Wiksbckkmr Tsgblsü.
53. Jahrgang
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Uo. 288.
8erlags.Ferusprecher No. 2888.
BsmrersiKS» drn 1. Juni.
Redaktions-Fernsprecher No. 62.
1805.
Morgen - Kusgobe.
1. Wkatt.___
Wegen des Himmclfghrttages erscheint die Nächste „Tagblatt"-Ausgabe erst am Frcitagmchmittag.
Juristen Leut lch.
Die bodanerliche Entfremdung zwischen -der) Richtern und dem Publikum hat viele Gründe, und es käre eitle Überrreibung, wollte man Das längst verrufene Klristen- deutsch entscheidend bewerten. Aber feine Mümrkung an den gohäuften Gegensätzen zwischen -dem ollgmeiNen Empfinden und dem Richterstands kann ruh-lg zuKgÄitz: werden. Das Publikum muß oft genug, als Prozeg partei wie auch sonst, in Gerichtsurteilen «ondnbar- keiten des Stils, rätselhafte Ausdrücke, verkehrte Anwend. mg SN gebräuchlicher Berichte erleiden, und me Gefahr besteht, daß sich hier ein Jargon_.hevausbrlder, der bedenklicher als jeder andere sein muß. Tenn.die verrückt-komische Sprache des Pferdesports z, B. amusterr nur, während Exzesse im Juristendeutsch nicht bmg Versündigungen an unserer Sprache sind, sondern.unmittelbar aesäh-rliche Folgen haben können. b>unachp wird durch sie häufig verhindert, daß verstanden wird, was die Richter gemeint hghen. Hnd das ist scho,; gerade'schlimm genug. .. .
Neue Proben von Juristendeutsch stellt soeben die „Deutsche J-uristenzeirung" zusammen. Blau weiß bei der Lektüre nicht, ob man lachen oder sich ärgern -soll:' man tut schließlich beides. Das Fatalste dabei rst abm. daß die Jrrtümer und Fehler nicht bloß in Erkenntulsserl Vorkommen, sondern auch in Reichsgesetzen, so der Ausdruck „Wertgegenstand" im Sinne von „Wert -des Streitgegenstandes". Wertgegenstände sind -goldene Uhren, usto., nämlich Gegenstände, deren Besonderheit in irrem (hohen) Wert liegt. Dagegen ist der Werl des Streitgegenstandes derjenige Wert, den der m Rede stehende Gegenstand hat, also der „Geg-enst-andswert". nicht der „Wertgegenstand". Hierher gehört auch 'der neuerdings austcmchende Ausdruck „Urschriftsladung" statt „Äa-dnnasurschrist". Diejenige unter Len verschiedenen Urschriften, die die Urschrift einer Ladung ist. ist eine Ladungsurschrift, eine Urschriftsladung wäre eine Unterart der Ladung.
Die Juristen scheinen es überhaupt zu lieben, gebräuchliche BegriffsverbiNdungeü u-mzukehren. Es wirk; kein-m Vernünftigen emfallen, das Wort „Regenmantel" in ..Mantelregen" umzutanschen, aber rn Urteilen und Erkenntnissen lieft man neuerdings z. B. „Gewerbs-- Unzucht" statt des selbstverständlichen Wortes „Unzuchts
LeuiUetorr.
(Nachdruck verboten.)
Mädis Himmelfahrt.
- Novellette von B. Rittmeger.
Doktor Rothe ist ent Brummbär, das wissen alle. )ie mit ihm zu tun haben. Aber am genauesten weli> :s Lin Nachbar, der junge Dom-änenpachtsr Werner Aark Denn der kriegt -schon seit Jahr und Tag mn renndliches Gesicht mehr von ihm zu sehen und seit em oaar Monuten erwidert der alte Herr nicht mal meyl )cn respektvollen Gruß des jüngeren. .
