ikslis-km TWlstt.
SS. Jahrgang.
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u 177.
Verlags-Fernfprecher No. 2958.
Freilas. den 14. Avril.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1905.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. __
Neligion und Politik.
In einer Rede, die der Wgeordnete Müller- Meiningen am Samstag in München in der liberalen Bcrsam-mtung hielt, gab er auch eine Charakteristik des Ultramontamsmus, die an Schärfe nichts, aber auch "schts an Richtigkeit zu wünschen übrig läßt. Wir geben "lesen Teil der Rede des liberalen Politikers im Ausluge wieder. Abgeordneter Müller sagte unter anderem:
»Immer wieder müssen wir der Vermischung von Religion und Politik auf bas schärfste entgegentreten. Ter Stifter des Christentums stellte den Grundsatz der ^iebe auf: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", und »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" Er wollte nicht im Namen der e it ,g t o n S ch ul- und Mittel st >ai n b s -, Handels- und Zollpolitik getrieben haben (Heiterkeit); er wollte nicht durch beispiellos Istphistische und skrupellose Deutung sein« Worte die Herrschaft der Kirche auf solchen Gebieten festgelegt, "se mit der Religion nichts gemein haben, er wollte llicht die geistlichen und weltlichen Kompetenzen so^ein- ßetetlt wissen, daß ein herrschsüchtiger Klerus den'Staat 'm Staate spielt. So ist dieses System der Vermischung Politik und Religion die Stärke und zugleich die schwäche des Ultramontanismus; die Stärke, da man °re Massen, die nicht das Unterscheidungsvermögen Zwischen Religion und Politik besitzen, fanatisieren kann, "re Schwäche,' da von Tag zu Tag mehr die Gebildeten und wirklich Religiösen sich von diesem System mit Ekel üvwenden. ' ;
Der Klerikalismus fordert Toleranz. Ein roter Bundesgenosse, der es wissen muß, meinte mit gutem Humor, das sei gerade, als wenn der Fuchs für den Begetarismus plädiere. (Heiterkeit.) Klerikale Gewissensfreiheit! Vielleicht kommt ein Mitglied der Boleranzkommission aut den Einfall, über die Schwelle "es Kv-mmissionsgimmc-rs die berühmten Worte des Rundschreibens ans dem Jahre 1832 zu setzen: „Aus "er modrigen Quelle des Jndifferentismus stammt die Abgeschmackte Meinung oder besser die Verrücktheit, daß wder Mensch Anspruch aus Gewissensfreiheit habe." uolge dieser dogmatischen und staatsbürgerlichen Jvtole- ist die beispiellose konfessionelle B e r h e tz n n g , die in süddeutschland ihren Höhe» Punkt erreicht hat. Kann diese konfessionelle Hetze noch weiter getrieben werden, als sie bei uns in Bayern ist? pin Aristophanes fände Komödienmaterial in dieser Hetze. Genügen die konfessionellen Orgeln, Bade- und Bedürfnisanstalten, Waschhäuser noch nicht, die katho-
FeuilletoA.
Anrisse OergmlgrmgsjachLen.
Skizze von Elda Almqnist.
Es ist schon eine ganze Reihe von Jahren her, als fch eines Abends mit einer anderen Dame iNSmineMünde Ms einem Konzert in unser Hotel zurückkehrte. Die Melodie aus dem „Fliegenden Holländer", die als Lcit- wottv durch die ganze Schar geht, und die wir zuletzt üehört hatten, summte uns noch in den Ohren und noch völlig eingenommen von dem mächtigen Eindruck der Tonfchüpsung, schritten wir schweigend nebeneinander her. Wir wohnten im „Hotel zu den drei Kronen", kirrem der drei großen Logierhäuser, die hart am Wasser ^wgen und mußten daher an einer Anzahl von Schiffen Vorbeigehen. Es war ziemlich dunkel, denn die Hafen- beleuchtung konnte Nicht gerade überwältigend genannt werden und der Vollmond hatte sich oben hinter Wolken versteckt; plötzlich jedoch brach er siegreich hervor und übergoß den Platz mit seinem weißen zauberhaften Schein. Der Wechsel war so jäh gekommen, daß wir förmlich zNsam'menznckten und uns erstaunt umschanten.
