sa. Jahrgang.
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157 . BerlagS-Fcrnfprecher Ro. 2953.
Morgen - Kusgabe.
1. Wlcrtt.
Politische Wochenschau.
Die verflossene Woche gehörte in erster Reihe denen, die, wie der Dichter sagt, „tief unter der Erd' des Weltalls Schätze zutage fördern." Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich die ersten beiden Tage der Woche mit dem Gesetzentwurf, der die A r - bei tsv erb ä Itn is je im B er gb au neu regeln, und zwar bessern will, und den dritten Tag mit dem zweiten Berggesetzentwurf beschäftigt, welcher der neuerdings betriebenen Stillegung der Zechen einen Damm entgegensetzen will. Ter Reichskanzler uird Ministerpräsident Graf Bülow nahm sich in-wiederholten, sehr bemerkenswerten Reden des. sowohl ans den konservativen Parteien wie aus den Reihen der National- liberalen lebhaft befehdeten Bergarbeitergesetzes an. Und aus dem Unmand, daß keine Partei grundsätzlich ihre Mitarbeit ablehnte und beide Vorlagen einstimmig an eine Kommission verwiesen wurden, schließt man, daß die Aussichten dieses gesetzgeberischen Vorgehens keineswegs so ungünstig sind, wie es nach den' Debatten im Abgeordnetenhause an sich den Anschein hatte.
Auch der preußische Bergarbeiterkon- g r e ß, der in dieser Woche in Berlin getagt hat, gab seiner Unzufriedenheit mit dem Gesetzentwurf der Regierung Ausdruck, aber aus den entgegengesetzten Gründen, Ten Bergarbeitern gehen, wie das von vornherein nicht zweifelhaft war, die von der Regierung vorgeschlagenen Reformen nicht wert genug. Freilich spielte bei den Debatten auf diesem Kongreß die Taktik eine entscheidende Rolle. Tenn einmal glauben wohl die Bergarbeiter, daß, je. mehr man fordert, desto mehr bewilligt wird. Und zweitens steht die Zufriedenheit nicht auf dem Programm der Sozialdemokratie, die ja beflissen ist, die Bergarbeiterbewegung nach Kräften zu ihrer: Gunsten auszunutzen.
Endlich hat sich auch das preußische H e r r e n - h a u s mit den Berggesetzentwürfen beschäftigt, aber nur insofern, als es seiner Unzufriedenheit und seiner Entrüstung darüber Ausdruck gab, daß die preußische Regierung auch diese Vorlagen, wie die meisten, zuerst an das Abgeordnetenhaus und dann erst an das hohe Herrenhaus gelangen ließ. Die große Öffentlichkeit hat dieser Konkurrenzstreit weniger interessiert als die bemerkenswerten Ausführungen, die der Eisenbahnmimster Budde im Herrenhause über den sensationellen Gör -
Feuilleton.
5lu§ meiner Mappe.
(Für das „Wiesbadener T ag b la t i".)
Von Walther Schulte vom Vrühl.
XLII.
Si«rrr.
Ich hatte eben in Helen Kellers wunderbarem Buchö: „Die Geschichte meines Lebens" den Abschnitt gelesen, in dem sich dieses blinde, taube und stumme Wesen über die Hand und scher den Tastsinn ausspricht, den einzigen Sinn fast, durch den sie mit der Außenwelt in Verbindung steht und der ihr, so unglaublich es klingt, die Kenntnis des Lebens, der Schönheit und eine tiefe Gelehrsamkeit vermittelte. Noch ganz erschüttert von ihren tiefen Gedanken, trat ich in Gesellschaft meines Pinscherhündchen?' meinen Nachmittags-Spaziergang art. Es war ein schöner, scheidender Wintertag. Ein roter Glutball sank die Sonne am Horizont in ein Bett von rosigem und goldleuchtendem Gewölk, und das schimmerte und strahlte durch den Wald, durch- das kahle Geäst der Buchen und das warme, dunkle Grün der Fichten. Ach der Armen, die solche Herrlichkeit nie erschauen und voll nach- empfinden konnte, deren Auge nie zu schwelgen vermochte in diesen Farben und feinen Tönen, in diesen vielgestaltigen Formen, im Anblick des Geästs, das sich wie ein reiches, seines Spitzentuch vor dem dunklen Orange des Himmels ausbreitete! Ach der Armen, die nimmer das Rauscher: des Windes im Walde, nie dieStimmen der Vöglein vernehmen konnte! — Ein Ast knackte. Das feine Gehör desHnndes hatte es vernommen. Die Ohren gespitzt, lauschend stand er da, wie aus Erz gegossen, den linken Borderfuß erhoben, alles an ihm Spannung, Kraft, Anmut und Schönheit in dem zierlichen Körper. Und aufs neue empfand ich bei dem Anblick die Gnade/ den ästhetischen Genuß, Farben und Formen schauen und empfinden zu können.
