ss. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch di« Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgaffe 27.
21,000 Abonnenten.
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittag«, für die Morgen.Ausgabe bis S Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später emgcreichter Anzemen zur nachch. ■ <^ntt«!jOTC erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigcn-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird kerne Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
363. 8 crlagS.fr er«spreche» No. 2SK>.
Dienstag, den 1. August.
RebaktiouSHerusprecher N->. LS.
1906 .
Morgen - Ausgabe.
1. Mkatt._
Keife - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's Saus
muh Ortrn in DeilMlMd und Okiierreich-UiigllrN 60 M.
.. im AusianS . •.90 ..
Bestellungen beliebe man genaue tvohnungsadresse beizufugen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblalts.
England und ferne Fords.
Unser Londoner n-Korrespondent schreibt uns unterm 29. Juli 1903:
Es ist lange her, seitdem wir hier, vom Ausland gar- nicht zu sprechen, etwas von der sogenannten „goldenen Kammer", dem Haus der Lords, zu hören bekamen. Allem Anschein nach dachten die edlen Lords soeben, es wäre Zeit,. ihre Anwesenheit wieder einmal kunidzutun, und so besorgten sie das in einer Weise, 'die Wasser auf die Ddühle aller 'derer war, die kein Verständnis fiir die gloriose Idee haben, daß göttliche Vorsehung uns gewisse Leute beschert und sie von Geburt an mit dem Recht aus- stattete, uns zu regieren, beziehungsweise Gesetze für uns zu machen. Das Oberhaus, ebenso wie' das Haus der Gemeinen, beschäftigt sich nicht immer nur mit der hohen und höchsten Politik, sondern spricht sogar ein gewichtiges Wort in städtischen Angelegenheiten mit. Eine solche gab den Lords Veranlassung, dem gewöhnlichen Volk soeben wieder einmal klar zu machen, daß es unter Vormundschaft steht. Bei der ungeheueren und stets wachsenden Ausdehnung Londons empfand man, namentlich in neuerer Zeit, großen Mangel an Verkehrsmitteln von einem Teil der Stadt nach dem anderen. Infolgedessen wurden ganz besonders von dem Grasschastsrat große Anstrengungen gemacht, dom cchzlchelfen, und so kam es denn, daß London vor ein paar Jahren die ersten elektrisch betriebenen Straßen- und unterivdischen- Bahnen erhielt. Schon lange hatte sich die dringende Notwendigkeit herausgestellt, - eine Straßenbahn durch das von der City nach Wcstminster an der Themse entlang führende sogenannte Victoria Embankment zu legen, aber fast jeder Londoner gab zu, daß die Anlage einer gewöhnlichen Pferdebahn eine Schändung jener eleganten Straße bedeutet hätte, die viele der aristokratischen Klubs enthält und am Parlament endet. Ewas anderes
war es aber nun, wo elektrische Linien Eingang gefunden haben. Eine sogenannte königliche Kommission für den Londoner Straßenverkehr schlug in ihrem jüngst er- schienenen Bericht ein vollständiges Netz von Straßenbahnen vor, in dom die Embankment-Strecke ein wichtiges Glied bilden sollte. Ehe der Bail dieser indes unternommen werden konnte, mußte eine diesbezügliche Vorlage eingobracht und' vom Unterhaus angenommen werden. Das geschah auch und es machte euren vorzüglichen Eindruck, daß die nnionistische Regierung sich so bereitwillig zeigte, den Wünschen eines großen Teiles der Bevölkerung Londons zu entsprechen. 'Wie unrecht daher, ihr nun die Ablehnung jener Vorlage durch die Lords zum Vorwurf zu machen! Das tun indes die Radikalen, die die Regierung verdächtigen, ihr nur durch das Unterhaus geholfen zu haben, um den Eindruck zu erwecken, als scheiterte die Sache lediglich am Oberhaus, mit dem sie unter einer Decke stecke. Ähnliches soll schon bei mancher früheren Gelegenheit beobachtet worden sein, und Mr. Labonchere, das bekannte radikale Parlaments-Mitglied, jubelt nun in seiner Zeitung, daß die Lords sich durch ihr Vorgehen selbst einen weiteren Nagel für ihren Sarg schnäedeten. Wie er sagt, war etwas DerartrgeS in London dringend erwünscht, um der Arbeiterbevolke- rung vor Augen zu führen, daß selbst in inneren und munizipalen Angelegenheiten eine fortschrittliche Bewegung ausgeschlossen ist, so lange die Hauptstadt fort- fährt, Tories in das Parlament zu senden. Nach seiger Ansicht wird die nächste liberale Regierung sich mst der Frage der Abschaffung des Oberhauses und seines Er- satzes durch eine aus gewähltenMitgliedern bestehende erste Kammer, zu beschäftigen haben. Wenn sie das tut, dürfte sie aber lediglich ihre Zeit verschwenden, denn die „goldene Kammer" könnte England höchstens auf dem Weg der Revolution los werden, und .wenn jene auch heute Hunderte von Straßenbahstvorlagen und noch vieles andere verwürfe, hat der Durchschnittsengländer feine Lords doch viel zu lieb, als daß er ihnen ihr Geburtsrecht rauben möchte. ....
