SS. Jahrgang.
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1. 33Cait._
Zlürr öcrs 4. gmarfaC 1905
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Mach Norwegen Ungarn?
Als vor drei Monaten das ungarische Abgeordnetenhaus über das „Nbergangskabinett" Fejervary zur Tagesordnung überging, schrieben wir unter anderem:
Es kann als ein böses Borzeichen gelten, daß die .ungarische Volksvertretung dem Ausgleichskabinett Fejervary an demselben Tage ihr Mißtrauensvotum erteilte. wo der schwedische Reichstag sich wohl oder übel zu gütlichen Verhandlungen über die Auflösung der Union anit Norwegen bereit erklärte. Wie in Norwegen die Parole ,-Los vo^ Schweden" verwirklicht worden ist, so ür-ird jetzt auch in Ungarn die alte Losung in den Vordergrund treten ,>LoS vom Dualismus, hoch die Pcrsonal- Llnion!"
Was wir damals voraussagten, ist schnell crnge- troffen. Jetzt, wo Norwegen und Schweden nach lang- uvierigcn Verhandlungen, die sich zeitweise recht kriegerisch zugespitzt hatten, sich endlich „gütlich" über ihre reinliche Scheidung geeinigt haben, haben sich die Dinge in Österreich und Ungarn derart zugespitzt, daß es fast fo aussieht, als ob man sich hier am Anfang derselben Entwickelung befinde, die in Schweden und Norwegen soeben ihr Ende zu verzeichnen hat. Freilich haben bis jetzt selbst die wildesten Magyaren stets nur erklärt, daß ihr letztes Ziel die staatliche Losrcihung Ungarns von Österreich in dem Sinne sei, daß die Personalunion, das heißt der gemeinsame Herrscher, beibehalten werden solle. Uber cs hat den Anschein, als ob ganz nach dem Muster Norwegens auch in Ungarn der republikanische Gedanke werbende Kraft aufweise. Wird doch berichtet, daß die aus Wien nach Budapest zurückgckehrten Delegierten der Koalition dort unter andern: mit dem Ruf empfangen wurden: „Hoch die Republik!" Das klingt um so bedenklicher, da zwar der alte Kaiser Franz Josephs sich bisher immer noch einer gewissen persönlichen Beliebt-
IeurUeton. pariser Brief.
«au ler Jagd. — Jagdmauie. — Pariser Jagdlatei«. — FrauzS- fischer Wildgeschmack. — Eine neue Wildsorte.
8. Paris, 12. September IVOS.
Die ersten Hcrbstboten haben sich pünktlich eingestellt: Die Austcrnkörbe vor den Gasthäusern, die Nachblüte der Kastanienvänme an den großen Promenaden und die Scharen gestiefelter, unter Gurten und Taschen mit der Flinte auf dem Rücken Martialisch drcinschanender Herren in den zu den Bahnhöfen führenden Straßen. Die Jagd ist nämlich nunmehr auch im nördlichen Frankreich eröffnet, und so ist es für jeden guten Pariser Bürger, der mit zählen, vor allem aber mit sprechen will, eine Ehrenpflicht, das Hubertuskostüm anzulcgen und Wald und Feld unsicher zu machen. Einen Jagdschein kann sich schließlich jeder im demokratischen Frankreich leisten, und für billige, dabei schneidige Pürschs- ausstattungen sorgen zahlreiche Konfektionsgeschäfte, die sogar Flinten mit „Garantie" liefern. Das können sie auch mit leichtem Herzen übernehmen, da die meisten dieser Waffen überhaupt nicht in Aktion zu treten brauchen. Erstens gehen zahlreiche Pariser Jäger überhaupt nicht mit wildtötenden Absichten fort, sondern nur, um zu paradieren oder auch um einen Vorwand zu einem gattinnenfreien Musfluge zu haben, und dann ist cs mit dem Jagdrcchs trotz der für ein paar Frank gelösten Scheine eine eigene Sache. Die jagdbaren Gründe sind in der großen Mehrheit Privatbesitze oder von Gesellschaften gepachtet, und für die wenigen freien erheben die Gemeinden, in deren Gemarkung sie liegen, ohne Rücksicht auf die ausgcgebenen ^Jagdscheine noch besondere, unverhältnismäßig hoch bemessene Gebühren. Und vor allem ist nach den ersten Tagen der Jagderöffnnng gar nicht mebr hinreichend Wild vorhanden, um den sämt-
heit in Ungarn erfreut hat, während es bekannt ist, daß die Magyaren seinem dereinstigen Nachfolger, dem Erzherzog Franz Ferdinand, ein unbegrenztes Mißtrauen entgegenbringen.