Das Tischtuch zwischen den Nachbarn ist entzwer- geschnitten. Diese Tatsache macht Werner Klark schweren stummer. Der alte Herr, hm, dessen Freund,chaft hat« e it ü am Ende entbehren können, doch der alte Herr bat eine Tochter, ein liebes, herziges Mädel von neunzevii Jahren, ein Mädel, wie geschahen zu einer tüchtigen
Landwirtsfrau. „ „ „.. , r
Und die Martha ist ihm gilt, und alle» konnte herzlich klappen, wenn eben. nicht der Vater.wäre dieser Selbscherrscher aller Reußen, nach dessen Pseife alle» tanzen sollte. Eine solche Zumutung! Er, Werner Klark, sollte seinen Tell totschießen, seinen großen, schönen Bernhardiner, der freilich gleich, als sein Herr die Pachtung übernommen, einen wertvollen Zuchchrchu ans des Doktors Hühnerhof totgebissen hatte. Werner stlart hatte den Schaden ersetzt, hatte den alten Herrn überdies geziemend um Entschuldigung gebeten UM damit die Sache für abgetan gehalten. Aber dem Doktor grollte ih!m von der Zeit an, und dann ram s n<M
^ Eines'Tages packte Tell, der im Grund so gutmütige Doktors Mädi, das ihn nach Kinderart. gereizt uv.o geneckt hatte, am Röllchen und schüttelte es tüchtig. Madi schrie, als ob es am Spieße steckte, sqmtl-iche Knechte und Mägde aus dein Hof liefen zusammen. Ünbe,chamm, nur mit einem mächtigen Riß im Klerd, schluchzend lief
gewerbe". Mißverständlich ist es auch, wenn man eine von Amts wegen vorzunehmende Prüfung eine „Amts- Prüfung" nennt und den sogenannten richterlichen Eid (§. 475 'der Zivilprozeßordnung) als „Richtereid" bezeichnet. Unter der „Assessorenprüfung" versteht man die Prüfung zum Assessor und nicht die von einem Assessor vcrgenammene; -demgemäß wäre die „Amtsprüfung" die Prüfung zu einem Amte. Und ein Parteieid, ein Zeugeneid, ist ein Eid, den eine Partei, ein Zeuge leistet, ein Richtereid also ein von Richtern geleisteter.
.. Der „reitenden Artilleriekaserne" und dem „mehrstöckigen Häuserbesitzer" stellt sich würdig an -die Seite der „nutzbare Eigentümer".
Die „Deutsche Juristenzeitung" gibt noch weitere Proben von schlechtem Deutsch in der Sprache der Justiz, aber das' Mitgeteilte genügt schon, um wieder einmal deutlich zu machen, daß man es hier -mit einem Mißstande zu tim hat, dessen Abstellung im Interesse der Fachwelt ebenso liegt wie in dem des Publikums. Wir -aden hier nicht einmal von den entsetzlichen Schachtelitzen mit -denen namentlich einige Senate des Reichs« Srichts jeden mit empfänglichem Sinn für die Schön- hit unserer Muttersprache begabten Menschen wieder Hst verwirrt und geradezu empört haben. Schachtel- sä» kann man ebenfalls auslösen und ihre Bedeutung, wen auch mühsam, entziffern. Aber das saloppe Um- spvigen -mit geprägten Begriffen („Wertgegenstand" an Sttze von „Wert des Streitgegenstandes" ustv.) und die.-., vollkommener Unverständlichkeit führende Nach, lässsteit, wie sie in der unsinnigen Bildung „nutzbarer Eigertzmer" liegt, schließen die Gefahr in sich, daß Reck>ts»r-letzungen Vorkommen können, ungewollte selbst- verstäwjch, aber doch Rechtsverletzungen. Die Öfsenr- lichkcit Ttn ja nichts tun als warnen und'fordern, und bei-den iristeni steht es alsd-ann, ob sie die Warnungen beherzige, wollen. Schon aus Gründen des guten G-ostlrnack!sollten sie zuhören, wenn man -sie verdientermaßen -insibsmn Punkt tadeln muß.
Aerrujslsch-jnpanische Krieg.
Nach der Entscheidung.
