ss. Jahrgang.
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FrrrLag» den 21. April.
Do. 18V. Verlags-gernsprech-r No. 2958.
Morgen -- Ausgabe.
1. Wl'ertt.
Wege« des Kar reit«zs erscheint die ««chstr Ausgabe erst am S-mrstagrrachmitlag.
PüliLlschrs aus Engluud.
Unser Londoner u.-Korrespondent schreibt uns unterm 15. d. M.:
Mr. Chamberlain erinnert au den Stromer, der durch ein Loch in einem Gartenzaun zu kriechen im Begriff stand, als ihn der Gartenbesitzer überraschte und suit drohend erhobenem Grabscheit höflich frug, wo er ^nn eigentlich hin wollte. Mit einem Blick auf den Spaten erklärte der Stromer einfach, „zurück". Der Ex- -olonialminister versuchte durch John Bulls Schutzzoll- wch zu klettern, und da dieser neulich die Brighton- Schaufel erhob, tritt Joe nun den Rückzug an. Damit hängen die Versammlungen der letzten Tage unter Aus- ichluß der Öffentlichkeit, die gestrige Deputation der sä-hamberlainschen Schutzzöllner an den Ministerpräsidenten, und die erneuten Erörterungen in der Presse, Namentlich aber in dem für solche Zwecke aufgekauften Standard, zusammen. Wie es scheint, hat Chamberlain ds für nötig gehalten, dem Mr. Balfour nun weitgehende Zugeständnisse zu machen, so daß die Wiedervereinigung der unionistischen Partei angängig wird, -^er „Standard" bemerkte dazu soeben: „Es , wird allgemein geglaubt, die Partei der Wiedervergeltungs- Zollpofitik, also die Balfoürianer, würde dem Ministerpräsidenten vertrauensvoll folgen, wenn er Mr. Ch-am- «erlain min ebenfalls auf halbem Weg entgegenkommt. ^Inberföftnltc£) werden die verbissenen Freihändler allein bleiben, aber deren kleines Häuflein im. Unterhaus Zahlt nicht mehr als vierzehn. Im Fall einer Verständigung würden diese natürlich ganz und, gär nicht rns Gewicht fallen." Wie dem auch sei, so ist es doch blähr als zweifelhaft, ob Mr. Chamberlain mit Mr. ^alfour zugleich auch die Mehrheit der Nation für seine Pläne gewinnen wird, wie gut ihr auch immer der "Standard" und die übrigen Agitationsblätter Zureden ^ogen. Das Vertrauen auf die Macht der Presse bewahrt sich der Erkolonialminister nach wie vor, doch su de» Köpfen des Publikums begann es längst zu Kammern, daß die englischen Blätter, nach dem Muster amerikanischen Eisenbahnen, zu Kontrollzwecken ssufgekauft zu werden pflegen, und im übrigen geschäft- "che Unternehmungen bilden, die, um Geld zu macken,, "ft an die niedrigsten Passionen der Massen appellieren. fPr. Madstone pflegte immer zu behaupten, es würde >^ch das eines Tages von selbst rächen, und er hat recht
Feuilleton.
Der „Salon 1908".
Paris, 13. April.
Der Salon der S o e i & 1 6 Nationale d e s foeaux-Arts im Grand-Palais hat einen reckst glän- «Eitben 'Jahrgang zu verzeichnen. Man hat dieser Geschäft, die vor 15 Jahren von Meissonier, Püvis de llhavannes, Caro'lns-Duran, Besnard, Rixens, Rodin ss.- a. in einem Aufruhrgefühl gegen die veraltete Soctckts des Artistes Franyais gegründet wurde, zum 'ovrmups gemacht, selbst rösch ihren Prinzipien untren Wd „exklusiv" geworden zu sein. Die Jünger Cözannes, «Mtrees unlö sonstiger genialer „Schmierfinke" finden me Pforten des modernen Salons verschlossen; die tfvnderausistellung dieser JndäpendaÄs, unter denen sch mancher Stern der Zukunft freilich nicht verleugnen äßt, vereinigte 4506 Werke in diesem Führe; wenn schon Manches davon zmeisellös die Ehren der „Salons" ver- nente, auch das Grand-Palais mit seinen vielen Säle» '"uni eine Grenze für seine Aufnahmefähigkeit, die mü ,P°0 „Nummern" erreicht ist. Die künstlerische Produkten, die im ersten FrühjahrsMonat in Paris an die Öffentlichkeit will, umfaßt über 20 000 Werke; die "Salons" und Jndckpendants beherbergen davon rund 18 000 — eine hübsche Anforderung an das kunstsreund- iche Pnblwum und die Kritik! Das Ausland beteiligt nch natürlich an dieser Süstdflnt nicht, nur die in Paris arbeitenden fremden Künstler, bis auf wenige Ausnahmen Anfänger, bewerben szch zwecklos um eii^Waudeck- §.en. — Jim großen und ganzen ist der Salon der ^"cickts Nationale, man darf es nicht abstreiten, modern geblieben.
