SS.
Jahrgang.
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Itl). 351. Berlags-Fer«spreche» R». *95*.
Sonntag, den 30. Juli.
Reiaktious-Fernsprecher No. 59. 19Or).
Morgen- Ausgabe.
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pik und Friede. - Cm plkMedsgerW.
Nicht ganz mit Unrecht sagt man: ein jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Je aufgeklärter, gesunder und stärker ein Volk ist, um so weniger wird es sich eine Tyrannei gefallen lassen, seine Regierung wird den Charakter der Herrschaft verlieren und in demselben Maße zur Verwaltung, zur Vollstreckerin des Volks- Willens werden, als das Volk selbst auf dem SSte^e gesunder Entwicklung sortschreitet. Ans Grund dieser Wechselbeziehungen kann man eben so gut von dem Volke auf seine Regierung resy. Verwaltung schließen, als umgekehrt. Ein Blick aus die Vereinigten Staaten Nordamerikas, England, Frankreich, die Schweiz usw. einerseits und Rußland, Spanien, die Türkei andererseits genügt vollkommen zum Beweise des Gesagten.
Erst müßte Wohl das Volk vorhanden sein, bevor es eine Regierung ober Verwaltung brauchte, und deshalb darf man sagen, baß die letztere des ersteren wegen da ist, nicht aber umgekehrt. Hieraus ergibt sich als selbstverständlich, daß es Zweck und Pflicht jeder Regierung — gleichviel, welcher Art sie ist — sei, es dem ganzen Volke und somit jedem einzelnen recht — nicht zu verwechseln mit wunschgemäß — zu machen, was ihr nur dann, aber dann auch sicher, gelingen wird, wenn sie auf der Basis des absoluten Rechts steht. Die ©rtunMage des absoluten Rechts wird nun aber von dem Augenblick an verlassen, wo man. einzelnen Jnbividuen oder Gruppen besondere Rechte, also Vorrechte, einräumt auf Kosten der übrigen. Jede Regierung, welche sich dieses gewissenlosen Mißbrauchs der ihr vom Volke anvertrauten Gewalt schuldig macht, wird vom Volke gestürzt werden, sobald es diesem gelingt, diese Gewalt wieder an sich zu reihen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, dürfte es nicht manche Regierung geben, die sich mit Recht „Vertreterin ihrer Nation" nennen kann, selbst dann nicht, wenn der oberste Repräsentant — Präsident oder Monarch — vom besten Willen beseelt ist, seine feierlich beschworenen Pflichten zu erfüllen. Der Gefahr, einen unfähigen ober infolge seiner Charaktereigenschaften ungeeigneten obersten Staatslenker zu haben, ist begreiflicherweise ein
Land mit erblicher Monarchie in ungleich höherem Maße ausgeseht als eine Republik, denn im ersteren Falle genügt es, erstgeborener Sohn zu sein, gleichviel ob gut oder böse, klug oder dumm. usw. —, während im letzteren Falle das Volk selbst die gewünschte Persönlichkeit beruft.
Bei weittm größer als das Unheil, welches eine ungeeignete oberste Persönlichkeit der Nation zufügen kann, ist das, welches die anstiften, die sich dieser Person be- dienen, um in und durch deren Namen das Volk in den Dienst ihrer persönlichen Interessen zu zwingen. In Ländern wie Rußland u. a., in denen die oben angeführten Zustände herrschen, ist also die Regierung nichts anderes als eine Gewaltherrschaft über das Volk, die nur dadurch möglich ist, daß das ganze Heer höherer und niederer Beamten und einflußreicher Privater, die in diesem System ihren Vorteil scheu, sie unterstützen. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, wenn die Gewalt aus den $ötri)en der Negierung in, diejenigen der unsauberen Gesellschaft übevgegangen ist, die sie stützt und in deren Interesse es liegt, bre Volksmenge unwissend und untertänig zu erhalten. Selbst der beste, edeldenkendste Herrscher vermag in solchen Fällen nicht gerecht zu regieren, es sei denn, daß er nebenbei über eine so hervorragende Intelligenz, Tatkraft imd über einen solchen Mut verfüge, wie mau dies nur sehr selten in einem Menschen vereinigt findet.
Eine republikanische Regierungsform schützt übrigens ebenso wenig vor Absolutismus und Kliquenherrschaft als die monarchische. Letztere — die Kliquenherrschaft — finden wir wohl in allen Zentral- und Südamerika- nischen Republiken, während Guatemala unter Barnos, Bolivia unter Daza, Argentinien unter Suarez Sei,man, Peru unter Caceres und in neu,erer Zeit Venezuela unter Castro, sowie unter seinem berüchtigten Vorgänger Guzmann Vlanco eine lange und schauerliche Geschichte vom Absolutismus zu erzählen wissen. In all diesen Ländern besteht die größere Volksmenge aus Indianern, Mestizen und dergl., denen man gar keine oder nur sehr geringe Schulbildung zuteil werden läßt, und die deshalb von den regierenden Sippen leicht zu täuschen und auszubeuten sind. Es zeigt sich hier genau so wie in Europa, daß, je fortgeschrittener die niederen Volksmassen sind, um so näher stehen sie der Regierung und zwingen dieser ihren Charakter auf.
