Einzelbild herunterladen
 

SS, Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S® Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. sw Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

31,000 Abonnenten.

Arrzeigerr-Preisr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige- IS Pfg.. für auswärtige Aifzeigen 25 Pfa. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg.. für auswärts 1 Mk.

Anieigerr - Annahme I 2 V" mittags für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst.

—._ J n ^ en ^u.gabe, wie für bte Anzergrn-Aufnahme an bestimmt vorgeichnebenen Tagen wird Leine Gewahr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Do. 158. «erlags-Fernsprecher Ro. 2953 .

—

Montag» den 3. April.

Re-aktions-Fernsprecher No. 52.

1905 .

Kbend-Ausgabe.

_ 1. Matt.

las iitteliccr - M staazSMer Kee!

Ter so harmonisch und glänzend verlaufene Besuch, den der deut s ch e K a i s e r cmf der „Hamburg", be­reitet von dem Kreuzer „Friedrich Karl", der Marokka­nischen Hafenstadt Langer abgestattet hat, ruft die Er­innerung wach an die minder friedliche Visite, die vor einem halben Jahrhundert ein preußisches Kriegsschiff der marokkanischen Küste abgestattet hat. ©et Vorgang, der sich im Jahre 1856 abspielte, ist mit den ersten An­fängen der preußischen Marine verknüpft. Die unter ^dem Befehl des Ptinzen Adalbert stehende Korvette »Danzig" wurde damals bei einer Landung au der Riff- kuste von der räuberischen Bevölkerung mit Flinten- Müssen empfangen und mußte sich mit einem Verlust von neben Toten und achtzehn Verwundeten zurückziehen.

Welch Wandel der Zeiten! Aus den Flintenschüssen find Salutschüsse geworden, mit denen der deutsche Kaiser bei seinem Einlaufen in Tanger begrüßt wurde, und nickst nur die marokkanischen Behörden, sondern auch die eingeborene Bevölkerung und nicht minder die Fremden, abgesehen wohl non den Franzosen, bereiteten dem deut­schen Herrscher nicht nur einen glänzenden und festlichen, sondern auch einen herzlichen Empfang. Und wenn der Besuch des Kaisers in Tanger auch nur wenige Stunden gedauert hat und wenn ihm auch jede Haupt- und Staats­aktion fernlisgt, io ist dieser Abstecher nach Tanger doch durch die beglettenden Umstände und durch die Er­klärungen des Reichskanzlers Grafen Bülow int b e u t s ch e n Reichstage und des Ministers des Äußeren D e l ca s s d im französischen Senat M einem politischen Ereignis geworden, dessen Bedeutung uur eine Vogel-strauß-Politik verkennen kann.

Und gerade wir in Deutschland haben gar keinen An­saß, eine solche Vogel-Strauß-Politik zu treiben. Ist doch die Ehrlichkeit der deutschen M a r o k k o - P o l i t i k über allen Zweifel erhaben, und wir haben in dieser Beziehung, um ein Bismarcksches Wort zu gebrauchen, Reit weniger schmutzige Wäsche zu verbergen als Frank­reich, das sich in der Ralle eines Hechtes im marokkani­schen Karpfenteich gefällt. Als Frankreich vor einem Jahre das Kolonialabkommen mit England abschloß, svorin letzteres ihm in politischer Beziehung freie Hand w Marokko einräumte, glaubte es, über Deutschland und über die deutschen Interessen zur Tagesordnung über­gehen zu können. Und als sich an das. französtsch-eng- usche Abkommen vor einem halben Fahre das französisch­spanische Marokko-Abkommen schloß, da meinten bis französischen Politiker aufs neue, es genüge, Deutschland Lu ignorieren, um mit ihm fertig zu werden.

