Einzelbild herunterladen
 

63. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgafse 27.

TZ,OOO Abonnenten.

Nnzetgen-Pret-r

Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

ft«.«»;*».* ««rtltmo für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittag,, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Ubr nachmittags. Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst-

b^**?^* 8^** * erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgelchnebenen Tagen wird kerne Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

147* Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Dienstag» den 28. Mar;.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1905.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

v.i. .- -.

Aür öcrs 2. GucrrtcrL 1905

auf das

Wiesbadener Tagblatt"

PT* Bezugspreis 1 Mk. 50 Pf. vierteljährlich "Ml ja abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Verlag Langgasse 27 , bei den Ausgabestellen, de» Zweig-Erpeditionr»

der Nachbarorte,

und zum Bezugspreis von 8 Mk. 50 Pf. vierteljährlich

bei sämtlichen deutschen Ueichspostanstalten.

Schuh gegen Schmutz.

Man sucht noch immer vergeblich nach, einem Maß- ttasB, an dem die Hohe der erreichten Zivilisation eines Volkes abgelesen. werden kann. Die einen schlagen den Seifenverbrauch, die anderen die Verbreitung der Lese- und Schreibkunst, noch andere wieder anderes vor. Aber noch niemand scheint darauf verfallen zu sein, das Ver­hältnis einer Gesellschaft zu ihrenAbfällen" zum Maß- stab ihrer Zivilisation zu machen; und dennoch scheint uns kaum ein besseres Merkmal auszufinden als dieses. Ja wir brauchen diesen Maßstab instinttiv, ohne es uns klar zu machen. Was erweckt uns Nordeuropäem in den Städten Halbasiens und Halb-asrikas, in Neapel und Konstantinopel z. B., ohne weiteres den Eindruck, daß wir uns in vergleichsweise barbarischer Umgebung be­finden? Nichts mehr als der Anblick und der Geruch derAbfallstoffe", der sorglos vernachlässigtem .mensch­lichen und tierischen Ausscheidungen, der Haiiswirtsch-afts- und Gewerbeabfälle. Und was unterscheidet auf der anderen Seite eine hochentwickelte Industrie von einem primitiven Gewerbe? Mchts mehr als die Verwertung der -Ilbfälle!*) Wenn unsere Gasanstalten aus dem bei der Gasbereitung zurückbleibenden Steinkohlenteer, dessen Beseitigung früher ihre kostspielige Crux war, heute Hunderte von Millionen ziehen; wenn unsere Hutten- werke die Hochofengase zur Krafterzeugung und sogar die Kesselgase wieder zur Wasservorwärmung benutzen und aus den früher nicht nur wertlosen, sondern sogar da sie beseitigt werden mußten kostspieligen Schlacken hochwertigen Kunstdünger erzeugen; wenn unsere Groß­städte die Ausscheidungen ihrer Einwohner nicht bloß ab- führen, sondern auf.Rieselfeldern verwerten dann sind das alles Kennzeichen einer sehr hoch gediehenen Zivilisation, die mit dem alten, Welswort Ernst macht,

* Wie charakteristisch für den primitivsten Kulturstaat sind ie «Kjökkenmöddinger", jeneMüllhansen" der dänischen rrsiernesser! _

wonachSchmutz nichts anderes ist als Materie an falscher Stelle." Ans diesem Wege wird unsere Kultur noch viele erfolgreiche Schritte zurücklegen; vielleicht das größte Ziel dieser Bewegung ist die Verwertung des Abfalls" an Nutzwasser. Die Art, wie wir in der Zeit der Schneeschlmelze die Winterw-asser nicht nur nutzlos ab­laufen, sondern sogar noch schweren Schaden an Brücken, Dämmen und Feldern anrichten lassen, während uns im Hochsommer die Feldfrüchte verschmachten, ist schlechthin barbarisch; eine künftige Zeit wird es verstehen, durch eine weise Wasserwirtschaft den, Ertrag unserer Äcker zu vervielfachen und zugleich für ihre Bestellung die Kraft des Gefälles nutzbar zu machen.

So sind also die drei Stadien der Barbarei, der Halbkultur und der Vollkultur recht gut gekennzeichnet durch die Merkmale: Vernachlässigung, Beseitigung, Ver- Wertung derAbfälle".

