ss. Jahrgang.
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Mo. 165. 8-rlags.Fernsprecher Sie. 295S. SttMStttg, dkN 1. April. Nedakti-uL-Fernsprecher No. 52. 1905*
Morgen - Kusgabe.
1. Matt.
Zur Dejleverüng Kr GeseffAsten m. d. %
Folgendes Schreiben der weltbekannten Ba-ufirma Boswau nnd Knauer in Berlin an die dortige Handelskammer illustriert die -Angelegenheit auf das beste:
Die in Aussicht genommene Besteuerung der GefeL- fchaften m. b. H. interessiert d>ie weitesten Kreise, und wir betonen mit allem Nachdruck, daß gegen dieses neue Besteuerungsprojekt auf das entschiedenste Widerspruch zu erheben ist.
Die Gründe sind schon mehrfachen Erörterungen unterzogen worden, wir möchten jedoch nicht unterlassen, folgende Gesichtspunkte besonders hervorzuheben, welche, soviel wir wissen, noch nicht die ausreichende Würdigung fanden.
Es ist bekannt. Laß die neue Rechtsform der Gesellschaften m. b. H. in gang ungewöhnlichem Blaße Anklcmg gesunden und eine Verbreitung gewonnen hat, welche die bei Erlaß des Gesetzes gehegten Erwartungen weit übersteigt. Ganz besonders auf dem Gebiete der Industrie hat sich diese neue Rechtsform eingesührt. Ihre große wirtschaftliche Bedeutung liegt darin, Latz es mit ihrer Hülfe möglich gewesen ist, neue Industrien zu erschließen und gewinnbringend zu gestalten, die nicht erschlossen »vor- den wären, wenn nur die Form der Aktiengesellschaft ftir die Heranziehung größerer Betriebskapitalien zur Ler- füguug gestanden hätte.
Die Belastung mit einer neuen Steuer, welche praktisch zur Doppelbesteuerung führen würde, könnte nur den Erfolg haben, daß der Unternehmungsgeist, der sich in dem letzten Jahrzehnt durch die Gründung zahlreicher Gesellschaften m. fr. H. betätigt hat. gelähmt würde, denn es würde für manche mittlere und kleinere Gesellschaft eine Lebensfrage sein, wenn sie gezwungen wäre, neben den Steuern, die ihre Gesellschafter für das ihnen aus der Gesellschaft znfließende Einkommen zahlen müssen, noch selbstständig das durch den Geschäftsbetrieb erzielte Einkommen der Gesellschaft als solches zu besteuern, Wenn dieser Er'olg eintritt, so würde damit gerade die entgegengesetzte Wirkung erzielt werden, daß nämlich die Steuerkraft geschwächt wird und sich damit das Ergebnis der Steuern vermindert.
Zur Begründung dss Steuerprojektcs ist in erster Reihe darauf hingewiesen worden, daß die Aktiengesellschaften schon setzt in derselben Weise besteuert werden. Dian versucht es als eine Ungerechtigkeit zu bezeichnen, die Gesellschaften m. b. H. von einer Steuer frei bleiben zu lassen, die bei einer Aktiengesellschaft erhoben wird. Diese Begründung erscheint gänzlich verfehlt. Zunächst kann die Tatsache, daß bei den Aktiengesellschaften die doppelte Besteuerung des Einkommens stattfindet, über-
KbmUrton.
Der Märchenkömg.
Ein Gedenkblatt zur Feier der hundertsten Wiederkehr deH Geburtstages von Hans Christian Andersen.
1805. — 2. April. — 1905.
Bon Erich Rother.
