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5S. Jahrgang»

Erscheint in zwei Ausgaben. DezngS-PreiS; durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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H». 317.

»erlagS.Fer«lprecher N». 2958.

Dienstag» den 11. Juli.

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1803.

Morgen - Kusgabe.

1. Mkertt.

Pottllsches aus England.

Unser Londoner n-Korrespvndent schreibt uns unterm 8. d. M.:

Mr. ChamberIai n feiert heute seinen neun- undsschzigsten Geburtstag. England Hut bisher wenige Staatsmänner aufzu-weisen gehabt, die auf der Schwelle des siebzigsten Jahres eine politische' Massenversamm­lung leiten konnten, wie die, welche gestern abend in der Albert Hall von der sogenannten Tarifreform-Liga. unter dem Vorsitz des Ex-Kolonialministers abgehalten wurde. Bei dieser Gelegenheit stellte einer seiner be­geisterten Anhänger, dessen Eigenschaft als Marine- Lentnant ihn natürlich zu einer Autorität auf wirtschaft­lichem Gebiet macht, den Antrag, die Nation solle den 31. März hinfort als den Tarifreformtag feiern. Jener Leutnant scheint übrigens auch ein kleiner Napoleon zu sein, denn^dergroße" beginnt in 1805 einen ganz ähnlichen Streich, indem er Medaillen schlagen ließ mit der Inschriftll'rappö a Londres, 1805." Die beab­sichtigte französische Invasion Englands kam aber be­kanntlich nicht zustande, utt.b so mußten die Medaillen wieder eingeschmolzen werden. Einen Tarifreformtag zu schaffen, ehe Dir. Chamiberlain seinen FisÄfeldzug gewonnen, heißt ebenfalls die Rechnung ohne den Wirt machen. Die Rede, die der große Darifreformator gestern abend vor der. Versammlung gehalten, bewies, daß er sich vorläufig noch immer auf Worte zu be­schränken und Taten für einen späteren Zeitpunkt auf- zusparen wünscht. Ja, es ging aus feinen Äußerungen sogar der Wunsch unverkennbar hervor, bis auf weiteres in abwartender Haltung zu verharren. Im Gegensatz zu früher erwähnte er nämlich mit keiner Silbe die Auf­lösung des Parlaments imi> die Generalwahl, was umso bemerkenswerter ist, als er seine Zuhörer versicherte, die große Masse der unionistischen Partei gehörte ihm und seiner Politik mit Leib und Seele an, und wenn der geeignete Augenblick gekommen, würden sämtlickie Leiter der Partei Schulter an Schulter in die Schlacht ziehen für dieeinzige Konstruktive und Kampfpolitik", wie er seine Pläne nennt. Wenn man den Tarifreformlern glauben darf,' marschiert Mr. Balifour bereits gehorsam hinter dem Chamöerlainschen Kriegswagen her, und die Schutzzollpolitik bildet das einzige Ideal der Univniften. Da hinzu kommt noch, daß Mr. Chamberlains Be­hauptung gemäß sämtliche, die ^verschiedensten Kreise des Volkes vertretende Körperschaften in England sich zugunsten seiner Pläne -ausgesprochen haben. Weshalb er unter solchen Umständen zögert, sich ohne weiteres ein Mandat von der Nation geben zu lassen, erscheint auf- fallend, ebenso wie die wiederholte Versicherung, daß er nicht auf einen unmittelbaren Sieg rechne. Mr. Cham-

