Witsbckkiier Tsgblstt.
ss. Jahrgang.
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N-. 538.
Verlags-Fernsprecher No. 2853.
Dierrslag» den 14. Uonemder.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1905.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Mail.
Order. Arinlerorder. Desorder.
„Es bleibt abzuwarten, was von den so schwungvoll angekündigten Resormen übrig bleiben wird, wenn erst der Tschin, der russische Bemntenapparat, der ja mit ihrer Ausführung betraut werden mutz, sich ihrer bemächtigt, und wenn die um ihre Vorrechte besorgte Grotz- sürstenpartei zur Erkenntnis koinmen Ivird, daß, wenn es in Rußland eine Volksvertretung und damit eine Kontrolle der Finanzen gibt, das schone, lustige Leben von ehedem für immer aufhört." So schrieben wir, als vor zwei Wochen das Rhforrrrrrrarrifest des Zaren veröffentlicht und in R u tz I a n d mit eineni Jubel begrüßt wurde, der dem sprichwörtlich gewordenen russischen Optimismus alle Ehre machte.
Unterdessen aber haben die Ereignisse zur Genüge gezeigt, daß dieser Optimismus unberechtigt und unser Pessimismus gerechtfertigt war. Der Tschin und die mit ihm Hand in Hand gehende Grotzfürsten- Partei hat in der Tat alsbald nach der Verkündigung des Manifestes einen Kanips aus Tod und Leben gegen den Mini st erpräside uten Witte und seine Reformpläne begonnen, einen Kampf, der dem mit den russischen Verhältnissen nicht Vertrauten schier unbegreiflich erscheint. Das aber eben ist das Kennzeichen der absoluten, unbeschränkten Monarchie, daß der Monarch absolut machtlos ist, während das Beamtentum unbeschränkt seines Amtes waltet.
Das zeigt sich jetzt auch in Rußland, wo sich aufs neue das Sprichwort bewahrt: Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Der russische Tschin hat, unterstützt von den Großfürsten, die offen gegen den Zaren konspirieren, einen geschlossenen Widerstand gegen die von dem Zaren gutgcheißenen Reformplane des Ministerpräsidenten Witte organisiert. Die Haripttätigkcit dieser Organisation, die in den Polizeibehörden ihre Spitze findet, bestand und besteht zum Teil noch in der Set - änstaltnng der Hetzen und Raubzüge, die sich gegen die besitzenden Klassen tm allgemeinen und die Juden im besonderen richten. Die Agenten der Polizei sind die Wirte und Herbergsväter, die ihre Kunden, welche die Aussicht auf Beute zu jeden: Geschäft geneigt macht, zu- sammeutrommeln, um sie hier gegen die Juden, dort siegen die Studenten, gegen die Semstwoleute, gegen die Armenier zu führen.
Der Zweck dieser Übung ist ohne weiteres klar. Der praktische'Erfolg besteht zunächst in der Beute, in dre sich die Polizei und ihre Helfershelfer „redlich" teilen.
Feuilleton.
(Nachdruck ttrbofm.)
Der philosophische Humorist.
Jean Pauls Andenken zu seinem 80 . Todestage gewidmet.
1825 — 14. November — 1005.
Von Df. Joachim Zeller.
Gehört Jean Paul auch der klassischen, deutschen üsiteraturperiode an, so nimmt er in ihr dennoch eine Sonderstellung ein. Herder und Hippel waren diejenigen, unter deren Banne er in seinen Anfangs- schrrften stand) auch Swift, Voltaire und Rousseau hatten sirotzen Einslutz ans ihn. Das waren alles Dichter und Denker der inneren Beschaulichkeit und keine kosmopolitischen Geister, wie Goethe, Lessing und Schiller welche waren. So war er wohl zum Romantiker disponiert, schloß sich aber niemals dieser Schule an und ist auch nicht zu ihr zu rechnen. Ihm fehlt die persönliche Entwickelung. Er bleibt ewig jung in des Wortes guter und schlechter Bedeutung. So stößt er die gereisten Elemente unter seinen Lesern ab, weiß aber — heute noch — die Jugend in einer Weise für sich gefangen zu nehmen, wie es bisher wohl noch keinem zweiten Dichter gelungen ist. Sein 'Stil liebt den Pertodcnbau, hat etwas Manieriertes, ist reich an Einschachtelungen. Alle 'Episoden werden in die Breite gezogen. Aber dafür ist 'das Idyllische unendlich fein ausgesporinen, sein Beschreibungstalent ist ein geradezu glänzendes, fein Humor ist ein reiner und mitreißender. Seine ininge Naturliebe ermüdet nie, und Hand in Hand mit ihr geht eine Sympathie für alle vom Schicksal kärglich Bedachten, die seiner Schreibweise eine schöne Herzenswärme gibt.
