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Witslmlikiin TMÄ.
_ Jahrgang. ffiertorr! ßittflQaffe 27. Anzeigen-Prei-r
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Au «me Enaliftlr-inpanirrtie Wdils.
Unser Londoner n-Korrespondent schreibt uns unterm 2. September:
Das neue englisch-japanische Bündnis, das am 12. August geschlossen worden sein soll, aber dessen Einzelheiten vorläufig noch sorgfältig geheim gehalten wer- ibcrt, bildet allenthalben den Gegenstand eifriger Erörterungen. Der hiesig« „Standard" fühlt sich durch- diese im höchsten Grad belustigt und erklärte soeben, viele der jetzt gezogenen Schlüsse und ausgestellten Vermutungen würden sich im Augenblick der Veröffentlichung des Vertrages als grundlos erweisen. Jenes Blatt schlägt, seitdem es im Interesse der Eh-amberlainschen Schutzzollpropaganda mit einer Anzahl anderer Zeitungen durch ein Syndikat arrfgekcmft wurde, einen gar überleg eilen Ton an, und es fallt ihm unverkennbar sehr'schwer, sich und die Regierung getrennt zu behandeln, d. h. nicht einfach „wir" zu schreiben. Voll Herablassung teilte es der unwissenden, von Vermutungen zehrenden Welt soeben mit, die Allianz bilde in erster Lmie eine Maßregel zur Erhaltung des Friedens, also nicht ein Trutzbündnis, und sei einzig und allein bestimmt, das politische Gleichgewicht in Asien aufrecht zu erhalten. Daher müßte es, dem „Standard" gemäß, auch jeder Nation hochwillkommen sein, die ein Interesse an der kommerziellen Ent- Wickelung im fernen Osten hat, also z. B. den Deutschen in Kiautschou und den Franzosen in Jndochina. Auch gegen Rußland ist es natürlich nicht gerichtet, vorausgesetzt, dieses unterfängt sich nicht, die Landkarte Asiens ändern zu wollen. Nichts liegt dem „Standard" ode-r^ vielleicht richtiger gesagt, der englischen Regierung ferner, als einer gelben Nasse bei dem Bestreben helfen zu wollen, dem Vordringen der Europäer Halt zu gebieten, i'nd so soll denn auch höchstens derjenige Grund haben, das neue Bündnis scheelen Auges zu betrachten, der ge-
Dienslag» drn 6. September.
dachte, den Frieden zu stören, um im trüben zu fischen. Niemand braucht somit auch nur das geringste zu befürchten, der sich nach englisch-japanischen '-Begriffen innerhalb eines Gebiets hübsch artig benimmt, dessen Landgrenze eine gedachte Linie von einem Punkt am persischen Golf, wahrscheinlich nach Sachalin, bildet, und das rechts von dieser gelegen ist. All die vielen halbzivilisierten Staaten, die das britisch-indische Reich einrahmen, bleiben daher unter dem besonderen Schutz der beiden Verbündeten, -deren vereinte Kriegsflotten jedem Angriff zur See begegnen werden, indes ihre Heere bestimmt sind, die Landgrenzen des britischün'dischen Reiches zu verteidigen. Wie der „Standard" hervorhebt, betrifft das Abkommen weder Kleinasien oder Arabien noch Persien, wobei jedoch zu berücksichtigen sei, daß England neuerdings in bezug auf dm südlichen Teil des persischen Golfes etwas wie eine Monroe-Doktrin geltend machte, und dieser daher auch in das Bereich! der Bestimmungen des Bündnisvertrages gehörte. In Frankreich; soll man über -die Allianz- höchlichst erbaut sein, weil die Unverletzlichkeit Fvanzöfisch-JNdochinas nun gewissermaßen von den Verbündeten garantiert wird-. Wer die deutsche Nation hat dem „Standard" bis zum Augenblick ihren Dank wegen Kiautschou noch nicht abgestattet. Dieses ist aber auch nur für eine beschränkte Zeit gepachtet worden, und es fragte sich doch sehr, ob die gelben „babies", die John Bull nun fo eifrig das Laufen lehrt, wenn sic ausgewachsen, den Pachtvertrag verlängern- werden. Japan muß den englischen Schutz sehr hoch veranschlagen, denn fite- den Unbefangenen erscheint der Vertrag, nach dem, was uns das bewußte Blatt von ihm erzählt, -als ein ungeheuer einseitiger. England will durch ihn offenbar seinem Mangel an einem ausreichenden Heer zur Verteidigung seiner indischen Grenze Meisen, denn Japan ist verpflichtet, ihm nötigenfalls seine Solidaten zur Verfügung zu stellen, und R-ußlanich den-einzigen Feind, um den es sich handeln tonnte, -auch anderwärts, vornehmlich aber in Sachalin, anzugreifen. England dagegen hat Japan, wenn verlangt, mit feiner Flotte zu Hülse zu kommen.
