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SS. Jahrgang.
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20^. Berlags-Fernfprecher No. LWS.
Morgen - Kusgabe.
1. Wt-rtt.
Der KM?s?!> dkl mugelistzeii Klrihe.
Ein seit zehn Jahren nicht gesehenes Schauspiel vollzieht sich jetzt in Berlin. Eine große „landeskirchliche Versammlung" ist ausgeboten worden, um Sturm zu laufen gegen den kirchlichen Liberalismus, der nach der Behauptung der Positiven und Orthodoxen im viel- berrifenen Fall Fischer völlig gesiegt haben soll, 'dermaßen gesiegt, daß der evangelische Oberrirchenrat sich zu seinem Vollstrecker gemacht hat. Dies sagen «die Heißsporne der Orthodoxie, und hiernach handeln sie. Es wird so dar- gestellt, als habe der evangelische Oberkirchenrat das brandonburgische Konsistorium, das dem Pastor Fischer die bekannte scharfe Rüge erteilte, in verletzender Weise im 'Stich gelassen, und jene Kommentare der Ober- kirchenratsentscheidung, nach denen Pastor Fischer nur in der Form milder, in der Sache ebenso scharf gerügt worden sein soll, werden von den Orthodoxen unwillig abgelehnt. Begreiflich genug. Denn diesen Männern isi mit einer Entscheidung nicht gedient, die sich nicht gewissermaßen zur Errichtung eines Scheiterhaufens -aufschwingen kann, und solange ein Pastor Fischer im Amte bleiben darf, obwohl ihn auch der evangelische Oberkirchenrat ein wenig gerüffelt hat, solange wird die Orthodoxie unzufrieden seit: und bleiben. Sie ist nie aus die Hälfte gegangen, wo sie auf das Ganze zu gehen sich berechtigt und verpflichtet glaubt. Sie will nicht teilen, am wenigsten mit der liberalen Theologie, sie will diese ausgemerzt wissen, und da ihr der evangelische Oberkirchenrat jetzt verdächtig geworden ist, da sie ihn nicht mehr als ein auch nur einigermaßen brauchbares Werkzeug im Kampfe gegen den Liberalismus ansöhen kann, so macht sie auf der ganzen Linie mobil. Die rechtsstehenden Richtungen in der Kirche wollen es offenbar Biegen oder Brechen bringen, sie wollen eine dent- jltiie Antwort auf die Frage haben, ob die kirchlichen Behörden gewillt und fähig sind, die Rechtgläubigkeit fortan gegen jeden Versuch einer liberalen Kritik rücksichts-. los zu schützen.
So heißt es in dem Aufruf zum Zusammentritt der landeskirchlichen VerscmMilung: „Die Einberufung ist durch den Druck desselben Notstandes veranlaßt worden, -der vor zehn Jahren auf den Gemütern lastete, nämlich der Not, die durch das Wirken der negativen Theologie
Dormerslagz den 4. Mai.
über unsere Kirche hereingebrochen ist. Ist doch der „modernen" Theologie immer mehr das Bewußtsein dafür abhanden gekommen, daß sie heilige Pflichten gegen die Kirche zu verrichten hat, die nimmer auf dem Wege des Sichgehenlassens in schrankenloser Willkür, sondern, nur durch Einsetzen ehrlicher Selbstzucht erfüllt werden können. — daß sie, wenn sie wirklich Theologie sein will, aufbauend und nicht niederreißend wirken soll. Sonderlich ist ihr linker Flügel dabei, in anmaßendem SelbstLewutztsein und hochfahrendem Gelchrtendünkel alles niederzureißen, Wa8 uns heilig und teuer ist; die göttlich geoffenbarten Heilstatsachen unseres Glaubens, die gottgesetzte Autorität der heiligen Schrift, die Anbetung unseres Herrn Jesu Christi, als des wahrhastigen Gottes- und Menschensohnes. Hinzu kommt die bedauerliche Tatsache, daß die Leitung unserer Kirche dieser Unterminicrarbeit gegenüber vielfach abwartend und gewähren lassend, weil hülf'los und gebunden, gegcnübersteht."
