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53. Jahrgang.

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Ma. §20.

Verlags-Fernsprecher No. 2883.

Montag, den 6. Uovrmber.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1905.

Kbend.Ausgabe.

__1. Wcatt.

Wir und England.

Die Erregung, dorr der die Welt irach den Enthüllun­gen im ,^Matin" erfüllt war, hat sich ja wieder gelegt, aber die Frage bleibt in Kraft, ob damit, daß von diesen Dingen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesprochen wird, auch ihre in der Stille wirkenden Potenzen sozusagen nullifiziert worden sind, ob es also mit anderen Wor­ten keine akuten Gegensätze, für den Augenblick wenig- ftens, zwischen uns und den Westmächten gibt. Wir Meinen, die Frage konnte dahin beantwortet werden, daß solche Gegensätze mit krisenartiger Zuspitzung zwar gegenwärtig nicht vorhanden sind, daß aber die Lage doch die äußerste Wachsamkeit zur Pflicht macht. Die uu- Mittelbaren Anlässe, die einen gefährlichen Zusammen­stoß hätten herbeiführen können, sind mit der Entfernung Delcassäs und mit der Verständigung über die MaroLko- frage offenbar beseitigt. Indessen, was berechtigt wohl zu der Hoffnung, daß sich gleichzeitig auch die grund­legenden Tendenzen der Politik geändert haben sollen, die erne so bedeutsame Annäherung zwischen England und Frankreich hat ermöglichen können? Wir sehen nur, daß Heiden Mächten die unüberwindliche Mhwierigkeit einer, sagen wir: unfreundlichen Auseinandersetzung mit Deutschland aufgegangen ist, aber die Folge davon ist nur, daß man sich zur Verschiebung des Zeitpunktes hat entschließen müssen. Die tieswurzelnde Wneigung, die in den führenden Klassen und bei den leitenden Männern des britischen Reichs gegen uns herrscht, und die dem unbefangenen Betrachter wichtiger noch als die ent­sprechende Stimmung der Franzosen erscheinen muß, sie wird vermutlich nicht cmfhören, nach Mitteln und Wegen zu ihrer Realisierung zu suchen. Jedenfalls ist das stärkste Mißtrauen geboten. Es wäre unklug, wollte Man es in irgendwelchen aggressiven Formen zeigen, wollte man es überhaupt mehr nnd öfter als nötig ans- fprechen. Aber ein Recht zum Mißtrauen haben wir.

Dabei braucht es noch nicht einmal falsch zu sein, wenn behauptet wird, daß die uns unfreundlichen Gesin­nungen der englischen Politik mir darum in London so stark betont worden sind, um uns damit zu sagen, wir hätten weislich auf.die angeblich beabsichtigte llberrumpe- tung Frankreichs zu verzichten. Tie Behauptung, daß dies die eigentliche Triebfeder der englischen Aktion ge- wesksi sei, stützt sich mit auf den in England und Frank­reich allerdings stark verbreiteten Argwohn, daß die deutsche Politik tatsächlich daraus aus sei, die Lahm- legung Rußlands zu benutzen, um mit Frankreich defini­tiv abzurechnen. So töricht der Argwohn ist, so sehr er mit allen deutschen Stimmungen, Meinungen, Absichten, sowohl denen der leitenden Persönlichkeiten wie denen

Feuilleton.

(Nachdruck verbalen.)

Mlerleirauh.

Plauderei über Pelze und Pelz mv den.

Von Toiuctte Lambert.

Wer kennt nicht aus den Grimmschen Volksbüchern her das traute Märchen von Allerleirauh dem Königs­kind, das sich ein Gewand aufertigen ließ, zu dem jedes Tier des Waldes ein Stücklein vom eigenen Kleide bei­steuern mußte. Nun, darauf gerade ist der Sinn unserer Schönen heute freilich nicht gerichtet: allein die Freude an kostbarem Pelzwerk blieb ihnen bis zum jetzigen Augenblick erhalten,' ja, sic hat womöglich im Laufe der Jahrhunderte eine recht wesentliche Steigerung erfahren.

Pelzwerk zu tragen, war ehedem nur das Vorrecht der Mächtigen dieser Erde, zumal in Ländern, wo die be­treffenden Tiere selten vorkamen oder überhaupt nicht vorhanden waren. Denn selbstverständlich stieg in eben dem Maße auch der Preis für ihre Hüllen. Je uner­schwinglicher dieser wurde, um so mehr Stolz setzte man darin, ein so seitens Pclzwerk in seinen Besitz zu bringen.

