ss. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgaffe 27.
ZZ,OOO Avormenten.
Die einspaltige Pctitzcile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen - Annahme
für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme spater eingereichter Anzeigen zur nächst- erscheinenden Ausgabe, wie für die Änzeigerr-Äufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
N». öS».
Berlags-Aernsprecher No. 2888 .
DonnersLag» den 30. Movemder.
Rcdaktions-Ferulprcchcr No. 82.
1»05.
Morgen - Ausgabe.
1. iälatt_
Iüv den Woncrt Dezember
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
ZU abonnieren, findet sich Gelegenheit
im Ker-Ing Langgasse 27, bei dr» Ausgabestellen, den Zweig-Expeditionen
der Nachbarorte,
und bei sämtlichen deutschen Reichspostanstalten.
Die jMtitiieioniiraiioii gcgeii Jlt Türkei.
Konstantinopel, 25. November.
Wird cs sich diesmal um den Anfang vom Ende handeln, wird Europa sich dazu aufraffen können, den gordischen Knoten zu durchhauen, nachdem es fo lange vergeblich bemüht war, ihn in Makedonien aufzulösen? Noch sieht es wenig danach aus, als. ob auf seiten der Machte genügend Einigkeit und Entschlossenheit hierfür vorhanden wäre. Schon die äußeren Umstände, unter denen das Ultimatum zustande kam, waren wenig geeignet, bei der Pforte den Eindruck zu erwecken, als ob sie sich fo ohne weiteres des Allerschlimmsten zu versehen Helte. Die Übergabe des Ultimatums verzögerte sich um 24 Stunden, weil man bezüglich der den Türken zu bewilligenden Frist zur Überlegung hin- und herschwankte und schließlich bei den betreffenden Regierungen anfragen mußte, ob es heißen sollte innerhalb „24 Stunden" oder „sofort" oder aber „ohne Verzug"; schließlich einigte man sich aus ein „ungesäumt", d. h. einen Ausdruck, der nichts Bestimmtes besagte. Im übrigen beschränkt sich die Note allerdings nicht auf die Forderung der Finanzkontrolle; sie verlangt auch, daß dieselbe genau den Vorschlägen entsprechend ausgeführt wird, die die Zivilagenten bei verschiedenen Gelegenheiten rn Form von Reklamationen festlegten; sie besteht ferner darauf, daß die europäischen Polizeibeamten, denen die Pforte bisher keine andere als eine untergeordnete, nur beratende Rolle zuerkennen wollte, das wirkliche Kommando über die Gendarmerie ausüben; schließlich sollen dw im März nächsten Jahres ablanfenden Mandate der Zivilagenten, sowie die Kontrakte der fremden Offiziere um zwei Jahre verlängert werden. Man sieht, die Annahme dieser Bedingungen müßte den Anfang vom Ende der türkischen Herrschaft in Makedonien bedeuten, >.> > '. 1 ™ ' -!- ! - L ' J . . .
Feuilleton.
«Nachdruck verdate».)
Glücksspiele.
Skizze von Bernhard Ohrenberg,
Im Mittelalter, als man noch an den leibhaftigen Teufel glaubte, fanden es die Menschen sehr begncm, ihren Hang zu Begierden und Leidenschaften dem höllischen Verführer als Sündenbock aufbürden zu können. Wir begegnen dem Sündenbock auch im modernen Leben, jedoch in anderer Gestalt Von den Verbrechern, die in der jetzigen Zeit der unheimlichen Macht der Sünde unterliegen, beklagt es so mancher, daß er weder Vater noch Mutter gekannt hat und deshalb nicht seine „erbliche Belastung" als Milderungsgrund vor dem Richter Nachweisen kann.
Während der Jahrhunderte geistiger Finsternis bediente sich der Höllenfürst besonderer Spezialisten aus seiner Dienerschar, um die Saat des Lasters auszu- strcuen. Berühmte Kanzelredncr jener Zeit, beispiels- ivcisc der geistvolle und witzige Abraham a Santa Clara, bekämpften mit bilderreicher Beredsamkeit den Spielteufel, den Sauftcusel, den Getzteufel und viele
andere. ,, , . . .