Wiesbaden und die Semgnliz in der Ml der ErBnMMßeneMjiien.
DaS Ergänzungssteuergesetz vom 14. Juli 1893, welches am 1. April 1895 in Kraft trat, bildet im Rahmen .der großen preußischen Steuerreform der Jahre 1891 Vis 1893 einen Teil der Gesetzgebung, die' zur 'Schadloshaltung der Staatskasse für den Verlust bestimmt war, den dieselbe durch Übertragung der Grund-, der Gebäude- und der Gewerbesteuer an die Gemeinden erlitt. Während das Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891 auf dem Gebiete der Steuerstatistik lediglich bereiis vorhandene Unterlagen verbesserte, schuf das Ergünzungs- steuergefetz für eine Reihe nicht unwichtiger steuer- statistischer Verhältnisse überhaupt erst Unterlagen. Es ist
KeuiUeton.
(Nachdruck «ertöten.)
HMMlsche Winke beim Eisenbahnfähren.
Von Or. H. Wähler.
Reisen an und für sich übt einen wohltätigen Einfluß auf Körper und Geist aus. Die passiven Bewegungen des Körpers regen die Verdauung an und befördern den Stoffwechsel. Friedrich der Große schrieb am 6. August 1775 an d'Alcmbert: „Ich haste bloß
einige Fieberanfälle und eine Brusterkältung, wovon mich die Reise nach Preußen gänzlich wieder hergestellt hat. Glauben Sie mir, ohne Bewegung findet keine Gesundheit statt. Reisen ist ein wirksameres Mittel als China und Ipekakuanha." Auch bildet es ein gutes Linde- rungs- und Heilmistel für niederdrückende Gemüts- affekte und wirkt gemüterheiternd. Andere Menschen, andere Umgebungen, andere und abwechselnde Eindrücke find unter Umständen geeignet, selbst die trübsten Gedanken zu verscheuchen und die verstimmten Saiten eines leidenden Gemüts wieder auf den rechten Ton zu stimmen.
Andererseits kann auch nicht geleugnet werden, daß man sick> mancherlei Krankheiten zugiehen kann, welche aber nur selten der Beschaffenheit der Verkehrsmittel zur Last fallen, sondern vielmehr dem unvorsichtigen und unzweckmäßigen Verhalten der Reisenden. Während manche Personen am sogenannten Eismbabnfieber leiden, d. h. nie früh genug zum Bahnhof kommen können, werden wieder andere nie zur rechten Zeit fertig, laufen dann im Sturmschritt zum Bahnhof, erreichen mit Müde und Not noch den Zug und setzen sich nun schveiß- triefend und schwer keuchend bei geöffnetem Fenster auf einen Vorderplatz, wo sie am meisten der Zugluft ausgesetzt sind. Die Folgen davon sind sehr oft Zahn- oder auch Gesichts schmerz, Hals- und Lungenkatarrh e. Diese
innannehmlichkeiten vermeidet man durch langsames sehen zum Bahnhof.
