53. Jahrgang«
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Ul»- 18 ^. Berlags-F-rnfprecher R.. 288». Freilag, den 28 . April.
Redaktions-Fernsprecher No. 82 . 1005*
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Das akademische Proletariat.
An zuviel Wissenschaft kann ein Volk nie leiden, wohl ah er an zuviel Gelehrten oder doch Studierten. Eoerl geraumer Zeit befinden wir uns in Deutschland m dliefe». Lage. Die Überfüllung der akademischen Berufe orloe. den Gegenstand ständiger Erörterungen,, Klagen um, Bedenken. Ein Weg zur Whülfe rst bisher noch nicht gefunden, aber man kann kaum daran zwölseln, dast die Verhältnisse es heute geradezu zur Pflicht, machen, der jeder sich bietenden Gelegenheit auf dre wlrtschasttrchen Schwierigkeiten der akademischen Berufe hmzuwerfen. Denn diese Schwierigkeiten können nur beseitigt werden, wenn es durch Aufklärung und soziale Erziehung 3 ®- lingt, den Strom nach den Universitäten m ein anderes Bett zum Teil abzulenken. Heute , stehen abermals Tausende junger Männer im Begriff, die Hochschulen zu beziehen. In Preußen allein gehen von den Gymnasien und Realschulen jährlich etwa 6000 Abiturienten ab. Da ist es vielleicht nützlich, durch einige Zahlen zur Kenntnis der Verhältnisse beiWtragen und einen etwa vorhandenen ungesunden Oytimismus auf dre realen Tatsachen zurückzuführen.
Selbst als „Brotstudium" im ordinärsten Srnne betrachtet, ist die Wissenschaft längst mcht. mehr dre butker- gebende, „melkende Kuh", von der Schüler spricht. Am weiften macht sich das bekanntlich im ärztlichemund jnri,tischen Beruf bemerkbar: namentlich rn den Großstadtem tzm Fahre 1902 hatten von 1800 Berliner Ärzten aus ihrem Beruf 1067 ein Jahreseinkommen bis 600 M. Sie mußten also aus eigenem Vermögen rhren Lebern- unterhalt im wesentlichen bestreiten obet auf ,A te
veiche Frau" angewiesen. Wo beides nrcht der Fall rft, sind schwere Entbehrungen zu erdulden und die Bezeichnung „akademisches Proletariat sagt, nicht zuwel. Ähnliche Verhältnisse trifft man m den meisten deiitschen
FeuiÄeto«.
Km Kchiller-Kplidk jti floUaHIBrng^BttiteB.
Von G. Volk.
Ter Rhein-Mainische Verband für VEsvorleffingen >nd verwandte Bestrebungen, der s'ch den Mnrnatzig n
betrieb der Volksbildungsarbeit in Vesten, Nassau und
mgrenz-enden Gebieten zur Ausgabe Presse
iKiffe» Tagen eine Notiz durch die lehen lassen, daß er bereit sei, Schlll«rsre«- de: tn Städten und Landorten bei beabsichtigten ^chillcr-B - ragen und Gedächtnisfeiern mit fernem Rate zu unk r iiitzen. Die Folge dieser Bekanntgabe waren Anfragen n 'rnaea-lmt aroßer stahl. Überall will man schiller ciern.^ Aus den entlegensten
ne Kunde von Vorbereitungen zu, ^dachtn^feiern des volkstümlichsten unter unseren üroße^TEern ^aii
«erbindet 'sich das Verlangen, Schiller^ Dichtungen n
ülligen Ausgaben in recht viele Hanstr elnzufuhren. lnsgewohlte Sammlungen feiner Gedichte und Drain.-»r - an erster Stelle der „Teil" - 'werde» immer und urmer wieder verlangt. Wenn es noch ein . ,
edurft hätte, daß unsere deutsche ^rsteskultur nicht mehr inzig und allein von den gebildeten Kreisen ^ Burger taubes getragen wird, sondern daß ^mer ntchr Köpft -Nb Herzen aus den Kreisen des werktätigen Bottes »armes Interesse an den höheren Kultnrgu ern nchmen. n dem allgemeinen Aiiteil des Volkes am Gedächtnis Schillers, wie wir ihn - in unseren Nain-'Laniöen wenigstens — beobachten , ^
rbrvcht. Unser Volk geht geistig a-rfwarts. Der ver°
-esstrte Volksschulunterrichtz-der lebten JahrMnte, dre
aaunigfache, scheinbar kleine, aber rn ihren ^ n kungen uf aeiitia emoiängliche Persönlichkeiten oft so b-eö-erit- i“ Arbeit verfchiedentlicher Bildungseinrichtungen, eie Vortrags- und Volksbibliothekswesen, pei,önliche ftzfthnngen wissensdurstiger Leute aus dem Volke zu cn Gebildeten, die Organisation der Ver nfs,taube m Verbindung mit den Einrichtungen zur materiellen Wohl- rhrtsPflcge sind nicht umsonst gewesen.