Entscheidend für die Bedeutung des Ticrkleiües als Mode- und Prunkstück für die Knltnrwelt war der Moment, da die germanischen Jünglinge und Frauen den Loden Altroms betraten. Wie man sich kaum satt sehen konnte an dem gelben Golöhaar der mächtigen Gestalten, so ruhte auch der Blick, zumal der Römerinnen, mit sicht­lichem Wohlgefallen auf der Tracht, in der sich diese An­gehörigen der so fremdartigen Völkerschaften zeigten. Um ihre Schultern legten sie das glänzende Fell des Bibers, das feinhaarige des gefürchteten Bären, das sich dicht an- schmiegcnde von Woks und Luchs. Sogar über den Rücken der Streitroffe waren Felle gebreitet. All dies dünkte den Frauen Roms eigenartig und schön zu gleicher Zeit. Und wie sie hohe Summen für das Gelbhaar der germa­nischen Mädchen zahlten, um selber in dem erborgten

des öffentlichen Geistes in Widerspruch sicht, so können wir die Tatsache nicht wegleugnen, daß derartige Auf­fassungen bei Engländern rmd Franzosen vorhanden sind. _ Nun gibt es eine Ansicht, nach der König Eduard und seine Natgcher gerade auf jenen Argwchn hin ihre Aktion in diesem Sommer eingerichtet haben. Wir fin­den diese Ansicht jetzt auch in einem beachtenswerten deutschen Organ wiedergegeben, in denPreußischen Jahrbüchern", wo sich der Herausgeber, Professor Del­brück, für die mitgeteilte Anschauung beinahe einsetzen zu wollen scheint. Delbrück stützt sich u. a. darauf, daß das Anerbieten der englischen Hülfe an Delcasse nicht ganz im geheimen geschehen, sondern deni deutschen Bot­schafter sofort zur Kenntnis gebracht worden sein soll. Ein englischer Staatsmann nun, der den Krieg wünschte, hätte, nach Delbrück, seinen Plan vor Deutschland so lange wie möglich geheim halten müssen. Also war die gleichwohl erfolgte Mitteilung eine Mahnung zur Mäßigung, eine sehr überflüssige, eine beinahe belei­digende Mahnung, aber keinesfalls ein Mittel, Deutsch­land in den Krieg mit Frankreich hineinlaufen zu lassen. Delbrück fährt fort:Kein Zweifel, England war ent­schlossen, wenn cs wirklich zum Kriege au den Vogesen gekommen wäre, den Franzosen nnt aller Kraft beizu­stehen, aber daß es künstlich zu einer so entsetzlichen Kata­strophe getrieben, ist zum wenigsten nicht erwiestu. Sein Defensivbund braucht zunächst nicht anders gemeint ge­wesen zu sein als das französisch-russische Bündnis, als der Dreibund, als jene Warnung Alexanders II. an Österreich im Jahre 1870, daß er seinerseits eingreisen werde, wenn dieses uns während des Duells mit Frank­reich in den Rücken falle; die Engländer könnten also sagen, daß ihr Anerbieten nicht nur nicht zum Kriege führen, sondern der Erhaltung des Friedens dienen sollte. Diese Doppelseitigteit der Auslegung haben ja sehr viele Handlungen in der Politik, z. B. alle Rüstun­gen, die ebensowohl der Erhaltung des Friedens wie der Vorbereitung zum Kriege dienen können."

Nichtsdestoweniger aber bleibt das englische Aner­bieten eine uns höchst feindseligeHandlung, die aus feind­seliger Gesinnung entsprimgen ist. Denn nur feindselige Gesinnung kann im deutschen Kaiser den Plan arg­wöhnen, daß er Angriffsgedanken gegen Frankreich hege. Will man aber selbst darauf kein Gewicht legen, da ja die Welt nun einmal voller Argwohn und auch unbe­gründeten Argwohns ist, so steht doch fest, daß England auch noch während unserer Verhandlungen nnt Frank­reich, nach dem Sturze Delcassös, unserer Regierung direkt notifiziert hat (16. Junis, daß es, wenn es znm Konflikt um Marokko käme, Frankreich unterstützen würde. Es bleibt daher selbst im allermildesten Falle, selbst wenn wir bei den englischen Staatsmännern jeden Wunsch und jeden Hintergedanken, es zum Kriege mit uns zu treiben, ausschalten, unfreundliche Gesinnung gegen uns genug übrig, um unsere Lage als höchst ernst ansehen zu müssen.

