ss. Jahrgang.
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193* Berlags-Fernsprecher No. 296S.
Morgen- Ausgabe.
1. Wlcrtt._
Amerikanische Wohnungspflege.
Man bat in der Wohnungsfrage bisher der Be- schaffung von Wohnunaen das Hauptaugenmerk zuge- weudet und das mit Recht. Kaum minder wichtig aber sind die Bestrebungen, die man etwa mit dem Worte „Wohnungspflege" bezeichnen könnte, Bestrebungen, denen man in Deutschland' bisher weniger Aufmerksamkeit gewidmet hat. Die Wohnungspflege stammt aus den angelsächsischen Ländern; es war London, wo zuerst Octavia Hill, es übernahm, die Einziehung _ der — wöchentlich oder monatlich zu zahlenden Mieten rn den ärmsten Stadttellen zu besorgen und dabei einen Versuch zu machen, bei diesen immer wiederholten Be- strchen der Bevölkerung dieser Wohnungen die Benutzung dieser Räume tu verständigerer Weise zu lehren und zu erleichtern. Ihr Beispiel hat Nachahmung auch in den Vereinigten Staaten gefunden, wo das rapide Wachstum der Städte in vielen Fällen die Bevölkerung in die elendsten Straßen zusammendrängt.
Die Octavia Sill-Association in Philadelphia be- Zeichnet als VLjt Ziel die Verbesserung der Lebensbedingungen in den ärmeren Wohngegenden der Stadt. Sie sucht'dies hauptsächlich dadurch zu erreichen, daß sie möglichst viel Häuser für deren Eigentümer „in Kontrolle" nimmt. Für solche Häuser übernimmt sie die Einziehung der Mieten, die gesamte Verwaltung und. Das das wichtigste ist, die Ausführung der Reparaturen, die sie möglichst zweckmäßig einrichtet und wobei sie vor illein auf Reinlichkeit sieht. Sie hat jetzt im 8. Jabre ihrer Wirksamkeit 102 Häuser mit insgesamt 225 Familien unter ihrer „Kontrolle". Es handelt sich un;, die Ärmsten der Armen, hauptsächlich Neger, Juden, Italiener, Polen, Iren, Menschen, die bisher keinerlei Kontakt mit den Hauseigentümern hatten. Die Association hat auch schon in einigen Fallen erreicht, daß Häuser nach ihren Angaben und unter ihrer Leitung von Privateigentümern erbaut wurden, wobei natürlich von vornherein auf Reinlichkeit, Zweckmäßigkeit und auf gefälliges Äußere Bedacht genommen wurde. Nur cho unbedingt sonst nichts zu erreichen ist, baut die Association selbst oder noch lieber, sie kaust alte verfallene Häuser, um sie entsprechend zu verbessern. Ihr größtes Werk war die „Verbesserung" einer ganzen Straße, der League Street. Sie kaufte dort 1899 17 Häuser von je 8 Räumen, die zum Teil leer standen und sämtlich ganz verfallen waren. Das' Erste war, für Entwässerung der Häuser zu sorgen. Die Straße, die bis dahin Privat- s'traße war, wurde an die städtische Kanalisation äuge-
Mittwoch, den 26. April.
schlossen. Die Balken waren zum Teil verfault und mußten ersetzt, die Keller von Schutt und Schmutz jeder Art gereinigt werden. Das Ziegelwerk, Tapeten, Decken, Rohre wurden ausgebessert. Insgesamt kosteten die Reparaturen sürjedesHaus durchschnittlich750M. DieMieter waren meistens Iren, die Männer Hafenarbeiter mit unsicherem Einkommen und starke Trinker, auch die Frauen meist trunkfällig, die Kinder vollkommen verwahrlost. Es bedurfte dreijähriger unermüdlicher Arbeit und vieler Kosten, sowohl an Mietsverlusten wie au neuen Reparaturen, bis leidlich anständige Zustände herrschten. Die Association- schreibt ihren Erfolg namentlich den Besuchen der Mietsammlern (revr collectors) g-u, die ein- bis zweimal wöchentlich erfolgten. Die eigentliche Arbeit wurd>e_ aber noch auf anderen Wegen ergänzt. Zuerst wurde ein Kindergarten, dann ein „Mütterklub" und Räume für^ die größeren Knaben -und Mädchen eingerichtet. Ein Spielplatz schloß sich an und endlich, für amerikanische Verhältnisse wichtig, ein Eiswasserbrunnen, um die -geistigen Getränke zurückzudrängen. Auch für -die Einwohner der Häuser, die sie nur verwaltet, sorgt die Association in ähnlicher Weise; so errichtete sie in einem Dachgarten eine Ferienschule für italienische Kinder im Juli und August.
