SS. Jahrgang.
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Jjttf* 135* «erlagS-Fernsprecher No.
2958.
Dienstag, den 21* Miln.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
ISVS.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Der neueste englische Armee skundal.
Unser Londoner ».-Korrespondent schreibt unZ unterm 18. d. M.:
Trotz der ungcheuSrn Fülle des Angriffsmateriales, Las der Transvaalkrieg den Gegnern der Regierung bereits lieferte, vermögen diese doch noch immer Neues und für die Veranstalter jenes Unternehmens mehr denn je Kompromittierendes zu entdecken. Nur der Haupt- missetäter, der große Agent provocateur des britischen Reiches, Mr. Chamberlain, bleibt von allem unberührt, denn er verstand es bisher stets, zeitweilig vom Scham platz zu verschwinden, wenn immer einmal Unangenehmes zur Sprache kam, und gegenwärtig gehört er ja, dank seines freiwilligen Rücktrittes, nicht einmal mehr der Regierung an. Schließlich könnte man ihm freilich auch keinen Vorwurf daraus machen, daß die Jam-Pfund- töpfe für das .Heer im Transvaal nur drei Viertel Pfund enthielten, und für viele Millionen nicht verbrauchter Proviant nach dem Krieg, wie einst der Ring des Tyrannen von Samos 'den Fluten überliefert, wieder zum Vorschein kam. Aber wahrscheinlich wohnten auch weder Mr. Balfour, noch Mr. Arnold-Forster oder die anderen Staatsminister dem Füllen der Obstntustöpfe bei, und dennoch fällt auf sie, also auf die Regierung nun — das ganze Gewicht der Gewichtsdifferenz. Während der letzten drei Tage hatte Mr. Arnold-Forster bereits die unangenehmsten Fragen im ZufamnienhaNg mit dem neu aufgedeckten Armeeskandal im Unterhaus zu beantworten und tat das so unwillig, daß inan nun vielfach noch ganz besonders Pikantes erwartet. Hat es sich doch unter anderem hercmsgestellt, daß ungeheure Mengen Gewehr- wie Geschützmimitian völlig unbrauchbar waren, und da sich Mr. Chainberloins Munitionsfabrik, Kynoch Limited, unter den Lieferanten befand, so hoffen seine Gegner ihn doch noch mit in die Geschichte verwickelt zu sehen. Besonders wahrscheinlich ist das freilich nicht, denn die Regierung erklärte bereits, es ließe sich nun nicht mehr ermitteln, van wem die fehlerhaften Patronen stammten, da inzwischen alles durcheinander geraten wäre. Am Montag soll sie int Unterhaus Auskunft darüber erteilend weshalb eine Menge haltbaren Proviantes nach dem Krieg in das Meer geworfen wurde. Wie man nämlich erfuhr, mieteten die Militärbehörden seinerzeit
Feuilleton.
Frühlingsanfang.
Von L. Lendel.
Die Amsel pfeift ... bas ist ein Locken,
Wohin bu schaust rings in der Welt!
Es läuten unsichtbare Glocken Den Weiheklang ob Wald und Feld.
Ei» kecker Falter probt die Schwingen . . .
So lau unö lind des Südwinds Hauch . . .
Schau nur: die braunen Knospen springen Nun bald am kahlen Heckenstrauch!
Die Amsel lockt . . . Und blaue Schleier Umhüllen dich mit weichem Duft . . .
Das ist der Tag der Friihlingsfeior:
So schwer, so müde macht die Lust!
Die Sonne glänzt so blank, so golden!
Schmiegt sich um Ästwerk, Zaun und HauSI Und Veilchen schon! Pflück deiner Holden Davon den ersten Frühltngsstrautz!
Reich ihn ihr dar, wenn Mittagssonne Ihr blondes Haargeflecht umkrönt.
Aus ihren Augen spricht die Wonne Dann stumm den Dank, der sie verschönt . .
Und nimm dein Liebchen dann am Arme,
Führ' sie hinaus in Wald und Feld,
Daß sie umfängt der frühlingSwarmc Glückshauch der neuerwachten Welt!
