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3 s a(, ! 9<inö * „ .. Verlag: Langgaffe 27. «nz-rgen.Preisr

ss. Jahrgang

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Verlag: Langgaffe 27.

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N« Hl.

Verlags-Fernsprecher No. 2953 .

Freilag» den 84. Mar§.

Redaktions-Fcrusprech-r No. 52 .

1905 .

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Iün öcrs 2. Hucrrrtcrl.' 1905

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

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Sozialpolitische Umschau.

— End« Mürz. —

Graf Posadowsky ist kürzlich im Reichstage als der Lokomotivführer der deutschen Sozialrefovm bezeichnet und gleichzeitig ist ih-m von anderer Seite der Vorwurf gemacht worden, daß er den Zug zu langsam fahren lasse. Der Minister ist auf das nicht übel gewählte Bild einge­gangen, hat aber erwidert, die Schnelligkeit der Maschine hänge von der Last ab, die sie zu bewegen habe. Nicht nur von dieser, fügen wir hinzu, sondern auch von ihrer Konstruktion. Es ist eine längst empfundene Tatsache, daß unsere Lozialgesehgobung. besonders ober die deutsche Slrbeitervenichernng, sehr schwerfällig konstruiert ist. Attch Graf Posadowsky kam darauf zu- sprechen. Unsere Sozialversicherung besitze keinen Unterbast. Die riesige Arbeitslast sei den bestehenden Behörden a"illstkmrdkst. Von ihnen könne aber diese Last nicht auf die Dauer ge­tragen werden. Wenn man heute die sozialpolitische Ge­setzgebung neu aufhaute, so würde kein vernünftiger Mensch daran denken, für Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Mtersversicherung je eine besondere Organisation zu schaffen. Ter Minister bezeichnete es als eine Aufgabe der Zukunft, diese ganze Gesetzgebung zu vereinheitlichen.

Er- ist nicht der erste, der das fordert. Mer schon heute ist die Aufgabe ganz ungemein schwer zu lösen. Man muß sich nur vergegenwärtigen, welche ungeheuren und spröden Masten dabei zu schmelzen und in neue Formen zu bringen und. Es bestehen gegenwärtig etwa 28 000 Krankenkassen in Deutschland; jede zählt also durch­schnittlich etwa 430 Mitglieder. Aber alle diese. Kassen besitzen ihren eigenen Verwaltungsapparat. Bei den 113Berufsgenosfenschaften und 930Sektionen der Unfall- Versicherung wirken 425 Ausführungsbehövden mit und gibt es etwa 7000 Vorstandsmitglieder und 26 260 ört­liche Vertrauensmänner. An die Beamten dieser Ver­

sicherung werden jährlich 5 Millionen Gehalt bezahlt. Bei der Invalidenversicherung ist eine-weitgehende Mit­wirkung der unteren Perivalrungsbehörde vorgesehen und nötig geworden. Neben dieser zählt sie gemeinsam mit der Unfallvevsicherung 124 Schiedsgerichte mit rund 7000 Beisitzern. In ihren 31 Landesversicherungs-An-' stalten und 9 besonderen Kasseneinrichtungen hat sie 1000 Vorstands- und Ausschußmitglioder, 3000 Beamte, 12 380 Beisitzer, 6000 Markenverkaufsstellen und über 7000 Stellen für Einziehung der Beiträgei Auf die rund 13 Millionen versicherten deutschen Arbeiter und Beamten und die 5 Millionen gegen Unfall versicherten Unternehmer kommt ein Verwaltungspersonal von min­destens einer Viertelmillion. Daß hier eine Verein­fachung dringend nötig ist, leuchtet um so mehr ein, 5a der Apparat mit jedem, Jahre weitschichtiger wird und nicht nur schwerfälliger, sondern auch teurer arbeitet; zum Nachteil der Versicherten.