(Nachdruck «erboten.)
Eisenbahnunfölle.
Von vr. jur. W. Brandts, Berlin.
Die Eisenbahnunfälle -der letzten Zeit, welche leider mehrfach die Verletzung o-der den Tod- von Fahrgästen herbei-g-eführt haben, drängen die Frage aus, ob und- m welchem Maße die Unglücklichen und deren Hinterbliebenen seitens der Eisenbahnverwaltung entschädigt werden.
Wer eine Eisenbahn b-etreM, hastet demjenigen, der bei ihrem Betrieb- getötet oder körperlich verletzt wird, für den dadurch entstandenen Schaden mit Ausnahme von zwef Füllen, nämlich wenn -der Unfall durch höhere Ge-
NeSaktionS-F-ernsprecher N«. SS. li?05>-.
Walt ober durch, eignes Verschulden des Getöteten o-der Verletzten verursacht ist. Daß einer dieser Fälle vorliegt, bat die Eisenbahnverwaltung zu beweisen. Unter „höherer Gewalt" versteht unsre Rechtsprechung solche äußere Einwirkung, die auch durch die um,sichtigsten Schutzvorrich- trm-gen nach den gegebenen Verhältnissen nicht verhütet werden kann, also menschlicher Kryst und Vorsicht spottet. Das sind: Naturereignisse (z. B-. Erdbeben, Blitzschlag) oder andre unabwendbare Zufälle, wozu aber z. B. das Ausreißen der Schienen oder das Legen- von Steinen oder Balken aus dieselben-, um den Zug zur Entg-leisimg- zu bringen, nicht gezählt wird-, weil es bei häufiger Begehung -der Strecke bemerkt worden wäre, also sich hätte vermeiden, lassen.
Eignes Verschulden beraubt den Verletzten oder Getöteter dann nicht -des Anspruchs aus Schadl-oshaltun-g, wenn das Verschulden nur eine mitwirtewde Ursache -der Verletzung oder des Todes geworden ist, wenn also der Unfall erst die gefährliche Situation gebracht und- dorm der F-cchrgaft irr dieser nachlässig gehandelt hat. In solchen Fällen mißt das Gericht ab, inwieweit die verursachte Verletzung auf -den Unfall und inwieweit sie aus die eigne Nachlässigkeit zurückzusühren ist, und verpflichtet -den Betriebsunterneh-mer zu einer entsprechenden! Teilzahlung. Nur wenrr ein Verschulden des Verletzten selbst dorliegt, braucht die Eisenbahn nicht zu zahlen; sie muß zahlen, wenn einen Mitreisenden die Schuld trifft. -L-ie ist von den Gerichten verurteilt, ein Kind, welches durch Sorglosigkeit seiner zur Wa-rfimg und Aufsicht verpflichteten Angehörigen bei dem Unfall zu Schaden gekommen ist, voll zu entschädigen, weil kein Verschulden des verletzten Kindes vorlag. Hat das Kind durch seine eigne Unachtsamkeit den Unfall Herb erge führte so kommt es. daraus an, ob dem- Kinde seine Handlungsweise als Schuld augerechnet werden kann. Bei Kindern unter stoben Jahren ist das unbedingt zu verneinen. Bei Kindern vom siebenten bis zum achtzehnten Lebensjahr ist zu prüfen, ob sie bereits die erforderliche -Einsicht besahen. Hatten sie diese, so müssen «sie ebenso wie ein Erwachsener die Folgen ihrer Nachlässigkeit tragen, erhalten also keinen oder nur teil-weisen -Schadenersatz.