Zum Glück zwingt die Entwickelung selbst die Gesell­schaft, von einer Stufe zur anderen emporzusteigen. Die Kultur erwächst ans der Verdichtung der Bevölkerung, die aus und von einer gegebenen La-ndfläche lebt. Je dichter aber eine Bevölkerung, eine um so vitalere Not- Wendigkeit wird für sie erst die,Beseitigung und dann die Verwertung ihrer Abfallstoffe. Die dörfliche Kultur kann sogar die Beseitigung entbehren, denn die im Verhältnis große Ackerfläche verdaut, ja, verwertet sogar die geringen Abfälle. Die städtische Kultur muß eine Stufe höher steigen, sonst geht sie an den grauenhaften Volkskrank- heiten zugrunde, die aus einem versumpften und ver­seuchten Wobnboden und aus verseuchten Wasserläufen erwachsen. Und die großstädtische Kultur mit ihren massenhaften, fastgebirgsbildenden" Abfällen muß zur höchsten Stufe empor, weil die einfache Beseitigung immer schwieriger wird; denn mit der dichten Besiedelung ihrer Umgebung sehen sich die Großstädte gezwungen, ihre Lagerplätze immer weiter hinaus zu vexlegen, und das erhöht die Kosten der Abfuhr in einem solchen Maße, daß eine Verwertung notwendig und rentabel wird.

Die vorgeschrittenen Großstädte haben denn auch in fast allen Beziehungen die dritte Stufe, die Vollkultur, erreicht, nur tu einer sind die meisten aus der zweiten Stufe, der Salbkultur, stecken geblieben: die Hauswirt- schaftlicheu Abfälle, der sogenannte Müll, wird meistens noch beseitigt, nicht schon verwertet. Aher auch hier rjt die Grenze erreicht, an welcher die Entwickelung selbst da­zu zwingt, die letzte Stufe zu ersteigen. Auch diese Ab­fälle schwellen mit dem Wachstum der Millionenstädte zu so ungeheuren Massen an, daß ihre FortsHaftung arft immer entferntere Plätze die finanzielle Leistungsfähig­keit der Gemeinden zu übersteigen droht, und vor allem wird es immer schwieriger, solche Plätze zu finden. Denn das hygienische Gewissen ist auch in den Landgemeinden mächtig aufgewacht; sie wissen jetzt, daß solche Müllager- pläbe wahre Seuchenherde sind, von dem häßlichen Staub und den üblen Gerüchen ganz zu scbweigen, die sie ver­breiten: denn sie lassen ungezählte Milliarden schädlicher Spaltpilze Millionen von Mücken und Hunderttausende von Ratten ihre Existenzbedingungen finden, und Mücken

und Ratten sind die gefährlichsten Seuchenverbreiter. So wehren sich die Landgemeinden mit Eifer und Erfolg .dagegen, von den Großstädten her verpestet zu werden. Dazu kommt, daß das hygienisch-sozialpolitische Gewissen unserer Zeit sich dagegen empört, Tausende von Ar- Leitern, die mit der Abfuhr. Musterung und Behandlung des Mülls zu tun haben, den gefährlichsten Staub-Jn- halations- und Infektionskrankheiten auszusetzen. Kurz, alle Bedingungen drängen geradezu bo£)m, die Müll- beseitigung durch die Prüllverwertung zu ersetzen. .

Zu diesem Zwecke ist es Vorbedingung, daß bereits in den einzelnen Hauswirtschaften die drei Bestandteile aller dieser Abfälle von einander geschieden gesammelt werden, nämlich Asche, Speisereste und sonstige Abfälle der Wirtschaft, wie Konservenbüchsen, Stoffreste, Papier, zerbrochenes Geschirr usw. Kommt das alles zusammen, so werden d-ieSpeisereste durch dieAsche unverwertbar, wie auch die Asche durch die Speisereste; die ganze Masse geht überaus leicht in Fäulnis über und verbreitet, namentlich im Sommer, trotz regelmäßiger Abfuhr mephitische Düfte, die die Hofw-ohnungen ungesund machen und im Preise drücken.