Im allgemeinen darf m,an wohl sagen, daß Regierung und Volk in seiner Mehrheit zwei recht feindliche Brüder sind, deren Interessen nicht nur auseinandergehen, sondern nicht selten sich sogar bekämpfen, und weiter darf man sagen, daß der Abstand zwischen beiden proportional ist dem Kulturniveau der großen Volksmasse. Wenn nun schon in den meisten Ländern Volk und Regierung sich recht fern stehen, so ist der Abstand zwischen Volk und Politik noch viel größer, denn die Politik wird ausschließlich von der Regierung geleitet und- das Volk wird erst dann herangezogen, wenn es gilt, die Rechnung zu bezahlen.
„Politisch" heißt im Volksmunde mancherorts nichts anderes als hinterlistig, unredlich, zuweilen sogar feige, und wenn man auch theoretisch diese Deutung verwerfen
muß, so zeigt uns doch ein Blick auf die hohen Staatspolitiker, wie sehr begründet sie oft ist.
Statt zu sagen „Interessen und Politik", kann man ohne Bedenken den neugemünzten Ansdruck „Jnteressen- politik" gelten lassen, denn die Politik ist weiter nichts als das Verhalten, welches man zwecks Erreichung gewisser Interessen beobachtet. Ohne Interessen gäbe es keine Politik. Es ist demnach naturgemäß, daß die Tochter das Antlitz der Mutter zeigt, denn es ist unmöglich, niedere, unredliche Zwecks durch offene, ehrliche Mittel zu verfolgen. Wenn nun gewisse hervorragende politische Persönlichkeiten sich zu dom Ausspruche der- anlaßt sehen, daß die gewöhnliche Moral auf ihre Politik nicht anwendbar sei, so sagen sie damit nichts anderes, als daß die Zwecks, welche diese Politik verfolgt, uit* lautere sind. Nun ist aber ein wahrhaftiger Ehrenmann im Amte ebenso ehrenhaft als im Privatleben, und da ein Ehrenmann mit zweierlei Moral nicht denkbar ist, so folgt daraus, daß man solche wertvolle Menschen nicht in leitenden politischen Stellungen suchen darf, wenigstens so lange nicht, als die Politik ihr gegenwärtiges Gepräge behält. Die Herren, welche die Politik als über die Moral erhaben darstellen, wollen die Sache zum Zwecke ihrer persönlichen Rechtfertigung so deuten, als sei eine moralische Politik im unmaßgeblichen Volkssinne unmöglich; aber sie beweisen dadurch nur, daß sie absolut unfähig sind — bei vorausgesetztem guten Willen — die wahren Interessen einer Nation zu erkennen. Mit einiger Beobachtungsgabe und gesunder Logik kann man leicht erkennen, daß die Handlungen eines Gemeinwesens, also auch einer Nation, genau denselben Motiven gehorchen wie diejenigen der Privatpersonen, und deshalb unterliegen sie derselben Qualifikation wie diese.
Demnach müssen wir jede Station „Räuber" nennen, welche, gestützt auf ihre größere brutale Macht, sich ans Kosten einer anderen Nation bereichert, unid „Raubmörder" ist sie, sobald sie diese Gewalt in Form, eines Krieges anwendet. Man darf es ruhig dem denkenden Leser überlassen, in welche Kategorien z. B. Rußland. England u. a. m. Hineinpassen.
Wohl kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, daß ein Krieg und sei es auch der siegreichste, das größte Unglück ist, welches einem Volke widerfahren kann; denn alle errungenen Vorteile —mit Ausnahme der Freiheit — vermögen nicht all die Tränen zu trocknen, welche um verlorene Väter, Söhne, Gatten und Brüder geweint wetden, vermögen nicht das grenzenlose Elend ungeschehen zu machen, das über Millionen friedlicher Menschen heraufbeschworen wird. Wenn nun der Krieg das größte Unglück ist, so muß folgerichtig eine Politik, welche zum Kriege führen kann, wenigstens die verwerf- lichste, die dümmste oder eine verbrecherische sein. Nun erzeugt bekanntlich nichts so viel Unzufriedenheit, Erbitterung und Rachegelüste, als erlittenes Unrecht, und deshalb ist jedes Interesse, welches' eine Nation verfolgt, und jede Politik, die aus diesem Interesse hervorgeht, wenn sie nicht auf dem Grundsätze „behandle deinen Nächsten wie dich selbst" beruht, in erster Linie Verderb- lich für die Nation selbst. Zunächst zeigt sich das Ver-
Ferrilleton.
Ein- und Ausfälle.
(Für das „Wiesbadener Tag blat t".)
Von Joseph KaiSlcr.
Die Sünde.
Unter den Menschen war wieder einmal ein großes Streiten über die Sünde. Woher kam sie, warum war sie da und zog trotz aller Kämpfe in prangendem Sieg durch die Völker?
