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M-rsr«.A«sgabe, 1. Olatt._Wieskadettex NagbLatt. S-ttittas. IS. MSr-l lSVS. ff-kl-s.
Mietprivileg des Vermieters.
DaN Mietprivileg des Vermieters bei Pfändungen vurch Gläubiger des Mieters. Nach 8 561 Ms. 2 B. G.-B. verliert der Vermieter sein Pfandrecht an den eingebrach- tm Sachen seines Mieters, wenn er nicht mit dem Ab- laitf eines Monats, nachdem er von der WeAschäffnng dcr eingebrachten Sachen von dem vermieteten Grundstück Kenntnis erlangt hat, seinen Anspruch gerichtlich geltend macht. In Wissenschaft und Rechtsprechung ist nun die Frage streitig, ob jene Vorschrift sich auch auf einen pfäitüenden Gläubiger des Mieters bezieht, der also auf Grund eines Rechtstitels die eingeb rächten Sachen des Mieters von dem Grundstücke des Vermieters entfernen ließ, über diese auch für das praktische Leben sehr bedeutungsvolle Frage hat sich der 8. Zivilsenat des Kölner Oberlartdesg erichts in einer am 22. Februar d. I. ge- troiffenen Entscheidung, welche im Widerspruche mit einer Kamimergerichtsentscheiömng, jedoch in überein- stiutrNung mit einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Z«u Hamburg steht, wie folgt ausgelassen: Ein Eifen-
Hästdler zu St.-Bith machte mit einer gemäß 8 805 C.-^P.-D. bei dem Landgericht zu Aachen erhobenen Klage sein Vorzugsrecht als Vermieter im Sinne des 8 568 B. G.-B. gegen zwei Gläubiger seines Mieters geltend, welche dessen eingebrachie Sachen gepfändet hatten. Während die Zweite Zivilkammer des Landgerichts zu Aachen die Klage abgowie'scn hatte, erkannte das Oberlandesgericht den klägerischen Anspruch durch eingangs genannte Entscheidung im Prinzip an, abgesehen von einzelnen tatsächlichen Abweichungen, die hier nicht weiter interessieren. In der Urteilsb egründung finden sich nachstehende bemerkenswerte rechtliche Ausführungen von grundsätzlicher Bedeutung: Da es unbesSritten ist, daß die Wäge später als einen Monat Nach der Kenntnis des Klägers von den erfolgten Pfändungen und der Entfernung der Pfandstücke aus der Mietwohnung erhoben worden ist, ko'wmt es darauf an, ob die Frist des 8 561 Nr. 2 B, G.-B. auch auf die Klage aus 8 805 C.-P.-O. anwendbar ist. 'Der erkennende Senat steht lm Gegensätze zu der VoriNstanz und des KaiNmergerichts, jedoch in NbereiNstlmmung mit dem Oberlandesgericht zu Häm- bura auf döm Standpunkte, daß Steife Frage zu verneinen ist. Die Vorschrift des 8 561 Ms. 2 B. G.-B.. entstctwmt dem Entwurf der 2. Lesung des B. G.-B. und ist nach der Druckschrift «dem Art. 2102 Nr. 1 des code civil nachgebildet in folgender Erwägung: „DiÄse Beschränkung erscheint im Interesse der Sicherheit des Verkehrs geboten: insbesondere kommen hier die Rechte desjenigen in Betracht, ans dessen Grundstück inzwischen die Sachen Zufolge eines neuen Mietvertrages verbracht sind." Im rheinlschen Rechte ist aber nach ständiger Rechtsprechung des Kölner Oberlanidesgerichts angenommen worden, 'daß das Privileg des Vormieters nicht dadurch verloren ging, daß die eingebrachten Sachen im Wega der Pfändung weggebracht worden sind, und es hätte daher im Gesetz oder wenigstens in der Denkschrift gum Ausdruck gebracht werden müssen, wenn der Entwurf von einem anderen Standpunkt ausgegangen wäre. Nach dem Wortlaute der 560, 561 B. G.