Großstädten und auch in den Mittel- und Kleinstädten; selbst in den Landbezirken leidet der ärztliche Stand an Überfüllung, wenigstens gemessen nach feiner heutigen Inanspruchnahme. Hierüber gibt es zahlreiche ziffernmäßige Ausstellungen, doch es sollte nur an dem Berliner Beispiel gezeigt werden, wie wenig verlockend die Verhältnisse im Ärzteberuf liegen. Der Juristenstand leidet weniger schwer, aber auch viele seiner Mitglieder befinden sich in einer Notlage. Diese hat z. B. der sächsische Justizminister in der vorigen Landiagspcriode anerkannt und auch die preußische Regierung hat Ermittelungen angestellt, die von dem Vorhandensein einer solchen Notlage ausgehen. In Preußen warten augenblicklich mehr als 2000 Assessoren auf feste Stellung. Der eigentliche akademische Beruf selbst ist noch weniger verlockend. Es gibt heute in Deutschland etwa 175 außerordentliche Professoren, die aus ihrem Beruf ein Einkommen beziehen, das die Bezahlung eines tüchtigen Buchhalters kaum erreicht, und 991 Privatdozenten, die als Honorar für Vorlesungen und literarische Arbeiten oft kaum mehr als 1000-—1200 M-. jährlich beziehen. Also auch hier kann man von gelehrtem Proletariat sprechen, wenn nicht ein eigenes großes Vermögen oder abermals „die reiche Frau" über die Härten des Daseins hinweghilft. In anderen akademischen Berufen haben sich die Zustände weniger übel gestaltet, aber Klagen hört man aus allen Fakultäten.
Schon seit einiger Zeit wird ans ärztlichen Kreisen die Forderung erhoben, dem Ärztestand einfach durch Verstaatlichung zu helfen. Das wäre allerdings ein sehr übles soziales Auskunstsmittel und mit Recht sind auch zahlreiche Ärzte entschiedene Gegner desselben. Gegenwärtig macht man wieder den Vorschlag, der Staat möge als einen wichtigen Akt sozialer Fürsorge eine unabhängige statistische Stelle schaffen, der es obliege, die Verhältnisse in den akademischen Berufen zu beobachten und zu untersuchen. Don dieser Ltelle sollen gleichzeitig Belehrungen und Warnungen ansgehen und Versuche^ gemacht werden, den Strom der Abiturienten nach den Universitäten jenen akademischen Berufen zuzuführen, in denen sich ein Mangel an Kräften bemerkbar macht oder in denen wenigstens keine arge Über- füllung herrscht. Dieser Vorschlag läßt sich schon eher hören, aber man darf von seiner Verwirklichung nicht viel erwarten.
Die weitere Proletarisierung der gelehrten Berufe wird nur verhindert werden, wenn -die unberechtigte gesellschaftliche Überschätzung dieser Berufe aufhört. Es ist heute -vielfach nicht die Wissenschaft, „die hohe und heilige Göttin", die den Jüngling zur Universität zieht, sondern das vermehrte soziale Ansehen, das „akademische Bildung" — mit der es oft übel genug bestellt ist — verleiht, und -der Glanz, der von ihr aus -die unverständigen Eltern fällt, die oft jahrzehntelang allerhand
Wohl -wird auch -die Feier von Schillers 10l)jährigem> Geb irr tS-tage int Jahre 1859 als eine Feier «des deutschen Volkes geschildert. Aber der Arbeiterstand, das Bauerntum des flachen Landes, das heute bewußten Anteil an der Ehrung Schillers nimmt, sie waren doch damals von der allgemeinen Schillersti-mmung nicht erfaßt. So ist -die diesjährige Schillerfeier in weiterem und tieferem Sinne eine Volksfeier, als sie es vor 46 Jahren gewesen ist. Und es ist eine besonders beachtenswerte Tatsache, -daß man heute nicht nur in den größeren Städten in glanzvollen Festen Schillers Gedächtnis feiert, sondern auch — in äußerlich einfacherer Weise — in weit entlegenen Orten unserer heimatlichen GMrgsländer. Daß sich den üblichen Dorffestlichkeiten in Form von Kirchweihfesten, Kriegerfesten und Fahnenweihen auch eine Schillerfeier einreiht: das ist ein Beweis, «daß unser Volksleben sich in aufsteigenden Bahnen bewegt.
