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Uo. 29T+ Berlags-Fer»spreche« No. 2888.
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Morgen - Ausgabe.
1. Mutt.__
§iür öcrs 3. HrravtcrL 1905
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Der Kest der Fandtagstagung.
p. Berlin, 27. Juni.
Der Schlußakt der Tätigkeit des preußischen Landtags wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach „kurz und schmerzlos" vollziehen. Im H e r r e n h a u s e, welches eeute zusammen-getreten ist, jedoch nur in einer kurz«' Sitzung eine Anzahl von Petitionen erledigt hat, wird sich die eigentliche Arbeitstätigkeit morgen und Freitag sinn Donnerstag fällt die Sitzung wegen des katholischen Feiertags aus) abspielen, denn an diesen beiden Tagen Werden die zwei Berggesetznovellen und der Antrag, betr. sie Sperrung der Mutungen auf Steinkohle und Steinsulz, zur Verhandlung kommen.
Mit besonders starkem Interesse sicht man begreis- ? «chenveise den Verhandlungen der ersten preußischen ^dnrmer über das Bergarbeiterschutzgesetz Aitgegen, Es ist noch in frischer Erinnerung, welch hefiger Ton im Herrenhause bei der zu Beginn dieses Monats erfolgten ersten Lesung dieses Gesetzentwurfes gegsu die Regierung, angeschlagen wurde, welche man des haltlosen ZUrückweichens vor der Sozialdemokratie beschuldigte. Damals hatte es ganz den Anschein, als die Pairskammer felsenfest entschlossen sei, die Kom- s'vomißarbeit der Zweiten Kammer zu nichts zu machen sind die ganze Vorlage rundweg abzulehnen, aber auch lln preußischen Herrenhause wird mit Wasser gekocht.
Unterdessen hat die Kommission des Herrenhauses gesagt, und ihre Verhandlungen haben im Vergleich zu oen temperamentvollen Debatten im Plenum eine starke
Donnerslag» den 29. Juni.
Überraschung bedeutet. Tie Kommission hat das Bergarbeiterschutzgesetz entsprechend den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses in zwei Sitzungen mit 12 gegen 7 Stimmen glatt angenommen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß das Plenum des Herrenhauses sich auf denselben Standpunkt stellen und dem Gesetzentwurf seine Zustimmung erteilen wird. Es ist g-arnicht erforderlich, daß die Mehrheit des Herrenhauses aus sozialpolitischer Einsicht also handelt, sondern es kann kaum anders. Würde das Herrenhaus die Vorlage ablehnen, so bleibt der preußischen Regierung nichts anderes übrig, als bte Reichsgesetzgebung in Aktion zu bringen. Wenn aber das Herrenhaus die Vorlage auch nur abändern würbe, so müßte diese an das Abgeordnetenhaus zurückgehen, das aber zweifellos auf seinen Beschlüssen bestehen würde. Und so wäre auch in diesem Fall die Vorlage gescheiten und abermals die Notwendigkeit gegeben, zwecks Regelung des Bergarbeiterschutzes die Klinke zur Reichsgesttz- gebung zu ergreifen. Das Herrenhaus sieht sich also in die Notwendigkeit versetzt, von seinem Standpunkt aus von zwei Übeln das kleinere zu wählen, und für seine zu erwartende Zustimmung zum Bergarbeiterschutzgesetz, die im Grunde des Herzens unfreiwillig ist, gilt das Wort: „So wie das Vögelein im Bauer tut, wenn's nicht vor Liebe singt, so singt's vor Wut!"
