Einzelbild herunterladen
 

Niksba-mer Ts

69 . Jahrza««.

rfifirfnt in zwei Ausgaben. BezngS'Prek»: durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. S« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

21,000 Abonnenten.

Anzeige»,-Prei- r

Die einspaltige Petitzcile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.

Ä ntHrtCtt . % ttttrtlftrt «* st" die Nben--Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zur nächsb-

erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigcn-Anfnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

139 * verlagS-Fernfprecher No. 2961.

g ü-lU_ '

Morgen - Ausgabe.

1. Wkertt.

An unsere Post-Abonnenten!

Um die erfahrungsgemäß beim vierteijahrswechfe! eintretenden Störungen im Bezug zu vermeiden, ersuchen wir unsere verehrlichen Post-Abonnenten alsbald die Erneuerung ihres Abonnements bewerkstelligen zu wollen. Dieselbe kann sowohl bei den Postämtern als auch durch das Bestellxerfonal derselben rrsolgen.

Verlag desWiesbadener §agölatt".

FranKM Md der Küfferbksuch in Tanger.

8. Paris, 21. März.

Nachdem schon die kürzlich« Erklärung Bülows im deutschen Reichstage, daß Maßnahmen zum Schutze der deutschen Interessen in Marokko im Gange seien, einige Nervosität hier hervorgerufen hatte, sind die in Betracht kommenden politischen Kreise Frankreichs vollends durch die bisher undementiert gebliebene Nachricht von dem beabsichtigten Besuch des deutschen Kaisers in Tanger unangenehm berührt worden. Nicht so sehr die Tatsache des Besuch als -der Zeitpunkt seiner Ankündigung und chie gleichzeitigen halb-offiziösen Auslassungen, wonach Deutschland die Vertragspolitik anderer - Staaten in Marokko ignoriere, mußten hier lebhaft verstimmen. Man vergegenwärtige sich einmal den augenblicklichen Stand der französischen Verhandlungen in Fez. Nachdem der Sultan dem Wunsch Frankreichs, in Marokko durch­greifende Reformen zlrr Ausführung zu dringen, in dieser allgemeinen Form nicht zustimmen wollte, rückte die Republik mit ihren Plänen im einzelnen heraus, wobei kluger Weise die militärischen Projekte neben den fincm- Kieüen und wirtschaftlichen etwas in den Hintergrund ge­drängt wurden. Die demDdakzen" durch den Gesand­ten Saint-Ren6 Taillandier unterbreiteten Vorschläge be­ziehen sich auf die Verbesserung der Landeswährung,_ die Reorganisation des Hasendienstes, die Erbauung eines Zolldepots und die Errichtung eines Küstenkabels. Aber auch diesen gewissermaßen nur als Kostprobe vorgebrach- ten Wünschen gegenüber lappötit vient en mangeant mochte der französische Diplomat denken Verhielt sich der Sultan ablehnend. Natürlich sucht man hier nach Gründen für diese Haltung. Nichts liegt näher, Vis die Öffentlichkeit an Intrigen seitens der Gegner des englisch-französischen Vertrages glauben zu machen. So läßt sich in diesen Tagen derMatin" aus Tanger tele­graphieren:Unsere Gegner fahren fort, die marokkani­sche^ Regierung in ihrem Widerstand zu stärken und. es gelingt ibnem auf sie Eindruck zu machen: aber unser diplomatischer Vertreter hat die Absicht, zu beweisen, daß die französische Regierung fest zur Verwirklichung ihres Programms entschlossen ist." Natürlich ist unter den

D-«irerstag, den 23 . Marx.

Gegnern" in erster Linie Deutschland gemeint, nachdem England und Spanien sich bereits mit der -Repiiblik ver­ständigt haben. Durch die Ankündigung des Kaiser­besuches in Tanger gerade in diesem Momente hat die Auffassung, daß Deutschland die marokkanische Politik Frankreichs zu durchkreuzen suche, eine Verstärkung er­fahren. Aber noch etwas kommt^hier in Betracht. Als der deutsche Kaiser vor einigen Tagen im französischen Botschafterpalais in Berlin dinierte, wurde' hierher ge­meldet, daß der Monarch sich bei schwarzem Kaffee und Zigarren mit dem Botschafter Bihourd eingehend über die marokkanische Frage unterhalten hätte. Einige Blätter begannen nun dieMöglichkeit vonVerhandlungen, die zn einer Verständigung über die deutsche Interessen­