berlain ist sonst nicht der Mann des Zauderns und Zagens, und so liegt der Verdacht Nahe, daß ihn ganz besondere Gründe zur Untätigkeit veranlassen. Als das Unterhaus vor dem Pfingstfest vertagt wurde, deuteten alle Anzeichen darauf hin, daß sich die Sache mit der Kolonialkönserenz wieder zerschlage, denn unter anderen hatten Lord Lausdowne und Mr. Littleton er­klärt, es könnte sich höchstens um eineArt" Konferenz handeln, die sich mit der Frage der Vorzugszölle für die Kolonien kaum beschäftigen würde. Dir. Chamiberlain verfehlte damals nicht, seinem Mißfallen darüber Aus­druck zu geben, und in den Kreisen der Opposition ver­mutet man nun, daß er Mr. Balsour, die politische Wetterfahne, inzwischen veranl-aßte, sich schon wieder einmal zu drehen, bezw. seine Stellungnahme zu jener Frage zu wechseln und seine Zustimmung zur Erörterung des Gegenstandes durch jene Konferenz vor Auflösung des Parlamentes zu geben. In diesem- Falle brauchte man nicht länger nach einer Erklärung für Chambe» lains abwartende Haltung zu suchen. Das Parlament wird alsdann bis zum Zusammentreten der Konferenz mit der Vorlage zur Reorganisation des Wahlsystemes beschäftigt werden. Ter Ex-Kolonialminister aber erwartet natürlich durch die Konferenz den Ausfall der nächsten Generalwahl zu beeinflussen. Die Vertreter der Kolonien werden nämlich wieder mit dem Abfall dieser vom Mutterland drohen, wenn man ihnen dessen Märkte nicht durch eine Zollpolitik sichert, und aus diese Weise hofft, Chamberkain sein Mandat von der Nation zu erlangen. Glückt das nicht, dann dürste der große Plan jenes Mannes wohl einst mit seinem Urheber zugleich zu Grabe getragen werden.

Politische Übersicht.

Ein neuer Berschlcppungstrick in der makedonischen Frage.

Aus K o n st a n t i n o p e I, 7. Juli, schreibt unser l-KorresPondent: Schier unerschöpflich ist der Erfindungs- geist der Männer in der engeren Umgebung des Sultans, wenn es sich darum handelt, den Mächten eine Nase zu drehen. Die Protestnoten, in, denen die in Konstanti- novel akkreditierten Gesandten die Durchführung von Re­formen in Makedonien, die immer wieder hinaus­geschoben wird, verlangten, waren in der letzten Zeit so häufig geworden, daß irgend etwas zur Beschwichtigung der europäischen Meinung geschehen mußte. Tic türkische Regierung hat nun beschlossen, eine Volkszählung in Makedonien vorzunehmen, um zunächst einmal festzn- stellen, inwieweit die religiösen und nationalen AN- iv räche der verschiedenen in der Provinz ansässigen Völkerschaften Berücksichtigung verdienen. Jeder Kenner des makedonischen Problems begreift ohne weiteres, wie viel von einer solchen Volkszählung abhängig ist. So­wohl von griechischer als auch von bulgarischer Seite ist in der letzten Zeit wiederholt der Versuch gemacht wor­

den, durch Heranziehung von Ziffern, die in der Tat nur oberflächliche Schätzungen waren, den Anspruch des einen oder anderen Volksstammes aus die Vorherrschaft in Makedonien zu begründen. Genaue Daten über die Verteilung der Nationen suchen aber auch die Vertreter der Mächte schon seit längerer Zeit zu erhalten und unter ihnen tauchte wohl zuerst der Plan ans, eine Volks­zählung zu veranstalten, um auf der durch sie geschaffe­nen Grundlage einige Ordnung in die Verwaltung des Landes zu bringen. Dadurch, daß nun die Pforte den Vorschlägen der Mächte zuvovkommt, fj'Qt sie gewisser­maßen zwei Fliegen mit einem Schlage getroffen. Sie kann den europäischen Staaten wieder einmal ihren Reformdrang und ihre Bereitwilligkeit zur Herstellung geordneter Verhältnisse im günstigsten Licht darstellen, andererseits hat sie die Möglichkeit, die Zahlung nach bewährter türkischer Methode vorzunehmen, d. h. durch eine falsche Darstellung der Verhältnisse das an sich nicht einfache Problem noch weiter zu verwirren. Sehr wahrscheinlich ist es, daß die Türkei alle Anhänger des Propheten ohne Rücksicht auf ihre Nationalität zu einer Zahlengruppe vereinigen wird, während sie die Christen voraussichtlich nach ihren religiösen Schattierungen und' nationalen Unterschieden zu sondern gedenkt. Das würde natürlich ein ganz verkehrtes Bild geben, mit dem sich aber seitens der Pforte trefflich operieren ließe. Ter europäischen Diplomatie bliebe es dann Vorbe­halten, die Resultate der türkischen Zählung noch einmal zu überprüfen, zu diesem Zweck eine Kommission ein- znsetzen usw., kurz, die Reform-Politik wäre wieder ein­mal auf einem toten Punkt angelangt. So weit aber sind wir vorläufig noch nicht. Noch ist es den Mächten möglich. an die Pforte das Verlangen zu stellen, daß die Zählung, von deren Resultaten vielleicht das ganze künftige Schicksal Makedoniens abhängt, unter euro­päischer Kontrolle stattfinde. Eine solche Forderung be­deutet zwar ein ziemlich starkes Mißtrauensvotum in die Tätigkeit der türkischen Behörden, aber die Re­gierung des Sultans hat Wohl keinen Anspruch daraus, daß ans ihre Empfindlichkeit nach der Richtung hin auch nur die geringste Rücksicht genommen wird.

