Verlag: Langgasse 27,
»s. Jahrgang.
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163. Berlags-Fernsprecher No. 2888.
Morgen - Ausgabe.
_1. Wkcrtt.
Wehrstand. Ukihrstand and Urständ.^
Z«r!'KLmäße Betrachtungen über nationale «Pflichten.
Bon Dr. Franz Lessing.
Wehrstand, Nährstand und Lehrstand, das sind nach »en alten, bewährten Anschauungen die Grundlagen, denen ein gesunder Staat aufgeoaut ist. In Deutschland und namentlich im Königreich 'Preußen ist die Fürsorge der Regierung in erster Linie dem Wehrstand gewidmet. Es ist daher nur zu erklärlich, mrß unter.Mefer Tradition selbst der Reichskanzler Gras Bülotv, der Oberst der Reserve ist, bei offiziellen Festlichkeiten als höchster Beamter des Staates trotzdem die einfache Obersten-Uniform vorzieht, weil eben Preußen ein Militärstaat ist. Aus ebendenselben Gründen nimmt auch der Nährstand, also die erwerbenden Stände, erst die zweite Stellung im «Staate ein, ganz im Gegensatz ZU dem reichen England. Ein preußischer Minister ist sogar so weit gegangen, daß er den Handel ein not- ivendiges Übel nannte. Die höheren Beamten kennen fben zu 'wenig die Lebensinteressen des Volkes. Cs fehlt der deutschen Regierung zwar nicht das Wollen, dem Volke zu helfen, wohl aber das Können, und darunter leiden die erwerbenden Stände Deutschlands.
Noch schlimmer als mit dem Nährstand ist es in Deutschland mit dem Lehrstand bestellt. Wir haben hier in erster Linie die Lage der Volksschullehrer ins Äuge gefaßt. Tie ungenügende gesellschaftliche Stellung des Volksschullehrers und ein den hohen geistigen Anforderungen durchaus nicht entsprechendes Einkommen haben 2s möglich gemacht, daß ein erschreckender Lehrermangel eingetreten ist, während alle anderen Bevufsarten überfüllt sind.
Tie Regierung greift auch hier am falschen Ende helfend ein. «Die Präparandenanstalten sollen vermehrt cherden; doch woher sollen die Anwärter kommen, die sich dem Lehrerberus widmen sollen, wenn Eltern und Erzieher unter den jetzigen Verhältnissen nicht dringend genug davor gewarnt werden müssen, ihre Pflegebefohlenen den Lebrerberuf erwählen zu lassen!
Die schlechte Besoldung der Volksschullehrer ist eine soziale Gefahr. Gerade sie, denen die Zukunft der deutschen Nation anvertraut ist, dürsten nicht Ursache zur Unzufriedenheit haben, denn ihnen verdankt Deutsch- fand in erster Linie seine glorreiche Vergangenheit. Die großen Niederlagen, die das Kaiserreich Rußland jetzt
?) Dieser Artikel ist dem kürzlich erschienenen Heft der vorzüglich redigierten neuen illustrierten Familien-Zeitschrift „Bon "and 3 i, Land" entnommen.
DZmrrersLag, den 6. April.
im Kriege gegen Japan erleidet, sind zunächst darauf zurückzuführen, daß das russische Volk auf einer zu niedrigen Stufe der Kultur und der Moral steht. Tie Kenntnis des Lesens und Schreibens ist dem größten Teil der russischen Bevölkerung noch 'vorenthalten.
Es ist eine Ehrenpflicht-des ganzen deutschen Volkes, an der Besserung der sozialen und wirtschaftlichen Stellung der Volksschullehrer nach «Kräften mitzuarbeiten, denn für unser Zeitalter ist es entwürdigend, wenn die Zeitungen darüber berichten müssen, daß ein Lehrer gegen seinen Gemeindevorstand erst klagbar werden mußte, um. ein heizbares Zimmer zu erhalten. Auch die gesellschaftliche Stellung des Lehrers läßt viel zu wünschest übrig und gibt berechtigte Ursache zur Unzufriedenheit. In einem kleinen Städtchen der Provinz 3E. reicht beispielsweise der dortige Kreisschulinspektor seinen Lehrern nie die Hand, selbst wenn der Lchrer bei politischen Versammlungen in der Gaststube mitten unter Ackerbürgern und Handwerkern sitzt, die natürlich von dem Kreisschulinspektor durch einen Händedruck aus» gezeichnet werden. Der Herr Kreisschulinspektor hat wohl noch nie darüber nachgedacht, wie weh er mit seinem Verhalten seinen Lehrern tut, und wie sehr er ihre Autorität erschüttert, denn er berücksichtigt nicht, daß diese Handwerker und Ackerbürger meistens ehemalige Schüler jener Lehrer waren, denen er hier vor aller Öffentlichkeit die Hand zum« Gruße verweigert, um seiner eigenen autoritativen Stellung nichts zu vergeben.