Ich weiß nicht, ob es von Natur so in mir ist, daß ich mich mit der Kreatur innig verwandt fühle, daß ich meine,- sie müsse in höherem.oder niederem, Grade ge-.
Sonntag» den 3. April.
litzer Prozeß gemacht hat. Ter Minister teilte mit, daß zwar noch ein Fall derartiger Unterschleife in den preußischen Eisenbalmwerlstätten zur Sühne gelangen werde, daß aber seiner Überzeugung mach „weitere räudige Schafe' sich in der preußischen staatsbahnver- waltung nicht befinden,"
Auch rar Reich » tag ist in dieser Woche die nun einmal im Vordergründe des Interesses 'stehende Bergarbeiterfrage mehrfach gestreift worden, vor allein von dem Reichskanzler Grafen B ü l o w selbst, der die dritte Etatslesung zu einer Abrechnung-mit dem Mg, Bebel und der sozialdemokratischen Taktik überhaupt benutzte. Auch 'über die Marokko-Hrags äußerte sich der Reichskanzler und er erklärte mit nicht.inihzuverstehender Deutlichkeit an die Adresse Frankreichs: „Wir verlangen Aufrechterhaltung der offenen Tüp daselbst, d. h. der Gleichberechtigung aller Völker."
In F r a n k r e i ch hat sich unterdes die .Aufregung über den dem Besuche des deutschen Kaisers in Portugal folgenden Abstecher nach Tanger etwas gelegt, ; wenn auch ein Teil der französischen Presse, noch immer beflissen ist, teils Alarm gegen Dttttschlaird zu schlagen, teils dem Minister des Äußeren Dplchsssi bittere Borwürfe zu machen. Aber diese ettpas kuüWch.geschürte Erregung wird sich um so schneller legen, da die. Herzen der Franzosen zurzeit noch allzu stark von der russischen Sorge erfüllt sind. Fast noch stärker als in Rußland ist in Frankreich, wo man ja im Unglücklichen Besitz des Löwenanteils der gegen 1.0 Milliarden. Mark 'betragenden russischen Staatsschulden an daß, AMand ist, die Friedenssehnsucht. Deshalb sind, auch die neuerdings wieder eingeleiteten Versuche, diese Sehnsucht in die Tat umzusetzen, in erster Reihe auf die. französische Regierung zurückzuführen. Aber allem.Anschein nach ist Man in R u ß I a n d noch weit davon. entfernt, auf die Erörterung von Bedingungen erazugchen, tpie sie nach Lage der Dinge auf dem Kriegsschauplätze, von. I a p,a n für den Fall eines F r i c d e n s s H l u 's s c s gestellt werden würden und müßten.
So wird denn aller Voraussicht nach das Morden in der Mandschurei seinen Fortgang nehmen. so lange eben Rußland angesichts. der wachsenden Gärung im Innern noch imstande ist, neue Rekruten nach Ostasien zu schicken. Mit den Wirren, in Rußland treten jetzt übrigens auch die Balkanstaaten in unlauteren Wettbewerb, und zwar gesellen sich zu den plündernden und mordenden Makedoniern auch die revolutto-. liierenden Kreter. An diese Wirren hat man sich freilich nachgerade schön ebenso .gewöhn! wie an die chronische Krisis in Ungarn.