Im Falle der Tötung hat -die Eisenbahn die Kosten der verursachten Krankheit und den entgangenen Verdienst zu ersetzen,, -auch, fiir -die etwa verursachte ätei> mehrung der Bedürfnisse, z. B. an Aufwartung, Ernährung, auszukommen. Auch -die Kosten der Beerdigung- Hat sie zu tragen. Mußte der Getötete zur Zeit der Verletzung Kindern, Eltern oder -dem Ehe-ga-tlen Unterhalt gewähren o-der konnte er diesen Personen gegenüber später unterhaltspflichtig werden, so muß die Eisenbahn den erwähnten Angehörigen insoweit Ersatz leisten, als der Getötete während der mutmaßlichen Dauer seines Lebens zur -Gewährung des Unterhalts verpflichtet gewesen wäre.
Ist der Fahrgast mit -einer Körperverletzung -davongekommen, so wird ihm außer dem Ersatz der Kosten der
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Was sich dir Mrandkörbe erzählen.
iSaisonfkizz-e von Georg Brenckcu
'Jawohl, sie plaudern auch Miteinander, die -anfchei- neri'd so schweigsamen, aus Flechtwetk her-gestellten Gebilde! Bei Tage freilich kommen sie nicht -gut dazu. Dann haben sie meistens viel zu viel mit dem zu tun, was rn ihrem Innern vorgeHt: ziwischen ihren drei Wänden. Außerdem herrscht am Strande von all den spielenden Kindern, den promenierenden und konvertierenden Badegästen und schließlich auch von d-er Musik ein solches T-urchein-anderschwtrren von Lauten und Tönen, daß so ein Strandkorb seine eigenen Worte kaum- verstehen würde. Aber zur nachtsch-la'fen-den Stunde, wenn das gesamte Ufer menschenleer und einsam geworden- . . . auch die See scheint zu schlafen; nur hin und wieder hört man, daß sie sich bewegt und Atem holt . . . dann beginnt ein Raunen und Erzählen, ein Wispern und Kichern. Be- ionders -unterhalb d-cs Kurhauses, wo sich die meisten Strandkörbe befinden und sie so dicht beieinander stehen, daß sie sich ganz bequem unterhalten können.
Das große Wort führt, -wie immer, Nummer 68, eine ansehnliche Brünette, nicht mehr jung, aber noch immer leidlich konserviert. -Sie sieht und weiß alles, was am Strande vorgeht. Daß der schwedische Graf die Millionärtochter sämtlichen übrigen Freiern vor der Nase weg- schnappen werde, hatte sie schon vor Wochen prophezeit,' und richtig, so war's -auch eingetrosfen. Sie repräsentiert gewissermaßen die Obronigne scandalea-se des Badeortes. Aus den Räunions werde in diesem Som- mer so ausfällig geflirtet wie in keiner früheren Saison, und die Tennisplätze seien nur dazu da, um- Backfischen die K-ur zu schneiden. Kurz: Zucht und Sitte schwinden zusehends. Und dann erst die Familienbäder —
„Na, so schlimm, wie Sie's machen, ist es denn doch nicht!" fiel Numln-er 45 ein, ein Junggeselle, !der zwar schon mittelalterlich, aber i-Mmer noch für eine sehr gute Partie gelten konnte. i@r mochte nicht leiden, daß Unrecht geschah, und nahm sich der Unterdrückten an, w-o er sie fand und wußte. „Weshalb sollen sich- denn nicht die Angehörigen einer Familie im gemeinsamen Bade zu- fammeNfinden? Ledige Leute freilich, ob. Mann oder Frau, dürften dort weniger zu suchen haben. Ich glaube auch kaum-, daß eine junge Dame, die auf Ruf und Anstand hält, hier allein baden würde. Lüsterne Lebemänner, die gehofft Hatten, sie kriegten im Familien- . bade wunder was zu sehen, sollen gründlich enttäuscht - gewesen sein. Was sich ihren Blicken bot, mar, so be- , hauptct man, nicht mal der Rede wert. Befanden Sie ■ sich -vielleicht auch darunter, Cousine?"
