sa. Jahrgang..
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448.
BerlagS-Fernsprecher N». 2858.
Montag» den 23. September.
NebaktlonS-Fernsprecher No. 82.
1 S 08 .
Kbenü -Ausgabe.
_ 1. Matt.
Dom joüüldemsKrMschsn ParteLtag.
Weder Jena noch Sedan.
X. Jena, 28. September.
Tie Sozialdemokratie hat entschieden vom Dresdener Parteitag gelernt. Sie hütet sich, wieder so unangenehm aufzusallen wie damals. In Bremen war man ganz offensichtlich bemüht, sich so ruhig wie möglich zu Verhalten. Jetzt in Jena lag 'inrklich reichlich Stoff vor, sich etwas in die Haare zu fahren. Die Debatte „Wor- wärts"-Mehring hatte gerade in den letzten Wochen eine bedenkliche Brandfackel entfacht. Aber man hat den Streit vorsichtigerweise hinter verschlossenen Türen erledigt. Das Plenum bekam nur eine Resolution vor- gelegt, worin beiden Teilen wegen der Form der Polemik die schärfste Mißbilligung ausgesprochen wurde. Daß in Zukunft sich Ähnliches nicht wiederholt, ist jedoch keineswegs sicher. Man will die kritische Untersuchung des Parteiprogramms in die „Neue Zeit" verbannen — ein Borschlag, der fast einen Maulkorbcharakter hat und kaum durchführbar ist. So lange Franz Mehring der leitende Redakteur der „Leipziger Volkszeitung" ist, wird er nicht davon «blassen, sein Mütchen nicht nur an den Gegnern, sondern auch an den Parteigenossen zu kühlen. Franz Mehring ist ein Mann, der sachliche Auseinandersetzungen zu leicht mit persönlichen Anrempeleien vermengt, die außerordentlich unangenehm sind. Ihn ab- znhalftern hat man aber vorläufig noch keinen Mut. Er bat eben noch recht warme Freunde in der Partei, die ihn als eine der Hauptstützen des unentwegten Warris- hui» betrachten.
Der Parteitag litt rm ganzen unter emem Mängel an interessanten Themen. Der „Vorwärts" hatte dies bereits sofort nach Ausstellung der Tagesordnung getadelt und die Einschiebung eines Themas, wie etwa Weltpolitik, verlangt. Vergebens. So war als Hauptanziehungspunkt nur der politische Massenstreik vorhanden. Aber neue Anregungen, wissenschaftliche Vcr- liesungcn, einen kräftigen Ansporn, die Massen mit neuer Begeisterung zu erfüllen, hat die,Partei davon kaum.erhalten. Die Beschäftigung mit dem Generalstreik kann die Massen höchstens davon abbringen, die politische Macht auf gesetzlich organischem Wege zu erkämpfen. Zweifellos ist heute die Macht der Reaktion stärker als je in Deutschland, während in fast allen Kulturländern die Volks Massen ihre politische Macht verstärken. Bei uns ist die Sickerung, Erweiterung und Vervollkommnung der wichtigsten Volksrechte keineswegs verbürgt. . Fast einzig in der Welt steht Deutschland da, insofern bei uns
Machdruck verboten.)
Die roten Namen.
Erzählungen von den Kämpfen in der Mandschurei.
Von A. H. von Kohl.
Autorisierte llborsetzung von Wilhelm Thal.
(5. Fortsetzung.)
Eines Tages, als sie im Augenblick kein anderes Amüsement wußten, blieb der Chinese vor einem Plakat stehen, das an einer Straßenecke angeklebt war.
„Was liest du denn 5«?" fragte Ringe, der, glückselig berauscht, an seinem Arme hing.
Ter Chinese las ihm vor. Erst standen da ein paar kurzgefaßte Bekanntmachungen und Verordnungen, aber dann kam eine. Mitteilung von dem französischen Konsulat, es wäre für den, der über den an dem Kaufmann begangenen Mord Aufklärung geben konnte, eine Prämie aus ge setzt. Zum Schluß war die gestohlene Brieftasche und -die darin enthaltenen Papiere beschrieben.