Der Priester sprach: „Gott ließ die Sünde zu, damit sich der Mensch in frevelhaftem Übermut nicht allzu überhebe. Durch die Sünde lernt er demütig seine Schwäche erkennen und die Notwendigkeit seiner heiligen Kirche einsehen." „Tie Sünde kam", entgegnete der Richter, „der Menschheit zu ihrem größten Triumph zu helfen. Durch sie schufen wir die stolzeste, erhabenste unserer Göttinnen, die strafende Gerechtigkeit, die uns selbst den Göttern gleichstellt." „Die Sünde?" fragte in binnen der Künstler. „Wer will sagen: Nur Licht, nur Schatten! Beide müssen sein, damit sich aus den Kämpfen ihrer Wechselspiele meine Göttin gebäre: die Schönheit" „Die Sünde", murmelte der Bauer, „ist sicher nur da, weil sonst im Himmel nicht Platz für alle wäre, es müssen doch auch welche in die Hölle kommen."
Sie trugen ihren Streit dem Herrn vor und begehrten Antwort. Da sprach Gott und sein Auge war wie das Licht der Sonne, wenn sich unter ihm die Blüten entfalten und seine Stimme wie die des Windes, wenn er über wogende Kornfelder geht: . „Die Sünde schuf meine Liebe, damit sie verzeihen konnte."
Ans der Schule von Athen.
I.
W e s p e n d u m m h e i t.
Kriton: „Meister! Als ich heute am Hause des Hippies vorüberging, riefen mir dessen Schreibsklave Thersites — du weißt, der für einen Sykophanten gilt — -und seine Flötenspielerin Egeria Schmähworte ans dich nach. Sie höhnten, deine Wahrheiten seien billige Sommerfrüchte, die schon welk auf den Markt kämen. Wir müssen . . . ."
S o k r a t e s : „Warum bist du so erregt, mein lieber Kriton? Was müssen —"
Kriton: „Wir müssen sie züchtigen. Die Athener sollen sehen, daß man dich nicht ungestraft höhnen darf."
Sokrates : „Du solltest die Lehren unserer Weisheit nicht so schnell vergessen. Weißt du, wie ich diese Menschen kenne?"
Kriton: „Eben darum bin ich so erregt, Meister! Als dieser Thersites vor mehreren Jahren für ein Bocksspiel von den Athenern verhöhnt wurde und du ihm die Verteidigung gönntest, die Menge hatte sich schon an schlechtem Spielen ergötzt, da konnte der Jämmerliche nicht Worte genug finden, deinen edlen Sinn zu Preisen. Und setzt schleicht 'er umher, ob er nicht etwa mit langen, mißgünstigen Ohren Böses über dich erlausche."
Sokrates: „Und weißt du, warum er jetzt ans
einmal Übles von mir redet?"
Kriton: „O ja! Weil du sein letztes Satyrspiel, für das seine Freunde ein so widerliches Lobgeschrei erhoben, keines Urteiles würdigtest."
Sokrates: „Du kennst also d:e Gründe dieser Gegnerschaft und dennoch erregst du dich? Aber vielleicht Egeria. . .?"
Kriton : „Ich muß lachen, Meister. Das ist jenes Weib, von dem uns der Zyniker Stageites, mein früherer Lehrer, zu sagen pflegte: Auf sie sehet, o Jünglinge, wenn ihr das Feuer eurer Leidenschaften nicht zähmen könnt. Denn Hera hat sie in eifersüchtigem Zorn gegen Aphrodite geschaffen, damit der Dienst dieser Lieblichen nicht allzu sehr überhand nehme. Sie leidet Hunger im Hause des Hippias und geht in flehenden Briefen bei den reichen Athenern betteln."
Sokrates: „Las; die Arme! Was willst du
noch. Heißt diese Menschen kennen, nicht über ihre Reden
Kriton : „Trotzdem, Meister! Deine Würde leidet, und ich will . . . ."
Sokrates: „Du willst, mein Kriton, auch in der Erregung jene Klarheit des Denkens nicht vergessen, die dem Philosophen ziemt. Was nennst du meine Würde?"
Kriton: „Dein Ansehen bei den Menschen."
Sokrates: „Bei allen Menschen?"
Kriton: „Gewiß"
Sokrates : „Wenn nun, mein Kriton, ein Mörder Übles von mir redete, weil ich zu weich sei, einen Menschen zu erschlagen?"
Kriton: „Das schadete deiner Würde nicht."
Sokrates: „Wenn ich aber etwas täte, zu dem
mein Schüler Plato, den ich sehr hoch halte, sagen würde: Wie kann Sokrates so Übles tun?"
Kriton: ,,^'cf) verstehe, Meister. Du lehrst mich, es komme aus die Menschen an, die Übles von uns reden."
Sokrates: „Willst du also noch hingehen und
mich gegen Thersites und Egeria verteidigen?"
Kriton : „Nein, Meister! Aber eines verstehe ich noch immer nicht. Ich begreife, daß diese Menschen so niederen Sinnes sind, daß du ihrer Worte nicht achten brauchst. Aber warum sind sie zugleich so dumm? Dieser