Noch weiteren Zielen wandte sie sich durch Veran- staltung einer Wohnungsenquete zu, die von einer Jn- spektorin -des „Tenement Hause Department" in New Uork keiner älteren ähnlichen Gesellschaft) geleitet wurde; setzt agitiert sie für die Einführung einer städtischen Wohnungs-Inspektion. E. 8.
Politische Übersicht.
Zur Fraucufrage.
Direktor Schädel von der höheren Mädchenschule in Worms hat seinem Schulbericht für das Jahr 1904/05 einen Aufsatz über die Frauenfrage beigegeben, dessen Studium den ungestümen Vorwärtsdrängern auf dem Gebiete der Frauenbewegung empfohlen fei. Unter anderm führt der Verfasser folgendes aus: Fühle ein Mädchen in sich die Kraft zu erfolgreichem- Kampf mit -den körperlichen und geistigen Anstrengungen, . deren höchstes Ziel das llniversitätsstudium ist, so solle man ihm diese Laufbahn nicht Verschließen. Das Vorurteil aber, daß nur gei st ige Arbeit adle, sei der Erbfluch des weiblichen Geschlechts in den sogenannten besseren Kreisen. „Für die. Frauen", so heißt es dann weiter, „kommen vor allem diejenigen Arbeitsgebiete in Betrachts für welche weiblicher Schönheitssinn, weibliche S-innigkeit, weibliche Kleinkunst, kurzum alle jene Imponderabilien, die dem männlichen Geschlecht versagt sind, die Borbe-
Re-aktionS-Fernspr'ccher R». 62. 1905»
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dingung des Erfolges bilden. Die bereits erfolgte Eroberung des Gebiets der Krankenpflege ist hierbei von eminenter vorbildlicher Bedeutung. Ein weiteres Gebiet bildet die weibliche Bekleidungstechnik. Würde nicht, wenn sich gebildete Mädchen dem Berufe des Kleider» machens, der Putzmacherei usw. widmen wollten, das Niveau -dieses so wichtigen Berufszweig-es gehoben werden? Sicherlich würde dann die Vorherrschaft des Geschmacks gewisser Pariser Kreise und zugleich die uner- schwingliche Höhe der zum Teil fiktiven Preise jener Branche erheblich zurückgedrängt werden. Ferner, um ein anderes, sehr aktuelles Gebiet zu erwähnen, könnte woU- der leidigen Dienstbotenfrage etwas von ihrer Schärfe genommen werden, wenn gebildete Mädchen in -weit größerer Zahl mit Kops und Hand auf -dem rechten Fleck — als Mittelglied — zwischen die fassungslose Galon- dame und das souveräne Dienstpersonal treten wollten. Oder endlich, um ein unabsehbares Gebiet nur zu streifen, wird, wenn erst der Bann unserer gesellschaftlichen Anschauungen gebrochen, auch die Fabriktätigkeit der gebildeten Hand gar manche Funktion abtret-en, für welche die Hand des Mannes -oder die bloß mechanisch geschulte Hand nicht -ausreicht. Es gibt der Gebiete noch mehr."
Dentsch-Sndwcstafrika.
