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sa. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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Uo. 417.

BerlagS^erusprecher Ro. 2968.

Donnerstag, den 7. Keptemder.

Nedaktionö.sfcrufprechcr No. KS.

isos.

Morgen - Ausgabe.

1. Wtatt.

Die Pariser Müllerschule

(Ecole des Meres).

Kleine Ursachen große Wirkungen, ist eine der Be­obachtungen, die man im häuslichen wie im öffentlichen Leben am häufigsten zu machen Gelegenheit hat. Im Mahre 1896 sah eine junge Mutter auf einer Straße in Bordeaux ein kleines Kind von seiner Wärterin gröblich mißhandeln, ihr Herz empörte sich, in impulsiver Weise schritt sie ein, eine erregte «Szene, an der sich 'das Püülikum beteiligte, war die unmittelbare Folge. Die mittelbare ward -- die Gründung derMütterschule", denn die warmherzige Adulter, Frau Moll-Weiß (elsässi- scher Abstammung), verließ die Gehnsucht nicht, für die Kleinen etwas zu tun, die mehr als durch Bosheit und Hartherzigkeit durch, Stumpfsinn un& Unwissenheit zu leiden haben.Gute Behandlung, fürsorgliche Pflege will gelernt sein also lehren wir sie!" Diesem Wunsche ent'pvang ein Gedankenaustausch, der schließlich 1897 zur Gründung einer Schule führte, in welcher der- Schule entwachsen« Mädchen und auch junge Frauen aus all Len Gebieten sollten sich unterrichten können, die ihnen zur Führung eines geordneten Hauswesens und zur Kinder­pflege und -Erziehung dienlich wären. Die Sache nahm allmählich festere Gestalt an. Anknüpfeind an die in der Schule erworbenen Kenntnisse, entwarf Frau Moll->Weitz einen Plan, um den jungen Mädchen bis zu!m Heirats­alter , die notwendigen Unterweisungen zu erteilen und Fertigkeiten, beizubringen. Die Unterschiede der Vor­bildung und der wirtschaftlichen Lage, weniger des Alters,' ließen den Wunsch entstehen, eine. Dreiteilung dieser Aus- und Fortbildung ins Auge zu fassen: Für die Angehörigen des Arbeiterstandes, für die kleinen MittelstaNdseristenzon und für dieFemmes du Monde", also für die Damen der höheren Gesellschaftskreise. Da die Befriedigung der Bedürfnisse sich in erster Linie nach den Einnahmen zu richten hat, so hatte sich der Unter­richt jedem Kreise anzupassen. Fünf Jahre entwickelte sich ibte Ecole des Meres, wie ihre Begründerin die An­stalt nannte, ruhig und gab allen Beteiligten reich« Ge­legenheit, Erfahrungen zu sammeln und Erwägungen anzustellen, nach welcher Richtung hin der Unterricht ausgebaut werden könnte. Wenn nun aber auch, das Publikum von Bordeaux angesichts des sichtbaren Nutzens den originellen Bestrebungen volle Teilnahme entg'egen- brachte, so bedurfte es doch, um den Ideen eine höhere Schwungkraft und größere Tragweite zu verleihen, einer breiteren Grundlage und diese konnte sich, fa wie die

LeniUeton.

(Nachdruck verbolm.1

Antreu im Dienst.

Novellette von Käthe Luboivski.

In der Gerichtsschreiberei steckten sie die Köpfe zu­sammen,.

Nur der grauhaarige Kanzlist füllte ohne Uitter- brechung sein Konzept mit seinen, steilen Buchstaben an, wenn er auch am Ende jeder Zeile verstohlen zu dem Gefängniswärter hinübersah, der mit zitternden Händen die erledigten Sachen durcheinander warf.

Er hielt es für seine Pflicht, sich so, zu benchmien, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an.

Es war innerhalb der letzten zehn Stunden auch wirklich so viel .darüber geredet worden, daß er es reich­lich an der Zeit fand, sie totzuschweigen. Das Gewisper unter den Grünschnäbeln hier war freilich, immer noch im Gonge. Und der junge Sekretär, der noch zu neu war. um den goldtreuen Charakter des alten Gefängnis- wäriers und Gerichtsdieners Gottsched zu kennen, be­gann ihsi ganz ungeniert über den interessanten Fall auszuforschen. . , o .