Probleme der UWrWn Wohlresorm.

L. Berlin, 4. November.

Ungarn soll das allgemeine gleiche direkte geheime Wahlrecht erhalten, dies ist, wie man weiß, das Pro­gramm des Ministeriums Fejervary, und die Krone hat zugcstimmt. Wir möchten hier nicht auf die Wirkungen der geplanten außerordentlichen Reform auf das Der- hältnis der beiden Reichshälften zu einander eittgehen. sondern untersuchen, von welchen Gesichtspunkten die leitenden Männer des jetzigen ungarischen Ministeriums, General Fejervary und der Minister des, Innern, Kri- stoffy, ausgegangen sind. Denn die erste ihnen zuzu- billigeude Voraussetzung ist doch selbstverständlich, daß sie als ungarische Patrioten handeln wollen und werden, daß sie also dem Magyarentmn keinen Abbruch) zu tun gedenken. Nun möchte man zunächst meinen, daß eine so durchgreifende Reform des ungarischen Wahlrechts für das Magyarentum einfach vernichtend sein müßte, da die Magyaren nur wenig mehr als die Hälfte der Gefamt- bevölkerung anZmachen, also mit einer überaus starken Minderheit von anderen Nationalitäten zu rechnen haben werden, wenn die Wahlen ans der Grundlage der Gleichheit und der Gerechtigkeit stattfinden. Solche Be­fürchtungen hegt auch die Opposition, wie denn z. B. Tisza erklärt hat, die Reform würde den Boden vorbe- xeiten für einen reaktionären Versuch, der sich auf die. nichtmagyarischen Nationalitäten stützen könnte.Sollen wir", fragt Tisza,unseren Feinden die Waffe in die Hand geben? Das wäre der Selbstmord der ungarischen Näation." Es ist zuzugeben, daß diese Meinung viel für sich hat, daß sie sich auch dem auswärtigen Beobachter als plausibel aufdrängen muß, wenn er wahrnimmt, wie jetzt auf Grund eines Wahlgesetzes, das das Ungartum in der krassesten Weise begünstigt, die Meinherrschast des ungarischen Elements gesichert wird. Fejervary will das Wahlrecht allen ungarischen Staatsbürgern ver­leihen, die das 21. Lebensjahr erreicht haben und des Lesens und Schreibens kundig sind. Me Absümmung soll außerdem gemeindeweise stattfinden, also nicht wie bisher an einem Zentralwahlort des ganzen Wahlkreises, sondern wie in Deutschland an dem Orte, wo der Wähler zuständig und wahlberechtigt ist. Wie es jetzt mit den Wahlen in Ungarn steht, schildert u. a. der bekannte treffliche Vorkämpfer des Deutschtums in Ungarn, Lutz- Korodi, in denPreußischen Jahrbüchern". Bisher mußte hiernach der ländliche Wähler oft tagelang unter- Wegs sein, wenn er absümmen wollte, und sein politisches Urteil war meist abhängig von denr Fuhrwerksbesitzer, der ihn nach dem Wahlort reisen ließ. Nach der lex Kolo man Szell, die eine relativeReinheit der Wahlen" sichern sollte, war es dem Abgeordnetenkandidaten ge- stattet, deni Wähler nicht nur den Fuhrlohn zu bezahlen, sondern auch siir dessen bürgerliche Ernährung während der Wahlerpedition zu sorgen. Dieser landesväterlichen

Kopfschmuck zu prunken, so bildeten auch die Pelze, die nunmehr als wichtiger Handelsartikel ans den germani­schen Wäldern in die Sieberrhügelstadl gelangten, ein Zier- und Modestttck, das in der Garderobe einer vorneh­men Römerin niemals mehr fehlen durfte.

Das ganze Mittelalter wird von der Anschauung be­herrscht, daß es kein kostbareres und prächtigeres Gewand gebe, als das aus Pelzwerk hergestellte oder wenigstens damit verbrämte. Schon im Jahre 397 Hatte Kaiser Hono- rius den Befehl erlassen, es dürfe niemand in Rom und der Umgegend Pelzwerk tragen, es sei denn, daß er Mit­glied seines Hauses oder seiner Familie wäre.