Durch die Erklärungen, welche der Reichskanzler Wraf Bülow im Reichstage abgegeben hat, und durch den Kaiserbesuch in Tanger, der gleichsam symbolisch an- beutete, daß wir uns den Platz an der marokka- u i s ch e n Son u e nicht nehmen und uns in der Ver­

folgung unserer rein wirtschaftlichen Interessen in Marokko durch französische Eroberungs- und Monopoli­sierungspläne nicht beeinträchtigen lassen wollen, ist man in Frankreich anscheinend eines Besseren belehrt worden. Und die Erklärungen des Herrn Deleass6 im französi­schen Senat zeigen eine gewisse Erkenntnis, die hoffenl- lich der erste Schritt zur Besserung ist. Es darf danach wohl erwartet werden, baß_ die französische Regierung nicht zögern wirb, der Ankündigung, baß sie die wirt­schaftlichen Interessen der anderen Mächte in Marokko nicht verletzen wolle, hinreichende und bindende Zusiche­rungen folgen lassen werbe. Anderenfalls wird man sich in Frankreich an die deutscherseits vertretene Auffassung gewöhnen! müssen, Laß der Weg von Berlin nach Fez nicht über Paris führt.

Es mag den Franzosen peinlich sein, baß sie aus ihrem Marokko-Rausch so unsanft anfgestört wurden. Die französischen Chauvinisten träumen gern von einem großen afrikanischen Frankreich, welches sich von der Küste des Mittelmeers bis zum Kongo im Süden und im Westen zu dem Atlantischen Ozean erstrecken soll, und von der Verwirklichung des alten französischen Schlagwortes: „das Mittelmeer — ein französischer S e e." Aber dieser Traum und diese Parole ist in der rauhen Wirklichkeit nun einmal nicht in die Tat umgu- setzen. Ist man -doch sogar in E n g l a n d, dessen Mittel- meer-Stellnng durch ein völlig unter französischem Ein­fluß stehendes Marokko erheblich geschwächt werden würde, im Grunde des Herzens durchaus, mit den Be­strebungen einverstanden, die Unabhängigkeit Marokkos so weit als möglich zu erhalten. Das gleiche Interesse aber hat Italien, dessen Position in Biserta ohnehin durch das französische Korsika bedroht wird, und- endlich haben auch Spanien und Ö st e r reich-Ungarn als Mittelmeermächte alle Ursache, dem bei Marokko ein­setzenden französischen Plan, das Mittelmeer zu einen, französischen See zu degradieren, schon in den Anfängen entgegenzntreten.

Die Behauptung, daß Deutschland in diesem Punkte isoliert dastehe, ist somit durchaus unzutreffend. Das weiß man auch in Frankreich, und schon deshalb hat -man dort keinerlei Neigung zu einer Konfliktspolitik. Wie wenig Anlaß zur Besorgnis nach dieser Richtung hin vorhanden ist, geht schon daraus hervor, daß, wie der „Reichsanzeiger" meldet, der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes, Freiherr v. R i ch t h o s e n, in Urlaub gegangen ist. Das zeigt am deutlichsten, daß man seitens der deutschen Regierung zurzeit nicht mit der Möglichkeit politischer Verwickelungen rechnet.

Die Reise des Kaisers.

hü. Tanger, 1. April. Der genauere Inhalt der kaiserlichen Ansprache an die Vertreter der deutschen Kolonie läßt sich wie folgt mitteilen. Der Kaiser führte aus, er freue sich, die Pioniere Deutschlands in Marokko kennen zu lernen und ihnen sagen zu können, daß sie ihre Pflicht getan hätten. Sie sollten einig bleiben und in der Pflichterfüllung fortfahren unter dem Schutze des Kaisers.

Deutschland habe große Handelsinteressen in Marokko und sein Handel nehme einen erfreulichen Aufschwung. Er, der Kaiser, werde es sich angelegen sein lassen, diesen Handel zu fördern, was nur unter der Gleichberechtigung aller Mächte und unter der Souveränität des Sultans und der Unabhängigkeit des Landes möglich sei. Die Rede machte einen gewaltigen Eindruck und ries unge­heure Befriedigung hervor bei den fremden Kolonien. Auch bei den Eingeborenen gab sich, sobald die Kaiser­worte bekannt wurden, großer Jubel kund. Sie sprechen nur von dem energischen Kaiser, den sie als Beschützer der Unabhängigkeit Marokkos preisen. (L.-A.)

hd. Paris, 1. April. Aus Tanger wird folgen­der Zwischenfall, der sich nach der Landung des Kaisers ereignete, gemeldet. Eine junge Frau irr Trauerkleidung mit einem Blumenstrauß in den französischen Farben und einem langen schwarzen Seidenband daran drängte sich vor und warf mit weitausholender Geste den Strauß in der Richtung des Kaisers. Der Strauß fiel dem Schimmel auf den Kops. Das Pferd bäumte sich aus und zeigte Lust durchzugehen, konnte jedoch schnell ge­bändigt werden.

