lehrers Tews!
Die Beratungen über die Konfessionalität der Schule waren ganz dazu angetan, die hochgehenden Wogen noch mehr in die Höhe zu peitschen. Der geschäftsfühtende Ausschuß des Preußischen Lehrervereins hatte eine Vorlage ausgearbeitet, die einen versöhnlichen Geist atmete Der Versammlung genügten diese Bestimmungen nicht. Unter stürmischem Beifall. Händeklatschen und ähnlichen Kundgebungen nahm man eine ArtResolution an, die eine Verguickung der Schulunterhaltungsfrage mit Fragen der
finden. Ter Fall Reger, der einen breiten Raum im öffentlichen Musik- und Konzertleben des verflossenen Jahres beanspruchte, ist aber besonders interessant durch die Stellung, die das breitere Publikum, die nicht fachmännische öffentliche Meinung der Regerschen Kunst gegenüber einnimmt. Früher wäre es für einen musikalischen Revolutionär von der radikalen Richtung Negers ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, in verhältnismäßig kurzer Zeit sich einen so wichtigen Platz im Konzcrtlcben zu erobern. Heute aber wurde Reger allenthalben fast ohne ernstlichen Widerspruch ausgenommen. Map verstand zwar im allgemeinen herzlich wenig von dieser Musik, doch es gehört einmal zum fortschrittlichen guten Ton, alles Moderne prinzipiell wohlwollend zu behandeln. Also gerade das entgegengesetzte Bild wie in früheren Zeiten. Das Publikum, wenigstens dasjenige der musikftihrenden Großstädte, ist gut erzogen worden im Punkte der künstlerischen Duldsamkeit, Dieser Anstand trat im verflossenen Jahre ganz besonders hervor und er bildet den Schlüssel für die eigentlich unverständliche Tatsache, daß die kritische Stellungnahme neuen musikalischen Schöpfungen gegenüber unserem heutigen Publikum fast ganz abhanden gekommen ist. Das hat seine Vor- und seine Nachteile. Plötzlich berühmt zu werden ist jedenfalls heut leichter möglich denn je. wie der Fall Reger und auch manch anderes Beispiel beweisen.
Ziemlich lebhaft ging es im verflossenen Jahr ans dem" deutschen Opernmarkt zu. Humperdinck, d'Albert, Siegfried Wagner und Richard Strauß, um nur die großen Namen zu nennen, kamen mit neuen und gewichtigen Bühnenwerken heraus. Strauß' erst kürzlich erschienene Salome wurde das sensationellste Ereignis des ganzen Musikjahrs. Tie Federn sind über diese geniale Schöpfung einer mehr als fragwürdigen Steigung noch nicht zur Ruhe gekommen. Der komplizierte, maß- los anspruckvolle technische Slpparat dieser neuesten
Konfessionalität aus sachlichen Gründen verwarf. Scharf gingen mehrere Redner mit dem auf schulpolitischem Gebiet besonders bekannten freikonservativen Wgeordneten Freiherrn v. Zedlitz ins Gericht. Namentlich mußte seine Bemerkung im Wgeordnetenhanse herhatten, daß jeder, der die Unniöglichkeit einer Verabschiedung des Schulunterhaltungsgesetzes ohne Festlegung der Kvnfessionali- tat nicht eingesehen habe, unter die Narren zu rechnen sei. „Herr v. Zedlitz war hierher eingeladen", bemerkte ein Redner. „Er ist aber nicht erschienen und hat sein Ausbleiben durch eine starke, mit Schnupfen verbundene Erkältung entschuldigt. Es ist im höchsten Grade merk- würdig, daß dieser Schnupfen genau mit der Tagung des Preußischen Lehrervereins zusammenfällt." Diese Be- merkung brachte dem Redner einen nicht endenden Beifall der Galerie ein. Es spricht für die schulpolitische. Be- deutung des Herrn v. Zedlitz, daß der Lehrertag auf die Bekämpfung seiner Ideen ein so großes, mit Leidenschaft gefülltes Maß von Zeit verwandte. Mehrere Redner traten für Zedlitz ein, mußten es sich aber gefallen lassen, ausgelacht, ausgezischt und nach allen Regeln der Kunst verspottet zu werden. „Es ist weiter auch ein Mann genannt worden, den ich durchaus als eine Zierde des Parlaments betrachte, der Abgeordnete Freiherr b. Zedlitz. Er hat . ." Oho-Rufe, Zischen, Klatschen, Tram
peln und Schlußrufe machten es dem Redner unmöglich, seinen weiteren Bemerttingen Geltung zu verschaffen.
