Wiesbadener Tsgblstt.
ss. Jabrgang.
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409.. BerlasK4fernfprecher R». 2888.
Kamslag, den 2. Septemder.
RedaktionS^ernfprechrr Ro. 82 .
1S0S.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkatt.
Zum 2. September.
Me Deutsche Friedensgesellschaft senket folgenden Artikel zum Abdruck: Die bekannten landauf, laüdab betriebenen Sammlungen für den Gustav-Adolfs-Verein haben einmal ein Bauernweiblein zu. der mißverftänd- lichen Äußerung veranlaßt, der Gustav Adolf müsse aber allmählich ein alter Bettler sein, daß man immer noch für ihn sammle. So könnten unerfahrene Landleute, die mit der neueren Geschichte noch nicht vertraut find, durch die Länge der Zeit auf den Gedanken kommen, d^r Sedanstag, der jedes Fahr wieder gefeiert werde, betreffe einen alten Heiligen und dieser Sankt Sedan, von dem so viel Wissens gemacht werde, sei am Ende gar der ausgesprochene Schutzpatron und Nationalheilige des deutschen Volks. Als etwas Heiliges, Unantastbares wird tatsächlich die Sedansfeier von unfern Nationalisten betrachtet, und derjenige, der für Abschaffung dieses „Festes" eintritt, riskiert es, bei unfern patriotischen Eiferern.als ein Mensch angesehen zu werden, der sich des crimen laesae majestatis patriae schuldig macht. Nichtsdestoweniger müssen es alle Aufgeklärten, die auf die Versöhnung der Völker hinarbeiten und es für ein Verbrechen halten, die beiden edelsten Kulturnationen Europas gegeneinander zu verhetzen, immer wieder ver- suchen, dem deutschen Volke klar zu machen, daß es cm der Zeit wäre, auf die Feier eines Sieges zu verzichten, der vor 35 Jahren unter ganz anderen Umständen, als wie sie heute vorliegen, errungen wurde. Wir wollen es zwar nicht mit jener französischen Zeitung halten, die das -Sedansfest mit dem Kriegstanz der Indianer um die Skalpe der erschlagenen Feinde vergleicht, wir sind aber der Meinung, daß die beständige Wieder, holung des Siegesgeheuls über den von seiner einstigen .Höhe heraibyeschleuderten Feind weder edel noch klug ist. Ein weife/ blickender Politiker kann nichts sehnlicher wünschen,' als daß ,bte Wunden, die unserem Nachbarvolk anno 70/71 geschlagen -wurden, sobald als möglich sich schließen möchten; statt dessen werden sie durch die von uns ivach erhaltene Erinnerung an die furchtbare Niederlage, welche die Franzosen bei Sedan erlitten haben, immer aufs neue aufgegriffen. Man berufe sich doch nicht darauf, daß die Franzosen ihrerseits den Chauvinismus pflegen, wir sollten schon als das Volk der Denker gescheiter sein; zudem hätten wir als Sieger die moralische Verpflichtung, uns großmütig zu zeigen. Damit würden wir sicher weiterkommen, als wenn wir über die Niederwerfung des übermütigen gallischen Hahns deklamieren und eine nichtsweniger als christ
Keuilletorr.
Macbdrvck verboten.)
der Saison-wende.
Berlin, 1. September 1805.