M. Tanger, 1. April. Der deutsche Geschäftsträger v. Kühlmann begleitete den Kaiser nach Gibraltar. Diesem Umstande wird hier große politische Bedeutung beigelegt. Es verlautet. Geheimer Legationsrat Rosen sei zum Nachfolger des Freiherrn v. Menzingen, des bis­herigen Gesandten am Hofe des Sultans, ausersehen.

tut. Madrid, 3. April. Der deutsche Kaiser wird heute morgen in Mahon, Insel Minorka, erwartet. Der Bürgermeister forderte die Einwohnerschaft aus, den mächtigen Herrscher des befreundeten Reiches festlich zu empfangen. Ter deutsche Konsul will dem Kaiser einen Ausflug in das Innere Vorschlägen. (Bl T.)

tut. Paris, 3. April. Wie aus M a i I a n d berichtet wird, findet die Zusammenkunft des deutschen Kaisers mit dem König Viktor Emanuel in Neapel am 5. April statt. Wie es heißt, wird diese Zusammenkunft von großer politischer Bedeutung sein.

hd. London, 3. April. Wie aus Rom berichtet wird, erwartet der in Neapel eingetrossene amerikanische Staatssekretär Hay dort den deutschen Kaiser. Ter Staatssekretär weigert sich entschieden, irgend welche Einzelheiten über den Charakter seiner Mission mitzu- teilen.

hd. London, 3. April. Die „Times" meldet aus Paris, es _ sei von großer Wichtigkeit, festzustellen, daß bis jetzt keine emsige Macht Deutschland in seiner neuen Marokko-Politik unterstütze. Die Demonstration vor Tanger habe den Entschluß der spanischen Regierung, das Abkommen, welches sie mit der französischen Regie­rung über Marokko getroffen, zu respektieren, in nichts geändert, da dieses Abkommen die spanischen Interessen genügend garantiere. Auch Italien zeige keine Neigung, sich auf die Seite seines Bundesgenossen in dieser Ange­legenheit zu stellen. Was Österreich anbetreffe, so sei auch dieses bisher nicht /geneigt, den deutschen Stand­punkt rn dieser Frage zu unterstützen.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(6. Fortsetzung.)

VIII.

Katarina wußte, daß Henrich heute nach dem Mittag­men mit seinen Eltern reden wollte. Er hatte immer noch ^amit gezögert, den schlimmen Ausgang voraussehend. Aber sie trieb ihn selber zu der Aussprache an, denn es sag in ihrem Charakter, in allen Dingen Klarheit zu ver­engen und jeder unangenehmen Sache herrisch ins Ge­sicht zu schauen. Aber ram war sie doch ungeduldig und spähte am Hoftor nach ihrem Bräutigam aus. Endlich ern er. An seinem Gruße merkte sie sogleich, wie die Dinge standen.

„Der hartköpüge Bur will also nich?" fragte sie scharf.

„Ich Hab' mein Möglichstes getan. Weiß Gott, das Hab' ich, Trina, das kannst du mir glauben. Himmel sakra! Aus der Haut hätt' ich fliegen mögen. Mer ich Hab' meine Ruh' bewahrt, wahrhaftig, das Hab ich. um 'kie Sache nich für alle Zeit zu verderben. Haeh! Sauer Lenug ist's mir geworden, verdammt sauer. Ärger' dich Ran nich, mien Dearn."

. Sie schürzte hochmütig die Lippen. „Du sagst nur I Q nix Neues, Henrich. Wir wußten doch, daß es so "Primen würd' und waren uns einig, daß uns das „Nein" hrcht weiter kümmern sollt' in unserer Sache", entgeg­nte sie. „Aber der Bruder, na, der wird 'neu schönen Don reden, dem war ja die Freierer gleich nich recht wegen dieser Sachen. Rrüggemanns Hof hat gewiß noch nie­mals nich 'neu Korb gekriegt und nur meist selber Körbe ausgeteilt. Na, komm nur man mit, wir müssen's dem Bruder doch sagen "