Die Stimme des Chinesen nahm nach und nach einen anderen Ton an. Erst hatte sie ganz gleichgültig und leiernd geklungen, in der Mitte der Anzeige wurde sie langsam und geschwollen, und, schließlich endete sie glanz gleichgültig. Er kniff nur seinem Freunde den Arm ein bißchen, Ringe aber schielte zu ihm empor und hing sich nur noch fester und fester an ihn.
Am Nachmittag begann der Chinese mit seinen Taten aus alten_ Tagen zu prahlen, Einbrüchen und Diebstählen und ein paar kleinen Morden. Ringe wollte natürlich nicht zurückstehen und begann die Geschichte von dem französischen Kaufmann aufzutischen. Er erzählte ungeheuer ausführlich und umständlich.
„Eigentlich konnte ich ja nichts dafür", sagte er zuletzt und- heulte vor Rührung icher sich selbst, „es war gar nicht -meine Schuld-. Er selber war daran schuld, er hielt mir ja die Brieftasche gerade ins Gesicht . . . Das hätte er nicht tun sollen, das war seine eigene Schuld, mein geliebter Freund, das kann ich dir zuschwören."
kommunale und einzelstaatliche Wahlrechte verschlechtert werden, wenigstens in Norddeutschland, während d-as allgemeine geheime Reichstagswahlrecht, das überall sonst Fortschritte macht, bedroht ist. Aber einen Generalstreik der Reaktion als Knüppel zwischen die Beine werfen, ist doch das allerverkehrteste Mittel zur Besserung, Tenn der Generalstreik ist tatsächlich, wie auch einige Delegierten in Jena betonten, der Anfang der Revolution. Dabei wurde in Jena auch nicht von einer einzigen Seite dargelegt, wie etwa- in Deutschland ein Generalstreik möglich und durchführbar sein könnte. Das einzigeMittek, die Volksrechte und Volksfreiheiten zu sichern und zu stärken, ist daher dies, daß die Sozialdemokratie den freiheitlichen Schichten des Bürgertums die Überzeugung beibringt, daß die Arbeiterklasse eines großen Volkes, das Weltpolitik treibt und den Weltmarkt erobern will, ohne Freiheit und Rechte nicht leben und nichts leisten kann. Ein solches Werben um Sympathie mag nicht immer leicht sein, aber es ist nicht aussichtslos. Schließlich muß jeder, der nicht Geldbeutelinteressen verficht, sondern sich um das Wohl des ganzen Staates kümmert, einsehen, daß selbstbew'Utzre Arbeiter zwar oft unbequem sind, aber doch viel pflichttreuere und leistungsfähigere Glieder des menschlichen Staates als rechtlose Lohnsklaven.
Tie Partei hat allmählich einsehen lernen, daß sie trotz ihrer 3 Millionen Stimmen doch noch recht wenig in Deutschland vermag. Trotzdem ist sie vorläufig noch nicht geneigt, ihreTaktik zu ändern, ja, nicht einmal offenbare Fehler zu verbessern, hat sie noch gar keine Lust. Daß die Maifeier im großen und ganzen als -Weltfeiertag nicht geglückt ist, daß sie auch als Demonstration noch keinen Hund vom Ofen gelockt und das Unternehmertum nicht eingeschüchtert hat, sehen allmählich die meisten besonnenen Sozialdemokraten ein. Wer die Menge derer, die die einzig richtigen Konsequenzen Ziehen und die Massen von einem verlorenen Posten zurückzurusen bereit sind, ist doch noch sehr gering. So schleppt man sich ruhig mit der Fessel am Fuße weiter und vergeudet unnütz seine Kräfte. Demokratische Bewegungen sind aber ungeheuer schwerfällig.
Deshalb kommen auch die sogenannten Revisionisten nicht recht in die Höhe. Diesmal traten sie mit ihren Gedanken überhaupt nicht recht hervor. Es ^war in Jena mehr der Gegensatz von Partei und Gewerkschaften, der die Debatten mehrfach beherrschte — ein Gegensatz, der jedenfalls für die Zukunft noch bedeutsamer wird als der zwischen Revisionisten und Revolutionären. Leider steckt das größere agitatorische Feuer zurzeit. in den Parteifanatikern. Die Gewerkschaftler sind meist ebenso wie die Revisionisten ruhige und kühldenkende Leute. Die Parteifexe verstellen ganz anders die Massen zu elektrisieren und mit fortzureißen.