Man muß Jean Paul mit dem Gefühl lesen. Er stellt seine Harrptarrfordermrgen an das menschliche Herz. Doch auch der Verstand, die Gedanken-Spintrsiererei kommt zu ihrem Rechte. Jean Paul tüftelt gern, wie es alle tu«, die die Kleimnalerei nach seiner Art lieben. Mart mutz sich eben schon in die Schriften des Dichters versenken, um ihn zu verstehen.
Aber vor allem soll damit dem noch immer zwischen den verschiedenen Einflüssen hin und her schwankenden Zaren bewiesen werden, daß die Verwirklichung der Witteschen Reformpläne nicht zur Ruhe und Ordnung, sondern zur Unordnung, zu Unruhen und zu Raub und Mord führen. Zwar zeigt sich Wrtte entschlossen, diese Intrigen zu durchkreuzen und mit den meuternden Beamten und der offenen Widerstand leistenden Polizei aufzuräumen, aber „der Widerspenstigen Zähmung" ist keine leichte Arbeit. Nicht ohne Mühe hat es der Ministerpräsident erreicht, daß der Prokurator des heiligen Syrrod, Pobjedonoszew, von seinem Amt zurücktrat, daß der blutige Tr e p o w, der Stadthaupt- mamr von Petersburg, versetzt und daß sogar G r o ß - fü rst Wladimir seiner Stellung als Befehlshaber der Gardetruppen enthoberr wurde. Aber „den Bösen seid ihr los, die Bösen sind geblieben." Mit den zahllosen kleinert Pobjedonoszews, Trepows und Wladimirs, die in der Provinz an der Spitze der Stadt- und Polizeiverwaltungen stehen, wird Graf Witte so leicht nicht fertig werden.
Diese K a m a ri l l a kämpft um ihre Existenz, die mit dem Willkürregiment irr Rußland steht und fällt. Der russische Tschin, der Beamtenapparat, lebt in seiner Mehrzahl nicht von seinen Gehältern, sondern von der Korruption. Daß sich jetzt die Polizei offen an den Plünderungen und Raubzügerr beteiligt, kann gar nicht wundernehmeu, denn es ist dies nur die rohe Form der Methode, die sie von jeher betrieben hat. Wenn es irr Rußland sogar möglich war, daß aus dem Palais Kami- nostrow die Kanonen durch einen Oberst gestohlen wer- ■ den konnten, wenn der später einem Attentat zum Opfer gefallene Großfürst Sergius die für die frierenden Soldaten in der Mandschurei als Liebesgaben bestimmten Decken unterschlagen konnte, um sie zur Beschaffung von „Liebesgaben" anderer Art zu versilbern, dann darf man sich füglich auch nicht über die von der Polizei organisierten Plünderungen Wundern.