-B. betreffen diese nur den Fall, daß der Vermieter zu'm Widerspruch gegen die Entiern'nng der eingebrachten Sachen befugt ist was aber bei 8 805 C.-P.-O. ausdrücklich nicht der Fall ist, da hiernach der Bovzugsberechtigte der Pstin- dung nicht widersprechen darf, sondern auf eine Klage zur Geltendmachung des Anspruchs auf vorzugsweise Befriedigung beschränkt wird. Der Fall der Pfändung der eingebrachten Sachen durch die Gläubiger des Mieters ist demgemäß in einer ganz anderen Weife geregelt, als die Entfernung im Sinne der 88 560, 561 B- G.-B., und es spricht schon eine Vermutung dafür, daß der für enteren Fall maßgebende 8 605 C.-P.-O., welcher die Fri'st-
besttoiMung des 8 561 Abs. 2 B. G.-B. nicht enthält, allein
maßgebend sein muß. Es kann aber auch eine entsprechende Anwendung der letzteren Vorschrift nicht für gerechtfertigt erscheinen, da der vorevwähnte Grund für diese Bestimmung, NäUrlich die Rücksicht auf die Sicherheit des Verkehrs, bei der Pfändung der eingebrachten 'Sachen in keiner Weife zutrifft.
— Tägliche Erinnerungen. (19. März.) 1289: Herm. v. Salza, Hochmeister des Deutschen Ordens, st (Barletta). 1782: W. V. Viola, Astronom, geh. («Roßla). 1813: David Livingstone, Afrikareisender, geb. (Blantyve bei Glasgow). 1851: Grotzherzog Fr. Franz von Mecklenburg- Schwerin, geb. 1853: Paul v. Schönthan, Lustspieldichter, geb. (Wien).
— Schiller-Matinäe. Das Comit<s Zur Errichtung eines Schillerdenkmals, rvelches bekanntlich am 9. Mai, dkm hurtdertsten Todestage des Dichters, vor dem Königlichen Theater enthüllt werden wird, veranstaltet zugunsten seines Fonds am Sonntag, den 26. März, tat Hoftheater eine große Matinee, deren Beginn auf 111/2 Uhr festgesetzt ist. Nach dev hier in Wiesbaden selten gehörten Ouvertüre zu Richard Wagners" „Rienzi" unter Professor MannstÄdts Leitung gelangt die berühmte Klosterscene aus Schillers unvollendetem „De- inetrius" Zur Darstellung: daran schließt sich die Aufführung von „Wallensteins Lager", das dekorativ vollständig neu ausgestattet worden ist. Zwischen den beiden Aufführungen ist eine halbstündige Evfrischungsstause vorgesehen, während welcher im Foyer durch Damen der Gesellschaft und Mitglieder des Königlichen Theaters Speisen und Getränke zUm Verkauf gerangen werden. Die Veranstaltung findet zu den gewöhnlichen Preisen der Abendvorstellungen statt.
o. Kurhaus-Neubau. Die „Kurhaus-Neubau-Bahn" hat, wie erwähnt, ihre Aufgabe erfüllt und das Geleise ist bereits ans den Straßen verschwunden. Die Abfuhr des Schlammes aus dem Weiher, für welche mau die IFeldbahn noch in Aussicht genommen hatte, geschieht durch einen astderen Unternehmer mittelst Karreufuhr- meük. Die Feldbahn wird wieder rat BaHrthofsgelände verwendet, wo die Erdbewegungen, insbesondere die 'Anschüttungen von Dämmen, iwmer noch nicht beendet
sind. . t
— Gesang-Wettstreit. Der Gesangverera „Liederkranz" hat in der am vergangenen Mittwoch stattgefundenen Versammlung beschlossen, an dem am 20. und 21. August d. I. stattfin'denden Gesangwettstreit in Psaffendorf a. Rh. bei Koblenz teilzunehmen. Der Verein singt in der 3. Städteklasse.