Die Aussichten der russischen Presse.

Arrs Petersburg, 8. Juli, sendet unser (^-Berichterstatter folgende Mitteilung: Es kann

keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Tätigkeit der Kommission Kobeko, die Vorschläge zur Pretzreform machen sollte, der Regierung auch nicht den mindesten Anstoß zu einer freieren Ausfassnng ihrer Stellung zu den Organen der öffentlichen Meinung gegeben hat. Die Unterdrückung von Blättern wieRuß",Wetschernaja Potschta",Rußkaja Mysl" zeigt, daß mit dem gegen­wärtigen System! der Zwangsbchandlung vorläufig nicht gebrochen werden soll. Dagegen heißt es, daß Schipon,der neuerdings sehr ernsthaft als Nachfolger desamtsmüden" Bnlygin in der Leitung des

Feuilleton.

(Nachdruck Verbote«.)

ilapleon I. auf der Fahrt nach % fjeta.

Als Napoleon aus den Beschluß der alliierten Mächte hin im Interesse der allgemeinen Ruhe nach St. Helena gebracht werden sollte, verließ er das LinienschiffBelle- rophon", aus dem er bis dahin geweilt hatte, und ging an Bord desN o r t h u m b e r l a n d", der ihn nach seinem Bestimmungsort führen sollte. Hier ward er von einem englischen Verehrer, L y t t e l t o n, einem Freunde und Verwandten des Kommandeurs desRorthumber- land", Sir George Cockburn, in ein Gespräch verwickelt. Lytteltvn hat genaue Auszeichnungen über diese Unter­redung hinterlassen, die den letzteren Akt des großen weltbewegenden Napoleon-Dramas von neuem beleuchten und jetzt zum erstenmal nach einem im Dresdener Königlichen Archiv befindlichen Manuskript in La Revue" veröffentlicht werden. Lyttletvn beschreibt das Eintreffen Napoleons auf dem0!orthumbcrland", wie die Wache salutiert, der gestürzte Kaiser, von dem getreuen Bertrand begleitet, leicht den Hut lüstet und mit freier lächelnder Miene sich an Cockburn mit den Worten:Ich bin Ihrer Befehle gewärtig, mein Herr" wendet. Dann läßt er sich die einzelnen Offiziere des Schiffes vorstellen und richtet allerlei Fragen an sie. Die ganze Zeit, die diese Zeremonie dauerte, hatte Napoleon eine wohlwollende, ja liebenswürdige Miene bewahrt. Gegen den, mit dem er gerade sprach, leicht vorgeneigt, sah er jeden mit' einem leichten Lächeln an. Den Hut hielt er in der Hand. Sein Haar war stark gelichtet und die wenigen -rötlichbraunen Strähne flatterten in langen dichten Bt schein unordentlich um sein Haupt. Der Ausdruck seines Antlitzes schien mir mehr Feinheit und Scharfsinn als Adel zu verraten. Seine Augen blitzten bisweilen in einem trotzigen und wilden Glanz ans- doch muß das durchdringende Feuer, das mit so überwältigender Wirkung von ihnen ausl-