Während der Kreuzzüge bildeten die kostbaren Pelze der Fürsten und Ritter ein Beutestück, auf das es ihre moslcmitischcn Gegner ganz besonders abgesehen hatten. Weder Gold noch Edelgestein besaß in ihren Augen so hohen Wert wie ein mit Marder verbrämtes Wams oder gar mit dem damals mit höchstem Preise bezahlten Hermelin.

Bei solcher steten großen Nachfrage nach edlen Pelzen mußten diese sogar in Ländern, die sonst schier überreich an den betreffenden Tieren gewesen, selbstredend immer seltener werden. Auch in Deutschland machte sich der Mangel bereits im Mittelalter mehr nnd mehr bemerk­bar. Die Verbote, Pelzwerk zu tragen, zeigen sich dem­gemäß stets häufiger. Zugleich eifert die Kirche von der Kanzel herunter wider die Prunk- und Putzsucht, die in solcher Mode zutage trat, lind in derNeichspolizeiord- n»ng" vom Jahre 1848 heißt es ausdrücklich:

Gemeine Bürger, Handwerker nnd Krämer sollen keine mit edlem Pelz verbrämte Kleider oder überhaupt kostbares Rauchwerk tragen, sondern sich dau.it begnügen, ihre Kleider mit Fuchs, Iltis oder Lamm zu füttern".

DenGrafen und Herren" dagegen wird verstattet, sich jedes kostbare Pelzwerk, sei es als Futter oder zum Berbrämen, anzuschaffeir. Nur Zobel und Hermelin sind auch ihnen verweigert,' diese edelsten sämtlicher Rauch­werke verbleiben allein denen, die eine Krone auf dem Haupte tragen

Nichtsdestoweniger hat im Laufe der Jahrhunderte die Mode auf den Wert der verschiedenen Pclzarten wiederholt bestimmend eingewirkt. Bald wird die eine bevorzugt, dann wieder die aridere. Neue tauchen auf an die zuvor kein Mensch gedacht. Odkr der nie rastende Erwerbs- nnd Betriebsstnn stößt in fernen Zonen aus Tiere, die bisher unbekannt waren, und beraubt sic ihres Kleides, um es als wärmende Hülle oder seltenes Putz, stück für schöne Frauen herzurichten.

Das Land, das augenblicklich über das köstlichste Rauchwerk verfügt, dürfte Rußland sein. Schon sein Reichtum an unergründlichen Wäldern, sowie seine Lage innerhalb der arktischen Zone berechtigen es dazu. Hier wird denn auch das edelste unter sämtlichen Pelztieren, der blauschwarze Zobel, erlegt. Jedes Stück wird mit dem kaiserlichen Stempel versehen. Die Ausfuhr ist strengstens untersagt. Aber selbst innerhalb Rußlands dürfen nur die Mitglieder der Familie des Zaren Pelz­werk tragen, das ans solchemKronzobcl" hergestellt ist.

Eine Wertskala der verschrobnen Petzarten festzu­stellen, dürfte recht schwierig sein. Schon deswegen, weil ja die Mode in ihrer unberechenbaren Laune bald das eine Ranchwerk bevorzugt, dann wieder das andere

Augenblicklich nimmt wohl Astrachan aus Bochara die allererste Stelle ein, die zweite erst Zobel in seinen verschiedenen Schattierungen, die dritte Fuchspelz. Dicht an die russischen Zobel reiht sich derjenige, den der kana- dische Marder liefert. Zobel und Marder ist nämlich einerlei. Überhaupt ist der Norden Amerikas geradezu überreich an köstlichen Pelzträgern unter den Tieren. Es liefert nebelt den so sehr geschätzten Silber- nnd Kreuz, fuchsen ferner iroch Ottern, Nerze, Luchse, Biber, See- Hunde, Bisam- und Beutelratten, Bären und Wölfe.

Selbstverständlich legen die Großen dieser Erde noch heute Gewicht darauf, in ihrer Garderobe Pelzwerk zu besitzen, das ebenso kostbar wie selten ist. Den wunder, barsten Pelzmantel soll die Herzogin-Witwe von Sachsen- 1 Coburg-Gotha ihr eigen nennen. Er besteht ganz aus Kronzobel von feinstem Schein und wurde zur Zeit, da