Briiggemann suchte sich zu beherrschen. Er mochte nicht zeigen, wie tief sein Stolz gekränkt war. Die Hände auf dem Rücken, ging er mit langen Schritten ein Paar Mal irr der Stube auf nrrd nieder. Dann aber konnte er nicht mehr an sich halten. Er stieß einen furchtbaren Fluch aus, schleuderte mit einem Fußtritt einen Stuhl, der ihm gerade im Wege stand, krachend gegen die Wand und stellte sich funkelnden Blicks vor den Bräutigam seiner Schwester. „Das hat man nun davon, daß ich nich gleich gesagt Hab', was mir nah genug war, ja, daß ich nich gleich gesagt Hab': 'ne Brüggemanns Tochter steht zu hoch für einen vom Haidhof, für einen, der einem andern Gefälle steuern muß und nicht frei schalten und walten kann."

„Nu aber laß dich man bloß rrich auslachen, Dirk", entgegnete Henrich gekränkt. „Bei unserm Hof ist mehr freies Land, das keinem unterständig ist, als dein ganzer Hof groß ist. Nu aber laß dich man bloß nich auslachen! Wenn's mir 'ne Ehre ist, daß du mir deine Schwester zu­gesprochen hast, so vraucks: du dich auch nich zu schämen, daß du mit unserm Hof verschwägert wirst. Tat merk dir man, oller Junge!"

„Ha. was sie die Mäuler schütteln werden : 'ne Briigge- mannsche war' denen vom Haidhof nich gut genug. Das ist ja zum doll werden!" Wieder lies der Bauer, die Fäuste geballt, in der' Stube umher.

„Wenn dein Bruder so ist, und anders nix zu sagen weiß, dann blieb mir ja wohl nix übrig als dir dein Wort zurück zu geben, Trina", sagte Henrich mit heiserer Stimme.

„Nun aber fasse dich mal 'n bißchen was. Junge!" antwortete dasMädchen mit künstlicher Rühe, obgleich auch in ihr das Blut wi!d schäumte. „Wir beide sind ja noch auf'n Posten, Henrich, und der Bauer wird sich wohl schon noch zurechte.finden."

Briiggemann hielt inne in seiner Wanderung, blickte seiner Schwester groß in die Augen, griff dann einen der schweren Eichenstühle und stieß ihn gegen den Boden, „Na, wenn du das meinst. Dearn, dann sollst du recht be­halten, Na, dann fett' Ink man eir Bittken dal."

Sein Zorn war niedergerungen, war verflogen. „Schön is die Sache ja nich", meinte er, „aber hunds­mäßig schlecht war sie erst, wenn wir dem Schulten und seiner Eheliebsten den Gefallen täten und sagten: „Na denn, dann ist das nichts mit her Freierei." Nee, so billig soll dein Oller doch nich zu seinem Willen kommen, nn erst reckst nich. Was meinste, Henrich!"

„Ich Hab' von Anfang an nichts anders gemeint", brummte der junge Bauer. „Was der Henrich will, das will er, und einstweilen will er mal gar nix anders, als die wohlehrsame Jungfrau Katarina Brüggemann. Wie meinst du, Trina?"

„Ich mein', ich hätte' meinen versprochenen Bräuti­gam, den wohlehrsamen Junggesellen und Landwirt Johann Henrich Schultc-Haidhos auch nich so leicht frei­gegeben, ob nun der alte Schulte, oder mein sakrament­scher Herr Bruder, sich auch der Sache widersetzt hätten."

„Na, dam: wären wir also vorläufig mal wieder einig, wir drei. Dann können wir daraus ja mal ein Köppken Koffie trinken und ein Stückchen Kuchen essen", meinte der Bauer nun gemütlicher. Und während Trina hinausging, das Erforderliche zu besorgen und er seinem künftigen Schwager den Tabakskasten und die Pfeifen zu- schob, wie auch Feuerstahl, Stein und Schwamm, sagte er: „Tu bist ’n Hitzkopf, Henrich. Ich glaub', dn'könnst noch mal so werden wie dein Oller, wild wie ein Stier und hartköpfig wie ein Pferd. Da sich nun mal mich an. Im ersten Augenblick, da macht ich- auch vor lauter Fuchtigkeit alles kurz und klein schlagen, aber nachher, dann kommt dann gleich die Ruhe und die Klugheit. Und so iit't nun

t