Wiesbadener TsgblÄ.
ST. Jahrgang. Verlaq: Langaasis 27 ««zeigen-PreiSr
ST. Jahrgang Erscheint in zwei Ausgaben. — Bczugs-PreiS: durch den Verlag S» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. S» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgafse 27
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Uo. 16 t.
Verlags-Fernsprecher N». 2883.
Mittwoch, den 6. April.
RedaktiensHervsprecher No. 52.
1805 .
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Ale Arbkitszei! der FadlMrdeiierliliiei.
Die Berichts der Gew-erbeaufsichtsbeamten, erstattet auf d-ie vom Reichsamt des Innern angestellte Umfrage über die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen, liegen jetzt in einem stattlichen Bande vor. Sie sind im Reichsamt des Innern zusammengestellt und ergeben ein erschöpfendes Bild von den Anschauungen, die in Kreisen der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmerinnen über die Ver- Wrzung Der Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen auf z-eh-n Stunden, über die Verlängerung der Mittagspause von 1 Stunde auf 1% Stunden und über die Festsetzung eines früheren Arbeitsschlusses am Samstag und an den Vorabenden von Festtagen herrschen. Um die gestellten Fragen zu beantworten, sind die Aufsichtsbeamten -mit Unternehmern, Betriebsleitern, Arbeiten! und Arbeiterinnen in Verbindung getreten und Haben mit wenigen Ausnahmen auch ausreicheude Unterstützung gefunden. Sie Umfrage fand statt am 1. Oktober 1902. Beschäftigte Arbeiterinnen waren am 1. Oktober 1902 rat Deutschen Reiche 813 560, unter denen allein 42,9% in der Textilindustrie. Es hatten eine Arbeitszeit von 9 Stunden oder weniger 6768 Betriebe mit 86191 Arbeiterinnen; von 9—10 Stunden: 18 267 Betriebe mit 347 814 Arbeiterinnen, also von 10 Stunden oder weniger: 25 036 Betriebe (64,7%) mit 434 005 Arbeiterinnen (53,3%), mehr als 10 Stunden hatten 14 035 Betriebe (36,3%) Mit 379 555 Arbeiterinnen (46,7%), von letzteren entfallen auf -die Tertil-Jnduftrie 246 765 (65%). — Sic Verkürzung der Arbeitszeit wurde nach folgenden Gesichtspunkten untersucht: ob sie aus gesundheitlichen und sittlichen Rücksichten im Interesse der Arbeiterschaft erwünschtsei, ob sie im Hinblick auf die wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeber und der Arbeiterschaft durchführbar sei, ob eine beträchtliche Verringerung der Betriebsleistung und eine wesentliche Minderung des Unternehmergewinnes oder des Lohneinkommens, ob die Entlassung von Arbeiterinnen zu befürchten sei und ob Überarbeit die Folge sein werde.
Daraufhin wird die Herabsetzung der Arbeitszeit aus 10 Stunden grundsätzlich- (wenn auch mit vielen Einschränkungen) befürwortet: von 84 Gutachten sprechen sich 66 für, 18 gegen die fragliche Maßregel aus.
Die erstatteten Gutachten fassen vornehmlich die Frage ins Auge, ob eine gleichmäßige, alle Betriebe mit Arbeiterinnen umfassende Regelung der Mittagspause im Interesse der Arbeiterschaft erwünscht sei. Auf Grund dieser Beobachtungen kommen die Gutachten rn ihrer überwiegenden Mehrheit zu einem gegen die allgemeine Verlängerung der Mittagspause der Fabrikarbeiterinnen gerichteten Ergebnis; nur etwa % derselben (17) äußern sich in zustimmendein Sinne. Da
gegen wird die Frage der Durchführung einer Mittagspause bis zu IsXj Stunden selten bestritten. Gewichtige wirtschaftliche Bedenken stehen nach den Gutachten der Durchführung nicht entgegen, und eine Verlängerung der Pause würde nicht zu einer Verkürzung der täglichen Be- schästigungsdauer fuhren. Etwa % der Gutachten erklären aber die Einführung der verlängerten Mittagspause geradezu für unzweckmäßig, wobei im besonderen auch auf die örtlichen Verhältnisse nnd deren Verschieden-- heit hingewiesen wird, die für die Frage obwalten, ob die Versorgung der eigenen Häuslichkeit durch die verheirateten-Arbeiterinnen bei einer Verlängerung der Mittagspause einen erheblichen Gewinn ausmache. Die ablehnenden Stimmen befürworten einzelne Vorschläge, so die Berücksichtigung von Wünschen der Arbeiterinnen in einzelnen Betrieben und dergleichen.