Das Herrenhaus wird übrigens Gelegenheit haben, jener letzteren Gemütsstimmung hinreichend Ausdruck zu verleihen, und zwar wird als Gegenstand der Herren- haus-Mißsti-mmung, die gegenüber dem Bergarbeiter- schutzgesetz sich nicht voll ausleben kann, die Vorlage, oe- treffend die Stillegung der Zechen, bilden. Tie Kommission des Herrenhauses hat in diesem Gesetzentwurf die 'Bestimmung über den Zwangsbetrieb ' gestrichen, beziehungsweise die Übernahme der Kosten dafür aus den Staat verlangt. Da der Minister Möller diese Abänderungen für unannehmbar erklärte, so stellte die Kommission die weitere Beratung ein. Da das Plenum, zweifellos denselben. Standpunkt einnehmen wind, so kann die Vorlage als gescheitert gelten, während der aus dem Antrag Gamp hervorgegangene Gesetzen:- wurs, betreffend die Sperrung der Mutungen aus Steinkohle und Steinsalz, bessere Aussichten hat.
Das Abgeordnetenhaus, welches am Freitag zu-sammentritt, hat vor allem noch die vom Herren- hause an das Abgeordnetenhaus zurückgekommenen Gesetzentwürfe, , betr. die Bekämpfung übertragbarer Krankh eiten und die Verhütun g von Hochwassergefahren,, zu erledigen. Besonders in der ersteren Vorlage -hat das Herrenhaus mehrfache Änderungen vorgenommen, die der Zustimmung des Abgeordnetenhauses bedürfen, da andererseits
ReLakiiouS-FerusPrecher No. öS. HM)5>
die Vorlage scheitern würde. Weiter ist im Wgeoro- netenhaus noch der Gesetzentwurf, betr. die Erweiterung des Stadtkreises Duisburg und -der anderweiten Organisation der Amtsgerichte in Duisburg und Ruhrort, zu erledigen, und endlich hat das Haus noch, die zweite und dritte Beratung des Gesetzentwurfes, betr. die Gebühren der Medizin« lbea m ten, vorzunehmen. Wird dieser letztere Gesetzentwurf angenommen,' so -müßte er noch einmal an. das Herrenhaus zurückgehen. Es wird daraus gerechnet, daß das Ab- geordnetenhaus in den beiden Sitzungen am 30. Juni und 1. Juli sein ganzes Material erledigt, so daß sich das Herrenhaus eventuell noch am 1. Juli mit dem Mödizinalbeamten-Gesetz beschäftigen könnte. Vermutlich wird dann noch an diesem Tage die Landtagssession geschlossen werden.
Politische Übersicht.
Deutsch-bulgarischer Handelsverkehr.
Da augenblicklich noch Verhandlungen wegen W- schlusses eines dsutsch-bulg-arischen Hand-slsvertrages gepflogen werden, ist es von Interesse, sestzustelleu, daß im vorigen Jahre nach der deutschen Statistik die deutsche Einfuhr aus Bulgarien 18 732 000 Mark und die deutsche Ausfuhr nach Bulgarien 11 672 000 Mark betrug. Gegenstände der Einfuhr aus Deutschland waren u. a. besonders Bcmmwollengewebe und Kriegs,munitiou. Die Ausfuhr nach Deutschland betraf Eier (1 306 000 Frank), harten Weizen (975 000 Frank), weichen Weizen (2 761 000 Frank), Roggen (2 140 000 Frank), Ha'er (99 000 Frank), Gerste (160 000 Frank), Mais (2 689 000 Frank), Hirse (63 000 Frank), Bohnen (71000 Frank) und Rosenöl (635 000 Frank).
Von der deutschen Flagge.
Über die deutsche Flagge in den außereuropäischen Häfen finden sich in einem soeben erschienenen Er- gänzungsheste zum 2. Hefte des Jahrgangs 1905 der Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs „Tie deutsche Flagge in den außerdeutschen Häfen, zweiter Teil, außereuropäische Häfen", im Anschlüsse an eine vorjährige Veröffentlichung über die deutsche Flagge in den außerdeutschen europäische Häfen Übersichten veröffentlicht. Wenn die Bedeutung der deutschen Seeschifffahrt -richtig gewürdigt werden soll, muß neben -dem Anteile der deutschen Flagge am Seeverkehr des eigenen Landes auch -ihr Anteil am Seeverkehr der außerdeutschen Länder in Betracht gezogen und mit dem Seeverkehr der Schiffe ariderer Staaten in Vergleich gestellt werdeu.-
FeniUeton.