— Zur Lohnbewegung im Schreinergewerbe erhalten wir ein« Berichtigung, wonach die Arbeitnehmer ab 1. März 1906 neunstündige Arbeitszeit und 15 Prozent Lohnerhöhung auf die seitherigen Löhne verlangen.
— Kochkiste. Für solche, die sich die Kochkiste selbst ansertigen wollen, ist das von Frau Bieber herausge- gebene Merkchen zum Preise von 1 M. zu empfehlen, das genaue Anleitung hierzu gibt und mehrere Hundert Rezepte über Speisen enthält, die in der Kochkiste hergestellt «werden können. Das Buch ist bei Herrn Buchhändler Kraft, Kirchgasse 86, erhältlich, woselbst «die- jeui>gen, welche es bereits im Vortrag erwarben, gegen Vorzeigung desselben eine Zeichnung der Kochkiste umsonst erhalteü.
— Orthopädisches Turnen. Als Mittel zur Bekämpfung beginnender Rückgratsverkvrrmmiing gilt heutzutage nicht mehr der die Entwickelung des Brustkorbes und die Atmung hemmende Geradehalter, sondern vielmehr eine methodische und längere Zeit geübte orthopädisch-gymnastische Behandlung. IN beginnenden leicht teren Fällen reicht sie vollkommen auS, um Verschlimmerung des Leidens aufzuhalten und Heilung zu erzielen.
Um nun den Kindern aus «minder begüterten Familien auch die Gelegenheit zu schaffen, einen richtig geleitete« orthopädischen Turnunterricht zu nehmen, hat Ober» turnlehrer Grittner zu Hagen i. SB., dem auf diesem GH- biete eine langjährige Erfahrung zur Seite fleht, M» nächst einige Turnlehrerinnen für diesen Zwest «US» gebildet. Die städtischen Behörden haben seinem Anträge gemäß genehmigt, .daß den Schülerinnen nunmehr Ge» legenheit geboten ist, unter sachkundiger «Leitung orthv» pädische Turnübungen zu betreiben. Auch wurde de« Schulärzten und Eltern Gelegenheit geboten, in den Betrieb dieses besonderen Turnunterrichts Einblick M nehmen. «
0 . Arnren-Arbeitshaus. Das von der Städt wAt draußen an der Mainzer Landstraße errichtete Armen-» Arbeitshaus, dessen gefälliges Aussehen eigentlich ganz« etwas anderes in ihm vermuten läßt, dient zur Auf-» nähme von Armen, sowie 'zur zeitweiligen Unterbringung Wohnungsloser, ferner zur Aufnahme von artnen Kranken, die nicht besonderer Pflege bedürfen, und solcher Personen, die durch Zuweisung von Arbeit unterstützt werden sollen. Für die Beaufsichtigung und Pflege deF Insassen ist ein HauAelternpaar angeftellt, welches in der Anstalt wohnt. Außer Zwei großen ArbeiMsälen sind vier Arbeitsräuwe für Schreinerei, Schuhmacherei ufw., ferner Zwei große Schlafsäle und neun sonstige Räume mit 104 Betten, Arbeitshallen, Trockenspeicher und Stallung vorhanden. Der ea. 2 Morgen große Anstalts- garten bildet mit dem Ha'us und Hof eine abgeschlossen«« Besitzung. Weitere 24 Morgen städtische Grundstücke werden von den Insassen bewirtschaftet. Im Lause des Rech» nungNjahres 1903/04 waren, nach dem für diese Zeit erstatteten städtischen Verwaltungsbericht, tot ganzen 112 männliche und 70 weibliche Erwachsene, so«wie 60 Knaben und 50 Mädchen untergebracht. Der 1. April 1904 zeigte einen Bestand von 23 männlichen und 16 weiblichen Erwachsenen, ffowie 19 Kindern (10 Knaben und 9 Mädchens. 17 standen rat Alter bis zu 1 Fahr, 33 im