Die letzte Modenschau des Sommers, — die erste des Herbstes! Alljährlich spielt sie sich um dieselbe Zeit ab, in den letzten Tagen des August, wenn die großen Pferderennen in Baden-Baden die ganze internationale Sport- ges-ell-schaft, — die Ganz- und Halbwelt in 'dem reizenden Schwar-zwa-ldort vereinigen. Da kommen sie aus aller Herren Länder zusammen, die wirklichen echten Prinzen und Herzöge, die Marquis und Grafen, — die Welt, in der man sich amüsiert, und !die, in der man sich langweilt! Acht Tage lang scheint es, als ob in 'den Alleen der Kuranlagen, unter 'den hundertjährigen Buchen der Lichten- thaler Allee sich alles zusammenfindet, was diese Wetten an eleganten und schönen Frauen, an vornehmen und .n#t vornehmen Flaneurs aufzuweisen haben. Die sei- deictzn Schleppen rauschen auf dem Kies, die kostbaren Spitzenklcider und die fast noch kostbareren handgestickten Toiletten scheinen nur so ansgesät zu sein. Die Brillanten blitzen, daß man von ihren Strahlen gar nicht unterscheiden kann, was hier echt ist und was Srmiti! Und die schönen Prinzessinnen und echten Herzoginnen und Gräfinnen sind genau ebenso stark — gemalt als die Damen mit den Phantasienamen und den dreistockwerk- hrhen, kühn aufg-ebogen-en und von einem Dutzend Federn und zwei Dutzend grellfarbener Rosen überragten Hüten und den ebenso grellfarbenen und aufdringlich knisternden Dessous. Es ist für die stille Beobachtern: ein amüsanter Anblick, z» sehen, wie diese Welten sich mischen, wie unzweifelhafte Damen und „6es Dame«" neben einander sitzen und promenieren, — und wenn man an d'-' Renntagen in den Stuhlveihen Platz genommen bat, ldi« von den betriebsamen Badenern den Weg nach Oos entlang — nach dem Rennplatz — aufgepflanzt sind, dann könnte man nachher nicht in Verlegenheit sein uni „Skizzen ans der Ganz- und Halbwelt".
Die Totlettenstnk'ien kommen dabei nicht zu kurz. — Jü den Hunderten von Equipagen, die in ununter-
liche, vielmehr äußerst verletzende Schadenfreude zur Schau tragen. Ter Triumph über den besiegten Gegner ist aber auch deshalb töricht, weil dadurch unser Volk, das sich schon lange abgewöhnt hat, bescheiden von seinen Erfolgen- zu denken, zu einer gar nicht ungefährlichen Selbstüberschätzung erzogen wird, die ihm noch teuer zu stehen kommen kann.
In Summa: es wäre sehr zu wünschen, daß die einseitige nationalistische Denkweise allmählich einer universalistischen, weltumspannenden Anschauung weichen werde. Das gilt natürlich -den Franzosen so -gut wie den Deutschen. Der Franzose Milles ru-st einmal in chauvinistischer Verzückung aus: der friedlichste, der unbekannteste Mensch unter uns zittert vor Freude, wenn nur der Name Austerlitz genannt wird. Warum, sagt der Russe Növikow. gerät er nicht eb!enso bei dem Namen „Sedan" in Ekstase? Herr Milles kann doch offenbar nicht bestreiten, daß, wenn es einen Sieger gibt, es notwendigerweise auch einen Besiegten geben mutz. Wer wo bleibt denn der Nutzen. Wenn Austerlitz das Herz der Franzosen erhebt, so schlägt es. das der Russen nieder. Was durch eine Nation gewonnen wird, das geht der andern verloren in der Art, daß kein positiver Gewinn für das menschliche Glück .daraus hervorgcht. Und dann darf man nicht vergessen, daß jede Nation besiegt werden kann . . . Wir wollen es unfern Hurra- Patrioten überlassen, diese Rede in der Art für sich frucht» bar zu machen, daß sie an Stelle von „Austerlitz" den Namen Sedan, an Stelle der Franzosen die Dmrtschen und an Stelle der Russen die Franzosen setzen. Von ächten Deutschen kann man eben erwarten, daß fie über die schwarz-weiß-roten Grenzpfähle h-inaussehen und sich die elementare Wahrheit klar machen, baß Deutschland nicht über alles geht, daß vielmehr die Menschheit höher steht, und. daß der Teil (in diesem Fall Deutschland) am besten gedeiht, wenn das Wohl des Ganzen (sagen wir einmal: das Wohl des europäischen Staatensystems, zu dem Frankreich so gut gehört wie Deutschland) gefördert wird. Wer's aber gut meint mit dem Vaterland und mit der Menschenwelt, der wird dem heiligen Sedan ferner keine Opfer bringen.