Ein offenes _ Wort von Eugen Wols-München. Verlag der Jos. Köselschen Buchhandlung, Kempten. Preis 50 Pf. — „Ein offenes Wort" nennt der bekannte Forschungsreisende diese kleine, aber wie uns dünkt be» deutsame Schrift, und wir fügen hinzu, daß es ein offenes Wort noch zur rechten Zeit ist! Gerade in beu letzten Wochen hat sich wieder nur allzu deutlich, gezeigt, wie machtlos und wenig imponierend unser Auftreten in dieser Kolonie ist. Leider wurde jedoch- das Interesse weiterer deutscher Kreise für Deutsch-Südwestasmka fast nur durch den Aufstand geweckt, der uns so bedauerliche Opfer an Geld und namentlich an Menschenleben kostet. Über die Kolonie an sich besteht große Unkenntnis und daher vielfach ein ganz- falsches Urteil. Was ist nicht alles über den- Wert -der Kolonie und die Zustände da- selbst und über die Ursachen des Aufstandes gesagt und geschrieben worden, das einer näheren Prüfung nicht stand hält! Eugen Wolf, der die Kolonie gut bewertet, aber eine ungeschickte Verwaltung für die üblen Zustände daselbst verantwortlich macht, betrachtet es als seine Pflicht, den „Mut seiner Meinung zu haben und ohne jede persönliche Rücksicht die Wahrheit zu sagen." Seine Kritik ist herb, aber sie macht den Eindruck, daß sie die Kritik eines in- diesen Dingen erfahrenen, aufrichtigen und warm national empfindenden Mannes ist. Sie erstreckt sich auf alle Instanzen, die für die Entwicklung unserer Kolonien in Betracht kommen, vom -Gouverneur angefangen über die Missionare bis zu dem Kolonialrat
FrMrtsrr.
Die große Berliner Kunstausstellung.
Von Paul Lindenbcrg. f
di- große Knnstansstcllnng. — Ihre feierliche Eröffnung — lllerhanü von der Jury. — Beschwerde« nnd Vorschläge. — Ter llgemeine Eindruck der Ausstellung. — Einzelheiten. — ~te lusftellung der Illustratoren. — Die Säiwairz-Werg-Abi-Uuug.
— Verfchicdene Maler und ihre Werke. — Dre Plastrk.
„Der ganze Zimt ist nicht den „Klimbim" wert, >en man davon macht", dies urwüchsige Berliner Wort )es chinesischen Gesandten scheint sich auch unser Herr Äiltusminister zu eigen gemacht zu haben hinsichtlich >er großen Berliner K u n sta u s st e l l u n g, >erm zwei Tage vor der feierlichen Eröffnung derselben Kämpften Seine Exzellenz nach Baden-Baden . ab zur Erholung von den anstrengenden Wintorbeschäftigungen, velche diesmal einen recht unangenehmen Beigeschmack satten durch die parlamentarischen Verhandlungen und >ie „Aufsässigkeit" gewisser Professoren und Studenten, lstan kann sich denken, wie feierlich die bewußte Eris s nu n g ward, ein Geheimer Ober vom Kultus- uinisteriu-m sprach ein paar Worte, die im Kaiserhoch wdeten, die Militärkapelle spielte die Nationalhymne Md dann einige W-agnersche Weisen, und „fertig war sie Lande", hätte der diplomatische Vertreter Chinas -n seiner blumigen Ausdrucksart geäußert, wenn -er diesem festlichen Ereignis am Ostersonntag auf dem Dloabiter Gelände beigewohnt. Ein Ereignis? — Früher mal gewesen, als unsere ersten Künstler es als -ine Ehrenpflicht betrachtetem diese Ausstellun r zu be- chicken. seit Jahren ist's für sie bloß noch eine ftMwohn- ieitssache. Ist m>an da vertreten, gut, ist's o icht der Fall, auch gut, deshalb wird keinem Maler Bildsauer der Strick gedreht, im -Gegenteil, in. ^/rsteht m unseren kunstliebenden Kreisen durchaus w, ^Zurück- ialtung und billigt völlig die Ansicht tüchtigiche-, nstler: ,J, wie werd' ich denn dort ausstellen unk vj^.ch dem
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Scherbengericht jener Jury unterwerfen, -deren Urteil ich nicht "als berechtigt anzusehen vermag."