Was aber war das? Hatten unsere Träume vom "Niiegenden Holländer" Gestalt gewonnen?" „Blutrot bie Segel, schmatz der Mast!" kam es inckvlWürlich über weine Lippen, denn 'wahrhaftig, dort leuchtete ein brennend rotes Segel durch die Nacht und daneben strebte rin kohlschwarzer Mast empor. Wir betrachteten vcr- " küsst das seltsauke Fahrzeug näher — alles, schwarz und ^ot! Die gesamte Takelage rot und das übrige schwarz! "Ad znrn Überfluß läsen wir jetzt auch noch am Plu-g des Schiffes Ne in großen Goldbuchstaben ausgeführte 'Aufschrift: „Der fliegende Holländer!"
Zuerst glaubte ich wirklich au eine Täuschung meiner Sinne. Wenn ich nur jemand hätte fragen können, was mit dem Schiffe für eine 'Bewandtnis hatte! Aber es an einem Sonntag, und man weiß ja, wie still und Msgeftorben ein Häfen dann in vorgerückter Abend-
lischen und protestantischen Arbeitslehrerinnen noch nicht? Wird nicht vom Ministerin lais bis zum armseligsten Daglöhnerhäuschen nach dem „Verbrechen" der gemischten Ehe geschnüsselt, werden nicht die Kinder, die von religiöser Unduldsamkeit und Gegensätzen nichts wissen sollten, unter dein Deckmantel des Christentums zum religiösen Fanatismus getrieben, sind nicht die Affären von Brülingön uNdffFameck geradezu kulturgeschichtliche Schandflecke unseres Zeitalters? (Großer Beifall.) Das ganze tägliche Leben dxohi zerrissen zu werden, eine Schädigung) viel schlichmer als di? wildeste politische Klassenagitation. Konfessionelle Männer-, "rauen-, Studenten-, Arbeiter-, Bauern-, Mütter-, Ge- erbe-, Mittelstands- und BürscheMereine werden gegründet, Kindervereine, und Säuglingsklubs folgen offenbar nach. (Heiterkeit.) Ist nicht der Kamps um die akademische Freiheit in letzter Linie ein. kleiner Protest gegen den zersetzenden' Klerikstlismus? • Formell kann das Recht der Gründung, katholischer Verbindungen kein Liberaler bestreiten; aber materiell ist die Gründung allhr konfessionellen Verbindungen tipf bedauerlich! (Rufe: Sehr gut!) Die sogenannten katholischen Verbindungen sind politische Vereine, sie sind Zantrums- Jugendvexeine; ihre Tendenz Achtet sich gegen die Grundlagen der deutschen Universitäten, gegen die Denkfreiheit, die Lern- und Lehrfreiheit. Sie drohen die Vorläufer und Sturmtruppen für die Konsessionali- sterung der deutschen Universitäten zu werden, dieser „Anstalten des Teufels", wie bekanntlich auf dem „Katholikentag" in Aachen ein berühmter Redner sie nannte. Persönlich wird wohl kein Kamps so häßlich geführt wie dieser. Berlichingen und sein Nachspiel mit Professor Merkte zeigt die Verrohung dieses ToneH. Herr tr. Hertling hatte wahrlich recht: ..Man braucht in einer großen Wirtschaft einen Hausknecht, aber schlimm ist es, wenn der Hausknecht den Ton angibt." (Heiterkeit.) Was der hohe Herr damit jandeuten wollte, das wissen wir alle, und wenn wir. es nicht gewußt hätten, dann hätte uns der „Bayerische Kurier" darüber belehA. (Große Heiterkeit und Beifall.)