(Nachdruck verbalen.)
Der Rampf Wider die Hitze.
Winke und Ratschläge von Paul Merkmann.
Anscheinend will cs sich die Hitze in unseren Breite- Graden behaglich machen. Im verflossenen Sommer satten wir bekanntlich Wochen hindurch _ eine förmliche Flutwelle zu bestehen, und die überaus heißen Tage, mit kenen wir erst kürzlich beglückt wurden, konnten sich,
- Wiewohl sie noch dem Frühling -angehörten, an schwuler j Siedehitze recht -gut mit denen des Hochsommers messeu
-dieser selbst uns.bringen wird, weiß man freilich- I Vicht; in jedem Falle -aber dürfte es nicht schaden, wenn
- svau hinreichend gewappnet ist, um den Karnpj ander kie gar zu lästigen Sonnenstrahlen -mit Erfolg aus-
- Nehmen zu können. „ , ..
Vor allem sieht -mau. bei der Wahl der Wo-Hnraume kiel zu wenig darauf, ob und zu was für einer Zeit sie "er Sonne ausgesetzt sind. Zimmer, in denen man wahrend des Tages arbeiten muß, zumal mit dem Kopfe, soll. «‘tt.niemialS nach der Mittagsseite liegen. Damit ist der , Gesundheit, vorzugsweise den Nerven, eine Spannkraft , Agemutet, die unter allen Umständen einmal versagt.
! liegt es leider nicht in der Macht des bedauernswerten Turchschnittssterblichen, sich seine Wohnung _ zu I schassen, wie er selber es wünscht und die -allgemeinen 'tzgienischen Regeln es vorschreiben.; dann muß -man Natürlich darauf bedacht sein, der Gluthitze, die sich zur. 'Offttagszeit im Hochsommer hier aiufspeichert, möglichst schieden durch allerhand Abwehrm-ethoden Herr zu
i werden.
Der Mittel hat die Praxis eine gange Reihe an die Und gegeben. Wo sie nicht ausreichten, gesellte sich die Wissenschaft als zuverlässiger Bundesgenosse hinzu. Man verschafft sich Salmiak, Salpeter und Chlorkalium. Vom sstterwähnten, der sublimiert sein -muß, nimmt man drei, siam letzteren sechs Teile, vom Salpeter nur einen Teil. M das mischt man hinreichemd und übergießt es mit zehn feilen kalten Wassers. Tie Lösung -wird Daraus ^ in Tongefäße geschüttet, wie sie augenblicklich in jeder größe
ren Drogen- oder Geschirr-Handlung erhältlich sind. Solchen Mischungen wohnt nämlich die Eigenschaft inne, daß sie Kälte erzeugen. Stellt mau also die Gefäße in das von den Sonnenstrahlen gar zu sehr heimgesuchte Zimmer, so wird in diesen-.! die hiev herrschende Temperatur beträchtlich hera-bgemin-dert.
Hand in Hand damit müssen selbstverständlich die mannigfachen Maßregeln gehen, die der gesunde Men- schenverständ für solchen Fall längst als notwendig erkannt hat. Während der Nacht und in der Zeit, wo die Sonne nicht auf die Scheiben brennt, sollen die Fenster stets sperrangelweit -geöffnet sein; sie müssen jedoch sofort geschlossen werden, sobald die Strahlen hierher gelangen. Ebenso ist das Verdunkeln des Raumes geboten; doch darf dies nicht so stark geschehen, daß die Sehkraft des Auges darunter leidet. Sehr günstig wird die Temperatur beeinflußt, wenn mau möglichst viel und große Blattpflanzen in solchem Zimmer ausstellt. Schließlich hilft auch die Hitze fortscheuchen, wofern man einen Kübel mit Eis zur Verfügung hat oder überhaupt dafür Sorge trägt, daß eine stete Wasserverdunstung stattfindet. In je größerem Maßstabe diese eintritt, um so erträglicher wird sich auch der Aufenthalt in solchem Wohuraume gestalten.