Freilich, was die Beliebtheit des 'Kaisers Franz Joseph in Ungarn betrifft, so 'kann man wohl sagen, daß durch diese am letzten Sonntag, wo die Delegierten der Koalition unter Protest das Lokal verließen, das heißt von Wien nach Budapest abreisten, ein dicker Strich gemacht worden ist. In Ungarn herrscht allgemeine Entrüstung über die Art, wie die Delegierten abgefertigt wurden, und die oppositionelle Stimmung hat unter den Herren Magyaren jetzt einen bedenklichen Grad erreicht. Dieser Umschlag ist um so unerwarteter gekommen, als es in den letzten Tagen wirklich den Anschein gehabt hat, als ob eine Einigung Mischen der Koalition und der Krone zustande kommen werde. War doch Kaiser Franz Joseph den vier koalierten Parteien weit entgegengekommen, indem er das Kabinett Fejervary fallen ließ und direkte Verhandlungen mit den Koalitions- sührern einleitete. Auch diese letzteren schienen zum Entgegenkommen geneigt zu sein, da ihnen der Plan Fejervarys, die Opposition durch eine radikale Wahl- rcform matt zu setzen, arg in die Glieder gefahren war.
Aber die Hoffnung der Magyaren auf ein werteres Entgegenkommen in der Wienct Hofburg hat sich als eine vollkommene Täuschung erwiesen. Waren sie schon entrüstet darüber, daß der gemeinsame Minister des Auswärtigen, Graf Golnchowski, sich in die Verhandlungen einmischte, während das Gesetz bestimmt, daß das gemeinsame Ministerium auf die besonderen Regierungsangelegenheiten Ungarns, ebenso wie Österreichs, keinen Einfluß ausüben darf, so zeigte es sich bald, daß die von der Krone den Delegierten vorgclegten Bedingungen nicht nur den Forderungen der Magyaren in keiner Weise cntgegenkam.cn, sondern vielmehr den bisherigen Standpunkt der ^rone noch viel schärfer faßten. Insbesondere behauptet man in 'Ungarn, daß Punkt 1 der Wödingnngen, weil er die militärischen Fragen von der parlamentarischen Behandlung ausschließt, der ungarischen Verfassung widerspräche. Und ebenso unannehmbar erscheint den Ungarn Punkt 3, denn während das Ausgleichsgcsetz vom Jahre 1867 bestimmt, daß, wenn Ungarn sich mit Österreich nicht über das Zoll- und Handels'bündnis einigen kann, es die Zoll- und Hanöels- vcrhältnissc selbständig regeln darf, wird in den „Bedingungen" gefordert, daß jede Revision des Ausgleichs nur im Wege eines Kompromisses zwischen beiden Staaten erfolgen soll.