gegangen sein soll, vom Alter und derr Sorgen gedämpft und verdüstert worden sein. Sein Teint war von einer geisterhaft fahlen und kranken Blässe." Der Abschied -desGenerals Bonapartc" von den ihn begleitenden Offizieren war kurz und herzzerreißend. Besonders zwei polnische Edelleute, wundervoll martialische Ge­stalten, die auf Napoleon die leidenschaftliche Glut ihres Patriotismus übertragen zu haben schienen, flehten aufs inständigste, ihn begleiten zu dürfen, und als es ihnen abgeschlagen wurde, waren sie völlig gebrochen und ver­zweifelt. Die wenigen Getreuen, die ihm folgen sollten, trugen eine traurige, doch würdevolle Miene zur Schau. Während Napoleon auf demBcllerophon" die beste Kajüte gehabt hatte, wurde ihin auf demNorthumber- land" eine nicht allzu große Kabine angewiesen. Hier -empfing er nun die vornehmsten englischen Herren, die ans dem Schiff waren, unter ihnen auch Lyttelton. Es war eine äußerst peinliche und qualvolle Situation, wie die Engländer, die fast alle nur sehr schlecht Französisch sprachen, ein Gespräch in Fluß zu bringen suchten mit dem gefangenen Löwen, der wortkarg und stolz auch im Unglück seine imponierende Gewalt über die Menschen behielt. Da die anderen mit ihrem mangelhaften Franzö­sisch sich kaum verständigen konnten, trug Lyttelton den Hauptanteil an der Konversation. Das ungeheure Ge­dächtnis des Kaisers, der sich an die flüchtigsten Bekannt­schaften erinnerte und über jede einmal gesehene Physi­ognomie ein festes Urteil hatte, sein reges Interesse an allen Dingen machten sich auch in. diesem widerwillig geführten Gespräch geltend- und ließen auch im Zustande tiefster Depression -den riesenstarken und elastischen Geist des Korsen erkennen. Er fragte nach der Stärke der englischen Regimenter, ließ sich genaue Einzelheiten über Fuchsjagden erzählen und erkundigt sich nach diesem oder jenem Engländer, -der ihn interessierte. Dabei aber verriet seine Haltung und fein Wesen nicht die geringste Teilnahme: er hörte alles mit einer vornehmen Gleich­gültigkeit an und enthielt sich jedes Urteils, jeder per­sönlichen Wertung. Däs erste Gespräch war beendet: doch den gefangenen Löwen litt es nicht in dem engen

Raum. Napoleon kam bald an Deck: er schritt hin -und her, erkundigte sich nach der Größe, dem To-nnengehalt -des Schiffes: keine Einzelheit entging seinem scharfen Blick. Er wurde lebendiger, er schien unzufrieden mit der hastigen und unvollkommenen Ausrüstung des Schiffes und verw-ickelte Litteltvn wieder in ein Gespräch. Er beklagte sich bitter über die englische Regierung.Sie haben die -Ehre ihrer Nation besudelt", sagte er,als sie mich so gefangen setzten," und als Lyttelton sich mit der Notwendigkeit entschuldigte, fuhr er fort:Mel­

leicht war es klug, was sie taten, aber es war nicht edel­mütig. Sie handelten wie ein kleines reaktionäres Land nn-d nicht wie ein großer freier Staat. Ich wollte mich auf ihren: Boden niederlassen und als einfacher englischer Bürger leben." Als Lyttelton an sein Benehmen in Elba und die für ihn noch immer günstige Stimmung in Frankreich erinnerte, sagte er:Meine Laufbahn ist zu Ende. Damals war ich noch Souverän: ich hatte das Recht, Krieg zu führen. Der König von Frankreich hat seine Versprechungen nicht gehalten." Und beinahe freu­dig, mit einem lauten Lachen fügte er hinzu:Mit 600 Mann habe ich den Kampf begonnen, und ich bin in Frankreich jubelnd empfangen worden wie ein Triumpha­tor ... Es sind Vorurteile, wenn -man glaubt, Frank­reich sei erschöpft. Das sind alles Chimären!" Er wie­derholte seine Anklagen gegen England, das sein Ver­trauen schlecht belohne und ihn nun verrate. Besonders geringschätzig sprach er von Kaiser Alexander von Ruß­land und sagte dann plötzlich lebhaft und sehr bestimmt: Übrigens, ich habe Moskau nicht in Brand gesteckt!" Lyttelton, der in St. Petersburg war, meinte, man habe das auch nie von ihm geglaubt, -und viele Russen -sprächen mit Anerkennung von ihm.Warum sollten sie -mich denn hassen?" sagte darauf Napoleon. J-ch hab-c mit ihnen Krieg geführt und das ist alles!" Als Grund für seinen Zug nach Rußland gab er an, er habe Polen wieder selbständig machen wollen. Auch über die Chemie, von deren Verwendung für die Land-wirffchaft er sich den größten Nutzen versprach, redete er kluge -Worte. Dabei blieb er während- der ganzen Zeit an die Kommando»