Selbstverwaltung der Krankenkassen.
Der gegenwärtig in Breslau ta-gende 6. Derbcmds- iag des Verbandes der Berwaltungsbeamten der Krankenkassen, B-erufs-genossenschaften usw. Deutschlands -beschloß zn dem Punkt der Tagesordnung: „Die dringende Gefahr für das Selbstverwaltungsrecht der Krankenkassen und- -die Zukunft der Angestellten" folgende programmatische Kundgeb ring:
Gegenüber der sowohl von politischen Parteien als von der Reichsregierung gegebenen Anregung einer
brochen-er -FÄg-e vorüber rollen, — ist alles vereinigt,
was höchstes Raffinement, höchster Lupus, höchste Eleganz bedeutet. Nebenbei auch das Exzentrischste, was die wilde Phantasie jener Frauen zn erdenken vermag, deren höchster Lebenszweck es ist — selber ihre Toiletten zu komponieren, neue Moden zu schassen, — etwas noch nie Dagewesenes zu ersinnen, oder in starker Anlehnung an
Fig. 1. Fig. 2.
längst vergangene Moden etwas „Stilvolles" zusammen- zustellen. Diese Toiletten sind die interessantesten. — Betrachten Sie einmal diese große, wundervoll gewachsene Frau mit dem ebenholzschwarzen Haar und den mandelförmigen dunkelgranen Augen, die von berühmt langen Wimpern irmsäinnt -sind. — Das apfel-grüne Taffetkleid, das in weiten Wellen um sie rauscht, ist sicherlich von ihr selbst „kreiert". Schwarze Taffetrüschen von winzigster
Reform des Krawk'en-versicherungsgesetzes erklärt dev 6. VerbandStag folgendes: Die im Verband der Ver- waltnngs-beamten der Krankenkassen usw. organisierten Kassenangestellten protestieren gegen die Behauptung, daß die Kassenorganis-ationen zu sozialdemokratischen Zwecken mißbraucht werden und daß die Beschränkung der Selbstverwaltung deswegen nötig sei. Die Kasscn- angestellt-en weisen diese Argumente auch schon deswegen zurück, -weil bie Bestimmung des geltenden Gesetzes jede politische Betätigung in den Krankenkassen nicht nur unmöglich machen, sondern sogar der Aufsichtsbehörde genug Handhaben geben, solcher Betätigung wirksam entgegenMtreten. Es kann und ist auch seitens der Aufsichtsbehörden bisher kein sachlich begründeter Nach, weis geführt worden, der die Notwendigkeit einer schärferen Handhabung der geltenden Bestimmungen erheischt.
-Gegenüber den Bestrebungen auf Beschränkung oder Aushöhlung der Selbstverwaltung der Krankenkassen erklärt der bisherige Verbandstag folgendes: Mit Stolz und Genugtuung tonnen die Kafsenangestellten auf die Haudhabung und Entfaltung der KMnkenkassenbewegun-g blicken; — getragen von der Selbstverwaltung und der befruchtende und berufsfreüdigen Tätigkeit der Kassen- ^gestellten haben die Krankenkassen einen -Aufschwung in der Erledigung ihrer gesetzlichen Aufgaben genommen, der. eine Erweiterung der Bewegungsmöglichkeit in hygienischer und sozialpolitischer Hinsicht erfordert. Die Selbstverwaltung ist das Palladium, unter .dessen Schutz ein solcher Aufschwung erfolgen konnte. Die Selbst- Verwaltung den Krankenkassen nehmen, heißt sie nicht -groß werden lassen, sondern sie töten; aber auch- nur unter dem Schutze -der Selbstverwaltimg können sich, die Fähigkeiten, und Tüchtigkeiten der Kafsenangestellten in der Ausübung ihrer Tätigkeit entfalten. Die Anstellung und Regelung.der Anstellungsverh-ältnisse von einer -die Selbstverwaltung beschränkenden Behörde h-eißt daher eine Erdrückung der