SS. Jahrgang.
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No. 3.88.
Berlags-Fernsxrecher No. 2953.
Mittwoch» den 39. April.
Ncbaktions-Fernsprecher No. 52.
1803 .
Morgen - Ausgabe.
__ 1. Mkcrtt.
ilinötu 1 rtfrfjnft und Talsperren.
v Es würde eilt nationales Unglück sein, wollte sich M . e deutsche Landwirtschaft auf den ihr so ungemein günstigen Handelsverträgen nunmehr ausrutzen. Zwar erben sich nach Goethe und alter Erfahrung „Gesetz und Mhts wie eine ewige Krankheit fort", aber im modernen Wirtschastslsben ist das denn doch wohl weniger der -wll, wie ja das Schicksal der Caprivischen Verträge -bewerft; freilich waren diese keine „Krankheit". Und ichwerlich wird die Gesetzgebung zum zweiten Male ihre Gaben so reichlich an die Landwirtschaft verteilen, wie das gegenwärtig durch die unserer Industrie so tschmerz- llche Staatskunst des Grafen von Bükow geschehen ist. E?oll diese nicht schließlich auch für die Landwirtschaft die verhängnisvollsten Folgen haben, so hat die letztere duch unter der Gunst der neuen Handelsverträge wohlweislich im Gedächtnis zu behalten, daß^ kein Erwerbs- zweig auf die Dauer durch künstliche Stützen, sondern nur durch die eigene Kraft bestehen kann. Das gilt lur unsere Landwirtschaft um so mehr, je stärker sich Deutschland nach einem natürlichen Entwickelungsgesetz ?; lm , Industriestaat umgestaltet. Also mit Eifer und ümsicht arbeiten, um die Grundbedingungen des Gedeihens aus eigener Kraft zu stärken! Es ist nützlich Nnd notwendig, setzt, nachdem der Lärm und die Leidenschaften im Kampf um die Handelsverträge einer gewissen stille gewichen sind, sich wieder an die großen und 'leinen Mittel zu erinnern, die der Landwirtschaft in wnserm Sinne dienen können. Diese Mittel sind ja Unter dem heißen Bemühen um den agrarischen Zolltarif bei den Landwirten selbst in Mißkredit gekommen, 'wer eilte weitausschauende, nicht durch den Augenblick gestochene Staatswirtschaft wird ihnen ungleich höhere Heoeutung beilegen müssen als den neuen leicht ver- üanglichen Zolltarifen.
Zu diesen für die dauernde Wohlfahrt der deutschen Landwirtschaft grundlegenden Mitteln gehört vor allem pne ausgebildete Wasserwirtschaft. Diese ist in Deutsch- wnd ein so vernachlässigter Zweig der Volkswirtschasts- wdre, wie vielleicht in keinem anderen kultivierten Lande. Oh. Müller aus dem Preußischen Landwirtschafts- Urrnisterium schreibt in der „Zeitschrift für Agrarpolitik": „Wir ivissen wohl seit langen Jahren, welch Ungeheuere Akengen von Düngestoffen unsere iBäche Und Flüsse fortführen; wir wissen auch, wie sehr zu- Men der Acker und die Pflanzen nach Wasser dürsten, ^ir kennen auch sehr gut die befruchtende Wirkung des Hassers selbst auf den ärmsten Böden — aber das alles M uns nicht verhindert, mit dem Wasser eher Ver- 'ustvendung zu treiben, als den Gedanken an Aufsparen,
Verteilen, Ausnützen seiner düngenden Bestandteile und seiner belebenden Wirkungen näher zu treten." Im fernen Westen Amerikas hat Dr. Müller unter dem Einfluß künstlicher Bewässerung eine in geradezu wunderbarer Schnelligkeit und Üppigkeit sich entwickelnde Vegetation kennen gelernt, deren Reichtum zu der sie umgebenden Wüste kaum glaubhaft war, und zwar zu einer Zeit, als die europäischen Zeitungen voll waren von Klagen über Dürre und Futternot. Auch der genannte Beobachter ist zu der Überzeugung gelangt, daß unendlich viel Kraft verschwendet wird, um politische Maßnahmen durchzusetzen, deren Vorteile „chimärisch" bleiben. Sie werden uns, so äußert er sich etwa, nie bringen, was der Landwirtschaft Mitteleuropas allein helfen kann — vermehrte Produktion bei gleichen oder selbst sich vermindernden Produktionskosten. Eine das Wasser der Flüsse als Kulturmittel ersten Ranges berücksichtigende Wasserwirtschaft hält auch er für ein wirksames und bei gutem Willen schließlich nicht schwer zu erlangendes Mittel dazu.