Diese Haltung der Krone ist um so unbegreiflicher, als sie bis dahin vor den nationalen Heißspornen in Ungarn dauernd zurückgcwichen ist und durch eigenes Verschulden die Macht der Koalitionsparteien gegenüber der alten liberalen Regierungspartei gestärkt hat. Die jetzige Umkehr auf diesem Wege ist einmal zu spät und zweitens mit einer erstaunlichen politischen Ungeschicklichkeit vor
lichen „Berechtigten" die Ausübung des edlen Weidmannsgewerbes zu gestatten. Dazu sind die „Unberechtigten", die Wilderer, gar zu sehr verbreitet und allzu gewandt. Es ist ein offenes Geheimnis, daß in den nicht von Privathütcrn überwachten Gründen in weiter Umgebung von Paris schon vor dem offiziellen Jägdbeginn- Termine das Wild großenteils abgeschossen ist, um dann am Tage der Eröffnung in den großen Restaurationen ausgetischt zu werden, deren 'Besitzer zu den berühmtesten Wilderern oder deren Unterhändlern in regelrechtem Kontraktverhältnisse stehen. Hieran haben alle Maßregeln der Staats- und Gemeindebehörden noch nichts zu ändern vermocht.
Dabei sind die Wilderer, wenn auch nicht immer den Aussichtsbcamten, so doch vielen Jägern selbst bekannt, die sich wohl Hüten, sie anzugebcn. Sie erheben sie lieber zu ihren Lieferanten, um nicht mit leerer Tasche nach Hanse zu kommen und um jeden Argwohn der „ahnungsvollen" Gattin durch einen Hasen oder ein paar Rebhühner beschwichtigen zu können. Die Bauern ihrerseits verraten die Wilderer erst recht nicht, sondern leisten ihnen eher Vorschub, da sie es als eine Beeinträchtigung ihrer natürlichen Rechte anschcn, zur Ausübung der Jagd auf ihren eigenen Feldern einen Schein losen zu müssen, und weil sic vor allem den „Windhunden" von Parisern nicht gewogen sind, noch weniger deren Hunden, die von den Jagdoblicgenheiten und -Rechten ganz eigene, von dem Normalen stark abweichende Ansichten haben.
Oh diese Pariser Jagdhunde! Wenn ein guter Weidmann aus deutschen, österreichischen oder Schweizer Landen sic beobachtete, würde er aus dem Staunen gar nicht herauskommen. Dem Pariser ist nämlich jeder bellende Vierfüßler ein Jagdhund, vom struppigsten Straßenköter bis zum verwöhntesten Zimmerhunde. Den Tieren selbst ist es natürlich ganz gleichgültig, ohne weitere Vorbildung und Prüfung befördert zu werden. Sie balgen sich mit den ihnen begegnenden Katzen oder unter einan-
sich gegangen. Dadurch, daß man der Koalition, die man bis dahin auf Kosten der gemäßigten Elemente begünstigt hatte, jetzt vor den Kopf stößt, treibt wan eben diese gemäßigten Elemente in das Lager der entschiedenen Opposition. Wie jetzt nach diesem schroffen Abbruch der Verhandlungen noch ein Weg gefunden werden soll, um den offen zutage getretenen Ritz zwischen Österreich und Ungarn, wenn nicht zu heilen, so doch wenigstens notdürftig zu verkitten, das ist eine Frage, deren fürs Erste noch ganz ungewisse Lösung von entscheidende? Bedeutung für den Fortbestand der österreichisch- ungarischen Monarchie sein wird.