Mit der Zeit aber werden die Gewerkschaftsführer die Partei zwingen, lediglich praktische Arbeit zu leisten
Und als der Chinese, durchaus einig mit ihm,, ihn umarmen wollte, vergaß Ringe ein einziges Mal seine angeborene Vorsicht, und es gelang dem Chinesen, ihm die Brieftasche zu stehlen. Er schlich sich fort und wollte den Rest des Banknoteninhaltes herausnehmen, entdeckte aber nun, daß sie bereits leer war. Das störte seine tolle Freude aber nicht besonders, denn die Prämie, -die das französische Konsulat ausgesetzt hatte, war recht niedlich. Er ging zu dem Gerichtsyamen hinauf und begann von Ringe zu erzählen. Als Beweis zeigte er die Brieftasche vor.
Ter Richter nickte ein paarmal, und als die B-ries- tasche vorgezeigt wurde, glitt ein auHerordentlich zufriedenes Lächeln über sein Gesicht.
„Ist es diese hier?" fragte er durch feinen Dolmetscher und drehte sich um; da saß Ringe und nickte, als er die Brieftasche genau untersucht hatte.
„Ja, ich glaube, das ist sie", sagte er, „der fremde Mann öffnete sie ja, als er mich -bezahlte — der Äjinese muß sie auch gesehen haben, ich hatte wohl bemerkt, daß er hinter uns 'dreinschlich. Ich- sagte das zu dem- fremden Mann, aber er lachte bloß."
Der Richter ließ die beiden- Männer.untersuchen; — in der wohlverborgenen Tasche, die der Chinese in seinem llnteranzug hatte-, fand man noch eine kleine Silber- münze, die, wie sich herausstellte, dem Franzosen gehört hatte.
Ter Chinese beugte das Haupt und sah- ein, daß Ringe es doch besser als er selbst verstand, eine Umarmung zu benutzen, und da- leugnete er nicht mehr; gegen d-a-s Genie kämpft jeder vergebens.
Da bekam Ringe seine Prämie und war -merkwürdig betrunken an dem Tage, wo er sich auf den kleinen Platz begab, auf dem der Chinese hingerichtet wurde. Als das Beil fiel, heulte er lange Zeit, -daß es für ihn notwendig geworden war, sich von dem lieben Freunde zu trennen.
Endlich erhoben sich Gerüchte, es wäre z-um Kriege zwischen Japan und Rußland geko-mmen, und Riuge er- innerte sich an die schönen Tage, die er unter dem vorigen
und Schritt für Schritt für den soliden Fortschritt cin- zutreten. Unter vielfacher Zustinimung sprach Bebel in Jena von den ketzerischen Anschauungen jüngerer Ge- werkschastsfiihrer. Wie diese ziemlich geringschätzig über die Parteidogmatik und Parteitätigkeit sich äußerten und sehr wenig Interesse hätten, gar politisch tätig Ml sein. Ter- Gewerkschaftskongreß hat bereits das revolutionäre Experiment -des Generalstreiks in vernichtenderKritik ab-- getan. Die Gewerkschaften sind d-as konservative Element in der Arbeiterbewegung. Sie sind lediglich für die fortschreitende Hebung -der Lage -der Arbeiterklasse begeistert. Wenn ihnen demnächst durch die fortschreitende sozialpolitische Gesetzgebung — wie durch die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und die Arbeitskammern, die für den kommenden Winter versprochen sind -— ein größeres Feld der Betätigung eingeräumt wird, so werden die sozialdemokratischen Fanatiker mit all ihren revolutionären Tira-den mehr zum Fenster hinaus als in die Herzen der deutschen Arbeiter hinein reden.
