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ss. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Na. 637.

Berlags-Fernsprechcr No. 2983.

Morgen - Ausgabe.

1. Wtcrtt.

Dir wirlschastlichr Zukunst Rußlands.

Das Thema der russischen Finanzen klingt unauf­hörlich durch Europa hin, und man muß sich mit ihm so intensiv wie möglich beschäftigen. Denn gewichtige Interessen münden hier aus, weltpolitische wie privat­kapitalistische. Wir alle haben gehört, welche düsteren Dorhersagungen Männer wie Martin, Delbrück und Ballodt jüngst in bezug auf die russische Finanzlage für nötig gehalten haben. Wir sehen auf der andern Seite, daß Männer und Zeitungen, die der Russerrfreundschaft nicht geziehen werden können, die aber reiche Sachkennt­nis mitbringen, an ihrem Vertrauen in die Zahlungs­fähigkeit des Zarenreichs sesthalten und bon Übertreibun­gen in den Schriften der genannten Beurteiler sprechen. Wir sehen fortwährend Licht und Schatten in dem schwer !U fixierenden Bilde wechseln. Wenn uns gesagt wird, oaß die relativ gute Bewertung der russischen Anleihen an der Berliner Börse die von Martin usw. geschilderten Gefahren als Phantasien erscheinen lasse, so bedeutet es doch wieder eine schlimme Widerlegung dieser Ansicht, daß am Montag dieser Woche in Berlin ein gewaltiger Kurssturz in Russenwerten nur darum eintreten konnte, weil bei der Feststellung der Kassakurse kein Vertreter des 'Hauses Mendelssohn anwesend ^ war. Schlagender kann nicht dargetan werden, daß die Russenwerte eben nur durch Interventionen gehalten werden. Man sieht, das Problem scheint einfach zu liegen und ist doch äußerst kompliziert: trotz seiner Kompliziertheit aber ist es aut ein paar ganz einfache Fragen zurückzuführen, nur dag niemand gegenwärtig imstande ist, diese Fragen so zu be­antworten, daß das Für und Wider damit überzeugend geschlichtet wäre. >

In der Tagespreise sind Auszüge aus Ballodts Auf­satz in SchmollersJahrbuch" mitgeteilt: worden, und die Öffentlichkeit kennt von dem Aufsatz eben nur diesen Extrakt. Da die Ballodtschen Auslassungen nun aber berechtigtes Aufsehen erregt haben, hatten wir es für nützlich, dem Publikum, das zum Teil doch wesentlich mii seinen materiellen Interessen an den gehandelten Fragen interessiert ist, weiteres ans lenem Aussatz Bollodts mitzuteilen. Wir erfahren u. « daß me Mög­lichkeit neuer Steuereingänge in Rußland autzerordenr- lich beschränkt ist. Die Belastung von Branntwein, Vier und Tabak ist drei- bis viermal so hoch Wie in Deutsch­land. Die Zuckersteuer und die Petroleumsteuer be­tragen das 11 / 2IWache der/deutschen Belastung, chronischen Hungersnöte (in diesem-Jahre tn 26 ©oubCt ncnicntS) werden eine Herabsetzung der bäuerlichen Ob- lösungszahlungen notwendig machen. Die eventuelle

Dsrmerstag, den 16» November.

Einführung einer Einkommensteuer, die schwerlich mehr als 100 Millionen Mark ergeben könnte, ist ungemein fraglich. Andererseits schätzt Ballodt jedoch die Momente einer Wiederbelebung keineswegs gering ein. Er glaubt, daß die Lage der Landwirtschart sehr schnell gebessert werden könnte, wenn die Ablösungsgelder, jährlich etwa 200 Millionen Mark, in einen Meliorations- und Wege­baufonds unigewandelt würden, und wenn außerdem mit Hülse weiterer 300 bis 400 Millionen Mark jährlich Bewässerungsanlagen großen Stils im Süden und Süd­osten durchgefiihrt würden. Das Unglück der russischen Landwirtschaft sei, daß der Bauer mit seinen elendeii Pferdchen iiicht tiefer als 3 bis 5 Zoll pflügen könne, wodurch die oberste Schicht der schwarzen Erde allerdings total ansgesogen worden sei. Auf Gütern, wo tief ge­pflügt werde, seien die Ernten doppelt und dreifach so höch ste auf Bauernland und litten weniger unter der Dürre Ballodt erklärt in diesem Zusammenhänge d'.e Vorstellungen von der Unredlichkeit und Korruption der russischen Beamtenschaft für übertrieben. Namentlich die Angestellteii der Landschaften seien absolut intakt, und auch innerhalb der höheren Beamtenschaft gebe es genügend Männer von Charakter, an denen nicht der ge­ringste Makel hafte: die russische Gesellschaft kenne sehr gut die einwandfreien uiid die mchteinwandfreren Be­amten Die letzteren würden sehr schnell verschwinden, sobald sie erst den ordentlichen Gerichten verantwortlich gemacht würden, die man als nahezu völlig gleichwertig mit den westeuropäischen anfehen könne.