Ein anderer hervorragender Fachmann, der Direktor der Berliner Rieselgüter, Professor Dr. Backhaus, stellt in seiner preisgekrönten Schrift über bessere Wasserwirtschaft folgende Berechnung an: Der Grund und Boden des Deutschen Reiches dürfte einen Wert von etwa 50 Milliarden Mark besitzen. Die ganze in Deutschland niederfallende Wassermenge besitzt aus der Grundlage, daß man eine Ausnutzung des Kubikmeters Wasser zu 1 Pfennig wohl erreichen kann, einen Wert von jährlich 4 Milliarden Mark. Die Kraft, welche das herabfließende Wasser im'Deutschen Reich entwickelt, berechnet sich, die Pserdekraftstunde zu 10 Pf. angenommen, auf 17}/« Milliarden jährlich. Die Sonnenwärme, wenn man sie durch Steinkohlen ersetzen wollte und einen Preis von 50 Pf. für den Zentner Kohle annimmt, stellt für Deutschland jährlich einen Wert von 6000 Milliarden M. dar. Wie verschwindend ist derartigen Naturkräften gegenüber der Wert, .der ge,amten landwirtschaftlichen Produktion, unseres Vaterlandes mit etwa 10 Milliarden. M. Wie bedauerlich ist es, so betont Professor Backhaus, daß strotz solcher Produktions- kräfte jährlich für 2 Milliarden M. landwirtschaftlicher Produkte vom Auslande eingeführt werden müssen. Hieraus ergibt sich mit Notwendigkeit die Aufgabe, das ist auch die Überzeugung der genannten Gelehrten, mit allen Mitteln der neuzeitlichen.Wissenschaft und Technik die Ausnutzung der gebotenen Naturkräfte anzustreben.
Übrigens geht man neuerdings auch in Deutschland an die Lösung der wasserwirtschaftlichen Aufgaben mit vermehrtem Eifer. Wesentlich hat die große Dürre des letzten Sommers dazu beigetragen, alte Pläne reifen zu lassen und neue in Rücksicht auf Bodenkultur und Schisfahrt zur Erörterung zu stellen. Zur Verminderung und Verteilung des Hochwassers der Weser ist an der Eder ein Sammelbecken von 170 Millionen
Feuilleton.
^Eudenienpokitik. — DaS Quartier latin in Aufruhr. — Die "U «mischen Gäste. — Di!e deutschen Gäste. — Unnötige Vorsicht.
— Murger und heute.
Paris, 14. April.
Seit längerer Zeit hatten die Söhne der Pariser :'slwa mater recht wenig von sich Höven lassen, was ihren Mheren Gepflogenheiten durchaus widerspricht. Man vaucht sich ja nur in die Perioden des Ministeriums hsiaries Dupuy, also in /das Jahr 1898, und des Drey- wohaEls Mrückzuversetzen, um die Studenten nicht bloß mitten, sondern vielmehr an der Spitze der ^evsiikeriingsschichten zu erblicken, dtz in lärmenden und leirigen Straßenkundgebungen die' einzig wahre Be- Pchung der politischen Freiheit anerkennen. War es denn «cht fast zu einer Revolution gekommen, ats bei einem recht aufgeklärten Krawalle zwischen angeblichen ,ftwrchijten — man befand sich damals noch unter dem 'Aschen Eindrücke der Dynamit-Attentate Ravachols Do Genossen — und Polizisten der Student Nuycr durch fhea unglücklichen Wurf mit einem steinernen Zünd- ^olzchcn-Beh,älter tödlich verwundet wurde! Damals Wird daS Quartier latin tagelang in Hellem Aufruhr, " daß selbst der Verkehr an den Abenden besonders ,-bterbrochen werden mußte. Sobald sich die Finsternis 'orabsenkte, wurden trotz des ungeheuren Aufgebotes oit Polizisten und Soldaten die Schienen der Trambahn ipt ansehnliche Strecken ailsge'hoben, Kioske der Ourni- ^Dliksellschast, der ZeitiAigs- und B-lumenrerkänfer um- Mtstrzt und Scheiterhaufen für die feindlichen, d. h. die kstgierungsblütter auf offener Straße aufgerichtet. Nur ,,D'ck> geschicktes. Nachgeben konnte damals der Miuistcr- -s'osident Dupuy, der selbst Universitälsprofessor war, S t urm des chmi cht i ge n.