In einem Artikel der orthodoxen „Wacht" ferner liest man: „Der Kampf um das Glaubensbekenntnis unserer Kirche ist noch nicht zu Ende. Noch immer harrt der Fall Fischer der endgültigen Erledigung, und es gewinnt allgemach den Anschein, als ob die kirchliche Behörde den Mantel der Liebe über die Angelegenheit decken und die innere Krrchenpolitik des laisser karr«, laisser aller, nachdem sic ihre Tatkraft einmal mir schönen Worten bewiesen hat, wieder weiter'betreiben will. Wer der Zick-Zack-Kurs ist vom Übel, und wir haben mit aller Entschiedenheit eine Änderung dieses Kurses im Interesse der Wahrheit der Kirche zu verlangen."
Diese Ausführungen bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Man sieht, daß die Orthodoxie ernst mackst, und man kann jetzt begierig daraus sein, ob das Kirchenregiment, im einzelnen der. summus episcopus und der evangelische Oberkirchenrat, geneigt sind, dieser eiser- vollcu. Orthodoxie, eiitgpgonzukomnreil. Wir nehmen bis aus weiteres an, daß sie nicht dazu geneigt sein werden, und es will denn auch beachtet sein, daß sogar aus der kirchlichen Rechten, besonders innerhalb der korrespondierenden politischen Partei des Konservatismus, mannigfache Bedenken gegen den Zelotisiitus der kirchlichen Schürer und Führer austauchen. Man hat in diesen, zu relativer Mäßigung mahnenden Kreisen das berechtigte und jedenfalls verständliche Gefühl, daß ein Sieg der Orthodoxie im angestrebten Umfange wesentliche Grundlagen der evangelischen Kirchenberfasfung zerstören, also namentlich die Einflußsphäre der Konsistorien
Ncdaktious-Ferniprccher No. 82. 1905.
verhängnisvoll beschränken würde, und das will man denn doch nicht. So wird es schließlich wohl bei tönenden Reden bleiben. Besonders an der Erledigung des Falles Fischer wird die Orthodoxie nichts mehr ändern tonnen, und damit allein schon ist gesagt, daß ihr ein nennenswerter Erfolg verwehrt bleiben wird. Zur Würdigung der Sachlage gehört es • durchaus, sich klar darüber zu werden, daß in: Kirchenregiment wahrhaftig kein liberaler Geist herrscht, im evangelischen 'Oberkirchenrat sckon gar nicht, trotz der Entscheidung in bezug auf den Pastor Fischer, und im Kultusministerium erst recht nicht. Soweit von diesen beiden Stellen her den Positiven und den Orthodoxen ein Entgegenkommen gezeigt werden kann, geschieht es zweifellos mit Eifer und Hingebung. Aber es gibt Grenzen, die selbst ein Kultusminister wie Herr Studt und eine Behörde wie der evangelische Oberkirchenrat nickst überschreiten können, da wir nun einmal in Deutschland und nicht in Rußland leben, und die Orthodoxie wäre vor einer Überspannung des Bogens zu warnen, wenn wir von unserem Standpunkt aus überhaupt ein Interesse an solcher Warnung haben könnten. Wir haben es darum nicht, weil es uns, alles in allem erwogen, zuletzt ganz recht sein kann, wenn die Orthodoxie eine kräftige Gegenwehr leichtsinnig herausfordert und so dem kirchlichen Liberalismus die Stärkung gewährt, die er immer noch brauchen kann.
Nstttilche MerßchL.
Ein Intermezzo bei der Entrebnc Golnchowski-Tittoni.
io.Ro m, 1. Mai.
In mysteriöser Weise wurde den Ministern Österreichs und Italiens gelegentlich ihrer kürzlichen Zusammenkunft in Venedig die Erinnerung an den blutigen Zusammenstoß in Innsbruck aufgefrischt. Auf dem Tisch des Salons, in dem die beiden Staatsmänner zuerst zusamtrventrafen, fanden sich Briefumschläge, deren Inhalt aus einer Gedenkmünzg bestand, die anläßlich einer in Venedig geplanten und durch behördliches Verbot unmöglich gemachten Protestversammlung gegen die Innsbrucker Vorgänge geprägt worden war. Der Text der Tagesordnung der beabsichtigten Versammlung, der auf eine scharfe Verurteilung der antiitalienischen Bestrebungen in Österreich hinauslief, war zur näherer« Erläuterung beigegebeu. Aus die beiden Minister machte dieser Zwischenfall, wie irr diplomatischen Kreisen erzählt wird, einen sichtlich unangenehmen Eindruck. Eins
FruMrtmr.