Wo immer Kinder und Erwachsene sich, an dem Wunderbaren der von den Gesetzen der realen Welt los- gelösten, nach Willkür sreischaltenden Phantasie erfreuen, aus dem das Märchen quillt, steht unter den Namen, die auf diesem Gebiete guten Klang haben, derjenige Andersens an erster Stelle. Seit Zlpulejus in seinen großen satirischen Roman „Der goldene Esel" das reizvolle Märchen von „Amor und Psyche" verflochten, haben sich zahlreiche Schriftsteller aller Nationen mit mehr oder weniger Geschick in dieser Kunstgattung versucht oder dre durch mündliche Tradition im Volke fortlebenden Märchenstoffe und Wandermythen gesammelt. wem Orient, als dem Heimatslande der Kunst des Märchen- erzählens, verdanken wir die unvergleichlich farbenprächtigen, sinnesfro-hen Erzählungen aus „Tausend und eine Nacht". Seit der sammelnden Tätigkeit von Stra- parola und Giambattista Bastle hat fast jedes europäische Volk seine Märchen aufzuzeichnen und vor dem Ver- gessenwerden zu retteil begonnen. Kunstdichter allerersten Ranges, darunter Goethe, Ludwig Tieck, Chamisso, Fouqus, Brentano und andere haben sich freischaffend ans diesem Gebiete betätigt. Keiner von ihnen aber hat sich so tief und dauernd in die Herzen der Kinderwelt durch die Innigkeit seiner Darstellung und seinen warm» empfundenen, unter Tränen lächelnden Humor einzuschmeicheln gewußt als Andersen, dessen, Geburtstag sich am 2. April dieses Jahres zum hundertsten Male fährt.
Auch wenn Andersen nicht der berühmte Märchen-
Haupt nicht als Rechtfertigungsgrund verwendet werden, weil auch die doppelte Besteuerung der Aktiengesellschaften nach allgemeiner Überzeugung schon eine Ungerechtigkeit darstellt. Dieser ungerechte Zustand kann also nicht dazu dienen, eine weitere Ausdehnung auch aus andere Gesellschaften zu begründen.
Es kommt hinzu, daß die Aktiengesellschaft -und die Gesellschaft in. b. H. wesentlich von einander verschieden sind. Bei der Aktiengesellschaft befinden sich die Aktien im Besitze einer unbegrenzten Anzahl von Personen, welche meistenteils den Leitern der Aktiengesellschaft überhaupt nicht bekannt sind. Es fehlt also hier mehr oder weniger vollständig der persönliche Zusammenhang zwischen den Aktienbesitzern und der Leitung der Aktiengesellschaft. Die Gesellschaft in. b. H. stellt einen engeren Zusammenhang her. Nach dem Grundgedanken des Gesetzes ist die Gesellschaft nt, b. H. nur eine offene Handelsgesellschaft mit Beschränkung der Haftung aus die Einlagen der Gesellschafter. Die Veräußerung der Geschäftsanteile ist regelmäßig an die Zustimmung der Gesellschafter gebunden. Ein Handel der Geschäftsanteile an der Börse ist unmöglich gemacht; damit ist den Anteilbesitzern die Möglichkeit genommen, mit ihren Anteilen zu handeln, sie bei Bedarf sofort zu realisieren und einen augenblicklich guten Kursstand cuszunutzen. Es kann damach keinem Zweifel imterliegen, daß die Gesellschafter einer Gesellschaft m. b, H. sich bezüglich der Verwertung ihres Besitzes in einer wesentlich ungünstigeren Lage befinden als die G-esell- schaster einer Aktiengesellschaft.
Vor allen aber ist folgendes zu beachten, was besonders vom Standpunkte der Steuerbehörde aus von Belang ist:
Bei den Gesellschaften nt. b. H. besteht nach- § 40 des Gesetzes die Verpflichtung, alljährlich eine Liste der Gesellschaften mit Angabe -der Siammeinlagen jedes einzelnen Gesellschafters bei dem Handelsregister einzureichen. Die Steuerbehörde ist auf diese Weise in der Lage, genau fest- zustellen, Ivie hoch die Beteiligung jedes einzelnen Gesellschafters ist. Es ist daher unmöglich, daß ein Gesellschafter das Einkommen aus seiner Beteiligung bei einer Gesellschaft m. b. H. der Bestimmung entziehen könnte. Wesentlich anders liegt die Sache Lei den Mtiengesellschaften. Die Steuerbehörde hat keine Mittel, festzu-stellen, in wessen Händen sich die Aktiert befinden und wem das Einkommen aus dem Aktienbesitz zusließt. Die Besteuerung des Aktieitbesitzes ist demnach sehr erschwert. Es -dürste nicht zu weit gegangen sein, wenn behauptet wird, daß Millionen Einkommen aus Aktienbesitz unversteuert bleiben, weil die Besitzer der Aktien ihren Besttz der Steuerbehörde nicht angeben. Die Gesellschaften m.b.H. verdienten vom steuerpolitischen Standpunkte -aus nicht eine Gleichstellung, sondern eine Bevorzugung vor den Aktiengesellschaften.
