Wiesbckkmr Tsgblstt.
53. Jahrgang
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Ml>« 189. Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Kirrnstag, den 29. April«
Redaktions-Kernsorechcr No. 52.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.__
Iür Mcri irnö Juni
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Ale drchciiSe tatfdjc WMHmsM.
Bon Eduard Engel-Berlin.
Wenn die öffentliche Meinung in Deutschland und ihre Stimmführerin, die Presse, nicht sogleich und nachdrücklich sich gegen die drohende sogenannte Per^onen- tarisreform aus den deutschen Eisenbahnen kundgeben, so wivd, vielleicht noch in diesem Jahr, ^das deutsche Verkehrsleben eine der verhängnisvollsten «Schädigungen erfahren, öie ihm seit einem «Menschenalter beschieden wurden. Unter dem verführerischen Aushängeschild einer Reform wird, wenn sich die sehr bestimmt auftretende illachricht von den: Plane des preußischen Esten- bahnministers v. Budde bestätigt, ein großer creil des Personenverkehrs nicht nur verteuert, sondern auck durch eine Schererei ärgster Art belästigt werden. Und da die preußische Eisenbahnverwaltung in solchen Fragen nicht nur vorbildlich ist, sondern da auch binnen kurzem «auf einer endlichen und letzten Konferenz «der deutschen Bahnverwaltungen eine abschließende Entscheidung in der so lange schwebenden Frage der deutschen Personen- tarste fallen wird, so bedeutet der preußische Reformplan, wenn er durchdringen sollte, eine Gefahr für den gesamten deutschen Personenverkehr.
Geplant wird angeblich folgendes, wie Rucksahrkarten und alle übrigen Vergünftigungstarlfe auch «die Rundreiseheste, sollen nbgeschasst und an ihre stelle soll eine wirkliche Normalkarte zum gleichen und unabänderlichen Preise für alle Reisenden emgefuhrt werden. So weit — so «gut. Rückfahrkarten sind an dem ge überflüssig, wo keinerlei Ermäßigung durch sie bewirkt wir<d Will semand durchaus sich die .oegnemlichteit verschaffen, bei der Rückreise nicht wieder an den Fahrkartenschalter zu treten, so kam, er sich beim Antritt der Reise die Karte für die Rückfahrt rm« voraus kaufen. Dies geschieht schon heute im Berliner Ortsverkehr,
dessen Fahrkarten mit den, Aufdruck. „Zwischen — und —" versehen sind. Wer z. B. von Berlin nach Steglitz fährt, kaust, wenn er bequem ist, zwei Karten; er kann auch, wein, er die Rückreise z. B. in der zweiten Klasse machen will, die Hinreise in der «dritten, beide Karten vorher nach seinen Bequeinlichkeitswüuscheu kaufen. Bekanntlich ist diese Möglichkeit bei den jetzigen Rückfahrkarten ausgeschlossen.
«An die «Stelle der Rückfahrkarten und aller übrigen Ausnahmekarten soll fortan die eine einheitliche Normal- karte treten, deren Grundpreise für 1 Kilometer in den vier Klassen sein sollen: 6 Pf., iy 2 Pf., 3 Pf., 2 Pf. Abermals sage ich: so weit — so gut. Mit einer solchen Reform, die seit Fahren von allen Reifenden gefordert wird, würde eine Erleichterung und Vereinfachung «des Verkehrs wie «der Eisenbahnverwaltungen bewirkt werden. Eine solche Reform entspricht auch durchaus dem schon jetzt herrschenden Zustande für die weitaus meisten Reifenden, denn daß die überwiegende Mehrzahl des Personenverkehrs sich mit Rückfahrkarten zu den obigen Kilometerpreisen vollzieht, ist auch in L-aieu- kreisen wohlbekannt. Die Eisenbahnverwaltung würde also durch «die Mfchaffung der Rückfahrkarten und durch die Einführung der einheitlichen Fahrkarte zum Kilo- meterpreise der halben Rückfahrkarte nichts weiter tun, als den. für die Mehrzahl der Reisenden ohnehin geltenden Tarifzustand auf die bisher üngerechterweise von den Tariferm'äßigungen ausgeschlossene Minderheit auszudehnen. Daß nicht der geringste Grund besteht, den Benutzern von Rückfahrkarten oder Rundreiseheften eine Bevorzugung vor den Benutzern einfacher Karten zu gewähren, darüber ist längst kein Zweifel mehr nötig, — aber das hat auch die .preußische Eisenbahnverwaltung selbst in jeder Beratung des WgeordnetenhaUses über die Frage einer Personentarifreform zugestanden, — erst kürzlich durch den sehr beredten Mund des Herrn Eisenbahnministers v. Budde.