Berliner Theater-Brief.
Das Hauptereignis des theatralischen April begab sich im Opernhaus. 'Zur heiteren Weihe des neuen Hümperdlnck-Wevtes „D ie Heirat wider Willen" harte sich eine interessante Gesellschaft vereint, und als ehrcnreichster Gast erschien Frau Kostma, den Bayreuth- Treuen zu ehren.
Humperdincks Oper aber atmet eigentlich nicht Bayreuther Lust, so metstersingerltch auch manches an- mutet, sie strebt eher zu Mozaröschen Zephyr- und Mai- lü-tcn, sie stellt ein neues Beispiel der jetzt so regen Sehnsucht dar, die Spieloper, die anmutigen Gefällig- teiten schalkhafter, musikalischer Reigen und tändelnder Maskentzüge mieder'lehren zu lassen. Statt der Nornen sollen Grazien nahen mit SchelMengcki-cher, statt Mtttel- alrer und Mythenzeit sucht man das leichte amourcüse Klima des achtzehnten Jahrhunderts, und statt der großen Leidenschaft die Laune der Verliebten Mit Scherz, List und leichtgeschürztem Jntriguengespirlsi. Und- über 'diesem Rat eliampdtre der Gefühle flattert ein himmelblaues Scidcnbaniö mit der SilberMüsichrift: Cosi tan tutte.
'Das sind so Stil- und TeMp-era'mentswechstl in ewigen« Kommen und Gehen.
-Einen Beweis für die Gunst, die solche heiteren Künste jetzt finden, ist der große Erfolg der Oper „D ie neugierigen Frau« n" von Wolf-Ferrar i im Toeater des Westens. Die Goldoni-Welt erwacht hier zu neuem Charme, Esprit- und AnMut-Geplänkel tummelt sich. Um die heitere Fabel — die neugierigen Frauen erobern siegreich durch ein kokettuwitziges Manöver den Junggesellenikkub — wirbeln sprühende, sprudelnde Melodien, eine Musik voll schimmernder Filigrankirnst.
Au die -Goldoni-Atm-osphäre erinnert auch der Stoff Humpebdincks, wenn er auch aus einem Tümasschen Stück stammt, ddm „Fräulein von St. Evr". Es ist das leichte Menuett der Herzen: in zierlichen Verschleffungcn kreuzen sich die Paare; wie bei Kotillontouren bilden sich Hindernisse und Uberraschungsschwierig'ke i tc n, doch zum Schluß gibt's das richtige Wieder- und ZusämMensinden.
So sieht's auch in dieser Handlung aus. Die beiden Kavaliere, die im Jungfrünlein-Parl von St. Cyr auf i
Wilddieberei ausgehen, werden durch eine verschmitzte Jntrigue des einen Klosterfräuleins, das des 'Einsamkeitslebens müde ist, in flagranti bei ihrem Rendezvous ertappt und müssen heiraten.
Das drollige Vebwicklungsmvt'iv dabei ist, daß die holde abenteuerliche Don Juanliebe sofort verschwindet, als sie zum Ernst gezwungen wird. Und die humorvolle Pointe wird, daß die Heirat wider Willen äußerst gutwillig endet, 'denn die unfredwilligen Ehegatten verlieben sich in die eigenen, von ihnen verlassenen Frauen, als sie diese fern im Süd, im schönen Spanien, auf -einem Maskenseste w icde rfi nden.
Die musikalische Charakteristik Humperdincks für dieses Potpourri hat nun leider, obwohl die Musik im -einzelnen isoliert, rein Musikalisch betrachtet, sehr feine Qualitäten hat, vor allem in der orchestralen Arbeit, nicht sicher den Stil der galanten Affäre getroffen. v Allzu schematisch geht die Disposition. Die Paare -werden nicht nur als Pendants, das eine mehr lyrisch, das andere mehr komisch, gegeneinander gestellt, sondern sie werden extrem kontrastiert. Das eine Paar bekommt 'den Ton des schweren musikalischen Dramas, das andere wird- gleich burlcsk-opercttenhaft.