Es gibt in Deutschland zirka 60 000 öffentliche Volksschulen, in denen zirka 125 000 Lehrer und zirka 23 000 Lehrerinnen unterrichten. In diesen 60 000 Schulen werden 9 Millionen Kinder jährlich unterrichtet. Es wird nun interessieren zu erfahren, wieviel Schüler in den einzelnen. deutschen Staaten auf je einen Lehrer kommen, da hierdurch am klarsten nachgewiesen wird, in welch unverantwortlicher Weise einzelne Staaten die Gesundheit ihrer Lehrer und die wirtschaftliche Zukunft der jungen Generation aufs Spiel setzen, und wie wenig einzelne Regierungen für die wichtigste aller Kultur- fragen. die Erziehung der Jugend, eintreten.
Auf einen Lehrer oder eine Lehrerin kommen Schüler: In Lübeck 35, Hamburg 38, Meckleuburg-Strelitz 42, Elsaß-Lothringen 43, Mecklenburg-Schwerin 46, Bremen 47, Anhalt 54, Oldenburg 55, Sachsen-Kvburg-Gotha 56, Württemberg 58, Bayern 59, Hessen 60, Sachsen- Weimar 60, Waldeck 60, Schwarzbuvg-Rudolstadt 61, Sachsen-Meiningen 62, Preußen 63, Braunschweig 63, Schwarzbstrg-Sondershausen 64, Renß jüngere Linie 64, Sachsen 66, Buden 67, Sachsen-Altestburg 67, Renß ältere Linie 73, Lippe 92, Schaumburg-Lippe! 99.
Tie vorstehende Statistik zeigt also, daß die freien Städte Lübeck und Hamburg an erster Stelle stehen. In Lübeck werden im Durchschnitt 35 Schüler, in Hann bürg 38 Schüler durch eine Lehrkraft unterrichtet,
NcLektilMs-Fernsprecher No. 82 . ISO 15+
Während in Lippe auf je 92 Schüler und in Schaumburg- Lippe gar auf je 99 Schüler erst eine Lehrkraft kommt. Diese Zahlen sprechen eine grausame Sprache und enthalten eine bittere Anklage gegen die Lippesche Landesregierung, denn wie soll ein Lehrer 99 Schüler erfolgreich für den Kampf ums Dasein vorbereiten können- Nach Ansichten aller Pädagogen übersteigt es die Kraft eines Lehrers, mehr als höchstens 60 Schüler gleichzeitig zu unterrichten.
Das Königreich Württemberg steht nach der vorstehenden Statistik an 10. Stelle, Bayern an 11. Stelle und das Königreich Sachsen an 21. Stelle. Das Königreich Preußen steht an 17. Stelle, und zwar steht Berlin mit 47 Schülern an erster Stelle und' die Provinz Posen mit 74 Schülern auf je eine Lehrkraft unter den preußischen Provinzen an letzter Stelle.
Die vorstehenden Statistiken geben darüber Ansklärung, wieviel Schüler in den einzelnen deutschen Staaten von einem Lehrer -gleichzeitig unterrichtet werden. Ebenso wichtig ist aber auch die Frage nach den Kosten, die die einzelnen deutschen Staaten für jeden Schüler einer Volksschule aufwenden. Die nachstehende Statistik soll uns zeigen, welche deutschen Staaten die höchsten finanziellen Opfer, und welche die niedrigsten Opfer für die wichtigste aller Kulturfragen, die Erziehung der Jugend, bringen.