Politisch bedeutet der Klerikalismus das System der Unzuverlässigkeit und des K u h h anbei s. Hier konservativ-reaktionär, dort demagogisch-demokratisch, immer aber ultramontan. Deshalb ist auch das moderne StaatswesM verraten und verkauft, das sich solcher Stützen bedient. Ich erinnere nur an den Kamps um die Schule. Kein Schmähwort ist da hart genug. Und der Staat liefert mit seiner Schulpolitik die Rekruten armeekorpsweise für seine Todfeinde! Der Staat muß zunächst sich darum kümmern, nicht Kinder des Jenseits, sondern treue Staatsbürger heranzuziehen. (Großer Beifall.) In Bayern wird mehr und mehr die weibliche Erziehung ver- klöstert. (Zustimmung.)
stunde erscheint. Keine MenfcheNseele war ringsum zu erblicken, nicht einmal sin Häseuwächter. So entschlossen wir uns denn, den spukhäften Ort zu verlassen und unser Hotel aNfzNfuchen. Am nächsten Morgen begab ich mich jedoch sofort wieder dorthin, um Erkundigungen einzu- ziehen. Der „Fliegende Holländer" war allerdings fort, Uber ein Matrose von einem anderen Fahrzeug erzählte mir, daß er noch vor wenigen Stunden an seinem vorherigen Platz gelegen und seinen Kurs nach Rügen genommen hätte. Sein Besitzer war tatsächlich ein Holländer — allerdings kein gespenstischer, sondern ein sehr gemütlicher millionenschwerer Mynheer — der, -von feiner Begeisterung für Wagner getrieben, sich seine Ber- gMgnngs'jacht ganz nach döm Vorbild des Geisterschiffs hatte ausstatten lassen. „Das Meer und alle Zonen" kannten ihn jedoch auch, denn alle Muße, die fein Beruf *r nämlich das Tulpenzüchten — ihm ließ, verlebte er in Gesellschaft guter Freunde auf seinem „Fliegenden Holländer", auf dem er alle fünf Erdteile umschifft hatte.
Es hat eben halt jeder seine Schrulle. Ich bin auch sehr passioniert fürs Seefahren, aber; als Gespenst die Meere durchsegeln und den Leuten abergläubische Angst cinjagen, möchte ich doch nicht.
Ich habe später gelegentlich meiner eigenen Seereisen noch in an che kuriose Bergnügungsjachten kennen gelernt, aber die kurios oste von allen mar ein Motorboot in Gestalt'einer — Flunder, das ich einmal in der Ostsee gesehen. Es war braun angestrichen, schön blank lackiert, flach und plump und glich buchstäblich einem riesigen Fisch jener genannten Gattung, die wir namentlich trt geräuchertem Zustande so gern, haben. Trotzdem sein Besitzer ziemlich weite Fahrten damit unternahm, soll cs wenig bequem eingerichtet gewesen' sein, man sagte, es besäße keine genügende Tiefe, und die Kajütenrttumlich- ketten waren infolgedessen zu niedrig.
Eine andere amerikanische Vevgnügungsjacht, die im verflossenen Sommer den Atlantischen Ozean unsicher machte, bot dagegen jeden Komfort, den man nur irgend verlangen konnte. Der Spleen seines Eigentümers bestand wieder darin, daß er auch aNf dem Meer, genau
Wir taumeln von einem Erinnerungsfest zum anderen. ----- Ja, wir feiern mit Recht die Manen Schillers und Goethes, Kants und Frchtes. Besser wäre es, wenn der Staat in Millionen von Auszügen Fichtes elfte und zwölfte Rede an die deutsche' Nation über die Nationalerziehnng verbreiten ließe q Großer Beifall), oder Kants und Schillers scharfe Kritiken konfessioneller Intoleranz. Wir wollen nicht vergessen, daß ein ultramontanes Literaturwerk den „berühmten" Spruch tat: Schiller und Lessing haben aus den
Ofsizierskreisen die Jmmoralität in die deutsche Literatur eingeschleppt. -Protestieren f o Ilte lieB er das deutsche Volk g e g e n d i e konfessionelle Verhunzung ° seines..Schiller', in. den Schulen. Das wäre die beste Schiller-Feier. (Stürmischer Beifall.)
Das ist eine Brandmarkung einer politischen Partei, wie sie entschiedener kaum gedacht werden kann. Aber sie enthält nur Wahrheiten.
Are Bewegungen des Geschwaders Roschdjestwenskys.