Im Volk war der Glaube verbreitet, daß der „Junker mit dem Pferdefuß" das Glücksspiel erfunden habe; ein alter Spruch lautet:
„Der tiuvcl schnof das würfelspil, . darumbe, daz er feien vil damit gewinnen wil.
Wie hoch daS Alter des Würfelspiels zu schützen ist, dürfte mit Sicherheit schwer nachzuweisen sein: schon in einer indischen Liedersammlung, den Hymnen des Nigvcda, die bereits mehr als 1000 Jahre v. Ehr. geschrieben war, befindet sich die ergreifende Schilderung des Spielerelends. Ein unverbesserlicher Spieler klagt in dieser Dichtung, daß alle seine guten Vorsätze schwinden, sobald er „die Würfel rollen hört"
weshalb. es verständlich erscheint, daß der Sultan mit Händen und Füßen sich dagegen sträubt. Auch die letzte Note der Türkei, die vom 23. November, kann, so sehr sie auch in der Forni von früheren Kundgebungen verschieden ist, nicht für einen Fortschritt im Sinne der Forderungen der Mächte angesehen werden. Es ist im Grunde nur die Fortsetzung eines Widerstandes, der sich ans alte Argumente stützt; auf die angeblichen Anstrengungen wird hingewiesem die die ottomanische. Regierung cb sich hat kosten lassen, um eine Besserung der Lage in Makedonien herbeizuführen: die Ergebnisse der Arbeit sowohl Hilmi Paschas als der ottomanischen Bank werden in günstiges Licht gestellt und schließlich erfahren die Rechte der Mächte aus dem Berliner Vertrag eine beschränkende Auslegung im Sinne Abdul Hamids. Die Ptorte, versichert die Note, habe ihre Schuldigkeit getan ihre ganze Schuldigkeit. Wie, um aller Gerechtigkeit willen, könne sich Europa also erdreisten, von ihr Maßnahmen ergriffen sehen zn wollen, die die Unab- bängigkeit und Souveränität des Sultans erschüttern mußten! Der Sultan weigert sich deshalb, aus die Forderungen der Mächte einzugchen, macht nur, als Zeichen seiner „freundschaftlichen Gefühle" gegen diese, das Zugeständnis, das Mandat der Zivilagenten um 2 Jahre verlängern zu wollen unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß diese Erneuerung die letzte sein müßte. Di? Note enthält aber, was das wichtigste ist, eine Drohung; sie erklärt, daß, wenn die Vertreter der Mächte auf ihrem Standpunkte verharrten, die Pforte jede Verantwortung für die Folgen einer dadurch bewirkten Erregung der „muselmanischen Meinung" ablehne. Damit wird versteckt, aber in nicht mißzuverstehcnder Weise angedeutet, daß gegebenenfalls die in der Türkei lebenden Christen und Europäer für vogelfrei erklärt werden sollen. Das ist eine ungeheuerliche Herausforderung, die eigentlich die auf Lesbos zustenernden Kriegsschiffe der Mächte unter die Fenster des Mdiz-Kiosk führen sollte Aber daS europäische Syndikat zeichnet sich durch eine merkwürdige Snümseligkeit aus; seine Wirksamkeit mußte auch von Vorneherein dadurch leiden, daß Deutschland unter einem technischen Vorwände, seine Beteiligung an der Aktion versagte. Zn verwundern braucht man sich in Deutschland nicht darüber, wenn dieses Verhalten im Auslande böses Blut erregt und als eine beabsichtigte Rückenstärkung der Pforte aufgefatzt wird. Man hört hier vielfach von Angehörigen anderer Nationalitäten äußern, daß Deutschland im Orient stets eine Isolierung suche, vor der es sich sonst so sehr fürchte. Indessen fehlt es nicht an Anzeichen, daß auch unter den übrigen Mächten keineswegs Einstimmigkeit über die zu unterneh- Menden Schritte herrscht. So wird vermutet, Österreich suche in Makedonien gewisse Sonderrechte zu erlangen, denen Italien sich energisch widcrsetze. Es hängt unter
Bei den Griechen des Altertums galt Gott Hermes als Erfinder des Würfelspiels: im altgermanischen Kultus herrschte die Anschauung, daß Gott Wodan der Erfinder sei.