B e s n a r d s P l a f o n d g e m ä l d e für die "o m6di e Francaife steht im Mittelpunkt des erste» Sülons, nicht bloß des enormen Umfangs halber, nichts besagen würde, sondern als eine von wunder- voller Phantalsie, reichstem Farbensinn und eistManöK-
gchabt. Den Burcnkrieg brachten die hiesigen Zeitungen in Gemeinschaft mit den s. Zt. von Cecil Rhades en masse aufgekauften südafrikanischen Blättern zu Wege, und er krönte gewissermaßen das Werk des Imperialismus. Aber wo ist dieser, oder wenigstens die echte Cyamberlainsche Sorte heute? Der gegenwärtigen Regierung war zu allen Zeiten fast die gesamte Presse dienstbar, was aber nicht verhütete, daß jene jetzt in aller Augen diskrediert ist. -Bei mehr als einer Gelegenheit während der letzten Jahre taten die hiesigen Zeitungen wieder ihr Bestes, England mit einem oder dem anderen der festländischen Staaten in einen Krieg zu verwickeln, doch ohne Erfolg. Neuerdings galten ihre Anstrengungen wieder einmal Deutschland aus Anlaß der marokkanischen Angelegenheit, und nur die paar liberalen und radikalen Blätter gaben zu, dieses wäre vollberechtigt darauf zu sehen, daß seine Handelsinteressen nicht durch das englisch-französische Abkommen leiden. Sie sind indes übereinstimmend der Ansicht, nicht nur England, sondern auch Deutschland müßte Frankreichs Intervention in Marokko willkommen heißen, so lange alle Nationen auf dem marokkanischen Markt gleichberechtigt bleiben, da sie dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes nur förderlich sein könnte.
Politische Übersicht.
Wahlgcsetzänderungen in Dänemark.
u. Kopenhagen, 10. April.
Der eklatante Sieg der Sozialisten bei den letzten Stadtverordnerenwahlen ließ es der Regierung ratsam erscheinen, einer ähnlichen Überraschung bei den Wahlen für den Riksdag vorzubeugen, und sie wird daher in den nächsten Tagen den. letzteren zu einer außerordentlichen Sitzung zusainmenberufen, urn eine Vorlage zu votieren, die eine Veränderung des Wählgesetzes bezweckt. Es heißt offiziell, daß diese deshalb nötig sei, weil die wachsende Bevölkerungsziffer eine Vermehrung der einzelnen Wahlbezirke — von 114 auf 13,2 -— nötig mache, in Wahrheit sollen dieselben indes so gelegt werden, daß. das Übergewicht der Sozialdemokraten in den großen Städten nicht zur Geltung kommen kann. Geht die „Reform" durch, so müssen nach der hiesigen Verfassung die beiden Kammern sofort aufgelöst und im Laufe des Sommers noch Neuwahlen vorgenommen werden. Die Regierung hat aber dabei noch einen anderen Zweck im Auge, nämlich durch das neue Wahlgesetz die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von der antiministeriellen Kampagne abzulenken, welche besonders die Radikalen vorbereiteü. Die Abgeordneten der jetzigen Mehrheitspartei — Ministerielle — treffen fortwährend hier ein.