Neuerdings hat man ein ferneres Mittel -ausfindig gemacht, dem ich schon deswegen das Wort reden möchte, -weil es so überaus leichr zu beschaffen und einfach zu verwenden ist. Es besteht darin, daß man die Glasscheiben mit einem Kleister bestreicht. Diesen stellt man folgendermaßen her. In hundert Kubikzentimeter Wasser tut man zehn Gramm zuvor angerü-hrter bester Stärke. Diese Mischung wird aufs Feuer und unter stetem Rühren zum Kochen gebracht, zum Schluß ein Gramm weiße Gelatine hinzugefügt. Inzwischen wurden die Fensterscheiben gut gewaschen und geputzt, aus die nun der Kleister, während er noch so heiß wie irgend möglich, gebracht wird. Angetrocknet bietet er einen ganz vorzüglichen Schutz wider die Sonnenstrahlen: und da er das Licht nicht etwa fernhält, sondern nur matt -dämpft, leiden auch die Augen keineswegs unter der Schutzvorrichtung- Ist der Sommer vorbei und überhaupt die Gewaltherrschaft der Sonne im Laufe der Monate einigermaßen gezügelt, so -braucht man nur die Scheiben mit
warmem Wasser recht gründlich zu waschen-; die ausgetragene Kleisterhülle löst sich dann sonder Mühe.
Nicht minder haben auch die Genuß-mittel, deren der Mensch zu seinem täglichen Lebensunterhalt bedarf, unter der Sommerhitze zu leiden. Das trifft zumal zu, wenn die Speisekammer so liegt, daß -die Mittags- oder Abendsonne aus das Fenster dieses Raumes herniederbrennt. Neben den hier soeben angeführten -Mitteln hilft in solchem Falle, daß man -das Fenster von außen recht dicht mit Schlingpflanzen zu schützen sucht. Winde oder türkische Bohnen bewähren sich zu dem Zwecke ganz vorzüglich. Ebenso Klematis oder der japanische Hopfen. Sie wachsen schnell, sehen schmuck aus-und weben aus Blättern, Ranken und Blüten einen förmlichen Vorhang vor die Scheiben. Die Sonne mag noch, so neugierig sein, es wird ihr kaum gelingen, einen Blick in die so geschirmte und verwahrte Speisekammer zu tun-. Daß sich- alsdann die hier untergebrachten Lebensmittel vorzüglich halten, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Wichtig ist iedoch, daß womöglich ein steter Lustzug den Raum durchziehe; ja, für den hat hm,an noch viel entschiedener zu sorgen als dafür, -daß'die Sonnenstrahlen nicht durch das Fenster g-ucken!
Da der Mensch jedoch nicht immer in der glücklichen Lage sein dürste, daß er sich, sobald die Sonne ihre Herrschaft antritt, in die des Zimmerraums
flüchtet, vielmehr gezwungen ist, sich nicht selten im Freien mit der sengenden Glut ihrer Strahlen abzu- finden, mögen hier auch einige Fingerzeige, wie man sich im letzteren Falle zu verhalten habe, Platz finden. Wenn irgend angängig,-sollen kranke, schwächliche, nervöse oder blutarme Personen ein für allemale vermeiden, an besonders heißen Tagen, während gleichzeitig die Sonne herniederbrennt, im Freim für längere Zeit zu verweilen. Besonders aber darf man keine weiten- Wege zurücklegen. Tie Kleidung sei leicht, in lichten Farben gehalten und aus porösem Stoffe angeferti-gt. Dadurch wird der etwas aus dem Körper dringende Schweiß sofort -ansgesogen und Erkältungen beizeiten mit Erfolg vorg-ebeugt. Am besten bewähren sich Mützen aus Hellen, leichtgewebten Stoffen oder Strohhüte; sie Halten die Sonnenstrahlen zurück und gestatten an Stirn- und Schläfe ununterbrochenen Zustrom von frischer Lust. Un-