Die Lerche» werden euch umfingen,
Ihr werdet diesen Sang versteh'»!
Und über eurem Haupt wird schwingen Die mächt'gen Fittiche der Föhn! —
Und buntes Leben wird umlachen Euch Herz und Augen, Seele, Sinn. .
Auch euer Glück wird Glut entfachen,
Denn also will's der Lenzbeginn. —
if
Man soll nicht für alle Dinge den Kalender znr Richtschnur nehmen, auch nicht, für den Beginn des Frühlings. Mitunter kann am 21. März der Lenz noch weit im Felde sein: ebenso gut kann er aber auch seine Herrschaft schon wochenlang angetrcten haben. Immerhin aber kann man nach stell alljährlich gemachten Erfahrungen den Satz aufstellen, daß der Frühling in Wirklichkeit im letzten Drittel des Märzmonates zu beginnen pflegt.
Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Frühlingsanfangs hat sich bis aüf den heutigen Tag erhalten. Die altheidnrschen Rudiment« des große d Sonnensestes sind
einen großen Dampfer, der in Kapstadt ylit Flcisch- konserven vallgeladen, Auftrag, erhielt, diese in sicherer Entfernung ins Meer zu werfen. Allen Beteiligten war die strengste Geheimhaltung der Sache zur Pflicht gemacht worden, aber bei der, üblichen Umsicht der englischen Heeresverwaltung erscheint es nur natürlich, daß man vollständig die schwimmerischen Befähigungen der Holzkisten außer acht ließ, die die Blechbüchsen- enthielten. So kam es'denn auch, daß einige Tage nach Rückkehr des Dampfers auch die Kvnservenkisten, sozusagen auf eigene Faust wieder in der Tafelbai eintrafen, und dort ungeheueres Aufsehen erregten. Schleunigst aufgssisch-t, wurden sie bereitwilligst von Händlern gekauft, und sollen zum großen Teil ihren Weg aus .beu Londoner Ntarkt gefunden hlgben. Weitere dionsm:eititberroste, nämlich' 250 000 Kisten, 18 000 000 Büchsen enthaltend. Verkaufte man « die ReUniön-RohrMckerplantagen unter der Bedingung, daß ihr Inhalt lediglich als Dünger Verwendung fände. Viele der Plantagenarbeiter -haben jedoch seit Jahr und Tag von ihm -gelebt, woraus hervor- goht. daß der Proviant nicht verdorben war. Jnztoischen wurden-, die Namen der meisten der betreffenden Armiee- lj-efermiten veröffentlicht, deren Geschästsruf natürlich im höchsten Grad gefährdet ist, so lange nicht ermittelt wird, von wemz. % die nicht vollwichtige Ware stammte. Der mit dieser getriebene Schwindel wurde übrigens erst entdeckt, als die .Heeresverwaltung gewisse Überreste an Meistbietende verkaufte. Alles in allem wird der Ver- Iitft durch unredliche Lieferung und Vernichtung von Überresten auf 7- bis 8 000 000 Mark geschätzt.
Schmiergelder.
, Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zu lieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib!
Ties schöne Wort des Altmeisters Goethe erfährt in dieser schlechtesten aller Welten leider vielfach, -eine recht häßliche Anwendung, die wir in der deutschen Sprache — und das ist eigentlich eine erfreuliche Erscheinung — mit einem Fremdwort, mit' dem Worte Korruption, zu bezeichnen pflegen. Das klassische Land, der Korruption ist, dafür hat ja gerade das letzte Jahn vollgültige Beweise gebracht, Rußland, das Reich des rollenden Rubels. Das Wart Mephistos „gleich schenken -brav, da wird er reüssieren!" ist in Rußland die Parole, die ein „Sesam, Sesam öffne dich!" bedeutet. Die schon- im klassischen
nicht untergegangen, sondern leben hier und da in christianisierten Verbrämungen an den Fastenfonntagen, in der Karwoche oder am Osterfest selbst wieder auf.