Nach Graf Posadowsky ist es also nötig, für die ganze Vevsicherungsgesetzgebung einen Unterbau mit berufs­mäßiger Leunng zu schaffen, denen die Gswerbeboamten und Kreisärzte auzugliedern wären. Dieser Stelle, wäre die Ausführung der sozialpolitischen Gesetze in erster. In­stanz zu übertragen. In sozialpolitischen Kreisen wird dieser-Gedanke -als gut bezeichnet. Es wird! bei ihm auf die Ausführung ankommen. Vor allen» ist es bei jeder derartigen Umgestaltung unserer Arbeiterversiche­rung notwendig, den Arbeitern selbst bei ihr einen ge­nügenden Einfluß einzuräumen. Man kann Kleinig­keiten und Nebensächlichkeiten bei dieser Neuversassun-g ruhig ziUunsten der großen Gssichtspunkte znrücktreten lassen, aber als den vornehmsten unter ihnen soll man die entsprechende Mitwirkung der Arbeiter anerkennen.

Das gilt ftir alle Sozialrsform und nicht zuletzt für die gesetzliche Regelung der Arbeitsverhältnisse im Berg­bau, die bekanntlich die preußische Regierung in Aus­führung ihrer Versprechungen während- des Ruhrstreikes in Angriff nahm. Sie hat dem Landtage zunächst einen Gesetzentwurf zugehen lassen, der unter Abänderung des Allgemeinen preuß. Berggesetzes und der Ausführungs­verordnung zum Reichsgesetze über Zwangsversteigerung und -Verwaltung die Stillegung von Zechen verhindern soll. Wie stark diese im Bereich des vheinisch--westfälischen Kvhlensyndikats betriebene Stillegung gegen das öffent­liche Interesse verstößt, ist genügend bekannt. Der Ge­setzentwurf sieht nun einen Zwangsbetrieb und eine zwangsweise Versteigerung solcher Bergwerke vor, die noch Gewinn versprechen und trotzdem von ihren Be­sitzern „„stillgelegt" sind. Auch die Unterstützung der Polizei ist vorgesehen, um etwaiaen Widerstand zu brechen. Noch weniger als dieser Entwurf findet -der zweite bei den Grubenbesitzern Beifall, der sich unmittel­bar mit einer Umgestaltung der Arbeiterverhältnisse in den Gruben beschäftigt. So hat die vor einigen Tagen in Berlin abgehaltene Versammlung der bergbaulichen Vereine erklärt, es sei kein Grund vorhanden, zur Besse­rung der Bergarbeiterverhältnisse die beabsichtigten ge­

setzlichen Maßnahmen zu treffen. Dieser Protest erklärt sich nur ans dem Herrenstandpunkt, den jene Unter­nehmer nicht lassen wollen. In der gesamten deutschen Sozialpolitik ist man darin einig, daß die Berggesetz­novelle das mindeste der notwendigen Reformen bringt. In dem Entwurf wird das mit Recht bei allen Berg­leuten verhaßte „Nullen" vollständig verboten. Unge­nügend oder vorschriftswidrig beladene Fördergefähe —• „Hunde" — müssen den Arbeitern bezahlt werden, soweit ihr Inhalt vorschriftsmäßig ist. Auch wird den Berg­leuten das Recht gegeben, auf ihre Kosten von einem von ihnen selbst und aus ihrer Mitte gewählten Vertrauens­mann das Verfahren bei der Bewertung etwa vorschrifts. widrig beladener Fördergefäße überwachen zu lassen. Den Klagen über das unleidlich ansgebildete Straf- system trägt der Entwurf durch die Bestimmung Rech­nung, daß die monatlichen Geldstrafen den doppelten Be­trag eines durchschnittlichen Tagesverdienstes nicht über­steigen dürfen. Aus Bergwerken mit mindestens 100 Arbeitern muß ein ständiger Arbeiterausschuß vorhanden sein, der bei der Festsetzung der Arbeitsordnungen mitzu­wirken hat, die mit den etwa geäußerten Bedenken des Arbeiterausschusses der Bergbehörde einzureichen sind. Am wenigsten befriedigen die Bestimmungen des Ent­wurfs über die Arbeitszeit in den Gruben. Bon der all­gemeinen in Arbeitevkreisen und auch von vielen ernst denkenden Sozialpolitikern verlangten Einführung der Achtstundenschicht in den Gruben ist keine Rede. Es gibt nicht einmal eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit ftir alle Bergwerke. Unter das Gesetz fallen nur die heißen Gruien; allgemein ist lediglich bestimmt, daß als Aröeits- zeit die Zeit vom Beginn der Seilfahrt bis zu deren Wiederbeginn gilt; also die Wiederausfahrt ist nicht mit eingerechnet. In Gruben mit mehr als 22 Grad Celsius darf die tägliche Arbeitszeit vom 1. Oktober 1905 ab nicht länger als 8p-> Stunden dauern, am gleichen Datum 1908 ist sie auf 8 Stunden zu vermindern- An Betriebs­stellen mit über 28 Grad Celsius darf die Arbeitszeit (3 Stunden nicht überschreiten.. An solchen Stellen sind Über- und Nebenschichten unzulässig, bei 22 Grad dürfen diese 8 Stunden in der Woche nicht überschreiten. Das ist eine Reform der Arbeitszeit, wie man sie sich be­scheidener wohl kaum vorstellen kann. Trotzdem machen die Grubenbesitzer, wie gesagt, gegen sie mobil und. ge­bärden sich, als sei das Vaterland in Gefahr. Angesichts aller Erfahrungen in jüngster Zeit muß man als bestes Mittel zu einer wirksamen Sozialreform im deutschen Bergbau doch immer wieder eine straffe Organisation der Arbeiter bezeichnen, die kräftig genug ist, mit -dem Kvhlen- syndikat gleichberechtigt zu unterhandeln. Erst wenn diese Kräfte sich gegenseitig gleich sind, wird es zu sried- lich-schiedlichen Verträgen in der Bergwerksindustrie kommen, die auch die von Preußen angestrebte matte Re­form vor neuen ernsten Kämpfen kaum behüten wird.