In alter Zeit pflegte man nur zwei Würfel zu benutzen, die mit der Hand geworfen wurden. Die noch jetzt übliche Bezeichnung „knöcheln" deutet darauf hin, daß die ältesten Würfel nur aus Knochen zurcchtge- schnitten wurden.
Unsere Urahnen waren dem Spiel so leidenschaftlich ergeben, daß sie nicht nur Hab und Gut, sondern auch Weib und Kind und zuletzt sich selbst verspielten. Mancher tapfere, die Freiheit liebende Germane geriet durch dieses Laster in Sklaverei.
Die „frummen" Landsknechte Frundsbcrgs verspielten häufig Sold und Beute; deutsche Edellcnte spielten um ihre Leibeigenen. Noch während des 17. Jahrhunderts ereignete sich ein solcher Fall in Böhmen.
Eine in breiten Volksschichten sehr beliebte Gelegenheit, um Frau Fortunas Gunst zu werben, boten in früheren Jahrhunderten die Glückstvpfe oder Glückshäsen, deren ursprüngliche Heimat Italien war. Kluge Geschäftsleute brachten sie im 15. Jahrhundert auf die Messen der großen Handelsplätze: später bildeten sie im bunten Treiben der Jahrmärkte den mcistbegehrtcn Anziehungspunkt. Nvch jetzt sagt der Bolksmnnd von einem armen Mädchen, das ein wohlhabender Mann heiratet: „Die hat in den Glückstopf gegriffen."
In Zchden in der Neumark wurde vor einigen Jahrzehnten ein Glückstopf gefunden, der aus der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert stammt. Der Topf hat ein Gewicht von fünf Kilogramm, besteht aus grauer Tonmasse, ist wie eine Kugel rund gedreht und hart gebrannt. Der Hals des Gefäßes, den ein Deckel verschließt, ist nur sv weit, daß eine Manneshand bis auf den Boden greisen kann. Die Verlosung geschah in folgender Weise: Nachdem die znsammengerolltcn Pergamentstreifen, die teils unbeschrieben waren (die Nieten), teils die Gewinn-Nummern oder die Bezeichnung der Gewinne trugen, in den Topf gelegt waren.
solchen Umständen alles davon ab, ob England sich cnt- Ichtossen genug zeigen wird, um gegebenenfalls durch eigenmächtiges Vorgehen die beteiligten zu Zwistigkeiten neigenden Mächte mit sich fortzureißen. Von weltpolitischen Gesichtspunkten aus gesehen, ist die Uneinigkeit der Mächte Europas hier wie bisher sonst noch bei jeder internationalen Verwickelung eine für die gemeinsamen Interessen der alten Welt verhängnisvolle Erscheinung. Drese selbe Uneinigkeit ist es geivesen, die Europa, mit Ausnahme Englands, um die Früchte aller Bemühungen um die wirtschaftliche Erschließung Chinas gebracht hat, während das kleine, aber mächtige und unabhängige Japan seit dem Frieden von Portsmouth in Korea und China durch seine Diplomatie in wenigen Wochen bereits mehr erreicht hat, wie die europäischen Mächte früher innerhalb eines halben Jahrhunderts fortgesetzten Wettbewerbs um den Vorrang aus dem chinesischen Absatzmarkt zusammengenommen.
ZWlMWMuMderzMsMMMm?
