Wiesbadener Tagblstl.
sa. Jahrgang.
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N-. 341.
Berlags-Ferusprecher R». 288 ».
Dienstag, den 25. Juli.
Rerakti««sHer»sprecher No. 8».
180 S.
Morgen - Ausgabe. ,
__ 1. Matt. _
Jur: August uuö September:
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(Nachdruck verboten.)
ßerlmne Kriege und ihre segensreichen Folgen.
(Bon unserem militärischen Ni i t ar b e i t e r.)
Im Gegensatz zu der sogenannten guten alten Zeit, in der die verlorene Schlacht oder ein unglücklicher Krieg Vernichtung für das besiegte Volk bedeutete, aus welcher nur wenige das nackte. Leben oder Freiheit zu retten vermochten, haben die Kriegs der neuesten Periode vielfach segen und Aufschwung den unterliegenden Nationen gebracht.
Das vollständige Versagen der einst so gefürchteten areußi-sch-en Armee in dem Kampfe hon 1806, die schrecklichen Niederlagen von Jena und Auerstädt nebst den schimpflichen Kapitulationen der meisten festen Plätze gaben den Anlaß zur allgemeinen Wehrpflicht, der Abschaffung der sichtbaren und vieler unsichtbaren Zöpfe, sowie einer Menge zeitgemäßer Reformen auf dem Gebiete der Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Mittelalter- liche barbarische Strafen, wie Spießrutenlaufen und Prügel, hob Friedrich Wilhelm III. in der Armee auf und er führte die allgemeine' Schulpflicht ein, soweit es irgendwie die vorhandenen Mittel erlaubten. Dagegen blieb die versprochene Verfassung, welche der König in der größten Not seinem Volke in Aussicht stellte, ein schöner Traum, den erst das Sturmjahr 1848 glücklich zur Wirklichkeit brachte.
Tief war Preußen von dem Korsen niedergezwungen und gedemütigt und nur einer Laune des Welteroberers verdankt es den fernern Bestand in sehr beengten Gren- ;en. Trotz der gewaltigen Schuldenmasse, die Napoleon dem Besiegten auferlegte und obgleich noch engherzige Autokratie nach dem Befreiungskrieg die Lage des Volkes traurig genug erscheinen ließ, datiert der Aufschwung des Landes von 1806, dem Schreckens-jahre der preußischen Monarchie!
Ähnlich erging es dem österreichischen Kaiserstaat '1866. Von zwei Seiten angegriffen, erlag derselbe den
gewaltigen Schlägen, die König Wilhelm gegen ihn führte, während ‘ das mit Preußen verbündete Italien sein Vorgehen m schwerer Niederlage büßte. Österreich verlor Venedig, trat gezwungen aus dem deutschen Bund und zahlte 40 Millionen Taler Kriegskosten an den. Sieger. Der unglückliche Kampf selbst verbrauchte ferner ungezählte Millionen, so daß der noch aus den Kämpfen mit Napoleon I. her schwer verschuldete Staat finanziell erschöpft schien.
Nicht wie 4 Jahre später Frankreich _ suchte das Donaureich nach einem Verräter, dein die Niederlage in die Schuhe geschoben werden konnte, sondern die Ursache des Unglücks in seinen mangelhaften Einrichtungen erkennend, legte es bessernd die Hand an, wo es nötig erschien.
Obligatorischer Schulunterricht, allgemeine Wehrpflicht und sparsame Wirtschaft bedeuten für den besiegten Kaiserstaat die Früchte der Niederlagen. Kaum 30 Jahre bedurfte das schwer erschöpfte Land Franz Josefs, um mit den alten Lasten so aufzuräumen, daß es . heute wirtschaftlich zu den best situierten Staaten Europas gehört. -Ferner lohnte ein 39jähriger Friede die kluge Politik des österreichischen Kaiserreiches, das seit 300 Jahren keine gleich lange Friedenszeit erlebte!