sphäre in Marokko führen konnten, doch etwas näher ins Auge zu fassen. Die Nachricht von der Kaiserreise mit den an sie in Deutschland geknüpften Kommentaren hat diesen Erwägungen ein Ende gemacht. Es herrscht nun hier die Empfindung, 'daß die Auffassung, ^utschland wisse offiziell nichts von den Verträgen, die Frankreich mit anderen Staaten in Marokko abgeschlossen hätte, durch eine neuerliche Kundgebungvon oben" ^ihrer Schroffheit entkleidet werden dürste, da nur dann Frank­reich in der Reise des Kaisers keine Demonstration gegen seine marokkanische Politik sehen würde. Im übrigen be­ginnt man hier wohl einzusehen, daß Deutschland als kommerziell an: stärksten engagierte Macht in Marokko

RedaktionS^ernsprecher No. 62. 1905 .

sich nicht in den Karren französischer Expansionspläne wird einspannen lassen. Daß es hierbei von Spanien unterstützt werden könnte, ist trotz des spanisch-französi­schen Vertrages nicht ausgeschlossen, da sich die Madrider Regierung in den geheimen Klauseln dieses Überein­kommens nach verschiedene!: Richtungen- hin noch freie Hand ausbedungen hat. Vielleicht ist es aus diesen Er­wägungen zu eülären, daß bei den Vorbereitungen, die hier zum Empfange des Königs Alphons getroffen sind, auf die Schaustellung der militärischen Dtachtentfältung der Republik besonderes Gewicht gelegt wird.

«

Noch immer sicht nicht fest, welchen genauen Weg der Kaiser anläßlich seiner diesjährigen Mittelmeerreise

einfchlagen wird. Er wird sich in Cuxhaven cm Bord begeben, also diesmal die Hamburg-Amerika-Linie für seine Kreuzfahrt benutzen. Ob er in Vigo anlanfen wird, von wo ans ein Besuch in Santiago Compostella geplant war, ist neuerdings wieder zweifelhaft geworden, da, wie es heißt, in Lissabon ein längerer Ans euch akt' von etwa 4 Tagen in Aussicht genommen ist. Von Lissabon aus wird die Fahrt nach Tanger gehen, ein Ab­stecher, der ja bereits gewaltiges Aufsehen erregt hat. Von Tanger führt der Weg nach Genua. Ob ein An­laufen von Gibraltar in der Tat erfolgen wird, wird von den Wünschen des Kaisers abhängig gemacht werden. Auch die Malearen sollen angelaufen werden, und zwar

Feuilleton.

Oie §ymbolik des Mutes.

Von Or. Otto Gotthilf.

Das Blut ist des menschlichen Körpers bedeutungs- vollster Bestandteil, der von altersher als Sitz des Lebens, als Wohnung der Seele galt, und in welchem die merk­würdigen Eigentümlichkeiten der Rassen,^ die geheimms- volle Zusammengehörigkeit der Verwandtschaft verkörpert sind. Im Blute liegt verborgen das unsichtbare, aber unleugbare Band der Blutsverwandtschaft, welches oft Hunderte von Gliedern der verschiedensten Stände und Familien umschlingt und immer wieder das Gefühl der Zusammengehörigkeit Hervorrust, in welchem Dinne auch Kaiser Wilhelm II. sagte:Blut ist dicker als Wasser." Und wieder ist es daskalte Blut" der nordischen Böller und dasfeurige Blut" der Südländer, -welches die charakterischen Eigenschaften dieser verschiedenen Rassen bildet und erklärt. Weiter steht schon in der Bibel ge­schrieben (III- Buch Mos., Kap. 17, Vers 11):Des Leibes Leben liegt im Blut": sowie:Das Blut ist der Sitz der Seele" (V. Buch Mos., Kar. 12, Vers 13). Durch diese Worte der Schrift bewogen, suchte der spanische Mönch Mguel Serveto im Blute menschlicher Körper nach der Seele und entdeckte dabei den sog. kleinen Blutkreis­lauf (im Jahre 1683). Auch William Harvey, der Ent­decker des großen Blutkreislaufes, sagte:Im Blicke

wohnt die Seele, wohnt der Geist."

