Verlag: Langgasse 27
&s. Jahrgang.
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Uo. 163.
Verlags-Fernsprecher No. 2988.
Freitag, den 31. Marz.
Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1906.
Morgen - KuZgabe.
1. Mkcrtt.
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PMeipoiMches zur Schillerfeier.
Das deutsche Volk rüstet sich zu einer unerhört umfangreichen schillerfeier. Wenn man sagt: „Das deutsche Volk", so ist dies dasselbe, wie wenn man sagt: „Tue Politischen Parteien." Denn ob es uns auch nicht immer und bei jeder Gelegenheit bewußt ist, daß wir bestimm-- ten politischen Weltanschauungen angehören. so besteht solche Anschauung jederzeit im Unterbewußtsein unserer gesamten geistigen Existenz, und kein denkender Deutscher kann zu irgend einer öffentlichen Angelegenheit Stellung nehmen, chne daß eine parteipolitische Nuance dabei wesentlich in Betracht kommt. Wie ist es nun mit dieser Schillerfeier? Mit Überraschung nimmt man wahr, daß sich keine Partei ansschließt. Dem großen Ausschuß, der sich in Berlin gebildet hat, gehören neben den, Reichskanzler und den Ministern die Vertreter sämtlicher bürgerlichen Parteien an, konservative Männer, Zentrumsmänner, Freisinnige, Nationalliberale nfw. Einzig die Sozialdemokratie bleibt offiziell draußen, aber.man weiß, daß sie bereit ist, Schiller in ihrer Weise nicht weniger, vielleicht noch mehr und noch lauter zu feiern als das Bürgertum. So könnte es scheinen, als wolle sich Lei der Schillerfeier das seltene ereignen, daß sich das deutsche Volk einträchtig über alle sonst trennenden Klüfte hinweg zu einer idealen Gemeinsamkeit die Hände reichen wird. Wir wollen nicht gar zu zaghaft sein, wir wollen vielmehr mit freudiger Genugtuung sagen, und hoffen, daß dies SÄtene wirklich Ereignis? schon ge- wordcn ist und weiterhin erst recht noch werden wird. Aber daran wird nun einmal nichts zu ändern sein, daß jeder Partei in die Schillerseier immer nur das hinein- legen wird, was ihr selber frommt, was sie als Förderung ihrer moralischen Interessen wird gebrauchen können. Ter Dichter, "öer die Fülle der Welt in sein Lebenswerk eingefpannt hat, bietet schließlich jedem Parteistandvunkt die'Möglichkeit, ihn für sich zu reklamierest. - Daß der entschiedene Liberalismus auf Schiller fußen darf, daß er den verwandten demokratischen Grundzng hundertfältig bei ihm antrifst, braucht nicht erft: im einzelnen nachgewiesen zu werden. Indessen auch die anderen Parteirichtungen werden sich ohne sonderliche Gezwungenheit auf Sänller stützen dürfen. Die Sozialdemokratie kann es, wenn sie sich an die Tragödie vonp Fiesco hält und den eisgrauen Republikaner Verrinn bejubelt, der den Verräter an. der Freiheit ersäuft. Sie kann es, wenn sie sich an Wilhelm Tell hält und mit Schiller äusrust:
Femlletsrr.
Sunt IsWMen Geburtslage Ues hygienischen MschnMers MM-§Mrln.
( 1 . April 1755. — 1. April 1905.)
Won vr. Hans Fröhlich.