Ballodt äußert fernerhin die Ansicht, daß die bisher unrentabel» asiatischen Bahnen bereits in einem Jahr­zehn sehr rentabel werden könnten, wenn die Regierung in energischerer Weise die Kolonisation Sibiriens för­dern würde. Bisher standen dieser Kolonisation mäch- tige Kreise entgegen ans Furcht, daß durch den Abfluß bedeutender Bevölkerungsschichten die Landpacht sinken, die Arbeitslöhne steigen würden. Iw Zentralasien und in Transkaukasien könnte datz ist längst anerkannt - durch Ausdehnung der Bewässerungsanlagen auf 1 bis 2 Millionen Hektar Land mit einer Auslage von loO bis 300 Millionen Mark der gesamte russische Baumwolle- bedarf erzeugt werden, und Rußland könnte damit 160 bis 200 Millionen Mark lührlich sparen, die gegen- wärtig nach Amerika gehen. Freilich sind das alles bloße Möglichkeiten, aber warum sie vorweg ablehnen. Jedenfalls müssen wir, wenn wir die Urteile von Martin und Ballodt prüfen, auch das berücksichtigen, was sie selbst, was wenigstens Ballodt an Gegengründen gegen den bei ihnen vorherrschenden Pessimismus anzuführen haben. Aus dem jetzigen Chaos in Rußland soll doch, wir alle hoffen es, eine Wiedergeburt hervorgehen.. Ge­lingt sie, so sehen wir keine unbedingte Notwendigkeit für den finanziellen Zusammenbruch, vielmehr sehen wir als daun die keimkräftigen Ansätze auch zur wirtschaft­lichen und zur finanziellen Neubelebung. _

Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1606.

UoMfche Ädersicht.

Wann wird die Flnttenvorlage veröffentlicht?

In einein Artikel derCölnischen Volkszeitung wird eine baldige Veröffentlichung der Flottenvorlage verlangt, damit keine Beunruhigung überuferlose Flottenpläne" entstünde und damit die gegenwärtig aus­tauchenden Übertreibungen nicht dahin führen, daß die änderet: Mächte noch größere Anstrengungen machten, als dies ohnehin geschähe. Diese letztere Besorgnis hegen wir ja nicht, denn kein Staat wird seinen Flottenplan auf Gerüchten über die deutsche Flottenvermehrung mrf- baiten, wem: er ja doch in einigen Wochen Authentisches über diese Flottenvermehrung erfahren muß. Diese Be­sorgnis des rheinischen Blattes also ist ebenso haltlos wie die entgegengesetzte Besorgnis, daß durch die halbamt­lichen Mitteilungen über das Deplacement der neuen Linienschiffs Unheil angerichtet worden Tei._ Hingegen geben wir derCölnischen Volkszeitung" darin recht, daß die von der Marineverwaltung beliebte Geheimnis­krämerei für unsere innere Politik nicht nützlich ist. Es wäre viel besser gewesen, wenn schon vor einigen Wochen den Parteien Gelegenheit gegeben worden wäre, in ihrer Presse die politische finanzielle und technische Seite der Frage zu erörtern, wie es nur bei der Veröffentlichung der Grundzüge der Flottenforderung möglich ist.

Kein Wort mehr."