Herr v. Stengel hat seinen Entwurf zur Reichs- finonzresorm in seinen wesentlichsten Umrissen in de: „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht. Zunächst ganz abgesehen davon, wie weit man ihm in seinen Vorschlägen zustimmen mag, kann die Tatsache der Veröffentlichung mit Anerkennung registriert werden, da auf diesem Weg der Öffentlichkeit Gelegenheit gegeben wird, sich mit den neuen Steuerplänen zu beschäftigen, um eine gewisse Klärung in die Flut von dissentierenden Meinungen zu bringen.
Was das Programm selbst angeht, so läßt es an. Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit der vorgeschlage- neu Steuerquellen kaum mehr etwas zn wünschen übrig. Was überhaupt steuerlich mit einiger Aussicht ans finanzielle Ergiebigkeit faßbar erschien, wird man in den Stengelschen Vorschlägen auffinden können. Bier und Tabak, Frachturkunden und Fahrkarten, Automobile und Quittungen, endlich auch Erbschaften sollen ihr größeres oder geringeres Teil zur Speisung der erheblich eingetrockneten Reichsfinanzquelle beitragen.
Was zunächst feststeht, ohne daß sich dagegen Wider- spruch erhebchr läßt, ist die Anerkennung der zweifellosen Notwendigkeit, daß die Neichsfinanzen dringend der Kräftigung durch Erschließung neuer Einnahmequellen bedürfen. Nicht seit einem oder zwei Jahren, nein, seit fast eineni Jahrzehnt, sind die Einnahmen hinter den steigenden Ausgaben ini Rückstände geblieben und Jahr
*> Wir Besinnen honte eine Serie von Artikeln über die neuen Stenervorschläse «nS der Feder eines Bekannten Finanz- volitikers. Die Betonung der sozialpolitischen Bedenken gegen die Stenselsche Reform dürste nnsere Leser Besonders interessieren. D. R.
mußte ein Kind mit verbundenen Augen und ent- blößtem Arm hineingreifcn und stets nur ein Los herausziehen.
In Neapel verwendete man dazu auch Tauben, die zu diesem Zwecke abgerichtet waren. Da Tauben als Symbol des „Heiligen Geistes" galten, so gestaltete sich der Zichungsakt dadurch feierlicher. Die Glückstöpfe waren befestigt, und deshalb konnten die Röllchen nicht dnrchgeschüttelt werden. Diesen Umstand benutzten manche unredlichen Unternehmer, um die Spieler zu bemogeln.
An die Stelle des Glückstopfes trat später der Glückssack, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat. Als Kaiser Friedrich noch Kronprinz war, bediente er sich aus Wohltätigkeits-Basaren gern des Glückssackes.
Ans dem Glückssack entstand das Zahlenlotto; man nannte es anfänglich „Lotto di Genova", weil cs zuerst von einem Genuesen im 17. Jahrhundert ins Leben gerufen wurde.
Das Zahlen-Lottv hielt bald seinen Einzug in viele Länder; es ist jetzt noch Staatsmonopol in Italien und Österreich-Ungarn; in Bayern wurde ^es 1861 aufgehoben. Die gefährliche Verleitung zum Spiel liegt beim Lotto namentlich darin, daß selbst der geringste Einsatz anaenommen wird, und da sich die Ziehungen wiederholen, so ist auch dein Ärmsten im Volke häufig Gelegenheit geboten, seine Spargroschen los zu werden.
Die Sucht, durch das Lottospiel mühelos den Lebensunterhalt zn erhaschen oder im günstigsten Falle das heiß ersehnte Glück zu erjagen, fordert wohl nirgends so viele Opfer als unter der neapolitanischen Bevölkerung. Die trägen Lazzaroni, Arbeiterfrauen, Bürger und verarmte Adlige umlagern bei jeder Ziehung scharenweise die Lottobanken. Aber das Volk sinkt immer tiefer in Elend und Slot, statt das gehoffte Gennßlcbcn führen zu können.
Bor nicht langer Zeit war es in Österreich den Lottospielern gestattet, bei den Kollekteuren in kleineu Ortschaften, die fern von Prag, Brünn, Wien liegen, wo die Ziehungen ttattfinden» noch am Tage der Ziehung