Etwas später haben wir ähnlichen Empörungen nnd «rrnPfen während der Dreyfus-Asfäre. beigewohnt: aber diesen standen die Studenten nicht einmütig zu-'
de» ?ein
sam men, wie in dem Falle Nuyer, sondern waren, wie ganz Frankreich, in zwei sich haßerfüllt gegenüberstehenüc Lager geteilt. Und noch heute ist diese Spaltung im Quartier latin bestehen geblieben, noch heute werden dort die Konflikte, die der weltbewegende Handel herauf- beschworen hatte, weiter ausgekampst. Aber in unseren Tagen geschieht das nur in Versammlungen oder in der Presse, die in dem Studentenviertel eine ganze Anzahl eigener Organe hat: die „Straße" wird hingegen dazu nicht mehr benutzt.
Seit einigen Wochen indessen mußte sie wiederum für Etttrüstungsausbrüche der Studenten herhalten und nach jahrelanger Ruhe wurde es aufs neue im „Quartier" recht ungemütlich. Die Politik hat, oder richtiger hatte, da die Sache nunmehr wohl als beigelegt ange'iehen wejrden kann» 'mit dem diesmaligen Falle nichts zu schassen.. Es handelte sich vielmehr um einen Professor der medizinischen Fakultät, der sich bei seinen Hörern mißliebig gemacht hatte, wie es scheint, nicht ohne eine gewisse Berechtigung. Man wirst ihm vor, bei den Prüfungen nicht mit der erforderlichen Unparteilichkeit vvrgegangen zu sein und Fragen an die jungen Kandidaten zu stellen, die mit den weltberühmten Antworten des »Kandidaten Jobscs in eine Kategorie gehören. Jedenfalls ließen sich die Mediziner bei seinen Vorlesungen zu so heftigen Kundgebungen und Protesten sorrreißen, daß schließlich kein anderer Ausweg blieb, als diese zu suspendieren. Damit, war aber der Groll der Studenten noch nicht beschwichtigt, sie manifestierten vielmehr auf den Straßen weiter, und zwar nicht nur im „Quartier latin", wo ihnen selbstverständlich viel durch- gelafsen wird, sondern, auch vor dem in dem vornehmen Pare Moneeän-Viertel beleaenen Hause des Professors. Die Polizei mußte sich deshalb zu strengerem Einschreiten begnemen, was sofort wieder zu einem sehr drohenden Konflikte wegen des in der Tat recht rücksichtslosen Vorgehens eines höheren Polizcibeamten führte, einem Konflikte, der nur durch das taktvolle Eingreifen des allseitig I wegen seiner Tüchtigkeit, Tatkraft, Umsicht und Feinheit ! /hochgeschätzten . Polizeipräfekten Löpine gütlich beigelegt ! werden konnte. Da seitdem aber ^der verhaßte Professor
Kubikmeter Fassungsvermögen geplant, im Östertal bei Plettenberg soll ein Sammelbecken mit 3 Millionen Kubikmeter Fassungsvaum errichtet werden, im Gebier der vom Harz kommenden Ocker plant man sieben Talsperren, ebenso werden solche im Lauf der Weißeritz im Bezirk Dresden hergestellt, die Hönne-Tal?perre»Ge- nossenschaft will eine Talsperre von 614 Millionen Kubikmeter Inhalt bauen und in Plauen im Vogtland wird gegenwärtig eine gleiche Anlage mit 3,3 Millionen Kubikmeter Fassungsraum errichtet. Ältere Talsperren gibt es im Quellgebiet der Görlitzer Neiße und der Gkatzer Neiße, im Bober und Queisgebiet, im Gebiet der Ruhr und Wupper, eine besonders wichtige bei Remscheid: weiter gibt es noch die Urftalsperre in der Eifel, den Ahlfeldstauweiher im Jllgebiet und den Vogesen- stauweiher.