Werden dagegen die drei Hauptbestandteile bereits in den Küchen getrennt, so läßt sich das Problem der Müllbeseitigung in einer vom hygienischen und volks­wirtschaftlichen Standpunkt gleich befriedigenden Weise losen. Die reine Asche wird als Schutt- und Füllmaterial ebenso gern angenommen, wie der gemischte cMüll abge­lehnt wird; sie ist namentlich zur Ausschüttung tief ge- legener Äcker und Wiesenflächen ein sehr begehrtes Material. Die Speisenreste werden im strömenden Dampf sterilisiert und ergeben auf diese Weise ein zur Fütterung und Mästung zahlreicher Schweine vorzüglich geeignetes Material, dem nur verhältnismäßig wenig Kraftfutter zugesetzt werden muß, um ein treffliches Schlachtfleisch zu erhalten. Das kann nicht wunder- nehmen, da ja auch in den bäuerlichen Wirtschaften, der Hauptbestandteil des Schweinefutters aus den Abfällen der Küche und des Vi-chstalls besteht. Ter dritte Bestand- teil schließlich, die sogenanntengewerblichen Abfälle", werden in Entstaubungsanlagen völlig von dem ihnen anhaftenden schädlichen Staube befreit, so daß die mit ihrer Sortierung und Verpackung beschäftigten Arbeiter in keiner Weise dadurch gesundheitlich geschädigt werden können und stellen dann ein gerade durch seine Massen- Hastigkeit sehr wertvolles Material dar, das von dev Industrie gern und zu lohnenden Preisen wieder in ihren Kreislauf ausgenommen wird. So z. B. werden eiserne Kochgeschirre entzinnt und gelangen daun als Bruch­eisen' wieder in den Schmelzofen; Leinwandreste werden Papier, Seidenreste billiger Shoddy, Flaschen werden gereinigt und neu verwendet, Glasscherben einge- schmolzen usw. Mit einem Worte: Ter.Schmutz" kommt von derunrechtenStelle" wieder an die rechteStelle und wird eben dadurch Material, wirdWert".

Es wäre schon aus Rücksichten der öffentlichen Ge­sundheitspflege die ernste Pflicht aller großstädtischen Ge­meinden, eine solche Müllverwertung an die Stelle der

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Wohltäter der Menschheit werden heute gar manche genannt, die in Wirklichkeit nur die Mbsichthaben, den eigenen Interessen zu dienen und sich um das Wohl und Wehe ihrer Mitbrüder sehr wenig kümmern. Aber wenn sie es wirklick, dahin bringen, diesen nützlich zu fern,, so erscheint es schließlich nicht allzu wichtig, Elchen Zweck sie in Wahrheit verfolgten, wie es rmmerhin besser tjt, daß jemand, um groß zu tun, Wohltaten erweist, als wenn er sich zu solchen überhaupt nicht fähig zeigt.

So arbeiten die Erfinder wohl auch in den seltensten Fullen ans uneigennützigen Motiven, und dock) dankt die Welt es ihnen sehr, wenn sie sie mit vorteilhaften Einrichtungen beschenken. Man hat behauptet, daß der, welcher die Menschheit lehren würde, wie an stelle ernes Brotkornes zwei wachsen könnten, den größten Anspruch auf ihre Anerkennung hätte. Wenn aber auch viele Ver- -Scss-erüngen in der Landwirtschaft eiwgesuhrt worden sind, dahin hat man es noch nicht gebracht, alle möglichen Methoden jedoch sind erfunden worden, durch die Lebens­mittel nicht nur verbessert, sondern auf lange Zeit er­halten -werden, und wenn man so auch nicht neue scyajst-e, ist es doch als eine große Bereicherung zu bezeichnen, 'wenn man Erzeugnisse vor dem Verderben schützt oder nutzbar zu machen weiß, die sonst verloren gehen

Würden. ^ ,

©inc§ der gesündesten und besten Nahrungsmittel ist die Milch, aber es gibt Gegenden, wo sie nur sehr schwer erhältlich oder so teuer ist, daß sie nicht der all­gemeine Verbrauchsartikel werden kann, wie dies im Interesse der Bolkshygiene wünschenswert wäre. Und es erscheint dies um so bedauerlicher, als -wieder zahl-

reick'-e Regionen vorhanden sind, wo man Milch in sol­

chem Überfluß hervorbringt, daß man nicht weiß, wohin damit und sie direkt fortwirft, in anderen wieder könnte weit mehr erzielt werden, aber es -geschieht liich-t, weil es nichts einbringen würde, da die Transportkosten nach einem Konsum-Platze sich -so hoch stellen, daß Milch dadurch ein sehr teures Lebensmittel wird.