Jum 7. internationalen Arbeiter- verftcherungskongrrß
wird uns aus Wien geschrieben:
Der weitaus wichtigste Programmpunkt w!ar die Frage der Vereinfachung der Arbeiterversicherung. Dem entsprechend konzentrierte sich das Hauptinteresse auf die Kongrehverhandlungen vom 20. September. Dazu hatten eine ganze Reihe von Fachleuten Referate angemeldet. Neben den in Deutschland bekannten Bödiker und Freund sprach Professor Menzel von der Wiener Universität, sowie Ingenieur Bellom-Paris, letzterer speziell über die Beziehungen der Invalidenversicherung zu den anderen Zweigen der Arbclterversicherung. Auffallend erscheint cs, daß kein Vertreter der Krankenkassen ein Referat angemeldet hatte. Jedem der Referenten wurde eine Sprcchfrist von 20 Minuten eingeräumt ; es vergingen aber gut 3 Stunden, bis die eigentliche Diskussion beginnen konnte. Die Referenten haben bei den Kongressen einen doppelten Vorteil, 1. wird ihnen die Möglichkeit gewährt, in Form von gedruckten Berichten ihre Ansichten nicderzulegen und 2. können sie noch über diese Referate sich in längeren Reden verbreiten. Im Gegensatz dazu hatten die Disknssions-Redner einen schweren Stand. Bevor sie sich richtig bei der Wersamwlung eingeführt haben, ist meistens ihre Zeit abgelaufen. Aus dem Wiener Kongreß machte sich dieser Ubelstand besonders fühlbar. Denn die Vertreter der Krankenkassen, d. h. die Vertreter der Versicherten kamen überhaupt kaum zum Wort. Nur der Reichstagsabgeordnete Fräß- dorf konnte in 10 Minunten für die Versicherten sprechen. !Er betonte, daß die von Dr. Freund, dem Vorsitzenden der Landeswcrsicherungsanstalt Berlin, geforderte paritätische Verwaltung der Krankenkassen sbezw. bei einer Zusammenlegung der Arbeiterversicherung der neuen Versicherungsämter) zu verwerfen sei. Das Prinzip, gleiche Anzahl von Arbeitgebern und Arbeitnehmern unter einem unparteiischen Vorsitzenden, sei wohl bei der Rechtsprechung, nicht'aber bei der Verwaltung zu billigen. Wie auch der 2. Diskussionsredner Reichsrats-Abge- ordneter vr. Verkauf betonte, kommen bei der Wer
der herum, laufen den zahmen Hühnern und Enten nach und heulen im Walde so ungeniert, daß jedes zufällig noch übrig gebliebene Wild überreichlich Zelt hat, ein sicheres Versteck anfzusuchen.
Trotzdem braucht wohl kaum bemerkt zu werden, daß die Pariser Jäger von ihren Hunden ebenso großartige Züge und Taten zu berichten wissen wie die gefürch- tetsten Weidmannslateiner sonstwo. Überhaupt sind sie im Erzählen den erprobtesten Förstern der deutschen Witzblätter gewachsen, wobei als erschwerender Umstand hinzutritt, daß sie mit ihren Phantasien auch wildfremde Personen, die ihnen in die' Quere kommen, nicht verschonen. Wenn ich an Herbstsonntagen meiner Gewohnheit gemäß in der weiteren Pariser Umgebung umher- strcife, kann ich von vornherein auf eine stattliche Bereicherung meiner jügerlateinischen Kenntnisse rechnen. Ich bin schon so blasiert, daß ich über wilde Kaninchen, die während des Schlafes dem Jäger selbst in die Tasche gesprungen fitiö; über Hasen, die sich aus vorbcisausende Blitzzügc flüchteten, oder über Rebhühner, die mit dem Hute gefangen wurden, nicht einmal mehr lächeln kann.
Das Wild ist übrigens in Frankreich seit einigen Jahren wieder etwas in der Zunahme begriffen, reicht aber trotzdem bei weitem nicht für den Konsum und noch weniger für die französischen Nimrode aus. Im Norden von Paris haben sich die ausgedehnten Waldungen von Ehantilly, Eompiegne und Villers-Eoterets dank den Einzäunungen und strengen Überwachungen großer Teile, sowie angrenzenden Parks und Felder, welche reichen Grundbesitzern gehören, wieder etwas bevölkert.
Aus den früher sehr wildreichen Ardennen dagegen laufen immer herbere Klagen über die ungeheuren Ver- hcernugen in den Wildbeständen durch Wilderer ein. Der westlich von der Hauptstadt gelegene Wald von Rambouillet wird für den dort oft während eines Teile- des Herbstes residierenden Präsidenten der Republik und seine Gäste sorgfältig überwacht und bietet noch Jagden, die jeden Weidmann befriedigen können. Aber in den