Warum aber: „die drohende «deutsche Eisenbahu- resorm"? Was droht und wem wird gedroht? Es drohr eine Verteurung und zugleich eine Belästigung allen Fernreisenden: die preußische Eisenbahnverwaltung soll sich unglaublicherweise entschlossen haben, den Grundsatz der Einheitskarte zu durchbrechen durch die Einführung eines besonderen Zuschlags für Schnellzüge, und zwar soll dieser Zuschlag — etwas Genaues verlautet darüber noch nickst — zweidrittel Pfennig oder dreiviertel Pfennig für 1 Kilometer betragen. Das bedeutet nichts anderes als eine Verteuerung jeder Fernreise im Schnellzug um diese zweidrittel oder dreiviertel Pfennig. Daß dies keine Kleinigkeit ist, ergibt sich aus einer einfachen Berechnung eines Beispiels. Eine Reise von Berlin nach Köln kostet jetzt in der dritten Klasse im Schnellzug 84,80 M. mit Rückfahrkarte; «dieselbe Reise, hin und zurück natürlich, wivd, wenn die jetzt «drohende Eisen-
bahnreform über Deutschland verhängt wird, z. B. «auf dem Wege über Hannover bei einem Schnellzugszuschlag von dreiviertel Pfennig eine Verteuerung um nahezu neun Mark erfahren. So sieht das aus, «was die Eiseu- bahuverwaltung eine Personentarifreform zu neunen beliebt.
Tie Eisenbahnwissenschaft hat längst festgestellt, daß die Selbstkosten der Verwaltung für Schnellzüge «durchaus nicht höher sind als für Personenzüge. Es ist noch nicht lange her, seit in einer ausgezeichneten Abhandlung ein Berliner Ingenieur den überzeugenden Nachweis geführt hat, daß die «Selbstkosten «d«er Verwaltung für «Schnellzüge geringer seien als für Personenzüge. Tie Verwaltung braucht die Schnellzüge unbedingt, um überhaupt einen Durchgangsverkehr ordnungsmäßig zu bewältigen. Von den Hauptkulturländern ist Dentsch- land das einzige, in dem der Grundsatz überhaupt noch aufrecht erhalten wird, daß Schnellzüge eigentlich einen Zuschlag rechtfertigen. Weder in England noch in Frankreich gibt es besondere Zuschläge für Schnellzüge. Aber in Deuffchland selbst ist ja schon seit mehr als einem Menschenalter der Schnellzugszuschlag zum größten Teil abgeschasft! Tie preußische Eisenbahnver- waltung erhebt schon jetzt einen Einheitspreis für «Per» sonen- und Schnellzüge in mehr als 70 Prozent aller Fahrten, «denn «die Rückfahrtpreise beruhen auf dem Tarif für PersonenZüge und die Rückfahrkarten bered]» tigen für Schnellzüge ohne besonderen Zuschlag.
«Aber abgesehen von der Verteuerung, «die durch die geplante sogenannte Reform eingeführt werden soll, — welche Belästigung «der Reisenden und welche Vernichtung der von der Eisenbahnverwaltung als Ziel aller Reformpläne hingestellien Vereinfachung! Der Reisende würde also in Zukunft zwei Karten zu kaufen haben, wenn er einen «Schnellzhg benutzen will. Entweder muß er gleich beim« Antritt am Schalter die Z-uschlagskarte kaufen, oder wir bekommen das lästige Verfahren, das jetzt für die Reisenden in D-Zügen besteht, für alle Reisenden: daß während «der Fahrt durch einen am Zuge entlanggeh enden Beamten die Karten geprüft und die Zufchlagskarten verkauft werden. Dieser Beamte muß dann natürlich Zufchlagskarten nach allen Stationen bei fick führen.