Denn natürlich ist man -mit „jener Jury" nie zufrieden und hat vielfach begründete Veranlassung -dazu. Ehe hier nicht energisch Wandel geschaffen wird, dürfte die große Ausstellung nicht ihre einstige Bed-en- tung zurückgewinnen. Wer bildet denn „jene Jury?" Künstler mit und ohne Namen, mit und ohne Bedeutung, mit und ohne Anhakig; sie sind nur für diesen eilten Fall gewählt und tauchen -alsbald ins Dunkel zurück. Selbstverständlich setzen sie sich — vielleicht nicht alle — aufs hohe Pferd und sind felsenfest von der Wahrheft des Wortes überzeugt, daß, wem Gott ein Amt gewährt, ihm auch den Verstand dazu gibt. Und nun kritisieren sie drauf los, daß es eine Freude ist ... für sie, die sich plötzlich mächtig und einflußreich fühlen. Nur daß sie über Nacht nicht gewisse Sympathien und Antipathien oblegen können — was durchaus zu verstehen ist — 1 und sich dies recht deutlich bei der Abstimmung über die eingelieferten Kunstwerke zeigt. Das weiß aber allmählich schon das große Publikum und zieht aus dieser Kenntnis seine Schlüsse, d. h. nüt anderen Worten. es erblickt in dieser Ausstellung nicht mehr den besten Auszug des Strebens und Vollbringcm- unserer Künstlerschaft, sondern eine Zahl mehr oder minder guter, mehr oder minder schlechter Gemälde und Skulpturen, die durch Geschick, Glück und Laune hier zu einer Ausstellung zus-animengefügt wurden. Diese unserer Kunst wahrlich nicht sördersame Anschauung kann nur gründlich geändert werden, wenn -auch das Jurywesen gründlich geändert wird — warum werden die Kunstwerke nicht anonym eingereicht und wird erst nach geschehener Abstimmung der Name der Künstlers bekannt gemacht? -Dann fallen die vielen Klagen über V-etterschaft, Begünstigung, Konkurrenzneid von selbst fort! Die Besucher aber -werden sich mit ganz anderem Interesse einfinden, sagen sie sich doch. „Wohlan, hier ging's mit rechten Dingen zu", und- a-uck wo sich Widerspruch erhebt, wird man gern ergründen warum die Jury dies oder jenes Werk aiuf-genommeu.
durch die bewußte „feierliche Eröffnung" ver- anlaßt. Ein großer Menschenzusamimenlauf, sehr viel Vornehmheit und Eleganz, sehr viele Uniformen und holde Damen, hundert Händedrücke wurden in einer halben Stunde aus-getauscht lind ebenso oft die Fvage beantwortet: „Wie geht es Ihnen?" Die Vertreterinnen des sogenannten schwachen Geschlechts musterten prüfen- -den Blickes die neuesten Frühjahrshüte — Resedagrün. und Lila bevorzugt mit richtigen Blumenbeeten, - zumal Rosen und Flieder — und frisch ans -den Ateliers ge- kommene Frühjahrsroben — viel enganschließende Jackenkleider aus englischem Stoff, dann recht häufig Kostüme in dunkelblauer Taftseide mit Jäckchen ä la Louis XIV., ferner weiße Leinwandgewän-d-er mit Madeira-Stickereien, und lauschten sich satt im jüngsten Klatsch, der sich -diesmal um allerhand Eheirrungen und Scheidungsgerüchte in aristokratischen Kreisen drehte, daneben wurden Reisepläne erörtert und die letzten Gesellschaften d-urchgehechelt, bis man sich ganz gelegent- lich besann: „Herrsch, es sind ja auch Bilder und Bildwerke hier, schnell mal durch ein paar Säle gewandert, damit man davon sprechen kann", und nun auf den nächsten befreundeten Kunstkritiker los: „Ach, b-itte liebster Doktor, was ist demi Bedeutendes hier? ' Einen Augenblick, liebster Doktor, — sehen Sie nur Frau Major, dort die Baronin v. Zitzewitz, mit welcher Schleppe sie dahinfegt, na, Hochmut kommt auch vor
dem Fall, wenn ich erzählen wollte-ja, ja liebster
Herr Doktor, ich komme schon, -also Knaus, Meyerheim Prell, Scarbma, meni Gott, die hat man auch anderswo' die sehe ich nur bei Schulte gemütlicher an. Hab-en'Sie übrigens schoii den 'etzteii Schmäh-artik-el aeaen Kollegen X. gelesen? Nicht? Schick' ich Jhnen ui?. Ich kann Ihnen sagen, abscheulich . . . Aber eigentlich ganz treffend!' — Ja, so was nennt man „feierliche Eröffnung der gropen Kunstausstellung!"
Übrigens weist letztere diesmal mehrere ichr anae- nehme Verbesserungen bezüglich der ränmli stn Einteilung auf, eine ganze N-eiye von Salem h-ax vofteL