Jedenfalls ist es zurzeit noch keineswegs völlig sicher, ob aus diesem Zweikampf zwischen dem Ministerpräsidenten Witte und dcnr Tschin der erstcre sobald als Sieger hervorgeheu wird. Dieser sorgsam organisierte Widerstand ist um so weniger zu unterschätzen, da die revolutionäre Partei im Grunde des Herzens über diesen Widerstand und die dadurch hervorgerufene Unordrrung durchaus nicht rriitzvergnügt ist. Denn die Ziele der Revolutionäre, die von den konstitutionellen scharf zu trennen sind, gehen viel weiter und jene hoffen, bei dem jetzigen Zustand der „Order, Gegerrorder und Unordnung" am ehesten im Trüben fischen zu können. Jedenfalls ist die Lage in Rußland, das zeigen schon die Losreißrrrrgsbestrebungen in Polen, Finnland und im Kaukasus, fürs erste noch ebenso ungeklärt wie bedenklich. :
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Es wird den Dichter charakterisieren, wenn wir gleich anfangs eine Stelle aus der Sammlung „Immergrün" zitieren: „Der schön-widerspenstige Jüngling,
der, wie meistens Jünglinge, nichts von seinem morgendlichen Wiegenfeste nmtzte, sollte am Morgen von der Ankunft seiner Verlobten und seines Festes zugleich überrascht werden mit einer neuen hellen Welt) wir sprachen zusammen tief in der Nacht, aber Gespräche an dem Vigilien- und heiligen Abende einer geschloss'nen Lebensfrist werden leicht ernst. Unversehens hatten wir uns wieder in den Staub unseres alten Kampfplatzes verlausen: er behauptet: Man werde in der zweiten Welt wieder sterben und in der dritten usw. Ich versetzte, man müsse gar nicht sagen zweite, sonderen andere Welt: — nach dem Zerbröckeln unseres körperlichen Rindenhauses sei ja die sinnliche Laufbahn abgeschlossen, die Erwartung einer neuen sinnlichen, gleichsam ihrer Wiederholung in einer höheren Oktave, werde bloß von der Phantasie untergeschoben, die ihre Welten nur mit den Armen der fünf Sinne baue und halte — und wir dächten, wie die chinesischen Tartaren, die ihre Toten nrit goldpapiernen Häusern und Gerätschaften im Vertrauen deren Verwirklichung droben anssteucrn und besonders sei die Scelenwanöcrung außerhalb der Erde durch die Leiber ans anderen Sternen ganz unstatthaft ..."
Jean Paul Friedrich Richter — bekannt unter seinem Schriftstellernamen Jean Paul — wurde dem Rektor und Organisten Richter und dessen Ehefrau zu Wunstedel am 21. März 1763 geboren. Seine ganze Kinderzeit verbrachte der zu stiller Beschaulichkeit neigende Knabe irr dem "idyllischen Podiz, wohin sein Vater als Pfarrer berufen worden war. Erst mit 13 Jahren — als der alte Richter nach Schwarzenbach versetzt worden war — kam Jean Paul zum ersten Mal in eine öffentliche Schule. Drei Jahre später kam er nach Hof aufs Gymnasium. Doch jetzt starb gerade sein Vater,- die Folge war einr böse Mittellosigkeit, mit der der Dichter jahrelang zu kämpfen hatte. Der knappe Geldbeutel machte ihm auch ans der Leipziger Universität, die er seit 1784 als Student der Theologie besuchte, arg zu schaffen. Und drese rnate-
ArümtslüsensürsorZe in Englmld.
Aus London wird uns geschrieben:
Im englischen Unterhcruse wurde unlängst von der Regierung ein Gesetzentwurf „Unemployed Workmen Act" erngebracht, welcher die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Errichtung von eigenen Behörden, die Arbeit nachzuweisen haben oder selbst Arbeitslose bs> schästrgerr können, zum Zwecke hat. Für jeden Londons? Verwaltungsbezirk (Metropolitan Borouah) ist zunächst je ein aus gewissen Bearrrten des betreffenden Bezirkes zusammengesetzter Lokalausschuß vorgesehen: an der
Spitze aller Lokarämter (-Ausschüsse) der Grafschaft London steht eine Zentralstelle, die aus Vertretern der Lokalämter und aus Mitgliedern des Londoner Grafschaftsrates besteht.
Die Lakalämter haben die Pflicht, sich über den Stand des Arbeitsmarktes in ihrem Bezirke stets auf dem lausenden zu erhalten und bei Inanspruchnahme durch Arbeitslose, welche von seiten derselben unbeschadet ihres aktiven und passiven Wahlrechtes erfolgt, deren Ansuchen eingehend zu prüfen: fie haben festzustelleir, ob der Arbeitsuchende ernstlich eine Beschäftigung anstrebt, vorübergehend aber aus Ursachen, die nicht von ihm abhäirgen, leine erhalten kann, und können ihm in diesem Falle private Arbeitsgelegenheit Nachweisen. Ist das Lokalamt der Arrsicht, daß das betreffende Arbeitsgesuch besser durch die Zentralstelle erledigt werden könnte, so kann es das Gesuch an diese überweisen: es ist jedoch nicht befugt, selbst Arbeitslose zu beschäftigen.