Der unseren Lesern wohlbekannte englische Schrift­steller Sidney Whitman empfiehlt in derFranks. Ztg." ein eigenartiges Rezept zur Verbesserung der deutsch- englischen Beziehungen, das Rezept des Schweigens. Whitman gibt durchaus zu. daß selbst intelligente Eng­länder heute von Wahnvorstellungen über Deutschlanr befangen sind, und führt dafür folgende Beispiele an:

Bor eiiüfleu Jahren äußerte' ein bekannter Zeichner einer »roßen englMen illustrierten Zeitung ein Mann, der di« nleisten englischen Feldzüge der letzten 25 Jahre in dieser Eigen­schaft mitgeniacht hatte, daß, wenn Lord Wolseleu sich bereit erklärte, mit auch nur 30 0t« Mann von der deutschen Küste nach Berlin zu marschieren. er fest überzeugt fei, daß ber englische General dort als Lieger einziehen würde. Ganz kürz­lich sprach sich ein bekannter englischer Journalist, ein Manu, der jahrelang eine der renommiertesten Londoner Monats­schrift«« geleitet bat nnd noch heute als anerkannte Shakespeare- Autorität gilt, in ganz ähnlicher Weise offen ans."

Hier hat man es wirklich mit einer pathologischen Erscheinung zu tun. Whitman meint aber mit Be- rufung auf Bismarcks WortReichtum hat ein Hasen­herz", daß die maßgebenden Kreise in England reich sind und deshalb vor einem Kriege zurückscheuen, bei dem der Einsatz mit dem zu erringenden Preise außer Ver­hältnis steht. Er möchte deshalb die Parole ausgeben: Kein Wort mehr!" und begründet das dahin:

'Vor ein paar Jahren soll ein reicher amerikanischer Zeltuugs- besitzer dekretiert haben, daß bei Strafe sofortiger Entlaffung des ganzen Personals der Name einer bekannten englischen

Feuilleton.

Die Seeschlacht bei Helgoland".

Schon seit Jahrtausenden übt das Problem der Ver­vollkommnung der staatlichen, wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Zustände der Menschheit einen starten sw.uber auf phantasiereiche Idealisten aus. ihm ist die an klmsang und Gehalt sehr stattliche Literatur der Staatsromane zu danken, die von Plato und Xenophon über Namen wie Thomas Morus, Defoe, Fenelon, Haller, Campe bis zu den Bellamy und Bebel unserer Tage immer wieder Pfleger nnd Leser gefunden hat. Erst unserer zwischen Krieasfieber und Schwärmerei von ewigem Frieden seit- sam hin- und hergeworfenen Zeit war es Vorbehalten, dem Roman vom Staat der Zukunft erneil blutv-, abe nicht gestnnungsverwanüten Halbbruder erwachsen zu lasten, den Roman vom Krieg der Zukunft, eine Litera­turgattung, die seit etwa einem Menschenalter existiert und sozusagen ruckweise, zumeist dann für kurze Zeit in Saft und Halm schießt, wenn eine neue, blendende Er­findung auf dem Gebiete des Waffenwesens alle bisheri­gen Systeme der Kriegführung über den Hansen zu wer­fen droht. Ihre letzte Eintagsblüte hatte diese Literatur, wenigstens in deutschen Landen, zu verzelchncn, al» die Erfindung und Einführung des rauchlosen Pulvers der modernen Kriegskunst ungeahnte Perspektiven crcsisrete.

Das neueste Erzeugnis dieser militarrsch-politlsmen Gelegenheitsliteratur ist ein soeben ttn Dreterichschen Verlag zu Leipzig unter dem TitelSeestern, 1006, der Zusammenbruch der alten Welt" erschienenes Buch, da» in den nächsten Wochen voraussichtlich viel von sich reden machen wird, und zwar ebenso sehr um ferner Tendenz wie seines Inhalts willen. Denn um das gleich 'vrweg zu sagen: dieses Buch ist eine ausgeprägte und ausge­sprochene Tendenzschrift, es dient der unverhohlenen Ab­sicht, das deutsche Volk eindringlich auf die Unerl.ätzlichker. einer raschen und ausgiebigen Verstärkung seiner t-eehr- kräst zur Sec hruzuwcisen und io Mittelbar tür die kom­

mende Flottenvorlage günstig zu stimmen. Wie immer man sich zu dieser Tendenz und zu solchen Versuchen überhaupt,dem Herrgott in die Karten zu gucken", stellen mag, keinesfalls kann bestritten werden, datz der unbe­kannte Verfasser sich seiner Aufgabe mit ungewöhnlich großem Geschick entledigt. Sein Buch zeugt nicht nur von gründlicher Kenntnis des Kriegswesens zur Sec nnd ins­besondere unserer deuffchen Kriegsmarine, sondern auch von dichterischer Gestaltungskraft und der Kunst, den Leser bis zu Atem verhaltender Spannung zu fesseln. Nur selten tritt die Tendenz mit geschmackwidriger Aufdring­lichkeit an die Oberfläche, indem dem Leser ausdrücklich auseinandergesetzt wird, was haec fabula docet; zumeist überläßt der Verfasser die beabsichttgte Wirkung dem Bericht über die von ihm ersonnenenTatsachen" selbst.