nießen, ivie ich, der Falke müsse jauchzen vor Lust, we::n sein Lichtauge die Welt unter.sich gebreitet sähe. Und der Rabe sogar sich freue:: an: Sang der Nachtigall. Und nun kümmerte sich dies dumme Hündevieh dort gar nicht um das, was mir eben solche Freude bereitete! Keinen Blick gönnte er -dem prachtvollen Sonnenuntergang und dem feierlich stehenden Walde. Oftmals schnaubend die Luft ein saugen d , die Nase auf dem. Boden, stürmte er daher in unzähligen Kurven, , oft mit der Leichtigkeit eines Rehs in hohem Sprunge Wer ein Hindernis setzend, oft unter niederem Gezweige hinkriechend, Die Fährte eines Wildes allein kann es nicht sein, der das Tier mit solch- temperamentvollem 'Etter folgt, einem Eifer, der den fortstürmenden Hund ganz überhören läßt, wenn ich ihm pfeife. Hin und wieder bleibt er stchen und schnuppert mit besonderem Behagen an einem Baumstumpf, an einem Stein herum/ tief im Wald, abseits der viel-begangenen Wege. Es wird mir deutlich, daß dieses Geschöpf da in einem hohen Genüsse schwelgt, schwelgt in einer Welt von Gerüchen, die mir verborgen sind. Das modrige Holz eines abgeschlagenen Astes, ein frisches, feuchtes Moospolfter, die Fährte einer Waus, ein verrotteter Knochen, alles das erregt die höchste Aufmerksamkeit seines Geruchssinnes. _ Oft wendet sich das Tier wie im Ekel ab, oft kann es sich nicht genug tun im Beschnuppern, Sein Geruchssinn hat offenbar 'ganz andere Neigungen als der des Menschen, Vor einer Apfelsine, deren Geruch mir sympathisch ist, ergreift er voll Abscheu die Wucht, und der Duft einer Rose ist ihm -auch verhaßt. Er liebt offenbar die Ausdünstung ätherischer Öle nicht. Vielleicht verachtet er uns Menschen danuit, hält uns in seiner. Art. für Geruchs- und Geschmacksbgrbareu, die für Sachen, -die ihm Wohlgeruch oder Delikatesse bedeuten, kein Verständnis haben und die mit so großem Behagen übelduftenden Käse verzehren, den er nicht liebt.
Es ist eine Freude zu sehen, wie dieser Hund seine Nase im Walde spazieren führt, offenbar mit noch größerer Freude, wie ich nach Sonnenuntergang und schönen Landschaftsmotiven schaue, Jedes Geschöpf hat irgend einen Sinn, der seine anderen. Sinne überragt. Selbst ivir Kunstmenschen, -die wir uns einbildsn, daß eine besondere Harmonie zwischen'unseren sinnen bestände, sind mehr oder weniger einseitig veranlagt. Bei
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1905.
Die Meise des Kaisers.
wb. Paris, 1. April. Die Worte des deutschen Kaisers in Tanger, daß er die Interessen des Vaterlandes in diesem freien Lande immer hoch halten werde, werden von den hiesigen Blättern als sehr bedeutungsvoll hervorgehoben und zumeist gleichzeitig mit der gestrigen. Rede Delcasssis im französischen Senat erörtert. Der nationalistische „Figaro" schreibt: Frankreich hat die Freiheit Marokkos nicht verringert. Deshalb kann die Erklärung des deutschen Kaisers auch nicht als ein Tadel auf Frankreich zurückfallen. Die klare bestimmte Darlegung des Ministers Delcassö zeigt, daß nicht der geringste Grund- für ein Mißverständnis vorliegt. Diejenigen, die in Europa Mißverständnisse ausbeuten und im Trüben fischen wollen, werden große Mühe haben, Frankreich ins Unrecht zu setzen. Das nationalistische „Echo de Paris" schreibt: Die wenigen Worte des. deutschen Kaisers sind von einer schneidenden Klarheit und verstärken die jüngsten, vom deutschen Reichskanzler Grafen Bülow im Reichstage abgegebenen Erklärungen. Sie zeiget: die Absicht Deutschlands an, bis auf weiteres in Marokko eine unabhängige Politik zu befolgen. Der