Von geschätzter militärischer Seite wird uns geschrieben :' Der Eintritt des Geschwaders Roschdjest- wenskys in die chinesischen Gewässer hat zu mannigfachen Kombinationen über die angeblichen Absichten des russischen Admirals Anlaß gegeben. Viel Veröreitung- sand die Auffassung, daß die Flotte mit vollem Dampf aus ihr Endziel, den Hafen von Wladiwostok, lossteuere, und bereit sei, auf dsmWege einen Zusammenstoß mit den Streitkräften des Admirals Togo zu riskieren. Wenn nun auch in dem an Überraschungen reichen Seekampfe zwischen Rußland und Japan das Unerwartete jederzeit Ereignis werden kann, so spricht doch nur eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür, daß die- letzten Bewegungen -des russischen Admirals als das -Vorspiel einer nach deni Norden gerichteten Offensivtaktik aufzufassen sind. Das Vorrücken aus der Meerenge von Malakka dürfte vielmehr den Zweck haben, die Vereinigung des Haupt- geschwaders mit der aus dem Wege befindlichen Nachhut unter Nebogatow vorzubereiten, da es dem Feinde andern- falls leicht gelingen konnte, die erwarteten Schiffe ab- zusangen. Das „dritte russische Geschwader" unter 'Nebogatow trat seine Reise in den ersten Februartagen an, nachdem der unter den, Eindrücke der Einnahme von Port Arthur in Erwägung gezogene Gedanke einer Rückberusung Roschdjestwenskys endgültig fallen gelassen worden war. Es sollte von letzterem ursprünglich in den Gewässern von Madagaskar erwartet werden, diese Absicht wurde indes aufgegeben, teils, weil die Russen die Gastfreundschaft, die sie in Madagaskar gefunden hatten, durch allzulanges Verweilen nicht mißbrauchen wollten, teils weil -die Ereignisse in der Mandschurei
wie auf dem Festland, in einem Haus wohnen wollte. Seine Jacht sah, flüchtig betrachtet, wie eine schwimmende Billa mit Dach, Erker, Turm, Veranda und schmalem Vorgärtchen aus. Das letztere wurde dadurch vorge- täuscht, daß man vor der Veranda, zu der Stufen her- aNfsührten, einen winzigen Streifen abgegrenzt und diesen mit einem kleinen, allerdings nur angemalten Rasenstückchen ausgestattet hatte, in dessen Mitte aus einer Art Postäment ein metallener, von kaktusähnlichen Gewächsen umgebener Amor stand. In höherem Maße ließ sich die Illusion eines Gartens beim besten Willen nicht her- vovzaubern, da bei bewegtem Wetter die Wellen doch häufiger das Deck überspülcn, und bei solchen Gelegenheiten den gärtnerischen Anlagen den Garaus gemacht hätten. Immerhin machte es einen wunderlichen Eindruck, wenn man die Billa mit Zubehör so auf den Wellen schwimmen sah. Der Laie konnte sich gar nicht vorstellen, daß das Ding seetüchtig war; es soll in dieser Hinsicht jedoch die strengsten Anforderungen erfüllt haben. Alle diejenigen Teile und Verrichtungen, die zu einem überseeischen Dampfer gehören, waren ebenso geschickt maskiert, daß das Auge des NichtsachverstäNdigen sie nicht wahrzunehmen vermochte. Im Innern war das Schiff wie eine moderne, komfortable Villa eingerichtet.
„Das ist ja noch gar nichts gegen eine Jacht, die ich einmal gesehen habe", sagte sin schwedischer Herr, in dessen Gegenwart wir das Hansschiff besichtigten. „Bor drei Jahren begegnete ich auf dein Mittelmeer einer schwimmenden Pagode, die innen ganz als Wohnung eingerichtet war. Sie blitzte wie lauter Gold und ihre Bemannung trug bunte chinesische Gewänder. Im Innern war ein chinesisches Gärtchen angelegt, mit künstlichen Felsen und einem kleinen Wassersall". Der Herr erzählte noch viel von dieser wunderbaren VergnüguNgs- jacht und während feiner Schilderung wurde sie iiNmer wunderbarer, so wunderbar, wie es dergleichen nur im Reich Phaniasia gibt.
Ich habe, w-ie gesagt, wohl sehr merkwürdige Bes. gNngnngsjachten gesehen, aber solche in Form von Pagoden waren denn doch nicht dabei.