Wer irgendwie nervös veranlagt rst, setze sich me in en hintersten, besonders schwankenden Wagen der Schnellzüge. In diesein bekommen empfindliche Per- jttett bei langen Fahrten leicht eine Art von Seekrcmk- eit, welche auch noch nach Beendigung der Reise längere seit anzrchcckten pflegt.
Äußerst gefährlich ist es, den Kopf oder Oberkörper us dem Fenster zu lehnen. Schon, manchem Menschen at diese Unvorsichtigkeit das Leben gekostet, indem die icht zuverlässig geschlossene Tür des Wagenabteils sich nter dem Gewicht des aufgelehnten Körpers öffnete unv er Betreffende hinausstürzte. Auch kann eine sehr chwere Verletzung dadurch herbeigeführt werden, daß n einem vorbeifahrenden Zuge eine Tür offen steht oder in Gegenstand aus dem Fenster gehalten wird: denn bei oppelgeleisigen Bahnen sind die Mitten der Geleise aus reier Strecke nur 31/2 Meter von einander entfernt, 'ährend die Durchgangswagen eine äußere Breite von urchschnittlich 3 Meter haben. Tie Unsitte des Hinaus- ehnens aus den Wagenfenstern hat ferner schon hansrg lugenentzündungen oder sogar Erblindungen herbeileführt. Scharfer Luftzug. Staub und Kohlenteilchen önnen die Augen schwer schädigest. Um beim Sitzen liefe Gefahr zu vermeiden, nehnie man entweder einen Mcksitz ein oder lasse das Fenster nur bis zur Kopfhöhe lerunter. ,
In der heißen Jahreszeit hat das reisende Publikum laMentlich viel unter zu großer Hitze zu leiden. BiS- oeilen ist daran die Bahnverwaltung schuld, west sie Vagen, welche lange Zeit in glühender >sonne gestanden jaden, ohne vorherige genügende Abkühlung in Betrieb limmt. Das ist eine große Rücksichtslosigkeit und Ge- nndheitsschädignng für Hunderte von Menschen, wo- legen das Publikum mit aller Energie anstreten muß. Während der Fahrt selbst sorge man stets für frische Luft -durch zweckmäßigen Gebrauch der Lustungs-Vor-
daher wohl nicht ohne Wert, an dieser Stelle einen kurzen Blick in die Grundlagen zu werfen, auf denen sich die gesamte übrige Ergänz-uwgssteuerstatistik aufbaut, das ist die Anzahl der ergünzungssteuerpflichtigen Bevölkerung, wie sie für die bisherigen Ergän-zungssteuerver- anlagungen (1895, 1896, 1897, 1899/01 und 1902/04) ermittelt wurde, und dabei vorzugsweise unseren Regierungsbezirk und unsere Stadt in Betracht zu ziehen.
In unserem Regierungsbezirk sind zur Ergänzungs- steuer veranlagt worden:
1895/96 1902/04
Städte ..... 26603 35914
Land . . . 17674 20 843
Überhaupt . 44177 56 757
Personen oder nach Prozenten der je tm Herbste vor der betreffenden Veranlagung ermittelte Seelenzahl der Perfo nenstandsa nfnah me:
1895/96 1902/04
Städte .... 6,43% 6,68%
Land .... 3,82 „ 4,27 „
überhaupt . 5,06 % 5,53 %
Die ergänzungssteuerpflichtige Bevölkerung hat, was nur tn wenigen Regierungsbezirken der Fall, in unserem Regierungsbezirke Wiesbaden in der gedachten Zeit also auch in der Verhältniszahl zugenommen, und zwar auf je 100 Personen der Personenstcmdsziffer, also einschließlich Frauen, Kindern usw., um 0,49 Prozent.
Von den übrigen 35 Regierungsbezirken des preußischen Staates haben nur zwei innerhalb ihres Ein- wohnerstandes verhältnismäßig noch mehr Ergänzungs- isteuerzensiten anfznweisen als der unserige, nämlich Coblenz (5,58) und Sigmaringen (7,37 Prozent). Der Regierungsbezirk Wiesbaden steht in dieser Beziehung mithin an dritter Stelle im Staate. Zeigt doch z. V. Berlin in dieser Beziehung nur die Ziffer 3,10 Prozent!