Bon ges'stzter militärischer Seite wird- uns geschrieben: Jn-en Tagen, die dem vielleicht für das -ganze Schicksal -des "^asiatischen Krieges, entscheidenden Zusammenstoß. dcFiotten Roschdjestwenskys und Togos in der Tsuschi-maßß^ vorausgingen, wies -ich unter Bezu-g- nabme.-auf die söRe der beiden Geschwader darauf hin, daß die.Chance für -die Russen nicht -ungünstig seien, da Admiral wo eine viel schwerere Aufgabe zu lösen hätte als sein Gger. Mittlerweile haben die Ereignisse
| gezeigt, daß Roschdjestwensky nicht einmal das verhältnismäßig leichte Problem, dem -Feinde auf dem Vorrücken gegen Wladiwostok keinerlei Basis für einen konzentrierten Angriff zu bieten, zu lösen verstand. Statt seine Flotte in verschiedene Teile zu zergliedern und dadurch- -den Japanern eine Konzentration ihrer Streitkräfte unmöglich zu machen, rückte er nahezu -mit seinem gesamten Geschwader, einschließlich der Verstärkungen Nebo-gatows, in die nur 200 Kilometer breite Straße von Korea vor und bot dadurch Togo, der -sich bis -dahin in kluger und selbst von militärischer Seite vielfach mißverstandener Reserve gehalten hatte, -die so lange -abge- wartete Gelegenheit zum Losschlagen. Ja noch- mehr: Verschiedene Anzeichen weisen darauf hin, daß der russische Admiral in der Nähe der Tsnschima-Fnsel eine Vereinigung mit Teilen des Wla-d-iwostok-Gofchwa-ders beabsichtigte oder vielleicht gar d-urchgeführt hat.. Die Mitteilungen über das Schicksal dieser Schiffe sind blS jetzt noch widersprechend, aber jedenfalls kann dir
Heranziehung dieser Flottenbestandteile, die in
Wladiwostok für wichtige Aufgaben in der Reserve gehalten werden mußten, als ein taktisches Wagnis bezeichnet werden, dessen einzige Rechtfertigung — der Erfolg gebildet hätte. Als ein Mißgriff seitens der Russen muß es ferner bezeichnet werden, daß in der letzten Zeit der Verproviantieriin-gsfrage mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde, als den Vorgängen auf dem offenen Meere. Nur etwa 1000 Seemeilen -war RvschLjestwenskys Flotte von ihrem Ziele entfernt, während der Kohlenv-o-rrar, dessen Ergänzung noch zuletzt einen längeren Aufenthalt bei den Saddle-Jnseln notwendig machte, für die doppelte Entfernung gereicht hätte. Daraus geht aber gleichzeitig hervor,, daß die Schiffe auch für einen längeren Kampf ausreichend mit Heizmaterial versehen waren. Wenn sie dennoch unterlagen, so ist dafür neben dev taktischen Geschicklichkeit Togos zweifellos die mangelnde KriegStüchtigkeit einer Anzahl von russischen Einheiten verantwortlich zu machen, ein Moment, das bisher deshalb weniger in Betracht gezogen wurde, weil man darauf angewiesen war, die russischen Versicherungen von der tadellosen Zusammensetzung des baltischen Geschwaders in gutem Glauben hinznnehmen. Das ist übrigens ein Kapitel, über das wohl erst nach Abschluß des Krieges völlige Aufklärung gegeben werden wird. — Ist es Roschdjestwensky gelungen, mit den Resten seines Geschwaders nach Wladiwostok zu entkommen (was nach den letzten Nachrichten, nach denen Roschdjestwensky gefangen-, nicht der Fall. D. R.), so will auch das für die Weiterergcmi-sierring des russischen Widerstandes zur See wenig besagen. Wladiwostok bietet, wie schon früher einmal ansgeführt wurde, vermöge seiner exponierteren Lage einer Flotte lange nicht denselben Schutz wie Port Arthur. Die Japaner brauchen nicht einmal bis in die unmittelbare Nähe von Wladi-
Madi nach Hauß^tz berichtet, daß Tell es habe toi- beißen wollen. % Doktor verlangte in einem sehr groben Brief, der^chp^r solle den Hund tötschließen oder an die Keltebeu, da das Leben des Kindes sonst forstgesetzt bedroht
So'n verrückterDsi„^,
Werner Klark stK sehr höflich, der Herr Doktor möge Sorge tra-gen,.^ ^ Kleine den Hund in Frieden lasse. Sie habe rhNix^ährend geneckt, da sei es kein Wunder, wenn Teil, stxßlich pst Geduld verloren habe. Den Hund totzuMre^ gper ihn anzuketten, dazu liege keine Veranlasiung v»
Nun war alles a Der Doktor erwiderte den Gruß oes Nachbarn n mehr, er war in seinen hoilig- sten Gefühlen verletzt. ^ HMner und „Mädi" — dawaren seine schwachen <ten, die Stellen, wo er sterblic!'. war.