Man wand Strohkränze, die man in Pech tauchte, bepin-selbe Wagenräder -mit demselben leicht brennbaren Material, zündete sie an, warf sie in die Höhe oder ließ sie brennend einen Berghaua herniöderrollen. Bei den alten Deutschen nmüde auch mit dem offiziellen Frirh- lingsbcginn Haus und Gehöft einer -eingehenden Säuberung unterzogen, auf daß di« Wintcrgeister aus allen Ecken und Winkeln hervorgesegt wurden. Dieses Fegen wurde gewöhnlich von einem halblaut gemurmelten Zaüberspruch begleitet. Der Besen selbst, mit dem die Fegeprozedur vorgenommen wurde, mühte ans mit Knospen bedeckten Ruten bestehen, die um so wirksamer waren, wenn ans den halbgeöffneten Knospen schon ein wenig von dem lichtgrünen Blattgrün hcrvorlugte.
Auch das Vieh, das einen Hieb mit einer derartigen Rute erhielt, konnte -ans ein gutes Gedeihen und eine gute Gesundheit während der ganzen Dauer des Jahres hoffen.
Aber man suchte die Geister nicht nur fortzujagen, sondern sie vielmehr nur auf eine energische, aber immerhin anständige Art hinaus- zu komplimentieren. Man suchte sie zu gleicher Zeit auch zu „versöhnen". So goß man in der Nürnberger Gegend vor dem Trinken wenige Tropfen des Getränkes auf die Erde. Das erinnert recht lebhaft an die alten Trankopfer: allein auch zu den alten Speis-eopfern findet sich in diesen Bräuchen eine Parallele. Man -wirft eine Handvoll Krümel auf den Herd, vor die Haustür oder auf die Feniierbank -- Sitten, die man heute noch zur Zeit des.FrühlingsÄnfätiHs ist Bayern und in Ostpreußen beobachten kann.
Auch dem Zauber war man nicht abhold. Spinnfäden um Weidenruten gewickelt gaben ein gutes Abwehrmittel gegen Blitzschlag und Krankheit, wenn sie zur Zeit der Frühlingssonnenw-ende an der Stalltür, Scheu- nentür oder Haustür befestigt wurden. Heilkräftig sollte auch das Bestreichen kranken Viehs und kranker Gliedmaßen mit derartig präparierten Ruten sein. Ganz aus- gestorben soll dieser Brauch auch, heute noch nicht sein. Freilich sind die Spinnwe'bf-äden verschwunden. Aber ein Kreuz aus Kätzchen tragenden Weidenruten, die in der Märzneumondnacht gepflückt sein müssen, kann nach dem Volksglauben in entlegenen Gegenden Eithlands heute noch durch Berührung heilkräftige Wunder wirten.
Altertum bekannteWeisheit, daß man mit einem mitGold beladenen Esel über jede Festungsma-uer kommen könne, ist im „heiligen Rußland" gleichsam zu einem philosophischen System ausgearb eitet worden. Für Geld kann man in Rußland alles haben. Dort hat jeder Beamte, anfangend vom Laternenanzünder und h-i-naufgehend bis zum Gvuverrreur, seine Taxe. Hat es doch selbst ein Großfürst nicht verschmäht, die für die frierenden Soldaten auf dem Kriegsschauplätze bestimmten Decken zu Versilbern, um seine Maitresse damit zu vergolde:!.
Wir Deutschen könüen mit Stolz sagen, daß uns Erscheinungen, wie sie in Rußland, der Türkei und freilich auch manchen ander-en zivilisierten Ländern-, — wir erinnern nur an den Panama-Skandal in Frankreich und die Baüca Romana-Affäre in Italien — an der Tagesordnung sind, eine unbükannte und fremde -Erscheinunggeblieben sind. Dem deutschen Beamten ist das Gefall zumeist recht knapp zubemesseni.tnb er muß sich, zumal wenn er Familienvater ist, tüchtig nach der Decke strecken. Aber der deutsche Beamte im -allgemeinen genießt nicht nur in -der Heimat, sondern überall in der Welt den ehren- den Ruf einer -absoluten Unzugänglichkeit gegen jegliche Verlockungen -und Beeinflussungen. Dieser Ruf ist so gefestigt, daß der deutsche Beamte bis in das exotische Ausland hin vielfach eine sehr begehrte Persönlichkeit darstellt, und daß in den Parlamenten anderer Länder schon wiederholt, wenn üb-er die Korruption des Beamten- tu-ms geklagt wurde, der deutsche Beamte -als nachahmenswertes Beispiel -hingestellt worden ist.