Sehr viel Wert legt man augenscheinlich an maß­gebender Stelle auf die Bildung von Arbeiterausschüssen. Wer auch diese bekommen für die Arbeiter erst Wert,

Femüeton.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Liudcnberg.

Am Branbenburger Tor. — S. M. — TiergarterispaziergSnge.

— Viel Arbeil — Vor der Abreise des Kaisers. — Der Umhin unseres Schauspielhauses. — Die Fesivorstellurig. — ..Der Prinz oou Homburg". — Lebende Bilder. — Ans dem Theaterleben

„Na, nun wird's ja nicht mehr so genau genommen, &. M. sind auf Reisen, da kann man's schon riskieren" sagte gelegentlich ein Marsjünger und steckte sich am Brandenburger Tore das geliebte, braune Kraut an, die bläulichen Wölkchen behaglich zu den Kronen der Tier­gartenbäume emporwirbeln lassend, ö. M. — die Kundigen wissen, wer mit diesen beiden Buchstaben ge­meint ist — haben nämlich sehr scharfe Augen und greifen unter Umständen recht energisch ein, da nehmen sich die, die es nötig haben, gehörig in acht, aber wenn „Er" fern von Berlin weilt, da werden die verschiedenen Vorschriften nicht gar so streng befolgt — 's war immer so und wird immer so bleiben! Der Kaiser nimmt's übrigens selbst nicht allzu genau und lacht herzlich, falls er auf einem „Versehen" ertappt wird, so kürzlich, als er bei einem seiner gewohnten Morgenspaziergängc von seinem ihm verwandtschaftlich nahestehenden Be­gleiter ein Streichholz erbat, um eine der langen Holländer in Brand zu stecken. „Du, S. M„ darfst du denn auch das?" meinte mit scherzhafter Warnung der andere, „hier ist's doch verboten, zu rauchen, Befehl des Allerhöchsten Kriegsherrn, laß dich man nicht ertappen!"

— Jener Begleiter beklagte sich vor^ einiger Zeit in kleinem Kreise, daß diese Tiergarten-Spaziergänge dem Kaiser und ihn»,-dem Erzähler, falls er daran teilnehmen könne, oft sehr gestört würden durch die Neugierde des Publikums, das doch wahrlich mehr Rücksichtnahme üben

müsse. Im weiteren Verlaufe des Gespräches berichtete dann der nämliche hochgestellte Herr von seinem letzten BesncheJtaliens: „Ja, und als ich mit meiner Frau in Florenz weilte, da war unser ganzes Bestreben, zu Böcklin zu gelangen und sein Allerheiligstes, das streng behütete Atelier, zu besichtigen. Wir wußten genau, wie unzugänglich der knurrige Meister war. aber es ist uns doch gelungen!" — „Erlauben 'mal. Königliche Hoheit", meinte lächelnd ein Künstler, der weiten Ruf genießt und ebenso gut berlinert wie er treffliche persönliche Be­ziehungen hat zu den höchsten Herrschaften, „da -haben sich Königliche Hoheit vorhin aufgehaltön über die Zu­dringlichkeit der Berliner im Tiergarten-na, und