„Der Sturm hat seinen Höhepunkt erreicht!" sagte mein Nachbar. Das war nicht gut zutreffend, denn er wuchs zum Orkan ans, als der fteisinnige Abgeordnete Rektor Kopsch in die Debatte eingriff, um Stellung zu nehmen zum dritten Punkt der Tagung, nämlich der Schulverwaltung. Mit stürmischem Jubel begriißt, warnte Kopsch vor einer Beschränkung der Selbstverwaltung. Redner ging in schärfster Weise mit dem Ministerium Studt ins Gericht, und je schärfer seine Ausführungen sich gestalteten, um so leidenschaftlicher tixrn der Beifall. Das im Entwurf umgehende Gespenst der geistlichen Schulaufsicht wurde in Grund und Boden verbannt. „Wenn das Gesetz in dieser Fassung angenommen wird, dann herrscht nicht der Pötter, sondern dann haben Sie die Pötter!" rief Kopsch aus. Ein minutenlanger Beifallssturm belohnte den Redner für diesen Schlager, dem er nachher den einschränkenden Sinn gab, er habe nicht die Geistlichkeit in ihrer Gesamtheit, sondern nur Dutzende von geistlichen Schulinspektoren gemeint.
Kopsch brachte den Antrag ein, Genieinden mit weniger als 25 Schulstellen sollten ein Wahlrecht nicht haben, sondern nur ein Vorschlagrecht. Gegen diesen Antrag sprang der gleichfalls anwesende Lehrer-Abgeordnete Wolgast aus Schleswig-Holstein erregt in die Ketten. Er führte ans, der Bauer in Schleswig-Holstein sei geistig so weit gefördert, daß er eine Lehrerwahl wohl anszuüben vermöge. Wie es mit der Bildung des Bauernstandes in den anderen Provinzen bestellt sei, wolle er nicht beurteilen. Anscheinend sei die Bildung
Straußschen Partitur wird sich einer ausgedehnteren Per- breitung der.Oper hindernd in den Weg stellen. Ost wird man dagegen Eugen d'Alberts humorvolles Werk „Flauto solo" aufführen, das im Deutschen Landcs- theater in Prag einen durchschlagenden künstlerischen und Pnblikumserfolg hatte. Siegfried Wagners „Bruder Lustig" erlebte in Hamburg ein künstlerisches Fiasko. Wesentlich günstiger gestaltete sich der Erfolg von Humperdincks feinkomischer „Heirat wider Willen". Die reizvolle musikalische Arbeit und der echte poetische Hauch, der über dem Ganzen schwebt, haben die Schwächen der dramatischen Diktion einigermaßen ausgeglichen. Die entzückende Schöpfung ist, abgesehen von Berlin, an mehreren wichtigen Bühnen zur Ausführung gelangt. Das Repertoire zahlreicherOperntheater wurde ferner von Wolf-Ferraris „Neugierigen Frauen" beherrscht, die diesen Siegeszug ihrem epochemachenden Berliner Erfolg verdanken. Viel Mühe gab man sich an mehreren Stelleil mit Pfitzners „Rose vom Liebesgarten". Einem größeren Publikum kann dieses, mit unklaren Symbolen durchwebte, übermäßig breit angelegte Werk niemals Ge- meingut werden. Auch Kloses „Jlsebill" wird trotz ihrer poetischen Feinheiten kaum weite Verbreitung finden. Tie Münchener Bühne brachte diese prächtige "Märchen- schöpfung, nachdem schon geraume Zeit seit der Uraufführung in Karlsruhe vergangen war, zu Anfang der Saison Heralls. Bemerkenswert für das Opernjahr 1905 ist übrigens das starke Zurückgehen des italienischen und deutschen Verismo und die weiter um sich greifende Vorliebe für das heitere, komische Genre. Die Gründung der ersten ständigen komischen Oper in Berlin kommt daher der augenblicklichen Zeitströmung sehr entgegen. Tie Hoffnungen, die sich an dieses ans ernster künstlerischer Grundlage aufgebaute Unternehmen knüpften, sind so ziemlich in Erfüllung gegangen. Für die künstlerische Kultur in deutschen Landen bebrütet diese Gründung des Jahres 1905 einen tüchtigen Schritt nach vorwärts.^ Eir