Eine natürliche unmittelbare Folge dieser Auf­fassung war der von altersher allgemein ausgeübte Aus­tausch des Blutes zur Schließung von Blutfreimdfchaften und Blutbünden. Wer von dem Blute eines andern in sich aufnimmt, -der wird auf diese Weise des Geistes und der Seele des anderen teilhaftig, ist mit ihm in nnzer-

trennbarer Freundschaft verbunden wieein Leib und eine Seele". Man saugt entweder gegenseitig das Blut aus kleinen, frisch geschnittenen Wunden, meist des Armes, oder man mischt die Blutstropfen in einem Becher . aus dem man gemeinsam trinkt. Der Sgythe Toxarrus schildert, wie in seinem Lande die Blutbünde entstehen: Von dem Augenblicke, wo sich bei uns ihrer zwei in den Finger schneiden, etliche Tropfen des Blutes in einen Becher laufen lassen, die Spitzen ihrer Dolche hinein­getaucht, zum Munde gebracht und abgeschlürft haben, von diesem Augenblick an gibt es nichts auf der Welt, was sie wieder trennen könnte." Das Eintauchen der Waffen bedeutete, daß die Blutsfreunde dieselben nun nie mehr gegeneinander gebrauchen würden, weil ja durch die Gemeinschaft des Blutes alle Feindschaft auf- hört.

So wird ganz allgemein bei den Völkern des Mb- nrs sowohl* wie Bei den Naturvölkern noch jetzt die lutsfreundschast geschlossen. Wie schaurig durchzitterten is als Knaben die Darstellungen eines Blutbundes fischen Indianerhäuptlingen undBleichgesichtern"! uch in europäischen Ländern sind sogar noch in neuerer fit Blutb'ündnisse geschlossen worden, z. B. unter jüdi- nn Brautpaaren in Schlesien, welche Blut aus ihren ingern bei der Hochzeit vermischten: mit ihrem Blute wncken die Seelen zu einem Bunde zusammen.

Schon seit den Urzeiten des Menschengeschlechtes fite man bei Mord und tödlicher Verletzung den innigen afammenhcmg des Blutes mit der Seele und dem Leben -obachtet, denn mit dem Blute strömte auch das Leben l§, uerließ auch die Seele den Leib. Gleich der erste wvd "tarn dem die Weltgeschichte berichtet, machte dies tenbar Als Abel von Kain erschlagen war, heißt es >er auch CI Buch Mos., Kap. 4, Vers 10):Die Stimme -s Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde." as Blick erhebt den Racheschrei, das Mut wird zum

Verräter an dem Mörder. Dieser Glaube ist in die Volksanschauung aller Zeiten und Völker übergegangen und noch in der Jetztzeit hier und da vorhanden. Man glaubte, daß das Blut eines Erschlagenen wieder zu fließen anfange, wenn der Mörder entweder die Wunde berührte oder in die Nähe d-e^ Toten kam. Als Siegfried von Hagen erschlagen war, spricht Kriemhilde:

Wer daran schuldig, leicht ist es dargetan:

Er mag nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn,

Da nag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit »ersehn: Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, Wenn man den Mordüefleckten bei dem Toten sieht.

So bluten ihm die Wunden: wie es auch jetzt geschah, Daher man nun der Untat sich zu Hagen veriah.

In Shakespeares Heinrichs III. (I.Akt, 2 Szene) ruft Anna, sobald Master an den Leichnam Heinrichs .VI. tritt, aus:

Ihr Herren, seht! Des toten Heinrichs Wunden Offnen den starren Mund und bluten frisch!

Erröte, Klumpe schnöder Mißgestalt!

Denn deine Gegenwart haucht dieses Blut Ans Adern, kalt und leer, wo kein Blut wohnt:

Ja deine Tat, nmnenschlich, unnatürlich.

Ruft diese Flut hervor, so unnatürlich!

Nach der Volksanschauung wohnte im Blicke nicht nur die Seele und das Leben, sondern auch -die körper­liche Lebenskraft, die Vitalität^ die Energie. Daher war cs vielfach Brauch, daß der Sieger -das Blut des über­wältigten und getöteten Gegners trinkt, arm sich dadurch dessen KrLite, Mut und Tapferkeit anzueignen. So trinken nach der Nibelungenfage aus Rat des grimmen Hagen seine Geführten das Blut des Erschlagenen-: Davon gewann viele Kräfte manches Ritters Leib."

Aus demselben Grunde hielt man -das Blut jugend- kräftiger Personen für ein Spezifikum, der Lebensver­längerung, -uni die gesunkenen Lebenskräfte alter Leute zu heben. Bedeutende Ärzte wie Marsilius Fizinus (im Jahre 1576) rieten den Greisen, zur lErlangung frischer