Mo. 469 4
Morsen-Ausgads.
8. KSatt.
iesbsdener Tsgblsti.
Kamstag,
7. mtobcv 1905.
53* Jahrgang.
W- “ '
Wer die Kunst des Kompromisses nicht kennt, vielleicht nicht kennen will, solch Orlando furioso und Charakterfatzke kann sich begraben lassen. Ich habe noch nicht gesehen, daß ein Dollbregen oder auch nur Prinzipienreiter heil durchs Leben gekommen ist.
Theodor Fontane (Briefe).
(Schluß.)
Der rote Kerfien.
Roman von Richard Skowrourrek.
„Tie Inspektoren schreien und kommandieren, die Kühe •'T“ ;U o» n « mmen auf der Docsstrasie und die Weiber sch. epprn Zellen und Hausrat vor die Türen. Der Herr Gras aber galt mitten darin hoch zu Pferd, ich hinter chm, und er sreht rminer zu. Mit einem steinernen Gesicht rch rann es gar nicht beschreiben. Auf einmal fangen dre Weiber an zu schreien, in dem Bobrzrrkschen Haus wäre eine alte Frau vergessen worden, die Großmutter, die gelahmt im Bett lag. Der Oberinspektor sprrngr durch die dvennende Tür, aber er muß umkehren, Bart und Haar pird ihm abgesengt. Da steigen Se. Er- lauch: aus dem Sattel und gehen auf das Haus ztt'Der Oüerinipektor 'springt ihm iri den Weg und.schreit„Uni Gottes willen, Erlaucht, um so ein armseliges, altes Weib f . . . Und es ist nichts ir^e^r zu retten, denn drinnen rst's nur eine Flamme!" Ter Herr Graf aber kehrt ihn nur ''o init der Hand wog: „Was wissen Sie was die Pflichten des Herrn sind!" Sieht sich noch einmal um nach dem Schloß, hebt .den Kopf und geht in das brennen,de Haus hinein wie . . . na, ich Hab' keinen Ausdruck dafür, aber es sah aus, als müßt' er hinein- gehen. Einen halben Augenblick danach brach das Dach ein, der Schornstein fiel zusammen und wir standen alle da, konnten nicht helfen. Die Frau Gräfin-Mutter aber befahl mir, hierherzureiten und das Unglück zu melden!"
Rabe-Christoph hatte dem Berichte zugehört, ein jähes Aufschluchgen rang sich ihm aus der Brulst Er glaubte zu ahnen, wofür der Bruder gestorben ivar und die Rene fiel ihn an, daß er, wo er im Glücke stand,' nicht versucht hatte, den Weg zu dam Einsamen zu finden Er nahm den Hut, ab und sprach mit tränenerstickter Stimme: „Kommt, ihr Seitte, laßt uns beten. Für einen der ein gerechter Herr war in seiner Weise. Ich folge ihm nach, und Gott helfe mir, daß ich den Wen finde den er gesucht hat!" .. . * 1 '
Das Vaterunser war zu Ende, aus der sich lichtenden Menge trat ein riesengroßer und breitschnittiger Mann vor dein der es gesprochen hatte Er verneigte sich unbeholfen und streckte die Hand aus.
„Herr Graf, ich heiß' Heinrich Vollandt, Heinrich Dollandt auf Dembinowka. Ich möchte Ihnen als erster die Hand schütteln und nur das Wort sagen: Bleiben Sie so bei, wie Sie angefangen haben, dann brauchen wir hier im Kreise keine Heber. Einer von beiden ist mein
Schwager, aber, was ich ihm unter vier Augen gesagt habe, sage ich hier offen: Er meint es vielleicht ehrlich, aber er arbeitet für andere, ohne es zu wissen. Tiese anderen aber sollen bleiben, wo sie sind, wir können sie nicht brauchen!" ...
Da schüttelte Rabe-Christoph die Harrd, die sich ihm entgegen streckte, und die beiden Männer sahen sich fest in die Augen. . . .