gestrige Besuch des Kaisers in. Tanger hat eine außerordentliche Bedeutung. Es wäre kindisch, das zu leugnen, und nicht minder kindisch, wenn man nicht gestehen wollte, daß der gestrige Tag eine für Frankreich wenig angenehme Bedeutung hat. Die radikale „Aurore" schreibt: Auch nach der Rede des Ministers Telcassö dauere die Ungewißheit fort. Wir wissen ebensowenig wie vorher, weiche Politik im Namen Frank- reichs gemacht wird. In demselben Augenblick, wo der Kaiser mit Nachdruck beweist, daß er die Autorität Frankreichs in Marokko nicht anerkennt, weigere sich Minister Delcasssi zu sagen, in welche Politik er Frankreich verwickelt hat. Er weigere sich, vor den Volksvertretern ebenso deutliche Erklärungen abzugeben wie Graf Bülow im deutschen Reichstage. Werden die Republikaner duldcu. daß ein Minister aus eigener Pollkontmeuheit die Zukunft des Landes bloßstellt und den schlimmsten Abenteuern aüssetzen kann, ohne Rechenschaft darüber abzulegep? Ebenso scharf kritisiert die radikale „Lanterne" die Politik des Ministers D-elcassö, der zu glauben scheine, daß der Patriotismus der französischen Diplomatie befehle, Deutschland zu ignorieren. Aber da Deutschland trotz des Herrn Delcassä existiert, müsse man mit ihm rechnen. Delcasssi habe gestern auch nicht ein Wort von der brennenden Frage gesagt. Die französische Diplomatie werde von einem Blinden geleitet, Wohin führt er Frankreich? Der sozialistische Deputierte Jaurös sagt in der „Humanitö": Die Worte
dem einen ist die Ästhetik des Schauens, bei dem -anderen die des Hörens, bei dem dritten -die des Schmeckens besonders ausgebildet und jeder ist glücklich, wenn er seinem Spezialsinn Orgien bereiten kann. Und es ist im Grunde nicht anders, wie bei unseren tierische:: Mitgeschöpfen.
Helen Keller, d>ie Blinde, Taube, Stumme, war darauf angewiesen, ihren Tastsinn bis zur höchst denk- baren Verfeinerung -auszubilden, ihn ästhetisch zu ver- edlen. Ihr Lob dex Hand ist das Hohelied dieses Sinnes, Ich verstehe, daß dieses seltsame, dieses wunderbare, intelligente Mädchen in der ewigen Nacht seines Auges, in dem ewigen Schweigen seines Ohres glücklich zu sein ver- mag. Die tastende Hand gibt ihm -alles, Verständnis und —- Schönheit.
XLIII.
Z»v Wsrrrnrrrg.
Vor zwei Jahrzehnten hatte ich einen Bekannten, einen Nordländer, .namens Peter Dykvad. Er war groß in jeder Art von Leibes-übung und hatte ein gar ergötzlich Spiel -erfunden. Er pflegte nämlich sein Dolchmesser in mehr als Mannshöhe in einen B-aum zu hängen. Dann gab er sich einen Schwupps und schleuderte es mit der Spitze seines Fußes herunter, ein Umstand, der mich immer mit Bewunderung erfüllte.
Leibesübungen sind für einen Mann, der fortgesetzt eine sitzende Lebensweise betreibt, was Gutes. Mel Spaß' habe ich an der persönlichen Ausübung freilich nicht; ich finde die Sache verzweifelt langweilig. Aber im Pflichtgefühl gegen meine werte Körperlichkeit zwinge im mich allmorgendlich z-u den fchwieri-gsten Dingen: ich verdrehe mein Genick -wie ein Wendehals, schleudere Arme und Beine energisch von mir, als wollte ich sie in die Ecke werfen, beuge -meinen Rumpf nach rechts und links, daß ich eine merklich längere Taille bekam und daß mir alle Westen zu kurz wurden, mache die Knie- beuge wie ein Japaner und klatsche mir zum Beschluß so gewaltig die Nierengegend, daß unser Hund ganz rabiat wird. Mit der Zeit habe icf), nun eine gewisse Beweglichkeit in -die Kniekehlen bekommen und kann die Fußspitze so weit gen Himmel werfen, daß ein lieber Freund meinte, wenn es mit.der Schriststellerei nicht