Dadurch, durch diese etwas ungefüge Mischung wird das Ganze schwerfällig. Es kommt nicht als eine glückliche Verschmeltznng von Schmollen, schnell getrockneten Tränen und kicherndem Lachen heraus, vielmehr über- -wicgt ein zwiespältiger Eindruck: in einem durchaus leichten spielerischen Stoff allzu schwere, oft schicksals- dröhnende Töne, so wuchtig und akzentuiert, daß die leichteren Elemente sich eben gar nicht mit ihnen mischen wollen, und- daß sie — so gern man über das Burleske des einen ausgehungerten, durch das üppige Ho-chzeits- diner zur Ebe geköderten Liebhabers lachen möchte — deplaziert erscheinen.
Die Oper ist als dramatische Charakteristik anfechtbar, ühr-e Reize liegen in den Einzelheiten. >Jm eisten Akt besticht gleich der Eingangschor. Im zweiten gibt es in der -G-efängnisszene viel Gelungenes. Im zweiten Teile dieses Aktes, nach dem allzu schweren Wagnerischen Zwischenspiel, entzückt das Finale, eine meisterliche Arbeit. Bei diesem Sachverhalt ergibt es sich, daß der Fach- Musiker a>m Stüöiu'm dieser m'usikalischeu Technik vielleicht meihr 'Vergnügen haben wird als der Zuhörer vor der Bübne, der durch ein zusaMmenge'sti'mmtes i Ganzes gefesselt sein will.
Die beifallsfreudig« Ausnahme ward sehr durch die vollendete Aufführung gefördert, in der die beiden Paare, Herr Philipp und Fräiulein D-cstinn, Herr Hr-sf- m'ann und Frau Hertzog, wetteiferten, die HuiiiperLinck- Sache züm Siege zu führen.
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Eine Enttäuschung kam von der letzten Novität, des „Neuen Theaters". Reinhardt unterbrach öle glänzende Serie seiner So mm er n ach ts-Ausfüh runge n, u'm ein neues Wetk heraiuszwbringen. Es mar ,Mcta K o n e g e n" von Hermann S t e h r.
Man sah diesem Stück mit großem Interesse entgegen und erwartete sich auf jeden Fall ein stark pcr- sönlich eigenes Dokument. Denn der Schlesier Hermann Stöhr, der hier zum erstenmal aus der Bühne sich zeigen sollte, hatte lange vorher Proben eines schr eigenwilligen! chaotisch-grüblerischen Kün'ft l c rleMperamen te s gegeben. In seinen Romanen, deren letzter „Der begrabene Gott" soeben bei S. Fischer erschien, -wühlt er sich in die heim- lichsien unteritdifchen Gänge alles Fuhlens ein, und er fangt sich gleichsüm fest an den Wurzeln jenes verborge- nen Lebens, in dem die Triöbe geboren und die Keime der EntschMsse ausgöbvütct werden.
Stchr beleuchtet diese Welt unter dem Meeresspiegel nuferer GleichMaßtage transparent,, und gleichzeitig zeigt er die verworrenen Wirbel und Strudel, die davon an die Oberfläche dringen und den Menschen verwirren.
Die GrewM-Mete reizen diesen Dichter besonders, die ZwifchenzUstände Kwischcn Schlaf und Wachen, Wahnsinn und Vernunft, Leben und Tod. Seine Menfcken haven oft etwas Epileptisches, etwas von den krampfigen Bestückungen der Sektierer und der religiösen Mono, manen. Das sind dann die Momente, wo aus dem Lcben -unter dem Böwußtsein, aus dem inneren Jenseits soM- fageii, ein Flackerschein in den indischen Alltag fällt.
Ein Reiches in dieser Art —sonst störte häufig etwas DüMpfig-Beranollenes — erreichte Stehr in der Erzählung: „Das letzte Kind". Das ist jene Novelle, die Gerhart HanptMann so- tief berührte, daß er über sie in der Wiener „Zeit" einen begeisterten Anffatz schrieb. Stöhr zwang hier mit der Schankraft eines mittel-alter» licken Mystikers die Vision der zu neuen Existenzen fick vom Körper lösenden Me.nfch--nseele in die' Erf-chci- vung lind selüam gehen ineinanider über die jammervolle Klein--WirklichMt der schlesischen Dorkhiitte mit den lila Fernen elMischer Gefilde. Gerhart Haupt-