Wenn somit in den letzten Monaten in Deutschland viel von den sogenannten Schmiergeldern -die Rede war, so bezog sich dies nicht auf den deutschen -Beamtenstand und konnte sich nicht auf diesen beziehen, sond-ern auf einen beklagenswerten Mißsta-nd-, der nach der Versicherung der beteiligten Kreise sich in den letzten Jahren im kaufmännischen Leben in sehr bedenklicher Weise bemerk- bar gemacht habe. Insbesondere aus den Kreisen der Großindustriellen sind lebhafte Klagen laut geworden über den zunehmenden Übelstand der Bestechung -von Angestellten der Kundschaft, um diese zu einer BW-orz-u-gung der angebotenen Waren gegenüber den Waren der Konkurrenten zu veranlassen.
In einer von der Pfälzischen Handels- und Gewerbe« kammer an die bayerische Staatsregierung gerichteten Eingabe, worin ein Ausbau des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb zum Zweck der Verhinderung des Schmiergelderunwesens gefordert wurde, ist u. a. ansgeführt worden, daß diese Bestechung anfänglich in dev Weise betrieben worden sei, daß die Lieferanten den mit
Diesew Glauben liegt wohl höchstwahrscheinlich dev Glaube an die Sympathiemittel und au die heilkräftig« Wirkung frischer Kräuter und Pflan'zenfchößlinge, wie man ihn heut« noch vielfach verbreitet findet, zugrunde. Und daß der.Frühling derartige heilkräftige Sympathien hervor,zurüftn vermag, wird niemand leugnen, der jemals eingehend die Wirkung der wärmeren Jahreszeit aus Temperament und OrganisMus des Menschen de. obachtet hat.
Wie Dichtung weiß namentlich ein Lied davon zu singen. Da ist I. Sturms wunderbares Lied „Fm Früh, ling", das wir, wenn -auch nicht ganz, so doch im Auszug wenigstens hier wiodergebeu wollen:
Der Frühling kam, dcr Frühling rief Vorn Berg ins Tal hinunter:
,.Wär' euer Schlaf auch noch so tief,
Ihr Schläfer, werdet munter!"
Da regten tausend Keime sich Und wurden stark und stärker Und dehnten sich und streckten sich Und sprengten ihren Kerker.
Da traten Blätter zart und weich Ans kleinen, braunen Wiegen,
Um schüchtern an den schlanken Zweig Sich innig anzuschmicgcn.
--Da sing mein Herz zu klopfen an
So schmerzlich und so bange:
Ein Strom von bitteren Tränen rann Heiß über meine Wange.
Der Lieben Hab' ich still gedacht.
Die grüne Hügel decken,
Und die der Lenz mit seiner Macht Nicht kann vom Schlaf erwecken.
So mancher wird selbst wohl ähnliches gefühlt hasten. Schwer ist eö, sich diesem allmächtigen Reiz, den der Frühling in der ganzen Natur ailsstrahlt, zu entziehen. Mit unsichtbarer und unwiderstehlicher Gewalt hält er den Erdgeborenen gepackt. Und alle die Hoffnungen, di« der Winter unter dem Leichen-tnch-e des weißen Schnees ver- grub, und die der Frost bis zu Eis erstarren ließ, — sie werden wieder wach, keimen, sprengen die Hülle, die sie gefesselt hi-elt, und drängen in neuen kräftigen Trieben dem Licht entgegen. Und was da zum Licht einmal «in» porgcdrungen, das wächst, blüht und fruchtet, bis daß der Tag der Ernte gekommen! Möge dies« Ernte reich werden, dann war Glück verheißend des Frühlings Anfang!