Das dritte Land, weiches 1870/71 das nämliche Schicksal wie 65 Jahre früher Preußen und- 1866 Österreich erlitt, das ruhmsüchtige eitle Frankreich, hat für Elsaß-Lothringen und 5 Milliarden Kriegskosten eben- falls hohe'Werte eingetauscht. Es wurde den Usurpator mit seiner Sippe und Anhang von mehr wie zweifelhaften Charakters los, erhielt die allgemeine Wehrpflicht und für die gesamte Jugend des gesegneten Landes den Schulbesuch. Ihre republikanische Verfassung macht die Franzosen zum freiesten Volk der Erde und könnten sich dieselben auch wirtschaftlich vortrefflich befinden, wenn die durch die erlittenen Schlappen verletzte Eitelkeit und Pmhlsucht nicht jede bessere Einsicht bei einer großen Anzahl tonangebender Männer trübten! Ter Revanche- gedanke ernährt viele Schreier, die ihren Unterhalt durch ewiges Schüren der Ruhmsucht verdienen und das Volk in fortwährender Erregung halten. Unerhörte Summen opferte die Nation, um eventuell die Scharte Des Schreckensjahres auszuwetzen, welche Mittel viel praktischer qach österreichischem Vorbild zum Aufbessern der Finanzen verwandt worden wären. Trotz der fast erdrückenden Schuldenlast von 32 Milliarden Frank steht Frankreich jetzt mächtiger da wie je und ist ein gesuchter Verbündeter.
Viel niederdrückender, wie die preußischen Siege für Österreich waren, sind sicher Rußlands Niederlagen, welche das kleine, kaum geeachtete Japan ihm beibrachte. Hier bezwang die moderne fortschreitende Kultur den angestammten Schlendrian mit all seiner Anmaßung und eingebildeten Kraft!
Was wird Rußlands Zukunft sein?
Die Weissagungen Maximilian Hardens scheinen uns verfehlt. Nach ihm soll das Zarenreich die nötige
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Berühmte Giftmischerinnen.
Bon E. Jsolairi.
Der vor einiger Zeit in Paris abgeurteilte Fall der Giftmischerin von Saint Clair, der Frau Rachel Galttch welche Großmutter, Gatten und Bruder durch Gift ermordete, erinnert an ähnliche Fälle früherer Zeiten, an Frauen, die gleichsam als die Vorgängerinnen dieser Mörderin angesehen, werden können, denn es ist charakteristisch, daß Giftmorde in so wiederhollem Matze nur von Frauen verübt wurden. Ter Mann, der Angehörige des starken Geschlechts, verläßt sich aus die rohe Kraft, während das listige Weib ihre Mordlust durch Giftmischereien befriedigt.
Eine der berühmtesten Giftmischerinnen war a-uch eine Französin, Margarethe d'A-nbray, Me Gattin des Marquis von Brinvillier, welche in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts am schwelgerischen Hofe Ludwigs XIV. lebte. Durch ihren Gatten wurde sie mit einem dürftigen Abenteurer namens Godin de St. Croix bekannt, der sich sehr bald ihre Gunst zu erwerben wußte. Unterdes starb der Marquis, und der Vater der Marquise ließ, ungehalten über ihren schamlosen Umgang mit St Croix, diesen in die Bastille werfen. Hier wurde St. Croir der vertraute Freund eines gewissen Exili, der ihn in -die Geheimnisse der damals noch als Geheim- wissenschaft anzusehenden Giftmischerei einführte. Als er dann nach einjähriger Haft ans dem- Kerker entlassen war, knüpfte er sogleich seine Verbindungen mit der Marquise wieder an und- unterrichtete sie in der neu- gelernten Kunst, in der Absicht, daß sie dieselbe zur Erwerbung von Reicht ümern benutzen sollte. .Sie nahm die Maske einer Nonne an, verteilte Speisen unter die Armen, nährte die Kranken inr Hotel Dien und prüfte
so, unentd-eckt bleibend, die Kraft ihrer Gifte an diesen Unglücklichen. Dann vergiftete sie mit Hülfe des von ihr' bestochenen Bedienten ihres .Geliebten St. Croix, namens Chaussee, ihren Vater, später ihre Geschwister. Zwar entstand- sofort der Verdacht, daß diese Personen durch Gift getötet seien, man öffnete die Leichname-der Verstorbenen, konnte aber bei dem damaligen niederen Stande der Heilwissenschast nichts entdecken.