Was nun im besonderen unsere Stadt und ihre des- fallsigen Verhältnisse anbelangt, so sei zunächst angeführt, daß die je 5 Städte, die uns hei der Volkszählung vom 1. Dezember 1895 unmittelbar vorangingen, bezw. nachfolgten, im Vereine mit unserer Stadt für 1895/96, bezm. 1902/04 folgende Prozentualanteile der Ergünznngs- steuerpflichtigen an der Gesamtbevölkcrung aufwieserh und zwar:
Krefeld .....
Essen » ....
Kre l ..... .
Kassel .....
Erfurt . . . . .
Wiesbaden . .
Posen .....
Duisburg ....
Görlitz .....
Frankfurt a. O. .
Potsdam ....
Von diesen insgesamt
Zunahme, die übrigen 4 ..... ...—...
tualziffer, d. h. also des Anteils der ErgänzungSsteuer-
. . 4,22 bezw.
4,50 %;
. . 2,54
„
2,08 „
. . 2,88
„
3,59 „
. . 5,72
„
6,50 „ .
,, . 4,95
4,48 „
. , 8,54
ff
8,26 „
. . 3,31
ff
3,48
. . 2,98
3,04 „
. . 4,71
4,96 „
. . 3,94
ff
4,05 „
. . 6,11
ff
6,21 „
Städten haben
also 7 eine
richtungen und durch vorsichtiges Offnen der Fenster. Tie Lust in den Eisenbahnwagen ist oft schlecht und gesundheitsschädigend. Unwohlsein, heftige Kopfschmerzen, -Ohnmachtsanfälle und dergleichen sind die- Folgen solcher Luftvergiftung. Daher ist es im Sommer durchaus notwendig, die Fenster wenigstens teilweise zu öffnen. Wird jemand bei der Hitze im Wagen ohnmächtig, dann rufen alle: Fenster auf! weil jeder die Heil- und Gesundheits- kraft der frischen Lust kennt. Wenn man ab-er nur ein viertel oder halb ohnmächtig ist, d. h. sich erschlafft, ermattet, „halb tot" fühlt, dann trauen sich viele nicht, diese Naturheilkraft anzuwenden, weil einige verbissene Luft- feinde und eingebildete Kranke gegen das Offnen der Fenster protestieren. Für eine gute Ventilation sind übrigens Durchgangs-Wagen geeigneter als Coupswagen, und auch sonst in gesundheitlicher Hinsicht -vorzuziehen, da sie dem Reisenden bei längerer Fahrt gelegentlich Gehen und Stehen ermöglichen. Überhaupt ist körperliche Bewegung bei größeren Reisen sehr nützlich. Deshalb steige man auf Stationen mit längerem Aufenthalte aus, strecke die Glieder und bringe durch Gehen und Stampfen den Blutkreislauf, namentlich in den Beinen, wieder in schnelleren Fluß. Sehr zu empfehlen ist nach Beendigung der Fahrt ein warmes Bad mit nachfolgender kalter Douche, -was man jetzt löblicherweise auf größeren Bahnhöfen haben kann.
Ältere und schwächliche Personen sollen nie Tag und Nackt hintereinander reisen, sondern nach einer knappen TageSfabrt stets wieder eine Nacht ruhen. Denn jede längere Eisenbahnfahrt mutet dem Körper mancherlei Anstrengungen zu und setzt ihn gesundheitlichen Fähr- lichkeiten ans: Tie geregelte Lebensweise muß geändert werden; an Stelle der gewohnten Nahrung tritt eine anders geartete und zubereitete Kost, welche unregelmäßig eingenommen wird Auch die Luftveränderung, der rasche Wechsel des Klimas kann die Gesundheit gefährden. Eine besonders große Gefahr aber liegt in der Möglichkeit, sich durch Annäherung an kranke Personen ansteckende