Was kostet ein Volksschüler den einzelnen deutschen Staaten pro Kopf und Jahr? In Bremen 77 M„ Hamburg 74 M„ Lübeck 69 M., Anhalt 51 M., Sachsen 50 M., Preußen 48 M., Hessen 48 M., Bayern 46 M„ Sachsen-Meiningen 45 M„ Sachsen-Koburg- Gorha 45 M., Braunschweig 44 M., Oldenburg 44 M„ Sachsen-Weimar 43 M., Württemberg 42 M., Schwarz- burg-Sondershausen 42 M., Baden 40 M„ Mecklenburg. Schwerin 40 M., Sachsen -AI tenbnrg 40 M., Elsaß- Lothringen 39 M., Renß jüngere Linie 38 M., Waldeck 35 M., Meckleuburg-Strelitz 33 M., Schwarzburg- Rudolstadt 33 M„ Reuß ältere Linie 30 M., Schaumburg- Lippe 28 M., Lippe 25 Dt.
Wieder find es. die drei deutschen Republiken, die freien Städte Hamburg, Lübeck, Bremen, die, ohne eine ministerielle Bevormundung zu kennen, an der Spitze derjenigen deutschen Verwaltungen stehen, die für die höchste Kulturaufgabe eines Staates auch die höchsten Opfer bringen. Nach ber vorstehenden Statistik gibt Bremen 77 M., Hamburg 74 M. und Lübeck 69 M. für jeden Schüler jährlich aus. Wieder sind es die beiden Fürstentümer Lippe, die an letzter Stelle stehen. Welch ein gewaltiger Unterschied, wenn das Fürstentum Lippe nur 25 M. für jeden Schüler pro Jahr aufwender, Bremen.aber mehr als dreimal soviel, nämlich 77 M.!
Das Königreich Sachsen fteljt nach der vorstehenden Statistik an 5. Stelle, Bayern an 8. Stelle, Württembera erst am 14. Stelle. Das Königreich Preußen steht an
Feuilleton.
Berliner Theater-Brief.
Etwas spät in der Saison ' kam noch ein großer Theaterabend. Ein Hauptmann-Abend w«ar cs, und er trug dem Dichter einen der stärksten Erfolge ein. Und seltsam muß es für ihn gewesen sein, die Dichtung, die ihm das brachte, hatte er jahrelang, im Kasten liegen lassen, als einen Entwurf sa«h er st- an, und erst ans besonderes Drängen ließ er sie an die Öffentlichkeit.
Diöft Szenen, die nach ihrer Schicl'salöführerin ,,E l g a" heißen, entwickeln sich auS einer Novelle Grillparzers „D a s Kloster v o n S c n ! b o m i x". Sie stellen farbige und klingende Bühnen«situationen dar. Epische Konturen werden dramatisch erweitert und aus-
Sesüllt.
«Hanptmann fand bei Grillparzer die Geschichte des Grafen Starschenski, der nach einer düsteren, schwer krMlerischen Jugend ein neues Leben durch Frauen liebe erfuhr, und der ans höchstem Gliick in tiefste Tiefen stürzte, als er die Untreue seines Weibes entdeckte.
Das Motiv dieser Novelle ist das Motiv von dem -Rann, der sein ganzes Leben auf ein Gefühl setzt und dadurch beseligt und vernichtet wird.
Dieses Motiv reizt dazu, in dramatischen Bildern dargestellt zu werden, gleichsam in einer Serie starker, ll^fühlsgeladener Momente, die von Gliick und Elend ein vollgerüttelt Maß geben.
«Bet Grillparzer erzählt der Graf, der, nachdem er die fchnMge Gattin getötet, Mönch geworden ist, sein Schicksal zwei spät im Kloster ei »kehren den Fremdlingen.
Hauptmann gewann für seine Bilder dadurch eine ffmrahmung, daß er einen deutschen Ritter in dein unheimlichen Turm gemach des Klosters diese Szenen träumen läßt, gleichsam als ob die Geister des Ortes neu lebendig und sich in den Schlaf des Eindringlings hinein stehlen würden. Und ein guter Einfall war es dabei, in den lWergangs raufen von einem Bilde zum «»«deren
den nächtlichen Hymnus der Mönche ertönen zu lassen,' Wirklichkeit und Traumgesicht verschmelzen dadurch'.
Die Szenen dieser Nacht sind zunächst dem Grill- pavzerschen Stoff getreu nachgebtldet. Sie geben fonnen- bestrahltes Glück, einen seligen Mann, der in die Natur jauchzt und in seinem Weibe und Kinde die leuchtende Welt entdeckt, die ihm früher trüb und verhängt schien. Sie lassen Zukunstsschatten heraufsteigen und auf den Merwut und das llbermaß des Glückes fallen.