Da führte ein Zufall zur Entdeckung. St. Croix trug jedesmal bei Bereitung seiner Gifte eine gläserne Maske. Als diese aber einst zufälliger Weise abfiel, wurde er durch die giftigen Dämpfe erstickt und- man fand ihn tot in seinem- Laboratorium.Nun fand man in seiner Hinterlassenschaft -die Beweise dafür, daß er der Marquise de Brinvillier Gift geliefert habe. Die Marquise entfloh nach Lüttich, wo sie sich in -einem Kloster verborgen hielt, während ihr Gehülse Chaussee gefangen genommen und, nachdem er ein offenes Geständnis abgelegt hatte, gerädert wurde. Später gelang es dann auch der'Geschicklichkeit eines Pariser Polizei- beamten namens Degrais, der trotz der Klostermanern mit ihr eine Liebschaft.anzuknüpfen wußte, sie aus ihrcm Schlnpftvinkcl nach Paris zu locken, wo sie bald ihrer Mordtaten überführt, zum Tode verurteilt und am 16. Juli 1676 öffentlich hingcrichtet wurde. -Lie ist übrigens mehrfach bildlich dargestellt worden, zumeist in Nonnentracht mit einem Kreuz in der Hand, und die furchtbare Frau, die zahlreiche Morde auf dem Gewitzen hatte, macht auf diesen Bildern einen gutmütigen, sympathischen Eindruck. .. , . _
Aber Frankreich hat keineswegs die alleinige Ehre solche weibliche Bestien in Menscbeng-estalb hervorgebracht zu haben. Um die Wende- des k8. zum 19. ^ahrbundert lebte in Berlin eine den besten GewllichaftstrelBn an- gchörige Frau, -welche -als Gfftmffchexin Berubm-theit erlangte, die Gebeimrätin Charlotte Ursinns. ^ Sie ist übrigens in einem berühmten Roman, in ,Rnw nt -die erste Bürgerpflicht", von Wilibald Alexis, dem bedeuten-
Intelligenz -vom Ausland beziehen, welches sämtliche wichtige Stellungen zu besetzen habe, da- Rußland noch wie zur Zeit Peters des Großen, -Alexanders und Nikolaus I. nur durch- fremden- Zuzug kulturfähig zu machen sei!
Ä-aß die nötigen- Kräfte für alle Zweige der Verwaltung vorhanden sind, wird „der Teil" -der Bewvlmer des geknechteten Reiches beweisen, der längst i->n Verborgenen auf Umsturz der unerträglichen Verhältnisse hinarbeitete, zu Bombe und Dolch griff, um die große Masse aus ihrem GleichgAtig-keitsdufel zu erwecken und die Machthaber einzuschüchtern! Leider wurde Alexander II., der Befreier der Bauern, das Opfer dieser Fanatiker; er war mit -dem edlen Loris Melikow beschäftigt, dem Zarenreich die erhoffte Verfassung aus- znavb-eiten, als ihn eine Höllenmaschine zerschmetterte. Seit dem Tode dieses -hochverdienten Kaisers verflossen 25 Jahre, welche das Reich -der Moskowiter weit zurück, brächten, -aber die Partei des Umsturzes entsprechend der.wachsenden Unzufriedenheit vermehrte, so daß sie jetzt zahlreich genug ist, sämtliche Stellen von Einfluß zu be- setzen, sollte die Revolution- -siegen.
' Rußland wird, falls es „ein Staat" bleibt und nicht zerfällt, -auS dem verlorenen Kisieg neu hervorgchen und in etwa 30 Jahren „die" Macht bilden, welche -auf -der Erde tonangebend sein dürfte. Seine Größe, Lage, zahlreiche Bevölkerung -und schier unerschöpflichen H-ülfs- mittel bedingen unweigerlich bei einer „guten" Regie- r-ung diese Weltstellung!