Es ist demnach zu hoffen, daß, wenn das deutsche Bürgertum einen kühlen Kopf behalten und sich nicht zu weiteren reaktionären schritten verleiten lassen wird, die Generalstreiksschwärmerei von Jena- keinen allzu tiefen Boden bei der deutschen Arbeiterschaft finden wird. Äußerlich hat die Partei sich gehütet, durch Selbstger- flerschung sich ein Jena zu bereiten. Aber von einem Aufschwung, von einem Sedan, von der Erkenntnis des richtigen Weges, wie die Sozialdemokratie für sich die richtige Operationsbasis innerhalb des politischen Lebens Deutschlands schafft, ist man doch noch sehr weit entfernt. ^
hd. Jena, 23. September. U-m 9% Uhr eröffnete Singer die Sitzung des sozialdemokratischen Parteitages. Zunächst wurde die namentliche Abstimmung über den Massenstreik vorgenommen. Mit Ja 'stimm-ren 288, mit Nein 14 Genossen bei zwei Stimmenthaltungen. 'Heute gelangt -die Resolution der 15er Kommission zur Verteilung, an welche die Angelegenheit des sogenannten Literatenstreites verwiesen war. v. Bollm-ar erstattet über das Ergebnis der Kommrssionsbeschlrtsse nach dem veränderten Standpunkt der Partei-Organisation Bericht. Er beantragt die en bloo,Annahme, dem- jedoch von einigen Genossen widersprochen wird. Es mutz daher- -in die Einzelabstimmung eingetreten werden. Der Orga- nisationscntmurf wird in der lGesamtabstimmung mit großer Mehrheit .angenommen. Weiter ist eine Resolution eingegangcn, derzufolge der Parteitag auf das entschiedenste gegen den Zengniszwang für Redakteure und alle anderen bei der Presse beschäftigten Personen protestiert. Bericht über die Frage des Äiteraten-Ge- zänkes erstattete namens der 15er Kommission Reichs>- tags-^Abgcordneter Tietz-Stuttgart. Nach dem sehr ruhig gehaltenen Referat wird gleich nach Beginn der
Kriege erlebt hatte. Darum beeilte er sich auch, sich an Bord des ersten Dampfers zu stehlen, der nach Tokio ging. Selbst der Gedanke, sein Land wolle sich in einen Kampf mit Rußland- einlassen. Vor dem die Chinesen- bebten und zitterten, imponierte und belustigte ihn. Er nahm sich vor, sein Möglichstes zu tun, damit Rußland wenigstens wirtschaftlich den Kürz-eren ziehen sollte.
Es war gegen Abend, als er in seines Bruders Laden trat. Er umarmte Kinza, der gerade im Begriff war, das Geschäft für längere Zeit zu- schließen, und begann die Rede, die er sich zurechtgelegt batte.
„Meine Liebe zu dir", sagte er und setzte sich zurecht, „ist wie eine Kirschb-aumblüte, sie entfaltet sich, ohne zu wissen, warum, und versetzt jeden, der sie sieht, in Entzücken."
Nach einem kurzen und energischen Zwiegespräch meldete sich Ringe zusammen mit dem Bruder als Freiwilliger.
Ter Zufall wollte es, daß sie zur selben Kompagnie kamen.
Es dauerte nicht lange, da, war Kinza avanciert: er bekam seinen Korporalsgrad in der Nacht, in welcher eine russische Stärke die Feldwache überfiel, die oben in dem kleinen Paß vor Motjenling stand. Der Leutnant wurde von den Angreifern niedergestoßen, — er stand draußen bei den Vorposten und wurde zusammen mit ihnen überrascht. Der Nächstko-mnmnd-ievende siel bei einem- der ersten Schüsse. Da ergriff der Gemeine Kinz-a das Kommando über seine Kameraden, und zwanzig Minuten kämpften eine Stiege Männer gegen- die feindliche Kompagnie. Zuletzt waren nur noch zwei oder d-rei übrig. Die Gewehre waren glühend heiß von den vielen Schüssen, und auch die Patronen fehlten schon. Ihre Arme zitterten von dem langen Schnellfeuer, und die Muskeln schienen bei jeder Bewegung springen zu wollen.
_ Aber das Pikett war alarmiert worden und rückte zur Zeit vor. Die Russen bekamen den Paß nicht.
Ringe war dagegen gleich vom ersten Augenblick an sehr enttäuscht und mißvergnügt.