Zweifel- und Mißtrauenssituationen folgen. Und auch hier sind die Grillparzerlinien nachgezeichnet. Sowohl in der Szene, als der Gras nachts in das Zimmer Elgas stürmt, aus dem eben ihr Vetter Oginsli entflohen, wie in der Szene am nächsten Morgen, als der Graf, der sich mnUaw zur Ruhe gefawMelt, äu«fs neue durch den Fund des Oginskiporträts ausgerüttelt wird und durch die Ähnlichkeit mit feinem Kinde schreckensvolle Bestätigung des Verdachtes bekommt.
Während sich Hanptmann bis hierher hat leiten lasten, geht er nun seinen eigenen Weg. Bei Grillparzer wird Oginski eingefangen und in dem Turmgemach gefesselt. Der Graf schleppt Elga, sein Weib, dorthin, damit sie das Geständnis ihres Bühlen mit anhöre, und er ersticht sie, nachdem er sie auf eine furchtbare Probe gestellt. Sie soll ihr Kind töt-n, und sie ist bereit dazu.
Statt solcher krassen Motive gewann sich Hauptmann Momente voll innerer Schauer.
Er schuf eine Szene voll Helldunkel, in der &te Furien des Zweifels und des Grauens aus den Ecken stieren.
Es ist hier wirksam, daß der Graf im furchtbaren Widerstreit hin- und hergerissen wird. Er will Gewiß- beit haben und fürchtet sie zugleich. Eine Gier nach Wahrheit peitscht ihn und zugleich schaudert er vor ihr. Solch Zwielicht der Seele liegt über der Szene, da der Graf und Oginski, den er zu Gast geladen, mit Elga am Tisch sitze». Die Atmosphäre ist hier sieberschwül verdichtet' man fühlt, wie die Gedanken der drei sich gleich Raubtieren beschleichen und sich zu so wahnwitziger Erregung steigern — ein Va banque-Sptel ist es —, daß sie schließ
lich aus Trotz und Vernichtunaswvllust die letzten Hüllen adre'ißen. . . Untergangs-, Abgrunidsstimmmng.
Diese Szene gibt das künstlerisch Wertvollste. Sie charakterisiert auch am Vesten die dichterische Ausdrucksart, die hier angewewdet ward. Weniger psochologtsche Analyse herrscht, sondern mehr eine wusKalisch^sarbtge Instrumentation von Schicksalswomentenj die Personen spielen eigentlich nur als Träger, als Repräsentanten der Affekte und Gefühle eine Rolle. Und insofern ist dieser „Entwurf" allerdings weniger Menschendichtnng als eine Sti'mMungsetüde voll Variationen.
Ern neues Theater ist heimlich entstanden und hat sich überraschend aüfgetan, das Königliche Schauspielhaus.
In die alte Schiükelsche Umrahmung ist durch geschickte Veriwandlungskunst ein neuer Jnnenraum geschlüpft, der durch die Farben Weiß, Grün, Gold, durch die graziöse Empire-Bespannung, durch das Matt-Mot- Mahagoni des Gestühls nicht nur den früheren Raum übertrifft, sondern auch die meisten Berliner Theater schlägt. Die Bühnentechnik ist vervollkommnet durch die vom Maschinerie-Direktor Brand eingcführten Seiten- bühnen, in denen die Folge-Dekoration vollständig aüf- gebaut und «nr die Hauptbühne gerollt »«erden kann. Die Schnelligkeit der Verwandlungen durch d«ie«se Methode zeigte sich bei der feierlichen Eröffnung, die durch K l« i st s „Prinzen von Ho m b u r g" eingöweiht wurde.
«Der große Erfolg des „Sommernachtstraum" beherrscht das „«Neue Theater" durchaus. . Nur im „Kleinen Theater" gab es eine neue Leistung Reinhardscher Regie in diesem Monat zu sehen. Freilich war cs dtesw'al allein die Regie un«d die Darstellungs- knnfft, die Qualität hatte, denn das Stück, das gegeben wurde, ist einfach preiszugehen. ,-Sanna" hieß es un«d war von Hermann B ah r.
Anfangs glaubte mau, es wäre eine seingestrichelte Sttlstüdie im Biedermeierkostü'm, die ähnlich wie des' Verfassers „Krampus" sich ein artistisches Vergnügen am