wie war's denn nu in Florenz . . .?!" — „Recht haben Sie", sagte fröhlich -der Prinz, „aber 'ne schöne Erinne­rung ist's und bleibt's für uns!" —- „Und das -gleiche, Königliche Hoheit, ist mit den „Publikümmern" im Tier­garten der Fall", setzte trocken der Künstler hinzu.

Mit den mehrfach erwähnten Spaziergängen des Kaisers im Tiergarten ist's nun für einige Zeit vorbei und auf Wochen hinaus wird man nicht'die rotseidene Königsstandarte auf den Zinnen unseres Schlosses wehen sehen. Es gab viel, sehr viel in der Hof h alt u n g zu tun, ehe der weißschimmernde Sondettüg hincms- rollte und der Kaiser seine Erholungsreise antreten konnte, mit fieberhafter Anstrengung wurde gearbeitet, und nicht nur in den Kanzleien des 'Oberhofmarschall- Amtes, auch in sämtlichen Ministerien und an zahllosen anderen Stellen, denn was alles muß dem Staatsober- haupte zur Prüfung und Unterschrift vorgelegt werden, damit nicht unliebsame - „Reste" Übrig bleiben. Am nn- cwmüdlichstcn aber war man in den Bureaus der General-Intendantur der Königlichen Theater und der Bauleitung des Schauspielhauses tätig, liier erloschen die elektrischen Flammen nicht vor den frühen Morgen­stunden, während.man auf dem Bauplätze selbst über­haupt keine Ruhe rmd Rast karmte, war es doch der

Wunsch des Kaisers, der Wiedereröffnung des Schau­spielhauses persönlich beizuwohnen vor Antritt seiner Mittelmeerfahrt. Nur mit Anspannung der äußersten Kräfte konnte dieser Wunsch erfüllt werden, noch am Dienstagvormitta-g hantierten Hunderte von Arbeitern umher und mußte man bei der Borbesichttgung Obacht geben, daß man unbeschädigt zwischen den- Gerüsten, Leitern. Brettern fortkam und in keine nähere Beruh, rung geriet mit Mörtel, Farbe, Wasser.

Allst Monate hat der Umbau unseres Schau­spielhauses -gedauert, was Professor F e li x Genzmer, der das Ganze geleitet und den sich der Kaiser, wie er -sich selbst ausgedrückt, -ans Wiesbaden „ge­holt" hat, hier geleistet, ist nur mit ehrlicher Bewunde­rung anzuerkennen. -Galt es doch ein völlig neues Innere zu schaffen, da das alte in keinerlei Hinsicht mehr den bescheidensten Anforderungen an Feuersicherheit und Bequemlichkeit genügte. So herrlich der klassisch-schöne Schinkelsche Bau im Äußeren ist, so viele Mangel wies er im Innern auf und schon Friedrich Wilhelm IV. kenn- zeichnete das durch ein Witzwort, denn als er, noch Kronprinz, dem Kaiser Nikolaus von Rußland das Schauspielhaus zeigte und ihn über zahllose Treppen durch ebenso viele Gänge, Säle, Gemächer, Nebengelasse in die Königsloge führte, meinte er lächelnd: „Denke

dir, wir haben in diesem Gebäude sogar noch ein kleines Theater!" Der Raum musste in modernem Sinne aus- genutzt werden, man durfte sich nicht, wie mehrfach bis- her, mit Flickwerk begnügen, so wurde das ganze innere Hans beseitigt-und in die stehengebliebenen Uiüfassungs- manern ein völlig neues Theater gesetzt. Wie prächtig ist fetzt der Eingang mit seinen weißen Hallen und den breiten Ausbuchtungen für die Garderoben wie stattlich das Treppenhaus, wie vornehin die Gänge vor dem Parkett und dem ersten Rang, das alles macht einen be- haglich-wohnlichen Eindruck, die schweren roten Teppiche und goldfarbigen Vorhänge stimmen zu den Hellen