Wer aber daran noch zweifeln wollte, den brauchten wir nur ans die große Bildnngsbewegung hinzuweisen, die sich uns in den Vol'ksvorlcfnngen und verwandten Einrichtungen in Frankfurt und den meisten übrigen Städten des Rhein-Main-Gebietes darstellt. Diese Bewegung, vor 12 Jahren von dem bekannten Sozial- politiker Dr. Flesch und einem Vertrauensmann der organisierten Arbeiterschaft, Herrn L. Opi frei ns, ins Leben -gerufen, ernreitert und vertieft sich- fortgesetzt, -getragen und belebt von den Kreisen des werktätigen Vclkes. Sie findet Aufnahme und den besonderen örtlichen Verhältnissen -entsprechende Ausgestaltung in Landstädten und Orten des ganzen Gebietes. Wir brauchen nur hinMweisen ans die von uns geförderte Volks biblic-theksbewegung, -auf die gut besuchten Kunst- Wan öerausstellungen, auf die erfolgreichen Bestrebungen zur Veredelung der Volksunterhaltung, ans die heimatkundlichen Führungen, auf die Belebung des Heimatsinnes durch Ansätze zur Gründung von Dorfmuseen, Anlegen von Ortschroniken unter Mitwirkung der Ortsbevölkerung usw. Daß es dazwischen, wie mir letzthin ein im Dienst der Bolkswohlfahrtspflegc erfolgreich tätiger Pfarrer aus dem Gebirge schrieb, auch bäuerliche Kreise von „unglaublicher geistiger Genügsamkeit" gibt, soll nicht in Abrede gestellt werden, kann unser allge-
Einschränkungen sich auferlegten, um das Studium eines Sprößlinigs bezahlen zu können, für den es besser gewesen wäre, er hätte ein ehrliches Handwerk gelerirt.
Ein hervorragender Hochschullehrer, Gehermrat Professor Kämmerer in Chartottenbur-g, betonte vor einiger Zeit in einer vor akademischen Hörern gehaltenen Rede: Völlig fehlt unserer Schulbildung die Anleitung zrir Achtung vor Arbeit in allen ihren Formeit, auch der körperlichen, für -die jetzt nur Verachtung vorhanden ist. Mit -diesen Worten ist deutlich die Stelle bezeich- net, wo einzusetzen ist, um einer Vermehrung des gelehrten Proletariats kräftig entgegen zu wirken, v.
Politische Übersicht.
Zur inneren Kolonisation.