Mädi war ein kleinÄg^ügler. Oskar, der jüngste der drei Buben, die jfffstartya folgten, war schon zehn Jahre alt gewesen, a-.s »tzwrch nochmals über Doktor- Haus flog und ein winzisgines Mädchen in die Wiege legte. Es wurde Margare^muft, aber niemand nannte es anders als „Madl . wurde der Liebling de» ganzen Hanfes -c.as steril @efdtiölifcfjen mit seinem silberblonden Haar, sein- ^ten Händchen und den großen hrmmelblanen G-u^. ^on allen wurde es trcid) ftrciften • 5Iitn Tn^iftcn. born
SJnter, der den anderen Kin^ M-genüber nichts -weniger als weichm-utig war. Ter i 1TC Ngch^jjgsx-x ^ing ihm über alles. Seine erste Fvawenn er von der Praxis kam,, war: „Wo ist Madi. ^ e \ n letzter Blick, wenn er ging, galt -der Kleinen. ^ lm ec mit Mädi sprach, dann klang.ferne polternde milder, und es war ein g-anz rührender Anblick, ^ mx j, ei . g ro ^. e starke Mbnn dessen Bart schon. ets, t teQ öü;g n;rte @ e , schopfchen auf dem Arm hielt -: ^ ^rzte und küßte.
MädiWrar in de» Vater» ein Wunderkind, und -daß Tell e» „beinahe tot das verzieh er
dem Aacho-ar, -den er fchon len. WühsiHrgeschichte nicht mehr ausstehen lonnw, nicht. ^phielt strengen Be
fehl, den Gutshof nie wieder zu betreten. Aber Mödi tat alles lieber als gehorchen, und -d-a der Tell frei umherlief, war es also von steter Todesgefahr umgeben.
Werner Klark und Doktors Martha waren sehr un- glii.cklich- über die Geschichte. Sie h-atten schon so wunderschöne Pläne gemacht. Auf den ersten Pfingstsonntag fiel in diesenr Fahre Marthas Geburtstag. Da hatte Werner -den Doktor überriimpeln wollen mit der Werbung um seine Älteste. Gewiß würde er -dann in -der doppelten Feststimmung den Hühnergroll begrabeil und „ja" gesagt haben.
Was für etil herrliches Pfingstfest das hätte werden können! Aber seit -dem Attentat des Bernhandiners auf Mädi oder richtiger seit dvm Attentat Mädis auf.de,: Bernhardiner war alles vorbei.
Kaum, daß sich die Liebenden mal heimlich -abends am Garteng-ann etwas anvertrauen konnten. Tenn der Doktor war argwöhnisch, 'was d-en Verkehr mit -dem Girts- Hofe anlangte.
Martha fand auch an der Mütter keine Verbündete. Tie Doktorin liebte den Frieden, und Frieden g-ab's nur, wenn der Wille des Hausherrn gehörig respektiert wurde.
Übrigens war sie auch gar nicht darauf versessen, ihre Älteste schon herzu-gebe-n. Martha war ihr eine tüchtige Hiiffe. Daß der Doktor sein-en Sinn änderte, daran war bei seinem, Charakter gar nicht zu denken.
„O Nccidi, Mädi", seufzte Martha oft, „was hast du uns a-ngetan."
Nun war Pfingsten schon, nahe, Pfingsten, „das Fest der Freude", ach,, aber sie hatte keinen Griinü- zur Freude, ihr erschien alles grau in grau, trotzdem draußen in der Natur frisches Grün prangte, trotzdem die Vögel jubilierten -und die Sonne Tag für Tag am blauen Himmel stand, als müsse das so sein.
Himmelfahrtl, Am Abend vorher sind die drei Dok- torsbuben aus der nahen Gy-mnafialst-adt gekommen, um den freien Tag zu Hause zu verleben.
Es geht sehr lebhaft 'zu, wie immer bei diesen Besuchen. Ter Nachmittagskaffee bildet einen geivissei,