Erzählen Sie uns doch, mal, wie es -eigentlich ge­kommen ist", fragte er den Alten, der seit 32 Jahren Lei dem Pessentiner Gericht in Dienst stand.

Ein scharfer Blick flog aus den Augen des beinahe Siebzigjährigen zu dem ungeduldigen Frager hin.

..Wie soll es gekommen sein", sagte er gleichgültige Abends um zehn Uhr wurde er eingeliefert. Fünf Minuten später hatte ich ihn visitiert und in Nummer 3 gebracht. Als ich ihn am nächsten, Morgen dem, Herrn Rat vorführen wollt', war er nicht mehr drin . .

Aber, Atann . . . lassen Sie doch mal jetzt Ihr Siezeln, Sie machen einen ja ganz nervös . . . wie er denn aus der ordnungsmäßig verschlossenen Winde entwischen?" s

.Las weiß ich nicht. Herr- Sekretär."

Verhältnisse in Frankreich nun einmal liegen, nur in Paris finden.

Vertrauend aus die Überzeugungskraft selbst einer kleinen, wenn nur gut geleiteten Anstalt, verpflanzte Frau Moll-Weiß die Mutterschule 1902 nach Paris, wo es ihr bald gelang., unterstützende und mitarbeitende Freunde zu gewinnen. Im Laufe der letzten 2 Jahre hat nun die Ecole des Mferes in ihrem neuen Boden schon soweit Wurzel gefaßt, daß sie in den Kreisen der Sozialpolifiker, der pädagogischen Presse und der Dagesfiteratur Teil­nahme und Aufmerksamkeit erregt hat. Für ihre erste Abteilung, die der hauswirtschaftlichen und mutterschaft- lichen Erziehung der höheren Gesellschaftskreise und ferner der Ausbildung von Volksschullehrerinnen ge­widmet-ist, hat die Schule ein eigenes Haus in der Avenue Wagram 23 gemietet. Die.Volksabteilung" hält in der Volkshochschule im Arbeiterviertel Belleville ihre Vorträge und gibt noch in, besonderem Raum ihre Koch»-, Schneider- und Nähkurse. Eine Wteilung widmet sich wissenschaftlichen Untersuchungen über alle den Familienhaushalt betreffende Fragen. Das Studium der Arbeiterbudgets und der Dolksernährungsfragen nehmen hier einen breiten Raum ein. Ferner trachtet die Schule die Einführung zweckmäßiger Kochapparate und Hausgeräte zu fördern. Eine fernere Abteilung, die der gewerblichen Ausbildung von Köchinnen und Kinder- pflegerinnen dienen soll und gleichzeitig als Seminar für Haushaltuugs,lehrerinn,en gedacht ist, soll, sobald ge­nügend vorgebildete Lehrkräfte dstrch die gegenwärtigen Einrichtungen da sind,, eröffnet werden. Als literarische Früchte der Mütterschulbestrebungen sind in erster Linie die Bücher der Frau Moll-WeißDie Gattin, die Mutter und das Kind"",Der häusliche Herd",Die Mutter von morgen" zu nennen, wie auch, das von derselben Dame hergusgegebene BlattDie Mütterschule".

Das Rückgrat der Schule ist die erstgenannte Ab­teilung. Von Mitte März bis Mitte Juni und von Mitte November bis Mitte März findet der Unterricht statt, der, soweit es sich tun läßt, sowohl ein theoretischer als auch ein praktischer ist. In der Gesundheitslehre wird großes Gewicht der Wohnungspflege beigemessen, in der persönlichen Gesundheitslehre wird nicht nur der Er­nährung, sondern allen Lebensgewohnheiten wie auch der Haut- und,Nervenpflege eingehende Aufmerksamkeit zugewandt. Die Krankheiten aus verkehrter Lebensweise werden erörtert. In der Hans-Wirtschaftslehre werden Wohmmgs» und Kücheneinrichtungen., Kleidung, haus- wirtschaftliche Buchhaltung, die Kunst des Aufstellens eines vernunftgemäßen Haiushaltplaues und das Ver­hältnis zu den Dienstboten gelehrt. Das Verhalten der Schwangeren und das im Wochenbetts die Behandlung dev Säuglinge, die Entwickelung der Kinder in geistiger und leiblicher Hinsicht und die Pflege der Kinder in ge­sunden und in kranken Tagen, die Krankenpflege und

Wer Sie sollen doch noch um 12 Uhr nachts mit ihm gesprochen haben."