Die Zahl der Betriebe, die ihrx Arbeiterinnen an Samstagen und an den Vorabenden der Festtage vor der gesetzlich borgeschriebenen Zeit, also von 5% Uhr nachmittags entlassen, ist eine geringe. Die Nachweisung darüber erstreckt sich nur aus 34 Bezirke mit 19 727 Fabriken und 426 166 Arbeiterinnen, d. h. auf 51% aller gezählten Fabriken und 52,3% sämtlicher Arbeiterinnen. Nur in 3648 Betrieben mit 112 240 Arbeiterinnen wurden diese vor 5sch Uhr entlassen.- Indessen werden nach den Berichten an den Tagen vor den. hoben Festen (Ostern, Pfingsten,. Weihnachten) doch in einer erheblich größeren Zahl von Fabriken die Arbeiterinnen in größerer Zahl früher entlassen. Die betreffenden Fabriken ver- teilen sich auf die verschiedensten GdWrbearten. Ein Teil dieser Fabriken gleicht den Ausfall, wieder cnrs, besonders durch Fortfall der Nachustttagspause an den betreffenden Tagen.
Die frühere Festsetzung des Arbeitsschlusses an den gedachten Tagen wird von etwa % der Berichterstatter befürwortet. % äußern sich ist ablehnendem Sinne,' teils weil sie das Bedürfnis verneinen, teils weil sie die Intef- essen der Unternehmer durch die Maßnahme erheblich geschädigt erachten. Ein Bedürfnis wird höchstens nur für die, durch häusliche Pflichten in Anspruch genommenen Arbeiterinnen anerkannt. Auch die befürwortenden Urteile tragen zum Teil dem, Bedenken Rechnung, daß die Rrbeitsleistlnig der Betriebe beeinträchtigt werden würde. Dos gilt besonders für solche Betriebe, in denen gerade an den Tagen vor den Festen eine erhöhte Arbeitsleistung nötig erscheint. Es würde daher ein Lohnausfall sich schwerlich vermeiden lassen. Eine Entlassung von Arbeiterinnen wild nicht befürchtet, dagegen eiste Vermehrung der Sormtagsarbeit nicht für ausgeschlossen erachtet. Die Unternehmer widersprechen daher der Maßregel eindringlich: die Stellung der Arbeiterinnen und Arbeiter 'ist eine geteilte.
Grundsätzlich sprechen sich für die Maßregel 31 Berichte aus, die indessen meist nur geringe Abänderungen der bestehenden Verhältnisse Vorschlägen. Die vollständige Freigabe aller Samstag- und Dorfesttags-Nachmittage wird übereinstimmend abgelehnt. 15 Berichte empfehlen.
um 5 Uhr zu schließen, 9 Berichte um 4p-> Uhr, 6 um 4 Uhr, 1 (Dresden) um 3 Uhr. Gegen jede Änderung des bestehenden Zustandes sind 87 Gutachten.