Aus allen diesen Gründen ist es erforderlrch, daß die Industrie mit größter Entschiedenheit gegen das neue Steuerprojekt Einspruch erhebt. Cs ist bedauerlich, daß
dichter aller Zeiten wäre und uns nur mit seinen Reise- beschreibnngen und Romanen beschenkt hätte, mußte man ihn zu den helleuchtenden Sternen der Weltlrteratnr zählen. Sein Lebenslauf ist obendrein deshalb außerordentlich interessant, weil er alles, was er an Ruhm errungen, dem Geschick unter den widrigsten Verhältnissen abgetrotzt hat, -und deshalb verweilt auch- die Erinnerung der Nachwelt jetzt, wo ein Säku-lnm seit seiner Geburt verflossen ist, gerne einen Augenblick bei der Betrachtung des Lebensganges dieses Dichters, dessen Märchen bei den Erwachsenen den Widerhall längst' verhallter Jugendklänge wachrnfen. . „ ,
-Andersens Vater war ein zunger Schuhmacher zu Odense, der aus Mangel an Mitteln auf den Besuch der Lateinschule verzichten tmd Hans Sachsens prosaisches Gewerbe ergreifen mußte, weil seine Eltern, einstmals wohlhabende' Ländleute, ihr stattliches Anwesen durch eine Kette unverschuldeter Unfälle verloren hatten. Als ih-m von der ihm an Lebensjahren überlegenen Frau der Sohn geboren wurde, soll der etwas exzentrische Mann, um den Säugling zu beruhigen, ihm Holbergs Lustspiele vordeklamiert haben. Der die Taufe vollziehende Geist liche hingegen meinte, der Junge schreie wie eine Katze, eine Bemerkung, die ihm die in ihrer Elterneitelkeit gekränkte Frau nie vergeben hat. Verschiedene Umstande wirkten auf die Phantasie und Charakterbildung des Knaben schon in dessen jungen Jahren eigenartig em. Mit allen 'denjenigen, die das einzige Kind m der Familie sind, teilte auch er das Los, den Spielen der Gleich, alterigen fern, zu einer seinen Lebensjahren wert vorauseilenden Nachdenklichkeit erzogen zu, werden ^n lernen Freistunden sich im Hofe des Oden;er Hospitals heriim- tümmelnd erhitzte er seine Pyantasie an den Oesiatten-.er dort' befindlichen Irren. Tie Märchenerzählungen eunger alter Frauen in der Nachbarschaft trugen ebenfalls nicht wenig dazu bei. seinen kindlichen Kopf mit den Bildern einer Welt ans .Tausend und eine Nacht zu erfüllen Sftii und seiner Eltern Wunsch, eine Mittelschule
nicht schon im W-geordnetenhause gelegentlich der Mit- te-ilung des Finanzministers die Absicht der Regierung auf das energischeste bekämpft wurde.
Bei dieser Gelegenheit zeigt sich von neuem, -daß die Industrie in den Parlamenten nicht ausreichend vertreten ist und deshalb- ihre Interessen nicht mit derselben Energie wahrnimmt, wie andere Bern-fsz-we-ige, insbesondere die Landwirtschaft. Der Grund für diese Erscheinung liegt allerdings darin, daß die Industriellen in -den meisten Fällen durch die große Arbeitslast in ihrem Geschäftsbetriebe zu sehr in " Anspruch genommen sind und sich daher parlamentarischen Arbeiten nicht widmen können.
Wir dürfen wohl als selbstverständlich annehmen, daß die Handelskammer in dem vorliegenden Falle mit Entschiedenheit -die Interessen der Industrie vertreten und gegen das neue Steuerprojekt Einspruch erheben
wird.
Der rMlch-Hrpmülche Krieg.