Soll ich das? 'Glauben Sie doch dm Pessentiner Klatschbasen' nicht, Herr Sekretär. Die schrecken alle Stunde aus dem Schlaf auf, weil sie abends zu starken Kaffee trinken und danach zu lebendig trimmen!"

Wenn nun aber Ihre Klatschbase ein Mann wäre?"

Dann hält' er .eben noch, was Stärkeres wie Kaffee getrunken, Herr Sekretär!"

Ich versichere Sie, daß ich gestern nacht um 12 Uhr, als ich einen Brief an meine Braut trug und den Ab­kürzungsweg hinter dem Gefängnis entlang ging, keinen Tropfen getrunken hatte."

Ter Alte springt plötzlich ein paar Schritte vor.

Den hellen Blick seiner Augen verdunkelt die Angst.

Es ist nicht wahr, daß Sie mich gesehen haben, Herr Sekretär . . . ich schlief längst . . ,. ich . . ."

Gottsched, warum lügen Sie? Ich wäre zum Be­eiden dieser Behauptung bereit."

Ich . . . lüge nicht. Ich werde Sie anzeigen. Ich bin, ein ehrlicher Mann!"

Die gegenüberliegende Tür knarrt, als er das ge­stottert hat. Eine breitschulterige Gestalt schiebt sich über die Schwelle.

Der Gerichtsdiener begibt sich an seinen alten Platz. Der junge Sekretär hustet verlegen, und der Aktuar fährt sich ein paar mal mit dem groben Taschentuch über das erhitzte Gesicht. Nur der -alte Kanzlist ^malt seine ausdruckslosen Zeichen ohne eine sichtbare Spur der Erregung weiter.

Der Eintretende ist der Amtsgerickitsvat Fertner, dessen mehrmaliges Klingeln sie überhört haben.

Er sieht die Anwesenden der Reihe nach an und fragt dann langsam:

Wollen Sie mir das soeben Ausgesprochene, von dem ich unfreiwillig bei meinem Eintritt einiges hörte, noch einmal vollständig wiederholen. Herr Sekretär?"

Ter iunge Beamte zögert ein wenig. Er kennt das Verhältnis seines Vorgesetzten zu dem alten Gottsched be­reits so gut wie jeder andere hier in der Stadt. Es, ist

Krankenkost im allgemeinen haben ihren Platz im theo­retischen Kursus gefunden. Gartenbau und Hühnerhof, Kaninchenzucht, Punkte, die in der französischen Haus­haltung eine weit wichtigere Rolle spielen wie öd. uns, sind auch nicht übersehen. Ferner wird über das bürger­liche Recht vorgetragen. Die praktischMnUnterwdsungen befassen sich mit dev Zubereitung der Speisen sür Ge­sunde, Kinder und Kranke, der Anferttgung, Ausbesse.- mng und Umänderung der Wäsche und Kleidung) mit dem Ausputz der Hüte. Außerdem finden allerhand Be­sprechungen über hauswirtschastliche, hygienische und soziale Themen statt, die meist von hervorragenden Fach­leuten mit einem Bortrag cingeleitet werden. In der Volks,abteilung" spielt sich der Unterricht weniger syste­matisch ab. Dort haben auch die Männer und jungen Leute Zutritt, was unwillkürlich zur Folge hat, daß diese eine ganz andere Achtung vor den weiblichen Leistungen in der Familie bekommen. Außerdem ist es auch ganz gut, wenn Männer etwas von dem Hauswesen verstehen lernen für den Fall, daß die Frau durch Krankheit oder Niederkunft arbeitsunfähig ist. Der Kochunterricht ist auf diese Weise stets ein heiterer Abend für alle Teilnehmer, Während das Essen kocht, werden allgemein interessierende Häuswirtschaftsangelegenheiten besprochen, die Speisen werden dann gemeinsam verzehrt und nachher ist allge­meines Aufwaschen und Aufräumen, wobei die jungen Leute stets die Hülfsbereiten spielen. .