In Preußen, Sachsen, Braunschweig und Sachsen- Meiningen sind auch die Bergbehörden mit entsprechenden Ermittelungen beauftragt. Es wurden dort 9418 er. Wachsens Arbeiterinneu in 338 Betrieben ermittelt. Die zehnstündige Arbeitszeit ist hier im wesentlichen durch- geführt. Dagegen ging die Dauer der Mittagspause selten über das gesetzliche Maß hinaus; nur ,138 Arbeiterinnen (1,4%) hatten eine solche von 1—2 tokmöert. Eine Verlängerung derselben wird fast allgemein für unzweck- mäßig und undurchführbar erachtet. -Ebenso wird nach der fast übereinstimmenden Meinung der Gutachter die Festsetzung eines wesentlich früheren Arbeitsschlusses am Samstag und Vorfesttagen den Betrieb.sverwaltuugeu mancherlei Schwierigkeiten bereiten. 8. 8.
Me MentzWjlelltt md der KegmuMbeM MMM.
Durch G-esctz vom 18. Juli 19001(t in Preußen bekanntlich die sogenannte Wareuhausstener eingeführt worden, bas ist eine Sonderbesteuerung derjenigen geschäftlichen Betriebe, welche den Detailhandel mit mehr als einer Her im Gesetze unterschiedenen vier Warengruppen betreiben und dabei einen Jahresumsatz von mehr als 400 000 Mk. erzielen. Die Warenhaussteuer wird vom -Staate veranlagt, fließt aber den Gemeinden ztl, soll jädoch für dieselben keineswegs eine neue Einlommens- auelle sein, sondern von ihnen vorzugsweise im Interesse der kleineren Gewerbetreibenden, d. h. zur Erleichterung der Gewtzrbesteuerpfl'ichtigen der GÄveroe-steuerklaffen :> und 4 verwandt werden. Das Warenhaussteuergesetz tift bis heute ein Gegenstand lebhaftester Erörterungen gewesen, und Mar namentlich natürlich innerhalb der betroffenen Geschäftswelt. Mit Sicherheit ist denn auw vorauszufehen, Hatz- auf diesem Gebiete nicht alles so bleiben wird, wie es jetzt ist. Da ist es zweifelsohne nicht ohne Wert und Interesse, an dieser Stell« einen Blick in die betreffenden Verhältnisse in unserem Regierungsbezirk Wiesbaden zu werfen.
In den drei Jahren 1901 bis 1903, deren bezügliche Ergebnisse von der Staatsstatistil untersucht und vor kurzem bekannt gegeben wwrden sind, hatten wir in unserem Bezirke nachfolgende Ziffern an vorhandenen W'arenhäüsern, bezw. nachfolgende Beträge an Steuex- ioll aus denselben zu verzeichnen, und zwar:
1801 8 Warenhäuser mit-121 000 M. Steuer,
1902 5 „ „ 97 005 „ „
1903 5 „ „ 94941 „ „
Dem allgemeinen Rückgänge auf diesem Gebiete, der sich am deutlichsten in dem Herabgehen der Anzahl der Warenhäuser des Gesamtstaats von 109 auf 78 und ihres Warenhaussteuersvlls von 8 073 905 auf 1 933 250 M. ausspricht, hat sich mithin auch unser Regierungsbezirk Wiesbaden angeschloffen. Dieser allgemeine Rückgang
IfcittUeiim«
(Nachdruck verbalen.)
Rückblicke.
(Für das „Wiesbadener T a g L l a t i".) Bon Julius Rvscuthal.
Schillerfeier, Schillerfeier,
Rings ertönt die Festesleier.
Hier vernehmlicher, dort stiller Rust und singt und klingt es: „Schiller".
Die, Hie lernen, die, Hie lehren,
Alles «will den Großen ehren,
Durch die Lande schallt es brausend,
Auch die „oberen Zehntausend",
Denen knhl'r-e Denkart eigen,
Fügen ein sich in den Reigen.
Die selbst, die recht freiheitsfeindlich, Schillern plötzlich schillerfreundlich.