freier Technik zeugende Meistertat. „Apollo und die zwölf Stunden" ist das Thema des Hauptteils der Bes- nardschen Arbeit. Auf einem Jmperatorwagen jagt der Gott heran, im Wivbel um ihn die symbolischen Gestalten der Stunden; sein Gespann prächtiger Rosse läßt den Beühauer erheben, so toll-feurig setzen die stolzen Tiere durch die Wolken, der goldenen Sonne zu. Die mit Apollo durch das All gezogenen „Stunden", weibliche Nacktheiten, haben gar vieles zu sagen, die eine, jungfräulich, umspielen die Strahlen des Fr'ührots, eine andere badet den reiferen Körper im Sonnengold des Mittags; diese wieder verbirgt den in Todesblässe schimmernden Leib, der einer verwelkenden Mstme gleicht, in einem fahlen Nebelstreisen, weit in der Dämmerung des Hintergrundes, und jene andere, deren üppige Reize mit der verschwundenen Schönheit ihrer Nachbarin im Kontrast stehen, scheint allein im mystischen Mondlicht in ihrem Element wie die Freude in der Sünde. Unter den tiefMr'belnden WobkeuMassen, Wer die der Gott seinen Weg nimmt, eilen, von ihm ausgesandt, die neun Müsen talwärts, um die in einem Haine aufgestellten Marmorstatuen der vier Natioualdichter Corneille, Moliöre, Racine und Hugo mit goldenem Lorbeer zu bekränzen. Besnard ist mit der Ausführung seines gewaltigen Borwurfs, der keineswegs „theatralisch" an- mutet, noch nicht ganz zu Ende gekommen; auch ein anderes Motiv seines Plafonds liegt bisher nur in der Skizze vor, Adam und Eva im Gespräch mit der Schlange, von der Tragödie und der Komödie belauscht. — Das Deckengemälde Besnarüs, eines der vornehmsten, talentvollsten und reifsten französischen Künstler, ist wahrlich keines von der herkömmlichen Art; das einzige, was vielleicht zu bedauern wäre, ist, daß die Pracht seiner Farben und das milde Leben seiner Gestalten sich nicht gut mit dem trotz aller Renovationen düster und alt anwutenden Saale des Thckatre Francais vertragen wevden. Man sollte für dieses neue Deckengemälde ein neues Haus bauen, es wäre das schon wert!
Bon Eügöne Carriöre allein darf man nicht mehr redön, nmn muß von der F a m i l i e Carriöre re'den. In dem Salon sind Vater, Söhn und Tochter vertreten.
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1805.
Jüdische Kolonisten in Argentinien.
Es wird uns geschrieben: Durch die unter dem Trucks des Krieges und mißlicher wirtschaftlicher Verhältnisse erfolgende Massenauswanderung russischer Juden nach England und Amerika ist die Frage nach der Anpassungsfähigkeit der jüdischen Rasse an die Erfordernisse der Kolonisation wieder in den Vordergrund gerückt worden. England, für welches das Problem- durch die Konkurrenz, welche die Einwanderer in London, der seßhaften Bevölkerung machen, besonders aktuell wird, steht bekanntlich der Frage der Ansiedelung russischer Juden in seinen afrikanischen -Besitzungen sympathisch gegenüber. Nordamerika beginnt den Einwanderern Schwierigkeiten zu bereiten. Um so größeres Interesse dürfen die Erfahrungen beanspruchen, die bisher mit der Kolonisation in Argentinien gemacht wurden. Der Grund zu diesem Unternehmen ist bekanntlich seinerzeit durch eine Spende -des Großsinan- ziers Baron Hirsch im Betrage von zwei Millionen Pfund Sterling (40 Millionen M.) gelegt worden. Dieses Kapital ist heute durch weitere Spenden auf 180 Millionen M. gestiegen. Gegenwärtig weist Argentinien vier große jüdische Kolonien auf: Clara, Lucien- ville, Santa Fee -und Mauricio. Diese Niederlassungen nehmen einen Flächenraum von 369 768 Hektar ein, wovon 202 412 angebaut sind. Im ganzen sind 1394 Familien mit 7668 Personen angesiedelt. Der Meh- stand der Kolonisten beläuft sich auf 63 000 Stück Hornvieh, 13 000 Pferde und 3600 Schafe. Me meisten Einwanderer stammen aus Rußland. Sie erhalten bei ihrer Ankunft ein Stück Land (über 60 Hektav groß), Wohnung mit Inventar und- was sonst für den Beginn ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit erforderlich ist. Ihre Schuld, die zu 5% verzinst wird, müssen sie im Laufe von 20 Jahren abzahlen. Diese Schuld beläuft sich per Einwanderer auf 7000 -Pesas (etwa 12 000 M.), wovon 4000 auf -das Land, 3000 auf Zubehöre (8 Ochsen,. 