Groß ist die Zahl der Gourmands und Tafelschwelger, die mit mehr oder weniger Eleganz zu essen^verstanoen, wn denen aber die meisten den Wert der Speisen nur rach deren Erregung des Gaumenkitzels beurteilten nrw denen, um mit der Bibel zu reden, „ihr Bauch ihr Gott war. Zu diesen gehörte der Franzose Brillat-Savarni nicht. Er war ein wirklicher Gastrvsoph, der die Etz- kunsr von höheren Gesichtspunkten aus betrachtete, der die Feinschmeckerei in ihren Beziehungen zu Gesundheit, Arbeit, Schlaf. Schönheit, Lebensdauer usw. behandelte. Seine langjährigen Studien hierüber hat er mit ebensoviel Humor wie Geist niedevgelegt in dM wahrhaft klassischen Werke „Physiologie des Geschmacks' , Von vornherein betont er darin, , daß die Fernschmeckerei, oiese hohe gesellschaftliche Eigenschaft, für im!mer von der Gefräßigkeit und Unmäßigkeit zu trennen ist, mit der man sie ungerechtfertigter Weise zusammen- geworfen hat. „Nunmehr aber ist es Zeit, daß dieser Irrtum ein Ende nimmt: jetzt kommt man auch schon in seinen Ansichten über diesen Punkt überem, was schon daraus erhellt, daß. jeder nicht Ungern sich einen leisen Anflug von Feinschmeckerei einräumt und sich dessen sogar rühmt; die Beschuldigung aber, er sei der Gefräßigkeit, Völlerei oder Unmäßigkeit ergeben, -mit Recht als eine grobe Beleidigung ansieht. Wer sich den Magen uberladet oder sich berauscht, versteht nichts vom Essen unv Trinken. Die Tiere fressen, der Mensch Ost hber nur der Mensch von Geist versteht zu essen. .Die rwm- schmeckerei ist allen Ausschreitungen feind. ^>>n. moralischer Hinsicht betrachtet, ist sie der stillschweigende Gehorsam gegen die Befehle des Schöpfers, der, da er uns befahl, zu essen, um zu leben, uns durch den Appetit d-a-
„Eine Grenze hat Tyrannenmacht!" Pie Konservativen und die Mittelpärteien werden ans...demselben Wilhelm Tell mit Vergnügen und mit Ergriffenheit Hie Mahnung entnehmen: „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an." Sie werden mit dem Dichter-der Glocke feststellen: „Wo sich die Völker selbst .befreien, da kann die Ordnung Nicht gedeihen." Das Zentrum endlich, vielmehr der Meri- kalismnS, hat bekanntermaßen immer ein Faible für Schiller gehabt, von denn sich vor.Jahrzehnten im ultra- montanen Lager die Legende.verbreitet.hatte, er sei ans dem Totenbette zur katholischen Kirche übergetreten. Diese Wunderlichkeit, von der die heutige Generation kaum etwas weiß, die^gHer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts heftige Streifigkeiten Für und Wider entfesselt hatte, mag sich am letzten Ende darauf stützen, daß Schiller in der Gestalt des Monimer in der „Maria Stuart" und dann in dem „Jungfrau hon Orleans" Untergründe und Hintergründe eines ausgesprochen katholischen Gefühlsinhalts aufgedeckt hat. Er hat es als Dichter getan, dem nichts Menschliches fremd war, aber der eifervolle Klerikalismus chat es sich sticht nehmen lassen wollen, den Menschen Schiller in diesem Falle mii dem Dichter zu identifizieren und ihm kryptokatholische Neigungen znzuschreiben. Nicht unmöglich, daß es sich ynf diese Weife mst erklärt, wenn zum Ausschuß für die Berliner Schillerfeier auch Graf Ballestrem und der Zentrums-Abgeordneke vr. Dorsch gehören. Zum mindesten werden diese beiden/HerreN nicht zu fürchten brauchen, daß ihnen im klerikalen Lager ihre Teilnahme an . der Schillerfeier verdacht werden wird, und man hat denn auch bisher von keiner Seite ein Wort der Mißstimmung darüber aus dem Zentrum vernommen. Tie Deutsch-Evangelische Korrespondenz", das Organ des Evangelischen Bundes, schiebt dem Grafen Ballestrem und dem Mg. Pcrsch die Absicht unter, durch ihre Beteiligung alles ' bewußt Protestantische von der Schillerfeier fern- zuhälten, „den kerndeutschen und gilt protestantischen Dichter zur Verherrlichung der so romantischen katholischen Kirche zu benutzen." Wir möchten annehmen, daß das genannte Blatt nicht über den eigentümlichen, geheimen Kultus unterrichtet ist. Len gewisse Kreise des Katholizismus mit Schiller als vermeimlichom Wiede ihrer Kirche treiben. J-m letzten Effekt mag es ja so sein, daß durch die Teilnahme von hervorragenden Zentvums- mitgliedern „alles bewußt Protestantische" auszuscheiden hat oder doch stark zurückgedrängt werden wird. Aber eine kalt berechnete Absicht, wie sie die „Deutsch-Evangelische Korrespondenz" herausgefunden haben will, können wir nicht erkennen, sondern jede Partei, auch das Zentrum, hat wenigstens nach ihrem, subjektiven Empfinden das Recht, sich auf Schiller ebenso gut wie alle anderen Parteien zu berufen.