Wenn sich so ein Dichtergeist Ein Jahrhundert mir entreißt Dem so kleinen ird-scheu Weben,
Dann — dann kann er was erleben!
Manch' brillante Matinee,
Manches festliche Diner Hochgestellter Herr'n und Damen Borgt sich Friedrich Schillers Namen,
Ilm durch dieses Namens Walten Klassischer sich zu gestalten.
Biel auch spricht an allen Enden Man von Schiller-Monumenten lind die Leiter großer Bühnen Geben mit entzückten Mienen In modernem Neuzeit-Rahmen Echte alte Schiller-Dramen.
Manch Jahrzehnt — ach — ist verronnen, Bis die Herr'n sich d'ranf besonnen,
Daß der viel zitierte Schwabe Nicht ganz frei von etwas Gabe,
Daß er „etliches" geschrieben,
Dessen Wert bis heut' geblieben,
Daß er's somit wohl verdiene,
Wenn die hohe deutsche Bühne Oster sich auf ihn besinne,
Sich und allen zum Gewinne.
Ein'ge tieftiefschwarzen Leute Stehen schmollend zwar beiseite,
Ein'ge Lehrer höh'rer Töchter Finden dies und jenes schlechter,
Als sie selbst (wenn sie nicht irrten)
Es geschrieben haben würden.
11 "d so seh'n wir diese Kleinen L t am Werk, den großen, reinen Dichterfürsten zu ver—„bessern".
Ja, sie pantschen und verwässern,
Bis der edle Wein — wie schade —
Schale, fade Limonade.
Leider urehrt sich dies Gelichter Blöder, öder S-Plitterrichter,
Ihr Verbessern ist Vernichtung Am lebend'gen Geist der Dichtung Und gar mancher Schuldirektor Waltet so als Bivisektor.
Daß die Zeit des Mainmvnismus Und des krassen Egoismus,
Die das Ideale leugnet,
Ganz besonders ungeeignet Zu 'ner hehren Schillerfeier,
Merkt man allerorten Heuer.
Mög's die Wenigen nicht stören,
Die den Göttlichen verehren IN Beschaulichkeit und Ruhe Ohne äußeres Oietue. —
S i ch in Schillers Geist versenken I st das würdigste Ge de n k e n,
Diese Huldigung ist -di-e wahre,
Sie bedarf nicht der Fanfare.
Sticht des -Aufwands, des erhöhten.
Nicht der Pauken und Trompeten,
Nicht des großen Festgelages Und nicht des Kalendertages.
Wer in dieses Dichters Wesen Liebend sich -hineingelesen,
Der gelobt sich stets erneut:
Hie gut Schiller allezeit!
-Eine Freud' ist uns beschieden,
Wir begeh'n den Tag in Frieden.
Des geeinten Deutschlands Stärke Schafft -und schirmet Fri-edenswerbe.
Stark bewehrt und stark begehrt,
Biel verleumdet, viel geehrt,
Seinen Freunden wohl vertrauend, Dennoch immer um sich schauend,
Ist das mächt'ge Deutsche Reich Wächter und bewacht zugleich.
Möcht's d'rum auch im inn'ren Leben Aller Welt ein Vorbild geben,
Nicht so furchtbar viel regieren,
Freien Geist mehr tolerieren,
-Gegners Meinung respektieren
Und den Hang -zum Zwang verlieren,
Ferner nicht sich selbst gefährden
Und nicht immer — schwärzer werden,
Denn ein Blick aus Fameck lehrt,
Daß sich schwarz nicht gut -bewährt,
Es gemahnt an Gruft und Grab,
Ist sehr -düster und — färbt ab.
Obendrein beim Lenzbeginn Stört es uns den frohen Sinn.
Mehr Verständnis nnd Fnt'resse Für das Wesen unsrer Presse,
Für ihr Raten und ihr Taten Könnt' dem Deutschen -Reich nicht schaden.