Auch für die andern Kulturvölker d-er Erde kann ein neu geborenes Zarenreich- Heil und Segen bringen und dem ungesunden, zugrunde richtenden Zustand des bewaffneten Friedens ein Ende bereiten. Alle Welt will Frieden, warum erfaßt nicht schon- setzt ein starker Arm die Gelegenbeit beim Schopfe, den Völkern klar zu machen, welcher Unsinn es ist, sich bankerott zu rüsten?! Leider leben wir zu sehr im Zeitalter der Pose und- Phrase, als daß etwas Großes geschaffen- werden könnte! Nie war der Moment günstiger, die zur Schau getragenen Frie- densgefühle auf Herz und Nieren zu prüfen, wie gegenwärtig ! Der ewige Störenfried Europas steht verlassen da>, sein großer Bruder erwies sich trotz der Ungeheuern Ausdehnung als Schwächling, den die kleinen gelben Kerls wie einst David den Goliath in den Sand streck- ten!
Eine harmlose Frage an unfern westlichen Nachbarn, was die dichte Besetzung seiner Ostgrenze bedeute, und die freundliche Erklärung, daß Deutschland solchen Zustand als den Frieden bedrohend betrachten müsse, würde Klarheit in die Situation bringen und den Anhängern der Bertha Suttner im schönen Frankenlande bedeutend das Rückgrat stärken!
Doch dies sind leere Träume! Unwürdig genug jubelt Germanien, wenn der unbedeutendste französische Schreiber sich ausnahmsweise mal friedlich äußert oder ein Offizier -der gallischen Republik die -gebotene Höflichkeit in gleicher Weise erwidert! R. W.
den Brandenburgischen Romancier, geschildert worden. Frau Charlotte Ursinus -war eine Frau von -hervorragender Bildung und klugem Geiste, von imponierender Erscheinung -und mit Gesichtszügen, -die zwar nicht schon zu nennen sind, aber interessant waren und die wohl verrieten, daß man es mit einer Frau von Bedeutung zu tun habe. Und diese Frau, die in ihrem Hause cii-e vornehmsten Kreise der damaligen Hauptstadt Preußens um- sich versammelte, die wohl berufen gewesen wäre, eine große Rolle in der geistigen Entwicklung Berlins damals zu spieleil. ermordete aus purer Mord- lust, oder, wie Wilibald Alexis sagte, „in der Wollust des Schmerzes", Sadismus würde man es heute nennen, ihren Gatten, den Geheimen Justizrat und Regiernngs- direktor Ursinns, ihren Geliebten, einen holländischen Kapitän namens Rogay und eine in Charlottenburg wohnende Tante. Sie versuchte auch- noch ihren Diener, Klein mit Namen, zu vergiften, der sich aber zu retten wußte und welchem die Mörderin späterhin bis zu seinem Tode eine Monatsrente bezahlen mußte, was zu dem Berliner Scherzwort Anlaß gab, „das sei der Mann, der" vom Gifte lebe". Frau Ursinns bediente sich bei ihren Mordtaten des Arseniks. Sie war eine hysterisch veranlagte Person und sie gab zu, daß sie durch den Reiz zu ihren Mordtaten getrieben wurde, den die schmerzvollen Zuckungen der Vergifteten auf sic anS- übte. Am 12. September 1803 ward sie zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt, die sie in Glotz ver- büßte.' Als sie dort dreißig Jahre zugebracht hatte, wurde der Siebzigjährigen gestattet, außerhalb- der Festung in der Stadt Glotz zu wohnen. Und nun gelang es ihr noch im- Alter, sich die Liebe d-er Bewohner von Matz durch Werke der Wohltätigkeit und- ihre Gastfreundlichkeit zu erwerben, so daß, als sie am 4. April 1836 starb, ganz Glatz am Grabe der Missetäterin
^Ein paar Jcchrzebnte nach den Taten -dieser Gift-
' Mörderin erregten in Bremen die Verbrechen eines