Ile Reise des Amlers.
In Erwartung des Kaisers.
Aus Tanger wird uns unter dem 25. März geschrieben:
Heute abend empfing der hiesige Vertreter Deutsch» lands die offizielle Antwort aus die Ankündigung des Besuches des deutschen Kaisers in Tanger, in der Abel- el-Äziz seine lebhafte Befriedigung über das Ereignis zum Ausdruck bringt und bedauert, an den Empfangsfeierlichkeiten nicht persönlich teilnehmen zu können. In der Stadt selbst, die Kaiser Wilhelm im Augenblick, wo Sie diese Zeilen empfangen, bereits betreten haben durfte, wird mittlerweile mit fieberhafter Hast, die sich von den Europäern auch auf die Eingeborenen übertragen zu haben scheint, an den Vorbereitungen zu einem würdigen Empfang gearbeitet. Man weiß hier sehr wohl, wie sehr der deutsche Kaiser für dekorative Wirkungen eingenommen ist, und hat 'deshalb auf eine prächtige Ausschmückung der Straßen, bei der nach- dem ausdrücklichen Wunsch, des Sultans mit G-eld nicht gespart werden soll, besonderen Wert gelegt. An und für sich schon bietet Tanger, diese uralte Stadt, die den Römern bereits unter dem Namen Tingis bekannt war> einen pittoresken Anblick mit seinen steilen Straßen, seinen kleinen im maurischen Stil gebauten Häusern, die in amphitheatralischer -Gruppierung den Abhang -eines Kalkgebirges um,säumen. Da selbst die Hauptstraße von Tanger sehr schmutzig ist, werden gegenwärtig unter Hinzuziehung einer Sanitätskommission eilige Reinigungsversuche in Verbinduna mit Pflasterungsarbeiten unternommen. Die Behörden von Tanger weigern sich, bfi diesen Veranstaltungen die Hülfe von Europäern in Anspruch zu nehmen, da sie einen Ehrgeiz darein setzen, dem Kaiser ihre selbständigen Leistungen vorzuführen. Gleichzeitig werden in der Burg des Sultans^ der Kasbah, eine Anzähl von Gemächern mit besonderem Luxus unter Berücksichtigung aller europäischen Bedürfnisse eingerichtet. _ Diese Räume stehen dem Karselt während- seines hiesigen -Aufenthaltes zur Verfügung^ Das Programm für den Kaisertag ist bereits ausgearbeitet. Nach dem Empfang an Bord begibt sich den Kaiser nach der Zollstation, wo ihn das diplomatischa Korps, eine marokkanische Gesandtschaft und -die deutsche Kolonie erwarten. In Vertretung des Sultans begrüßt den Kaiser Mnlai Abd-el-Malek, ein Großoheim des Herrschers von Marokko, ein hochbejahrter Herr übrigens^ der politisch niemals hervorgetreten ist. In feiner Begleitung befinden sich die Sekretäre des Palanniinisters, des Ministers des Äußeren und des Großvesiers. Von einer Eskorte von 200 marokkanischen Reitern und den hierher entsandten Leibkapelle des Sultans geleitet, tritt
zu einladet, durch die Schmackhaftigkeit der Speisen dabei unterstützt und durch das Vergnügen beim -Essen dafür belohnt."
Gute, schmackhafte Nahrung ist von besonders günstigem Einfluß auf die körperliche und geistige Tätigkeit. „Körper und Geist erfreuen sich nach einem guten Mahle eines ganz besonderen Wohlbehagens. Was den Körper anlangt, so nimmt das Gesicht einen heiteren Ausdruck an, das Kolorit wird lebhafter, die Augen strahlen und eine sanfte Wärme durchstrahlt die Glieder. Was den Geist anlangt, so sammelt das Gehirn frische Kräfte, der Geist nimmt eine eigene Scharfe an, die Phantasie erbebt sich. Bonmots blitzen auf und machen die Runde. Ein schlecht genährter Mensch kann die Strapazen einer anstrengenden Arbeit nicht lange aus-halten. Sein Körper bedeckt sich mit Schweiß, die Kräfte verlassen ihn. und die Ruhe ist für ihn nur die Unmöglichkeit der Tätigkeit. Handelt es sich um eine geistige Arbeit, so mangelt es.den Gedanken an Kraft und Klarheit, die Überlegung weigert sich, sie miteinander zu verknüpfen, die Arbeitskraft, sie zu analysieren, das Gehirn ermüdet bei diesen vergeblichen Anstrengungen, und man schläft auf -dem Schlacht- felde ein. Der Mensch dagegen, der sich gut nährt und seine Kräfte mit Umsicht und. Einsicht durch schmackhafte Kost ersetzt, ist einer Arbeitslast gewachsen, wie kein anderes lebendes Wesen sie zu ertragen vermag."