Alter von 1 bis 6 Jahren, 39 im Alter vom 6 bis 14 Fahren, von den männlichen Erwachsenen 7 im Alter von 14 bis 20 Jahren, 1 lm Alter von 20 bis 28 Jahren, 6 tm Alter von 25 bis 80 Jahren, 15 i'm Alter von 80 bis 40 Jahren, 9 lm Alter von 40 bis 50 Jahren und 82 im Alter von üöcr 50 Jahren, von den weiblichen Erwachsenen 10 im Illter von 20 bis 25 Jahren, 10 im Alter von 26 bis 30 Jahren, 13 tot Alter von 30 bis 40 Fahren, 6 im Alter von 40 bis 50 Jahren und 18 km Alter von über 60 Jahren. Der Konfession nach waren 42 Männer evangelisch, 48 katholisch, von den Frauen 81 evangelisch und 23 katholisch, und devt Stande nach von den Männern 48 ledig, 20 verheiratet, 19 verwitwet, 8 geschieden, von den Frauen 20 ledig, 24 verheiratet, 8 verwitwet und 2 geschieben, von den Kindern 69 ehelich und 20 unehelich geboren. Bon den weiblichen Erwachsenen hatten 20 eheliche, 7 uneheliche Kinder, eine Stiefkinder und 26 keine Kinder. Nach der früheren Lebensstellung Waren: unter den Männern: 1 Barbier, 2 Bäcker, 1 Bergmann, 1 Dachdecker, 1 Dekorationsmaler, 1 Fabrikarbeiter, 5 Fnhrknechte, 1 Gärtner, 1 Glasätzer, 2 HauS- vurschen, 5 Hausierer, 1 Heizer, 2 Hokz'drehcr, 2 Kattfleute, 1 Kellner, 1 Koch, 1 Korbmacher, 1 RechWkoNsnlent, 8 Schlosser, 3 Schneider, 3 Schreiber, 1 Schreiner, 8 Schuhmacher, 1 Schweizer, 4 Steinhauer, 40 Taglöhner, 1 Ziegler, 41 Zigarren'macher: unter den Frauen: 13 Dienstmädchen, 1 Köchin, 3 Marktfrauen, 6 Mvnats- frauen, 1 Näherin, 28 Taglöhnerinnen und 2 Wäscherinnen. Die Anstaltsinsaffen wurden mit Haus-, Garten» und Feldarbeit, «Mehpflege, Zerkleinern von Holz, Waschen, Putzen, Nähen und Stricken 'beschäftigt. 'In 27 Fällen kamen Krankheiten vor, eine Frau wurde nach der Irrenanstalt Eichberg gebracht, 8 Frauen sind im Krankenhause, 2 Männer und 3 Kinder tot Ar'meu-Ar-
ttt höchsteigener Person. Der selige Ramses und ich, ganz Allein' — SBe r tf) seltsame Gedanken das in mir hevvor- rief! Da rauschten plötzlich Frauenkleider neben nur. Nicht die lattt rasselnden seidenen Röcke der Amerrra- nevinnen und anderer reicher Frauen. Es waren dre Gewänder ägyptischer Damen. Zwei verschlererte trauen ■— wie aus dem Harem entsprungen, standen plotztrch cn meiner Seile. Brauche ich zu versichern, daß das abermals seltsame Gedanken in mir henvorrtef? Ste trugen dünne weiße Schleier, mußten also wohl Türkinnen und vornehmere Frauen «fern. Und fern Eunuche, kein Wächter, kein Begleiter irgend welcher Art! Das schien mir überaus romantisch«.