Aus derartigen großen Sammelbecken lassen sich bei geeigneten Vorrichtungen Wiesen und Äcker auf große Entfernungen hin speisen. Natürlich muß auch bei der Regulierung der Flüsse auf die Interessen der Landwirtschaft Rücksicht genommen werden — allerdings nicht im Sinne von Schiffahrtsabgaben. Bei Flußregulie- rungen wird oft der Grundwasserspiegel stark gesenkt. Tie Folge ist, daß der Boden schneller und stärker austrocknet und natürlich der landwirtschaftliche Betrieb erschwert wird. So soll durch die nach dem Staatsvertrags van 1340 zwischen Baden und Frankreich zur Ausführung gelangte Rheinregulierung der Grundwasserstand in der regulierten Gegend so tief gesunken sein, daß er sich jetzt häufig 10—15 Meter unter der Oberfläche befindet. Aus, diesem Grunde soll das Hardtfeld im oberen Elsaß so unsichere landwirtschaftliche Erträge bringen, daß die Be- völkerung immer mehr verarmt. Um in der Gegend nur einige Fruchtbarkeit zu erhalten, hat man eine 18 400 Hektar große Bewässerungsanlage geschaffen. Bekanntlich vermehren unvorsichtige Flußregulierungen auch die Hochwassergefahren. So schieben die Wasscrbau- techniker die furchtbare Wassersnot, der am 12. März 1879 der größte:Teil der ungarischen Stadt Szegedin zum Opfer fiel, auf die Tatsache zurück, daß mau die Theiß durch 1907 Durchstiche gerade legte und ihren Lauf von 120(1 Kilometer auf 728 verkürzte!
Eine Wasserbautechnik, die sich ihrer bedeutenden volkswirtschaftlichen Aufgabe bewußt ist, hat alfo- mit dem System zu brechen, die Flußwässer möglich schnell dem Meere zuzuführen. Sie hat vielmehr gewaltige Sammelbecken — Talsperren — und kleine Stauweiher zu bauen und aus diesen in ungezählten kleinen Wasser- länfen und Rinnsalen den Segen weit über das durstende Land auszubreiten. Die allgemeine Lösung dieser Aufgabe ist eine Kulturtat. Sie wird der deutschen Landwirtschaft eine heute ganz unmeßbare Summe von Kraft zuführen und sie unabhängig machen von den wechselnden Zolltarifen und der Gunst der politischen Parteien; auch zum Besten der deutschen Volksernährung.
seine Vorlesungen in der „Ecvle de msdecine" wieder aufnahm, kam cs zu neuen, sehr lärmenden Kundgebungen, Hie nach vergeblichen Dämpfnngsversuchen, bei denen sich die sämtlichen Professoren der Pariser Universität solidarisch -erklärten, mit der vorzeitigen Schließung der medizinischen Fakultät vor den Osterferien ihr Ende erreichten.
-Dadurch wurde aber eine neue Erregung hervvrge- ruscn, weil somit die Doktorprüfungen jäh -unterbrochen sind. Die Mediziner geben aus diesem Grunde jetzt klein bei und bestürmen den Unterrichts-m>in-ister, diese sie schwer schädigende Maßregel zurückzunehm-en, was auch geschehen dürfte.
^Tie Pariser Studenten hatten letzthin ferner Gel-egeu- hftt, ihre Liebenswüvdigkcit und ihren Takt austän- dischen Kommilitonen gegenüber zu bekunden. Wenn sie individuell auch in jeder Hinsicht den hierbei an sie ge- stellien Anforderungen nachkamen, so ist cs doch nicht nur gestattet, sondern sogar entschieden geboten, auf einzelne bei diesen Empfängen zutage getretenen Ersch-einun-gen kritisierend, z-nrückzukommen. Mit den „Ptittf-asten- königinnen" der Märkte und Waschanstalten von Mailand und Turin war eine Abordnung italienischer Studenten in Paris eingetroffen, die mit überschwänglichem Jubel^ empfangen wurde. Man feierte aufs neue mit den bekannten Phrasen die lateinische Verbrüderung und die Wiederannäherung der beiden Nationen, die die klassische Kulmr über-kommen erhalten haben. Der allgemeine Studenten verband beteiligte sich besonders eifrig an diese» Bcranstaltun-gen und stellte sein Versammlungslokal den italienischen Gästen zur Verfügung, das er -nicht nur im Innern, sondern auch- nach der Straße mit itatie- nifcheu Fahnen schmückte. — Kurz darauf, als diese Feste kaum verrauscht waren, erschien eine kleine Gruppe deutscher Studenten und Studierter in Paris, die diese» Besuch längst zuvor migekündigt hatte. Da diese Herren nur zur Belehrung und zur Erweiterung ihrer Kenntnisse nach Frankreich kamen, so beanspruchten sie nichts als eine höfliche Ilnfnahme und.eine znvorkoMmende Führung seitens, .der Pariser Kommilitonen. Diese wurde ihnen in der Tat gewährt und die französischen