Jeder hat schon an sich selbst erfahren, wie großen Einfluß die Abendmahlzeit, ob früh ober spät eingenommen, ob leicht oder schwer verdaulich, auf beit Schk/f ansübt. In besonders geist- und humorvoller Wense schildert dies Brillat-Savarin: „Mag der Mensch ruhen, schlafen o-der träumen, immer steht er unter der Herrschaft der Gesetze der Ernährung und tritt nie ans dem Gebiete - der Gastronomie heraus. Wer bei seinem Abendessen die Grenzen der Mäßigkeit überschritten hat, verfällt sogleich in tiefen Schlaf, und wenn er träumt, bleibt ihm nichts davon im Gedächtnis. Sern Erwachen ist ein jähes; er findet sich nur mit Mühe ins gesellige Leben zurück, und wenn der Schlaf völlig verschwunden ist, verspürt er noch lange die Strapazen der Verdauung. Ter Mensch aber, welcher über sein Physisches Dasein
nachdenkt, trifft mit Umsicht die Einleitungen .zw seiner: Ruhe, seinem Schlafe und seinen Traumen. Er hat mit Verständnis gespeist und weder gute noch vorzügliche Gerichte verschmäht. Er hat guten und, mit gebührender Vorsicht, sogar feurigen Wein getrunken. Beim Nach- tisch hat er mehr von Galanterie als von Politik gesprochen. Er hat sich im ganzen als liebenswürdiger Tischgenosse gezeigt und doch die Grenzen des Bediirf- rrrsses nur um ein ganz geringes überschritten. Irr diesem Zustande legier sich nieder, zufrieden mit andern und mit sich selbst. Seine Augen schließen sich, er gleitet durch die Dämmerung des Schlummers und verfallt für einige Stunden in festen Schlaf. Bald hat die Assimi- lation den Verlust ersetzt. Nun verleihen ihm angenehme Träume ein geheimnisvolles Dasein, er sieht die Personen, die er liebt, findet seine Lieblingsbeschäftigungen wieder und versetzt sich an die Orte, wo es ihm behagt hat. Endlich fühlt er dann den Schlaf allmählich schwinden und kehrt in die Gesellschaft zurück, ohne die verlorene Zeit bedauern zu müssen, da er selbst im Schlafe sich einer mühelosen Tätigkeit und einer ungetrübten Lust erfreut hat." Möchte man nicht nach diesem Gourmand- Rezept jede Nacht so angenehm verbringen?
Ebenso nett schildert er den Einfluß der Feinschmeckerei auf die Erhaltung der -Schönheit, namentlich natürlich der Frauen. „Der Hang des' schönen Geschlechts zur Feinschmeckerei^ist eine Art Instinkt, denn die Feinschmeckerei ist der Schönheit zuträglich. Eine Reihe genauer und unwiderleglicher Beobachtungen hat den Be
weis geliefert, daß . eine kräftige, auserlesene und sorg» fälfig zubereitete Nahrung die äußeren Zeichen des Alters sehr lange hinansschiebt und fernhält. Sie verleiht den Augen mehr Glanz, der Haut mehr Frische und den Muskeln größere Spannkraft, und da es nach den Lehren der Physiologie feststeht, daß nur die Erschlaffung der Muskeln die Runzeln, diese furchtbaren Feinde der Schönheit, erzeugt, so darf man kühn behaupten daß unter sonst gleichen Umständen diejenigen, welche 'zu speisen verstehen, intim- zehn Jahre jünger erscheinen als die, denen diese Wissenschaft fremd ist Die Maler und Bildhauer haben diese Wahrheit sehr richtig erfwt