Hiermit ist aber die Belästigung der Reifenden durch die Zuschlagskarten noch nicht zu Ende. Es gibt zahlreiche Züge in Deutschland, die als Personenzüge ab- fahren und sich von irgend einem Knotenpunkt in Schnellzüge verwandeln. Ich führe als Beispiel an den Zug von Frankfurt a. M. nach Eisenach und weiterhin: morgens ab um Uhr bis Bebra Personenzug, von da ah Schnellzug. Was wird nun geschehen, wenn «der Reisende seine Fahrt in einem solchen Zuge angetreten hat und «wie sich von selbst versteht, ununterbrochen über Bebra hinaus fortsetzt? Dann muß er entweder in Bebra
Feuilleton.
(Nachdruck »««Boten.)
Oie Lütticher Ausstellung.
Von Paul Lindenberg.
Nach Lüttich? - Aus M« Lüttich! —
'crtig. - Dcutschlaur n-ieser voran. - Die ,-,erIrche Ero («»««.
Lüttich, 26. April.
„Und wieder, wie oft schon sei^vielen Jahren, bin ich« desselben Weges gefahren", nur «daß ^mal unterwegs Halt gemacht und nicht das sonst so «Zehnte Zret. Paris, erreicht «ward. „Sie müssen die . Lütticher A u sste ll ung sehen, sie wird ganz reizend , sagten befreundete K«ollegen, die der Einladung de^ Aus- stellungLomitees zu einer Vorbesichtigrmg.vor nwhrEi Wachen Folge geleistet. Nun ist das mit derartigen Ermunterungen teurer Berufsgenossen oft so eme ei 3« 1 J'; Stacke ä'knrlick wenn ciita Arermdm öte andere zum Kaufe «des neuen Hutes oder Kleiderstoffes zu« bewegen sucht: „Das kleidet dich ganz «wundervoll Nimm es nur ja", während die Betreffende «wie eure patentierte Nacht- t n u darin aussieht Aber diesmal wurden zene Urteile auch noch von anderer Seite unterstützt, von gelegentlichen Reisebekannten, die überall auf demErdball heruni- schnüffeln wo es etwas Besonderes zu sehen gibt, uno die aern dabei die „Primeurs" .naschen, wie etwa der Pudel die Sahne von der .Milch. „War neulich« in Lüttich, wird die famose Kiste,, die Ausstellung ca, müssen auch hin", «meinte emet dieser modernen Bagan- ten in einem Unter den Linden gelegenen Reyebureau, vo er sich qerad' sein Rundreisebillett nach Taormina — kmuß 'n Kchen'hin, soll da jetzt was los. sein durch Kaiserliche Familie" — zu^mmerytellen. üe«. „AÄ lassen Si- mich mit deii Ausstellungen zusriedeii, ist ment die gleiche Sacke, viel Geschrei und wenig Wolle!" — Gut sollen in dem Punkt recht haben obwohl keine
Regel ohne Ausnahme, und ich glaube, in diesem Falle liegt eine Ausnahme vor. «Aber an solcher Ausstellung hä«iigt doch immer noch was d'ran, hier Lüttich. Kennen Sie überhaupt Lüttich?" — „N—nein, bloß von der Durchfahrt, zehn Minuten Aufenthalts bis die Schaffner rufen: „Ln voitures, Messieurs!" Und man ist froh, wenn's weitergeht. Qualm, «Staub, Lärm, «von Arbeit gebeugte Gestalten, rußige Gesichter, gehässige Mienen, so denk' ick] mir auch die Stadt!" — „Na ja, das ist, als ob man Berlin beurteilt, wenn man einmal durch die Ackerstraße gegangen ist — — auch 'ne Kritik! Also schauen Sie sich Lütstch an, und dann wollen wir «uns wieder sprechen. Zudem ist's ja nur ein Katzensprung von Berlin, dreizehn Stunden mit dem Schnellzuge!"