Die Zentralstelle hat die Aufgabe, die Lokalämter zu beaufsichtigen und sie iir ihrer Vermittelungstätigkeit durch Einrichtung von Arbeitsnachweisen, Stellenlisten rrstv. zu unterstützen, und die ihr unterbreiteten Fälle zu untersuchen; sie hat das Recht, Arbeitssuchenden bei der Auswanderung oder beim Wegzug behülflich zu sein, ihnen vorübergehend Beschäftigung (und zwar in landwirtschaftlichen Kolonien) zu verschaffen oder sie irr die Lage zu setzen, regelmäßig Arbeit oder sonstige Existenzmittel zu erhalten. Tie Vergütung für die Arbeiten in den Kolon.ren muß. rrm niißbräuchliche Ansuchen um Arbeit zu verhüterr, weniger als der ortsübliche Lohn rrn- geschrrlter Arbeiter betragen; auch darf eine Person nicht länger als zw:ü Jahre hintereinander versorgt werden.
Der Zentralausschuß erhält ferne Geldmittel aus freiwilligen Beiträgen und aus örtlrchen Abgaben; er ist berechtigt, Anleihen aufzunehmen und Zuschläge zu den Gemeindesteuern zu erheben. Der Ertrag aus den Abgaben darf jedoch, soweit es sich um Beschaffung von Arbeitsgelegenheit handelt, nur irr landwirtschaftlichen Kolonien verwendet werden.
Für die übrigen Grafschaften ist die Bildung der in Rede stehenden Ämter freigestellt. Alle diese eventuell
rielle Not war es auch, die ihn zur schriftstellerischen Produktion drängte. Die „Grönländischen Prozesse" (1788) waren das freilich noch unter einem Pseudonym geschriebene Erstlingswerk. Die Aufnahme dieses Buches bei Kritik und Publikum war eine kühle. Jean Paul ließ sich aber nicht abschrecken. Er fiedelte wieder nach Hof über, wo er ganz seinen Privatneigungen und literarischen Privatstudien lebte, denn mit der Theologie war es ihm wohl niemals recht ernst gewesen.
Doch mit der Schriftstellerei ging es nicht vorwärts. Jean Paul sah sich mehrfach gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer zu verdienen. Dann aber brachten einige Humoristica („Die Reise des Rektors Fälbcl und seiner Primaner", „Leben des 'vergnügten Schnlmeisterleins Maria Wüz" usw.) einen Wendepunkt in sein Leben. Es war ihm gelungen, das Interesse des Publikums wachzurufen, und der Roman „Eine geborene Ruine" brachte ihm sogar das ersterc größere Honorar. Dann kam der Roman „Hcsperus" (1705) und mit diesem der erste, wirklich große Erfolg. Jean Paul war einer der Sterne am literarischen Himmel 'der damaligen Zeit geworden.
Und nun fetzte der Erfolg nicht mehr aus. Es kam Schlag ans Schlag. Das Jahr 1796 brachte den „Onintus Fixlain", das nächste Jahr den „Siebenkäs". Einer anonymen Einladung nach Weimar folgend, siedelte Jean Paul jetzt nach der Jlinstadt über, wo er einen großen Verehrerkreis ftndet und sich an Herder enger anschließt. Hier entstand der „Titan". Bon Weimar trieb es den nun überall Gefeierten nach Leipzig, von dort nach Hildburghausen, wo er den Titel eines Legatronsratcs erhielt. 1801 finden wir den Dichter in Spreeathen, wo er mit der Tochter des Trtbunalrates Meyer ein Ehe- bündnis erngeht. Dann aber zieht es ihn wieder nach Meiningen, von dort nach Koburg und schließlich nach Bayreuth.
Hier lebte er in stillem Schaffen und froher Natnr- friedlichkert. Nun auch als eine Probe von Jean Pauls eminenter Fähigkeit, die Natur in grandioser Werse zu schildern, sei folgendes aus seinen Schriften hierher gesetzt: „ . . . die roten Wogen stiegen rrm den bangen