selbständigen, leistlingsfähigen Kräfte der Ka-ssenangestellten, -heißt Schematismus, Bureau- kratis'mus, heißt Überwuchern und maßgebliche Einfluß, nähme einzelner Personen und Einschränkung der Be- rufstäti gleit aller Kassenang-estellten. Der Verbandstag lehnt daher die Schaffung -einer Organisation, dis leitende, von -der Aufsichtsbehörde selbst unter Mitwir- kung der Organe der Kassenverwaltungen anzuistellenlde Beamte vorsieht, ab. _ Wenn auch zugegeben werden soll, daß -einzelne Kassen die Selbstverwaltung noch nicht hand» zrchaben gelernt haben, so ergibt sich 'daraus nicht die Notwendigkeit ihrer Beschneidung, sondern- Erziehung zur Selbstverwaltung, — daher Beibehaltung und Erweiterung. Ter diesjährige Verbandstag erklärt daher in Übereinstimmung mit den dahingehenden Be!schlüssen von München 1000 und Hannover 1902, -daß -die Kassen- an-gestellten alles daran setzen werden, den Kassen die
Schmalheit -umranden cremefarbene, dem Rock in großen Mustern inkrustierte Spitzenfi-g-uren. Ein schwarzer hoher Taffetgürtel umschließt die gelbe Spitzent-aille, über die -ein grüner Tafsetto'levo -gezogen ist, der -um- -den Hals und vorn herunter von einer Macramck-Borte umgeben ist. Die Borte hängt stolaartig bis fast zum Knie herab und endet in halbmcterlangen schwarzen Seidenfransen. Sw ist ganz und gar mit geschlissenen Jetsteinen und grünlichen Glasflußperlen besetzt Aus solcher Borte ist auch der große Hut gebildet, der, ganz entgegen der augenblicklichen Mode, eine ausgesprochene Btedermanierform zeigt und den ganzen Kopf so um- hnllt, daß nur die im glücken sehr tief achtförmig ans- gesteckten schweren, schwarzen Flechten und das sorgfältig — geschminkte Ohrläppchen zu sehen sind. Grüne Strauß- fcdern sind -zu einem wehenden Busch- gesteckt, die vorn hochaufstreben-de Schute ziert ein ganzes Bündel köstlich natürlicher La-France-,Rosen. Einen ebensolchen Strauß trägt die schöne Frau in der H-and und, — fast möchte ich'« vergessen, n-m den freien Hals sch-l-ingt sich eine Kerw auein-an.öergereihter Smaragden und- Brillanten die indem Hotel, das die -Ehre hat, die schöne Frau unter seinem Dache zn beherbergen, das Tagesgespräch- bilden. Bet der Reunion i-m Knrhanse am Abend- vorher trug sie übrigens ein weißes Er.'p-e d-e Ehine-Kleid -mit geknüpfte,r Fransen sehr reich besetzt und mit einem orangefarbenen Gürtel, dazu einen orangefarbenen Tüllhut mit wohlgczählten zehn orange Stranßfedern und einen orangeweißen Paradiesvogel. Dazu hatte sie eine wundervolle — Bernsteinkette angelegt, die ein Gehänge aus geschnittenem -Bernstein mit Perlen trug, ein Kunstwerk aus Laligues Werkstätte. Solcher besonders eigenartiger Toiletten siebt man Dutzende und möchte sie alle schildern, wenn der Raum ausreichte. Aber berichten wir lieber etwas über die neuen Herbstkleider, die an trüben Tagen das Feld behaupten. Da muß inan zunächst konstatieren, daß das Tnchklei-d- sich- nach -wie vor der höchsten Beliebtheit erfreut. — Tnchko-stüme in Braun, Marengo, einem Ins violette spielenden Blau und in dunklem Malvenrot siebt man viel, daneben hochelegante schwarze Tuchklender, mit viel Tressen besetzt. Die anschließende langschötzige Jacke wird neben dem Bolero getragen, der wieder zu großer Beliebtheit gelangt, besonders für die Deuri,