Der Bericht des Ab-g. Wamhoff über seine Jnfor- mationsreise in das Gebiet der Änsiedlmngsko-mmffsion in Posen im Juli 1904 ist in diesen Tagen der Bndget- ko-mmlssion des Abgeordnetenhauses zugestellt worden. Wamhoff reiste am 9. Juli nach Posen und besichtigte auf Veranlassung des Landwirtschaftsministers v. Podbiels-ki die Ansiedlungen in etwa 40 Gemeinden und über 100 Einzelgehöfte. Der Ankauf der Güter erfolgt, wie im Bericht gesagt wird, in sehr vorsichtiger Weise, erfahrene Sachverständige schätzen die zum Ankauf angeboteneu Gister ab. Ter Berichterstatter stimnst den hierbei fest- gestellten Grundsätzen zu. Der AnsiMun-gskommission werde vielfach vorgeworsen, daß sie zu viel Güter an- kaufe, dadurch fände eine erhebliche Preissteigerung statt. Wamhoff -hat diese Ansicht geteilt, ist aber eures besseren belehrt worden. Einmal müsse die Ansiedlunigs- kommission eine große Auswahl an Grundbesitz für die Ansiedler haben, dann sei es wichtig, daß die Austeilung der Güter in aller Ruhe erfolgen könne. Ferner -werde der Acker, der oftmals sehr vernachlässigt war, durch rationelle Bewirtschaftung wieder auf die Höhe gebracht, davon hätten die Ansiedler -bei Übernahme einen entschiedenen Nutzen. Beim Ankauf der Güter müsse der Grundsatz vorherrschen, werden gute, preiswerte Güter ang-ebot-en, dann müsse die Ansiedlungskommission zu- greifen ohne Rücksicht darauf, ob sie etwas mehr auf Lager hatwder nicht. Der Berichterstatter warnt dringend davor, -Güter mit schlechten Bodenwerten anzukaufen, selbst wenn sie anscheinend billig sind, und spricht den Wunsch ans, daß in der nächsten Denkschrift die Unterscheidungsmerkmale zwischen definitiv besiedeltem Grundbesitz, desgleichen in Selbstverwaltung und Aufteilung sich befindenden Gütern schärfer hervorgehoben würden. Zurzeit sei ein nicht aufgeteilter Vorrat vorhanden von 54 000 Hektar, das sei keine allzugroße Fläche, wenn man berücksichtige, daß allein im letzten
meines Urteil aber nicht beirren. Begegnet uns die „unglaubliche geistige Genügsamkeit" ja auch in anderen Kreisen, wo -wir sie weniger vermuten sollten, ohne daß wir deswegen ganzen gesellschaftlichen Schichten den Vorwurf geistigen Tiefstandes zu machen uns berechtigt fühlen. Im allgemeinen müssen wir anerkennen, Latz unseren werktätigen Volks-kreisen ein -wackeres Streben nach geistiger Vervollkommnung innewvhnt und -daß sich dasselbe nicht etwa nur auf -die Kreise der städtischen Arbeiterschaft und die Bewohner der Vororte beschränkt sondern daß wir -es über das ganze -Land hin, bis in einsame Dörfer hinein, bestätigt finden. Und was uns zur besonderen Genugtuung gereichen muß, ist die Beobachtung, daß d-ie Bildnngsgüter nicht etwa nur mit Rücksicht auf ihren praktischen Nutzen erworben werden, sondern daß >wir so oft tiefgehendem Wissensdrauge, -mächtigem Erkenntnistriebe, ibegcgnen, der um seiner selü-it willen nach Befriedigung verlangt, und daß die Liebe zum Schonen und die Begeisterung für das Gute so vielfach -die Triebfedern bilden zum persönlichen Bil- dnngsstrcben sowohl als dazu, die örtliche Organisation von Volk s b i l du n gse i n ri ch tu n-ge n zu fördern. Ein hoher, freudiger Idealismus bestimmt die Vildungsbestrebungen der weiteren Volkskreise unserer Heimatgcrue. Es ist keine Phrase, wenn wir sagen, durch diese Arbeit geht der hohe Geist, der sittliche Idealismus, der die Schiller- scheu Dichtungen durchweht. Die Volksbildungsarbeit unserer Tage ist eine Bestätigung dessen, daß der Geist Schillers anfängt, in unserem Volke eine dauernde Heimstätte zu finden, und wenn wir der Schillerstimmnng die gegenwärtig durch alle Kreise geht, eine bleibende und weittragende Auswirkung sichern wollen, -dann ist der beste Weg der, den Bestrebungen zur Förderung unserer Vvlksknltur in -diesem Sinne feste Bahnen zu bereiten — Schillers Einfluß ans die Erziehung 'unseres Volles zu stärken.
Unsere Väter Haber: Schiller, dem Dichter und dem Menschen, Denkmäler in Erz und Stein gesetzt die dauernd seinen Ruhm verkünden. Wir sollten ihm ein Denkmal anderer Art setzen, ein Denkmal, das seinem Geiste eine mächtige Auswirkung auf unser -ganzes Volksleben sichert. Wir wollen ihn, den Dichter, den Menschen zum Erzieher unseres Volkes erwählen, und darum- sei