Während die Volkskurse zum Teil unentgeltlich sind, zum Teil nur sehr niedrige Gebühr beanspruchen, ist der höhere Kursus unseren deutschen Begriffen nach ziem­lich kostspielig. Jedes Fach kostet monatlich 20 Frank., für 3 Monate 45 Frank. 3 Kurse kosten 45 Frank, also die Teilnahme an 3 Fächern 3 Monate lang stellt eine Aus­gabe von 135 Frank dar, dazu kommt noch ein Zuschlag für den Kochunterricht. Trotz des nicht unbedeutenden Preises nehmen regelmäßig au diesen Kursen 4500 Schülerinnen, teils Mädchen von 16 Jahren, teils Frauen von 30 und mehr Jahren daran teil.

Die Gründerin und Leiterin der Schule, die sich jetzt im Aufträge des Musde social .in Paris auf einer Studienreise in Deutschland befindet und die kürzlich über ihr Unternehmen im Verein Dresdener Frauen­bildungFrauenstudium eine anziehende Plauderei zum besten gab, betont ganz besonders die Bedeutung dieses Unterrichtes für die Mädchen der besitzenden Schichten, die als Hausfrauen und Mütter dereinst berufen sind, einem größeren, komplizierteren Hauswesen vorzustehen, die also Dienstboten, Kindern und vielen sonst von ihnen abhängigen Leuten durch richtige Anordnungen das Leben leicht machen können, während falsche Anordnungen' eine nie versiegende Quells von Verdruß und unnötigen Aus­gaben sind. Mit den vorhandenen Mitteln das Vor­züglichste zu erreichen, gilt gleichermaßen für den großen wie für den kleinen Haushalt. p. s.

nicht das des gestrengen aufiichtiühreuden Richters zu einem seiner gehorsamen Unterbeamten. Es ist vielmehr das des edelsten Herrn zu seinem treuesten Hunde. Er weiß auch, wie das möglich geworden ist.

Fertner hatte zwei Söhne und fünf Töchter, Gott­sched nur einen Jungen, bei dem der damalige Amts- richter Patenpflichten übernommen hatte. Und dieser Sohn wäre ihm vor achtzehn Jahren genommen worden, wenn ihn Fertner nicht mit eigener Lebensgefahr vor dem Tode des Ertrinkens gerettet hätte. Das steht dem Alten immer vor Augen und wie eine mächtige Dogge knurrt er seither jeden an, der ein Wort über seinen Vor­gesetzten sagt, das in seinen Schatz von Liebe und Anhäng, lichtest nicht genau hineinpaßt.

Der junge Sekretär empfindet, daß er mit einer aus­führlichen Antwort dies schöne Verhältnis zerstören wird. Wer der Respekt und die Notwendigkeit, -sich selbst mög­lichst sicher zu stellen, ist doch größer als das Bedauern hierüber. Er wiederholt also, was er Gottsched gesagt hat. Der Gerichtsrat sieht den alten,, treuen Mann fest an. Dann sagt er ruhig:

Kommen sie mit mir herüber, Gottsched. Ich habe Sie noch mancherlei in dieser Angelegenheit zu fragen."

-Und nun steht er vor dem grünen Tisch, hinter

dem Fertner Platz genommen hat und faltet still die Hände. Zwischen ihnen steht das Kruzifix mit dem Hei­land, bei dem die Landleute gewohnt sind, ihren' Schwur zu leisten. Eine drückende Stille liegt über dem hellen Raum mit seiner nüchternen Kahlheit.

Gottsched", sagt-Fertner endlich mit leiser Stimme, ich dachte . . . Sie wären treu . . ."

Das bin ich auch', Herr Rat . . weiß Gott!"

Ich dachte noch mehr, Gottsched. Ich dächte, Sie hätten volles, unumschränktes Vertrauen zu mir."

Das Hab' ich auch, Herr Rat. Aber auf die Fragen über die letzte Nacht kann ich Ihnen doch nicht antworten. Jch> kann nicht. Glauben Sie es mir doch!"- Der alte Mann birgt plötzlich sein Gesicht in den Händen und fängt bitterlich zu weinen an. Ta steht der Gerichtsrat auf und legt ihm beide Hände auf die Schultern.