Ich weiß, cs schickt sich nicht, Damen anzuftarrenss aber es fiel mir plötzlich ein, was ich einmal von emer schönen Frau vernommen: einen beschmdenen, flüchtigen Blick respektvoller Verehrung verargt uns kein weibliches Wesen, Ich trat entschlossen näher. Die mir zunächst siöbende Dame sah mich an und sagte: „Pardon!" Es war mir eigentlich lieb, .daß sie das erste Wort an mich gerichtet, mich aewissermaßen angesprochen hatte Und all mein Französisch zusainmennehmend, machte rch eine nichtssagende Bemerkung über den alten Ramses, der ja noch immer in tmserer Gesellschaft war. Sie blickte mrch an und lächelte. Wenn ich sage, sie lächelte so meme m, natürlich nur mit den Augen. Zugleich aber stteg der Verdacht in mir auf, daß man wohl „Pardon" sagen kamt, ohne deshalb Französisch zu verstehen.. Ich sing Englisch an Sie lächelte wiedm nur, aber ergentumltch verschmitzt Wie bedmiertc ich im Augenblick, daß meine Erziehung so vernachlässigt war und ich mcht auch Arabisch gelernt hatte. Zugleich hätte ich jetzt doch aber auch cr'päht, daß die Damen nicht gerade hübsch, noch be- sonders jung waren. Das Lächerliche meiner Lage kam mir mehr und mehr znm Bewlißtsein. Und was konnte noch daraus werden, wenn im nächsten Augenblick ein Daar Eunuchen um die Ecke kamen. Ich trat etwas zurück, "setzt kam die eine der Damen rasch näher. Hinter mir 'hörte ich — wohl nur im Geist — Schritte näher und näher komnm,! Vor mir «das Weib mit verführerischem Blick! Jetzt lispelte sie — wer beschreibt mein Er- starmen! — in urwüchsigstem Deutsch: „Na, rat losen Se itttatt nich gleich weck."
Es waren ein paar deutsche Abenteuermnen aus dem y—>■ Gimpelfangs
Intimes vom Sultan von Marokko.
In der jüngsten Nummer einer englischen Zeitschrift, des „Blachvood", macht Walter B. Harris, ein Engländer, der längere Zeit der englischen Gesandtschaft in Marokko angehörte, interessante Mitteilungen über das Privatleben'«des Siultans. Da es bisher nur wenigen Europäern vergönnt war, in die nähere Umigebung dieses Herrschers zu gelangen, so gewinnen die Nachrichten eine arm so höhere Bedeutung, als die Lage seines Landes immer wieder die Aufmerksamkeit Europas erfordert. „Der Sultan von Marokko, Mulai Wdul Aziz", so beschreibt ihn Harris, „ist jetzt etwa 25 alt, etwa
5 Fuß 10 Zoll hoch und stämmig, ja sogar etwas schwerfällig gebaut. Er ist in feiner Hautfarbe nicht «dunkler als ein südlicher Europäer; ja nicht einmal so dunkel wie manche von ihnen. Seine Züge sind ein wenig durch Blatternarben entstellt. Seine Augen funkeln gutmütig mt'b enthalten viel Leben und Feuer, manchmal blicken sie unsäglich traurig und schwermütig darein. Der obere Teil seines Gesichts ist dem unteren vorzuziehen, denn eine lange Oberlippe, ein ziemlich breiter Mund und ein zurücktretendes Kinn geben idem Gesicht den Ausdruck weichlicher Schlaffheit und einer gewisseit Müdigkeit." Sein Leben stießt im einförmigen Laufe dahin. Schon früh beim Morgengrauen erhebt er sich und verläßt nach einigen Gebeten die Privatgemächer seines Palastes und begibt sich nach den Gebäuden, in denen er Hof «hält. Zn Mittag kehrt er nach dem Palaste zurück, wo er immer ganz allein diniert. Seine Majestät bedient sich beim Essen keiner Gabel und keines Messers, seine zehn Frager genügen ihm. Das mag uns Europäern unkultiviert er- scheinen, aber es ist gar nicht so unappetitlich, «denn vor und nach dem Essen werden die Hände in warmem «wohl- riechenden Wasser gewaschen. Nach dem Mittagessen ruht der Sultan ein wenig und dann gibt er sich dem Vergnügen hin in Gesellschaft seiner europäischen Beamten und Freunde. Kein männliches Wesen darf je in die Mauern des inneren Palastes eintreten; nur Frauen ist hier der Zutritt gestattet. Mulai Abdul Aziz hat schon oft darüber geklagt, wie langweilig ihm diese strenge M- Schließung sei. Wer als Selbstherrscher ist er gerade den Gesetzen der Tradition und den Sitten der Vorfahren zu gchorchen verpflichtet. Er liÄt orientalische Üppigkeit aav mcht, fein Sckstafgemach ist «mit, dev größte« Einfach.