Lautes Gekicher ringsum. Man gönnt es Nummer 68, -daß sie einen Hieb versetzt bekommen. Sie war als bösartig und klatschsüchtig bekannt. Kein gutes Haar ließ sie an anderen Strandkörben.
,jV er tragt euch, Kinder!" ries Nummer 1.
!Sie wurde von allen Großmutter genannt und w-ar der älteste von sämtlichen Strandköröen. 'Schon morsch im -Flechkwevk und wiederholt ausgebessert, aber immer noch -wetterfest und besonders peinlich sauber. Sie hatte es freilich auch nicht übel auf ihre alten Tage. Der greise Universitätsprosessor ans der Reichshauptstadt, der mtt feiner Gemahlin nun 'wohl schon an die dreißig Jahre dies Bad besuchte, machte es sich sMmer, wenn er seine Wohnung im ,-See blick" mietete, sofort zur Bedingung, daß er auch wieder seinen -lieben, altgewohnten Strandkorb Nummer 1 bekomme. Dann die Freude bei jedem Wiedersehen! „Paß auf, er hält so lange stand, wie w-ir selber leben!" pflegte er -zu -seiner Frau J-u sagen. Daraus setzten sic sich beide hinein, Schulter an Schulter. Der Professor las in seinen griechischen Klassikern, und sie strickte mit ihren einst so weißen, seinen und jetzt runenbedeckten Fingern Strümpfe für -den Winter. Bor
beider Blicken lag das Meer, das unendliche, ewig schöne. Sv Hatten sie jahraus, jahrein allsommerlich hier gesessen — seit den Tagen der Jugend bis heute, wo Silbe csädcn die Schläfen umspannen. Immer ine inten sie, es sei das letzte-mal, daß der frische Ode-m der See ihre Lungen erquickte. Und wenn sie ab reisten, zurück -in die Heimat, sagte der Professor zu-m Uferwart: „Gäben Sie Mir ja acht auf meinen alten, lieben Strandkorb!" und dab-ei- drückte er dem Manne ein Dreimarkstück in die Hand.
„Tn hast klug reden!" -meinte Nummer 58, „aber sieh nur her, wie's Mir geht. Kaum halb fo alt bin ich wie du, dabei -wie elend und heruntergekommen im Wergleich zu dir! -Freilich, mich kann -der Uferwart nicht ansfte-Hen,- deshalb vermietet er mich auch immer an Badegäste, die mir ordentlich Züsctz-en. IM vorigen Sommer die dicke -Krämerfrau ans Galizien — weißt du noch, wie beschmutzt ich Mar, als die Saison zu Ende ging? Nagelneu mußte ich überzogen werden, und so durchlöchert war ich, daß -der Wind mich an allen Ecken und Enden durchblasen konnte! Dies Jahr aber gcht's mir womöglich noch schlimnZer! Sieben Personen und ein einziger Strandkorb — -wer soll denn das aushalten! Mitunter quetschen sich womöglich -vier davon ans meinen Sitz! -Ich ächze, ich stöhne, aber keine Seele hat mit mir Erbarmen. Die Kinder, lauter ungezogene Bälge, reißen -mich um und trampeln auf mir herum, was das Zeug hält. Dabei werde ich jeden Tag an ein- n-ü-ere Stelle geschoben und gestoßen. Gestern stand ich r-.s spät abends mit den Füßen tief im- Seewasser, und heute den ganzen Tag litt ich infolgedessen so an Rheumatismus, daß ich vor Schmerz nicht ein noch aus wußte!"
Sie wimmerte leise.
'N-üm'mer 30, der Witzbold in -dieser Gesellschaft und als Tunichtgut verschrien, weil er stets zu allerhand losen Streichen aufgelegt war, eut-gegnete spöttisch:
„Dumm genug, wenn du dir so etwas gefallen läßt! Ihr erinnert euch doch des langen Primaners, der immer im verflossenen Jahre große 'Löcher in mein Flechtwcrk