12 Kühe,. 4 Pferde, ein Wagen,' 2 Pflüge, 1 Egge usw.) entfallen. Angebaut wird in erster Linie Weizen, Flachs und Mais. -Die Saison beginnt Ende Mai mit der' Weizenkultur. Mais kann bis Dezember gesät werden. In,ethnographischer Hinsicht sowohl als auch im. Hinblick auf künftige ähnlich«. Versuche ist nun sehr bemerkenswert, daß die Kolonisten es ausgezeichnet verstanden haben, sich den Erfo-rderf nissen der Landwirtschaft anzupassen, trotzdem sie fast ausschließlich.aus Handelsleuten und Handwerkern hervorgingen. Viele haben es zu einem relativen Wohlstand gebracht. Der Durchschnittskolonist erarbeitet im, Jahre an barem Gelde für den Verkauf seiner Produkts 1200 bis 1300 M., wovon etwa 600 M. ab-zuzahlen sind, so daß für Verbesserungen usw. eine immerhin noch beträchtliche S.urtrme übrig bleibt. Die Sprache des Landes eignen sich die Einwanderer mit d-erhältms-
Der Ruhm des Vaters Werschritt längst die Lanh-es- grenzen; man hat ihn den „Porträtist der zweiten Seele" genannt. Auch sein diesmMges DoppellntLnis des betagten Ehepaares Dovillez fva-pp-iert wickder durch das „Uükörperliche" der Gestalten und' erweckt den Eindruck, als wäre im spiritistischen Licht alles äußere Loben vor dein inneren gewichen. -Früher schien die ne-belhaite Atmosphäre wie Manier, es stand n'och nicht gaüz fest, was der Künstler dahinter suchte. Jetzt hat er die genauen, in ihrer W-ührhüftlgskeit öft derben Ausö-rncks- mittel für sein Problem erreicht. Selbst von einem un- evb-ittlichen Leiden bedroht, ist C-arritzre als Beöbachtex Pessimist. 'In dem Augenblick, wo er den Pinsel anlsetzt, dünkt ihm sein Modell am Lebensende, ohne jeden Hünchi einer Hoffnung auf das Morgen; nur so glaubt er ö-asi Fa-zit aus der S-eelenvergangenheit, die ihn allein fesselt, Ziehen zu können; den Kümps von Gutem und Bösem, der Leidenschaften, die Enttäuschungen, in denen dis Freuden untergegangen, das liest er in den Gösichts- z'ügcn, und d-a sie es ihm nicht genügenid ausd-vücken, vertieft er sie, bis an Stelle des körperlichen das reist geistige Bild aüstancht. -Im Leben ist joder Moment eine Krise von Leidens-chasten, die er eingi'bt; Carridre will aber nicht einen Moment aus dem Leben festhalten, da er kein geistiges Augestbkicksvi-ld zu geben beabsichtigt; es dünkt chm, daß sich das Fazit aus einer Existenz, der volle Ein- und Rückblick in eine Seele nur dann ergibt, w-enn der aktuelle Moment wegfüllt. Ustd darum scheinen alle seine Gestalten nur gesehen, als die Parze den Lebensfaden durchschnitten hat und die Seelen frei von dem, was ist und köm'men wrvd, so wie der beendigte Kümps hienieden sie gebildet, sich anschicken, die irdische Hülle zu verlassen. Carriöre ist der Philosoph unter den Malern und nicht der heitere. Seine Tochter Lisbeth trägt dick-clbe psychologische .Ausfassungsweise ins Still-. leben. Ihre Blumen und. Früchte umgibt die beikannio väterliche grauschwarze Atmosphäre; es handelt sich um keine leere Nachahmung bei den nicht sehr froh anMu-> testden Blumen, sie hüben wirklich uns viel Melancholisches zu sagen; ihr Lcbenssaden w«vd srivol durch» schnitten, ihre Klage rMrt, sie welken, da man sie vviwi