heit eingerichtet, aber nraß in einer einzigen Farbe, einem! tiefen Jndigoblart, gehalten sein. Wenn er sich gerade im «Freien befindet, dann schläft er in seinem Zelt auf einer Matratze auf bloßer Erde und hat nur drei Kissen- Bei nassem Wetter mutz er dann beim Schlaifengehsn bis' an 'die Knöchel im Kot waten, wäh«rend seine Sklaven ihm erst die Füße waschen, wenn er den Teppich betritt, auf den «die Schlafmatratze gelegt ist. Der Sultan ist ein eifriger Radler und spielt oft auf dem' Rade «Polo in einem der weiten Höfe seines P-alastes; der Beherrscher Marokkos ist «dabei von einer fast besorgniserregenden Wildheit und Kühnheit; die anderen Spieler können ihm kaum folgen und ein englischer Legationssekretär zerbrach bei dem wilden Hin- und Herjagen «an einem Nachmittaa sechs Maschinen. Ter Sultan kann mit dem Rade auf einer Holzbohle, die auf eine Kiste gelegt ist, hinausfahren und dann wieder herunter auf der anderen Seite, Er macht viele Kunststückchen und kam dabei einmal zu Fall, «daß er ohnmächtig wurde. Doch erholte er sich bald. Er ist auch ein guter Tennisspieler und in allen europäischen Sports wohl erfahren. Seine maurischen Landes- linder scheu solche Vergnügungen mit Ingrimm; sie finden es kindisch, so herumIutollen; wenn der Sultan seine Stärke und Kraft zeigen wolle, dann solle er streng sein, ja grausam; er solle seine Zeit im Harem verbringen od«er auf dom Divan sitzend darüber nach«denkeir, wie man den Untertanen möglichst «viel Geld herauspresse. Seine Wohltätigkeit und seine Güte ist für sie ein ZÄchen von Sch«wachheit, und so ist der wohlwollende und freundliche Herrscher bei seinem Volke unbeliebter, als «wenn er ein Tyrann wäre. Aus den Miseren und unliebfamen Regierungsgeschästen rettet sich der Sultan oft zu einem kleinen Spaß. Eines Tages ging er mit dem Kriegsminister Menebhi und Harris rudern. Der Sultan und Menebhi nahmen die Riemen, bod> man kam nicht recht vorwärts, weil beide nicht recht rudern konnten. Trotz- «dem war das Vergnügen groß. „Hier gibt's keinen Sultan und keinen Vezier", rief Seine Majestät Harris zu, der am Steuer faß, „wir sind Ruderknechte und Sie sind der Passagier. Wir sind auf einer Fähre." Harris nahm denSpaß auf und sagte, so miserMoFäh«rlsute hübe er noch nie gehabt, da bezahle er auch kein Fährgeld. Indessen der Sultan erklärte, dann würden sie ihn racht ans Land setzen, und sie bespritzten Harris m«it Wasser und durchnäßten ihn völlig, bis « schließlich Fährst