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Die Fahne auf dom alten Hause war Halbmast gezogen, durch den im Frühlingsgrün prangenden Park wurden zwei blumengeschmückte Särge nach der letzten Ruhestätte getragen. Ein seltenes Geschick hatte die beiden Gatten im Tode vereint: im selben Augenblick, da der Gras in das brennende Haus schritt, war ihm die Gatttn gefolgt. Und die Zofe, die an ihrem Sterbelager zugegen ivar, berichtete, sie hätte einen gar leichten Tob gehabt. Ms die Feuerglocke schrillte, hätte sie sich mit erschrockenen Augen ausgerichtet und wäre nicht zu bewegen gewesen, sich niederzulegen, Als aber draußen der hundertstimmige Schrei erscholl beim Zusammenbrechen des Hauses, da hätte sie sich mit einem Lächeln lang crusgestreckt und wäre sanft eingeschlafen . . . Ganz, ms wenn sie gefühlt hätte, daß die Zeit gekommen sei, ihre seele mit der des Gatten zu vereinen. —
Unter den von fern und nah gekommenen Leid- tragenden, die den beiden Särgen folgten, befand sich auch eine Devutation ber Liebensteiner Kürassiere, denen der'verstorbene Graf als Rittmeister der Reserve angehört hatte. Ter Kommandeur des Regiments, der älteste Rittmeister und .ber Regimentsadjutairt. Und der Rittmeister von Frantz warf die Frage auf, wie sie bei dieser durch ein altes Herkommen gebotenen Pflicht sich wohl bei der Begegnung mit dem neuen Grafen verhalten sollten, der — kaum ein paar Monate war es her — aus dem Regiment« unter so wenig rühmlichen Umständen geschieden wäre. $a sah ihn der Oberst von Lnttnitz an und sagte: „.Mein lieber Herr von Frantz, Sie sprechen von Sr. Erlaucht, dem Herrn Reichsgrafen von Kersien. Wir haben die Ehre gehabt, ihn eine Zeit- lang zu unsevm Regiment zu zählen, gleich seinen erlauchten Vorfahren, er hat freiwillig den Abschied ge- nommen, weil Gesinnungen, die wir h.ente nicht mehr zu beurteilen haben, ihm ein längeres Verweilen in unserer Mitte nicht mehr gestatteten. Ich rechne es nur zur Ehre an, im gegebenen Augenblick nicht vorschnell gehandelt zu haben, sondern nach sorgfältiger Prüfung der in Bettacht kommenden Persönlichkeit. Wir sind nur ein Ausschnitt und haben nicht die Verpflichtung, der ganzen Welt unsere naturgemäß eng gezogenen Anschauungen anfzudrängen. Wer zu uns gehört, den können wir beurteilen oder verurteilen, je nachdem. Wenn aber jemand sich freiwillig von uns scheidet —• den Brief damals haben Sie ja alle gelesen, meine Herren — und beweist hinterher durch die. Tat. daß ihm. dieser scharfe Schnitt ein inneres Herzensbedürfnis gewiesen ist, dann können wir nickt anders, als einer solchen Persönlichkeit unseren Respekt zollen. Wir brauchen mtt ihr nicht freundschaftlich zu verkehren — sie selbst legt vielleicht gar keinen Wert darauf — aber wir vergeben uns auch nichts, wenn wir ihr bei rufälligen Begegnungen mit der gezrenrenderr Achtung begegnen. Jedem das
Seine, meine Herren, und je enger und schroffer wrr über uns selbst urteilen, desto weitherziger müssen wir über die Leute denken, die aus der andern Seite des großen Korridors wohnen." Der Oberst schwieg und sah zum Fenster hinaus, der moquante Regimentsadjntant über neigte sich zum Ohr des Rittmeisters. ,
„Was aus dem guten Rabe-Christoph irtz dieser kurzen Zeit alles geworden ist! Und ich sehe sehr schwarz ans die Böcke, die der Herr Rittmeister sonst um diese Zeit immer in Jablonowv geschossen haben!" - '
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Die Jahre waren vergangen. Nabe-Christoph saß als ein rechter Herr auf seinen Gütern. Und er war nicht voreilig eingezogen, sondern hatte seine stmge Frau nach Dembina geführt, um dort mit ihr zusammen dre Lehrzett auszuhalten, die er sich gesetzt hatte. Euren ganzen Jahresbettieb und genau so hart wie zu der Zer, da der alte Kramer den segensreichen Filzstiefel ttmg UN- er wie ein Lehrling vom hebenden Morgen bis rn we sinkende Nacht im Sattel sitzen, mußte. Danach grng er erst daran, in den großen Kreis , der PflrchtM ^rnzu- treten, beit ihm die Verwaltung der Grafschaft brachw Zu seinem Leidwesen schlug sein alter Lehrmeister chm die Bitte ab, in Jablonowo die Stellung, ernes Ober- inspektors zu übernehmen. Er mernte, es, langte nur gerade noch zur Verwaltung, der kleinen Klitsche, auf der er all' die Jahre, gesessen hätte, rn dre großen Verhältnisse der Grafschaft müßte der surrge Herr sich schon allein hineinfinden. Das Zeng dazu hatte er, nötig n- falls Sein eigener Oberinspektor zu fern und den anderen Herren im Kreise zu einem nachahmenswerten Beisprel
3U tnfeÄVdu Abend, an dem Rabe-Arrstoph an ein Wort denken mußte, das er in einer Nacht gehört hatte, als er drauf und dran gewesen war, unter dre Verkommenen zu geraten. Er kam auf Gaul von der Parkfeite heim nach schwerer TagL^arle.i. Auf der Freitreppe haschte sich sein junges Weib mtt dm beiden Ältesten, indessen die Großmutter ihm ben jüngsten mtt ausgestreckteu Armen sntgvgenhrelt. ©a mutzte er unwillkürlich laut anflachen, denn tn dem Wort da- Mals war von einem Hülben Dutzend, dre Rede gewesen, aber was noch nicht war, das konnte, za noch kommen. ..
Der Reitknecht nahm ihm die Zügel ab. Dre pruge Frau die ttotz ihrer drei Buben noch immer wre enr Mädchen aussah, eilte Hm mtgegeir und legte chm dr« Hand auf den Arm.
Du Chrrstöphle, ich muß dich was fragen. Heust nachmittag Hab' ich mit dene beide Älteste — ungezogene Sufie sinrr's und fange a'. als schon nach drr zu ähneln — ja, also ich Hab' am Parkgitter gestände , Da käme zwei Handwerksbursche vorder, der errr hob' fernen^ Stock und sagt: „Da wohnt der rote Kersien! Also was herßt
das setzt: roter Kersien?" .
nahm er sie lachend rn seine Arme
~3a Eka, das weiß ich nicht. Vielleicht rührt s von unserem Wappenvo-gel her, der schwarz rm roten, Felde sitzt Rot wie die Liebe und treir wie der A-od. Vielleicht waren die borden Burschen aber auch errr, paar Politiker imd wollten saaen daß ich in manchem mtt meinen Nach.
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