Das Buch entrollt das Drama eines Weltkrieges, der sich im Frühling 1006 an einem von den Engländern ge­flissentlich herbcigeführten Zwischenfall in Samoa entzün­det und selbstverständlich Frankreich an der Seite Eng­lands findet. Wohl gelingt es den deutschen Heeren, me Franzosen nnd ihre Verbündeten in einer Riesenschlacht bei Poitiers bis zur Vernichtung zu schlagen, aber fast gleichzeitig wird die deutsche Flotte nach heldenhaftem, von vornherein aussichtslosem Kampfe von den Englän­dern, die zuvor erfolglose Unternehmungen gegen Kux- haven nnd Kiel versucht haben, bei Helgoland vernichtet und mit ihr der deutsche Handel, diese Hauptquelle des nationalen Wohlstandes. Der Losbruch der fchwarzen Gefahr in Afrika und der gelben Gefahr in Apen, sowie die gewalttätige Erhebung der gesamten mohammedani­schen Welt zwingen die europäischen Mächte, Frieden zu schlichen, aber zu spät: Amerika, Japan und Rußland baben die Zeit genützt und sich des arbitnum mundi Be< SL, f ü r ewige Zeiten haben die abendländischen Kulturmächte Europas ihre voruialige Wettstellung ein-

gebüßt. . . ..

Eines der fesselnden Kapitel des aus einem merkwur- diaen Gemisch von hochfliegender Phantasie und kühlem : Tatsachensinn geborenen Buches ist jenes, rvorm der

heroische Untergang der deutschen Flotte in einer Sec, schlacht bei Helgoland erzählt wird. Zur Kennzeichnung der Schilderungskunst und der Tendenzkünste des Ver­fassers geben wir diesen Abschnitt im Nachstehenden wieder:

Die Seeschlacht von Helgoland.

Seit dem Bombardement von Knxhaven beschränkt­sich die Tätigkeit der beiden Flotten in der Nordsee aus ein gegenseitiges Beobachten. Hin und wieder kam es zu kleinen, ziemlich harmlosen Schießereien zwischen den aus Vorposten befindlichen Kreuzern, aber etwas Ernstliches schien der Feind nicht zu beabsichtigen, bis die Hauptmacht der französischen Panzerflotte und der größte Teil ihrer Panzerkreuzer in der Nordsee sich mit dem übrigen Ge­schwader vereinigt hatte. Dieser Zeitpunkt wurde aber immer weiter yinausgeschoberl, da die Wersten und Arse­nale in Brest und Cherbonrg zu der Ausrüstung der dort liegenden Schiffe sehr viel mehr Zeit gebrauchten, als man ursprünglich in dem gemeinsamen Angriffsplan vor> gesehen hatte. Sv »rußte die Nordseeflotte darauf verzieh ten, gleichzeitig mit dem Angriff ans den Kieler Hafen gegen die Elbmündnng und gegen Wilhelmshaven eine kraftvolle Offensive zu entwickeln, und beschränkte sich da­her auf einen Scheinangriff, der von deutscher Seite ener­gisch abgewiesen wurde. Das nur zwei Sttmden dauernde Fcncrgefecht kostete den Franzosen einen größeren Pan­zerkreuzer. Ern früher unternommener nächtlicher Ver­such a 1a Port Arthur, die Elbmündung durch Versenkung mehrerer mit Zement beladener alter ausrangierter eng­lischer Panzerschiffe zu sperren, scheiterte an der Wachsam­keit der deutschen Kreuzer, die den schwerfälligen Trans­port der Sperrschiffe in flaches Wasser trieben, wo sie dann strandeten.

Da cs auf der Hund lag, daß die englffche Flotte nur auf die Ankunft der franzüstschen Panzer des Nordsee« geschwaders wartete, muhte man auf deutscher Sette diese Frist benutzen, um dem feindlichen Angriff zuvorzukom- men. Am 15. April abends bei Dunkelwerden verließ die Kaiscr"-Klasse de« Kieler Hase« und ging, vom Feinde