über einen Besuch der Baltischen Flotte
schreibt dev Korrespondent des „Daily Expreß" aus Durban vom 7. März: Ich bin eben von Madagaskar znrückgekehrt und hatte dort Gelegenheit, die russische Flotte unter Admiral Roschdj-estwensky mehrere Tage lang zu beobachten. Durch einen Lieferanten, der die Flotte mit -Nahrungsmitteln versorgte, gelangte ich- zu. drei verschiedenen Malen an Bord des Flaggschiffes „Kmaz Suwarow^ und konnte -wenigstens sechsmal ferne 'Schlachtschiffe und Kreuzer besuchen. -Admiral Roschdjesr» -rvcnsky -hat -mit der Flotte Wunder vollbracht. Als er Europa verließ, sollen die Schiffe schmutzig -und voll Muscheln, die Mannschaft un-geschult, undiszipliniert nnd rebellisch und -die moralische Haltung hoffnungslos schlecht gewesen sein. Bon diesem- Zustand der Dinge konnte ich nichts be-merken. Obgleich die Schiffe noch nicht genügend ihrer Aufgabe entsprechend anssahen, waren sie -sauber und schmuck- nur ihr Boden -war mehr oder -weniger mit Entenmuscheln bedeckt. Trotz der großen Hitze und der Unwissenheit des russischen Matrosen hat der Admiral einen guten Gesundheitszustand erzielt. Viele Leute waren allerdings an das heiße -Klima nicht gewöhnt -und- litten unter der Hitze, aber Fälle von ansteckenden Krankheiten sind nicht vorgekommen. Die Tiszipltn der Flotte ist vorzüglich, aber sehr streng- für die kleinsten Versehen werden die Leute schwer bestraft. Tag ein, Tag aus wird ständig gedrillt, Geschützfeuer, TorpedonetzWungen, Schießen mit Handfeuerwaffen und Späyerdienste, alles das geht unter dem Auge des wachsamen Admirals vor sich; dieser scheint die Seele der Expedition zu sein. Als die Flotte nach Nofsi Bey Taur, wurde viel getrunken, aber das ist jetzt vorbei. Die Leute müssen zu schwer arbeiten un-d können deshalb nicht Exzessen frönen- nach ihrer Tagesarbeit sind sie so. müde- daß sie nur an Schlaf denken. Ich sprach des öfteren mit den russischen Offizieren an Bord, alle brennen daraus, der japanischen Flotte gegennberzu»
besuchen zu dürfen, ging, aber nicht in Erfüllung: denn sein Vater, der in der Illusion, dadurch Offizier werden zu können, Kriegsdienste genommen ; hatte, seine Hoffnungen aber durch den schnell eintretenden Frieden vereitelt sah, legte sich bald daraus auf das Krankenlager nieder, von dem er nicht mehr ausstand. Der junge Andersen Mußte deshalb mit dem- Unterricht in der Arnienschule vorlieb nehmen und trat nach seiner Konfirmation als Lehrling in eine Tuchfabrik ein, in d-er er es, gekränkt durch die rohen Späße der erwachsenen Arbeiter, nicht lange aushielt. Die mimosenhafte Empfindlichkeit, von der er sich bis zu seinem Lebensende nicht freizumachen verstanden hat, verbitterte ihm d-as Dasein.
Durch -die Erzählungen und den kleinen Bücherschatz einer Predigerswitwe namens Bunkeslod ans das Lesen zahlreicher Theaterstücke hingeführt, schrieb er im Alter von 0 Jahren seine erste Tragödie, in der natürlich fast alle handelnden Personen eines gewaltsamen Todes starben. Sein Lehrer, den er an dessen Geburtstag mit einem kleinen Gedicht zu erfreuen gedachte, dankte ihm für die wohlgemeinte Überraschung mit bitterem Spott und Hohn und so ließen noch -hundert andere kleine Nadelstiche, mit denen , sein überzartes, weiches Gemüt -verwundet wurde, in ihn:- den Gedanken auskeimen, aus d-er philiströs kleinlichen Umgebung nach Kopenhagen zu entfliehen, wo er hoffte, sich selber sein Glück znrecht- zimmern Hu. können.
Nachdem der Widerstand seiner abergläubischen Mutter, die durchaus einen Schneider aus ihm machen wollte, durch eine Kartenprophezeiung, un-d eine Weissagung aus dem Kaffeesatze überwunden war, kam Andersen mit einer Barschaft von 13 Reichsbanktalern am 5. September 1819 nach Kopenhagen, wo bald eine Zeit der bittersten Not für ihn begann, weil es ihm an jeder höheren Bildung fehlte und weil er überhaupt keine klare Vorstellung batte, auf welchem Wege er das Muck erjagen wolle. Ter Direktor des Königlichen Theaters wies ihn hinaus, weil er zu mager sei. Als er beinahe schon den