lSo hat es natürlich nicht an Versuchen gefehlt, um hier -Abhülfe zu schaffen, und in Lex Schweiz besonders fabriziert man kondensierte Milch-, die in dieser Form in alle Welt hinanSg-cht. Aber um- sie herzustellen, sind bedeutende Anschaffungen nötig, die Fabrikationskosten stellen sich hoch, kurz ein großer Apparat ist erforderlich. Dann mutz d-Lr kondensierten Milch Zucker zugesetzt wer­den, -was sie für manchen Zweck nicht brauchbar macht, und endlich- ist sie in Büchsen hermetisch zu verschließen, deren Inhalt, sobald sie geöffnet sind, sofort verspeist werden muß, da er sonst durch den Zutritt -der Luft

verdirbt.

Eine andere Erfindung nun steuert diesen Nachteilen, sie besteht darin, daß Milch zu Mehl verarbeitet und in dieser Form nicht nur weithin versandt -wird, sondern lange aufbewahrt werden kann. In Schweden und in -den Vereinigten Staaten wird Milchmehl bereits her- gestellt -In ersterem Lande befolgt cman eine sehr ein­fache Methode. In -einem Apparat,Exsiceator" genannt, läbt man die Milch bei einer Temperatur von 40 Grad Ceftins verduns en. Der so erzielte Stoff -wird pulve­risier und man erhält eine Art Mehl, das nicht sauer wird an der Luft und den Einwirkungen von Bakterien. MiQen nsw. widersteht,' es ist in gewissem Su^e

sterilisiert -worden. Tut man dieses Mehl in Wasser, -70 Grad hat so schmelzen die festen Stoffe wie-

ist.

»iter Milch geben zirka ein Kilo Mehl, und ein -Apparat vön großen Dimensionen kann »aglich stier zum Verdunsten bringen«

Das amerikanische -Verfahren ist etwas komplizierter, aber man erzielt dasselbe Resultat. Drei Fabriken widmen sich dort der Herstellung -des Milchm-ehles; die bedeutendste befindet sich- in Jersey-City. Ihre Erzeug­nisse dienen in erster Linie dazu, wieder Milch- d-arauS zu machen, aber die Konditoren und Bäcker verwenden sie auch, so daß sie bedeutenden Absatz finden. -Es ist wahrscheinlich, daß bald, auch in -Europa, -weitere Eta­blissements erstehen -werden, die dies Mehl -eigener Art erzeugen, was sowohl den Milchproduzenten als Konsu­menten zugute käme. Die neue Welt war sieht man von -dem -kleinen Schweden ab der alten diesmal wie­der über, wie sie es so häufig ist.

Nicht nur -weiß sie sich- aber alle Erfindungen schnell zu nutze zu machen, sie beschenkt auch die Menschheit fort­während mit neuen. Wieder verlautet von einer solchen, durch -die zwar keine andere Art von Mehl, das eigent­lich -Milch ist, gewonnen -wir-d, welche ab-er eine Berbesse. ruiig des wirklichen, aus Getreide und Leguminosen -ge­wonnenen herbeiführen soll. Ein Amerikaner hat einen Apparat erfunden zur Herstellung vonelektrisch-e-m Mehl", das aber, wie gesagt, auf dem gewöhnlichen W-e-ge, nicht etwa ganz und gar durch Elektrizität erzielt ist. Durch diesen Apparat wird das Mehl nicht nur gebleicht, sondern da er ein gasehaltiges Milieu schafft, in dem sich Stickstoffoxyd-Hydrate befinden, es erhält auch einen größeren Gehalt an Gluten. Analysen, die mit Mehl vor un-d nach der Behandlung vom Columbion College irr Washington und der Universität in -Princeton gemacht worden sind, bestätigen diese Angaben. Die Frage ist allerdings nun noch, ob das Verfahren sich billig -genug -stellt, um mit Vorteil ange-wendet werden zu können, und dies kann erst die Erfahrung lehren. Betreffs des Milch-mehls hat man sie aber bereits, und daß dessen Fabrikation, auch vom finanziellen -Standpunkte aus be­trachtet, günstig, ist längst dargetan.