Konnte man da widerstehen? Also los mit dem „Katzensprung"! O, welch eine Lust, am dritten Oster- feiertage, «wo alles wohlgenährt und übermüdet zu den Penaten heimkehrt, zu reisen! Kadetten, die geheimnisvoll von noch geheimnisvolleren Cousinen erzählen, falls die Unterhaltung nicht verhindert wird durch einen sieghaften Kampf gegen die mitgenommenen Kuchenpakete; wie aus dem Ei gepellte Fähnriche in Ertrauniformen, sehr vornehm« und reserviert tuend, dann Gruppen v«o«n Einzelreisenden, in entzückender Ungeniertheit — wie man dies eben nur in Deutschland findet — ihre Erinnerungen an die Genüsse der Großstadt austauschend, und kinderreiche Ehepaare mit Fritz und Franz und Lieschen und Lärchen, die gleich Hummeln durch die Gänge der D-Wa«gen summen und bald nach den verehrten Eltern suchen oder mach Vettern «und Basen, denn bei «solchem Andrang reißen die Banden selbst der engsten Zusammengehörigkeit, und „glücklich ist, wer vergißt, daß Reisen eine Erholung ist!" lind auf jeder Station wiederholten sich die gleichen Szenen, ein Sturm« auf die Plätze in den Waggons und ein «Sturm auf die Stühle im Seisewagen, „drum, wer des Lebens Unverstand mit Freude will genießen, der mache «eine Osterfahrt, er «wird es lange büßen!" — Wie in Deutschland, so in Belgien, aber «da war wenigstens der Schmerz blas kurz, eine Stunde hinter der Grenze« haben wir Lüttich erreicht,
„Lifege! lüöge!" hallt es den Bahnsteig entlang« inmitten des Rasselns und Rattelns ein- und «ausfahrender Züge.
Wenige Minuten später rollen wir in einem leichten, offenen Gefährt «der Stadt zu. Die Dunkelheit ist herein^ gebrochen, in der linden Luft liegt ein wohliger Hauch wie von süßem Knospen und Blühen, «die Genien de3 Frühlings scheinen am «Werk zu sein, um Mutter Erde aufs neue «mit duftenden K«ett«en zu bekränzen. Der erste Eindruck ist ein überraschend günstiger, «das hat man in der Tat nicht erwartet! Durch prächtige Parkanlagen mit leuchtenden Denkmälern und schimmernden «Wasser- flächen führt der Weg, nun ein breiter, von frischbelaub- ten.Kastanienbäumen eingesäumter Boulevard, die nur zweistöckigen Häuser mit ihren gediegenen Granit- und Sandstein-Fassaden riechen ordentlich nach Woblhaben- heit, durch die hohen Fenster glühen elektrische Lichtchen, und hinter den mächtigen Glasscheiben der Erker ei> -blickt man Palmen und andere südliche Pflanzen; «auf einem baumbeschatteten Platz, den wir passieren.' spielt in eiitem säulengetragenen, offenen Pavillon eine «Militärkapelle und eine lustige, unterhaltungsfrohe Menge schwirrt in fast südlicher Lebhaftigkeit und Uugebunden- heit umher, jetzt geht's durch Straßen mit zahllosen hell- erleuchteten Läden. Eafös und Restaurants — aus einem der letzteren schallt's heimatlich« heraus: „Zillertal, du bist mei' Fraid" — und auch hier ein ununterbrochenes Menschengewoge, daß nur langsam der Wagen vorwärts, kommt, bis er vor dem Hotel d'Angleterre hält, wo kein geschniegelter Herr Oberkellner und kein den Gentleman herausbeißender „Herr Direktor" den Fremdling sehr von oben herab — «mit schnell prüfendem Blick auf Habitus und Koffer — in Empfang nehmen, sondern Monsieur und Madame zur Begrüßung herauseilen und sich nach der Fahrt und dem Befinden «und etwelchen Wünschen erkundigen. Das alles ist ansprechend und behaglich die erste Bedingung alles Reifens, in der Welt Umher- schwirrens ist erfüllt: man fühlt sich wohl!
Und diese Empfindung ward nicht zerstört am heuti» gen Morgen, im Gegenteil, sie verstärkte sich beim
