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SS. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post 8 Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

ZZ,OOO Avonnrnten.

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^$0. 133. Verlags-Fernsprecher No. 2988.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. Matt.

Friede in Sicht?

Nach jeder der ungeheuren Schlappen., welche Ruß­land in diesem verluistreichen Kriege gegen Japan er­litten hat, tauchten die Gerüchte auf, welche von Ver­mittlungsversuchen .der einen oder anderen Macht oder gar von direkten Friedensverhandlungen zwischen den beiden Gegnern zu berichten wußten, aber die Ereignisse selbst haben alle diese Gerüchte als unzutreffend er­wiesen. Werden die Meldungen, die auch jetzt wieder nach der furchtbaren Niederlage, nach der Katastrophe von Mnkden von verschiedenen Seiten auftauchen und die be­vorstehende Einleitung^ von Friedensverhandlungen cm- Lünd-en, das, gleiche Schicksal erfahren? Der Umstand allein, daß diele Meldungen von russischer Seite mit aller Entschiedenheit für unbegründet erklärt worden sind, be­weist allerdings nichts. Denn die russische Diplomatie müßte sich ihr Lehrgeld zurückzahlen lassen, wenn sie die Nachrichten über die Einleitung von Frredensverhand- lungen nicht.dementierte —• bis sie sich bewahrheiten.

Eines kann jedenfalls als feststehend erachtet werden, daß die ganz überwiegende Mehrheit des russischen Volkes den Frieden will, vielleicht den Frieden um jeden Preis. Aber srellich.das russische Volk hat bei der Frage „Krieg oder Frieden?" kaum mitzureden, wenig­stens nicht -direkt, sondern nur indirekt, d. h. insofern, als es durch seine Haltung einen Druck auf die Entschließun­gen des Zaren auszuüben vermag. Das russische Volk ist widerwillig in den Krieg mit Japan gezogen, und die amtlichen Versuche, eine sogenannte Volksbegeisterung gegen. Japan zu entflammen, haben nur eine sehr vorüber­gehende Wirkung erzeugt. Heute liegen die Tinge so, daß die liberalen Elemente des russischen Volkes in den Niederlagen des russischen Heeres, die sie lediglich als eine Niederlage des Zarismus ansehcn, die.stärkste Stütze für die von ihnen verlangte und ersehnte Reform des russischen Staats- und Volkslebens erblicken.

«Aber auch in den leitenden Kreisen Ruß­lands gibt es unverkennbar eine Friedens- Partei, wenn auch zurzeit noch die K r i e g s p -a r t e i offenbar die Oberhand hat. Diese Kriegspartei ist zu­gleich identisch mit der reaktionären Partei, welche weiß, daß nach dem offenen Eingeständnis der russischen Nieder­lage die Reformbewegung nicht mehr einguLämmen wäre.

Und deshalb ist diese „kleine aber mächtige Partei", an deren Spitze die Großfürsten stehen, beflissen, die Friedensstimmung, von der mich der „Friedenszar" an- gesteckt zu sein scheint, nicht aufkommen zu lassen, sondern

Somrlagz derr 19. Mär?.

mit allen Mitteln die Wetterführung des Krieges zu be­treiben. So wird denn russisch offiziös versichert, daß man den Krieg bis zum Weißbluten fortsetzen wolle und daß neue Armeen ans den M-andschnreitriegsschaupIatz geschickt werden würden.

„Kann ich Armeen aus der Erde stampfen, wachst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?" So mag vielleicht Zar Nikolaus verzweifelt fragen. Nun, Armeen könnte der Zar vielleicht noch aus der Erde stanipsen, aber die Kornfelder wachsen ihm weder in der flachen Hand, noch in der verwüstete!: Mandschurei, und der eine S ch i e n e n str a n g, der das russische Reich mit dem Kriegsschauplatz verbindet, hat .sich schon jetzt als völlig unzureichend für den Nachschub und für idie Verpflegung des russischen Heeres erwiesen. Noch größere Schwierig­kesten aber stellen sich der Fortführung des Krieges durch die inneren Wirren in Rußland entgegen, die eine weitere Mobilisierung als ein sehr gefährliches Experi­ment erscheinen lassen. Hat inan doch infolge der Widersetzlichkeit der Einberufenen und der Gär u n g der Bevölkerung in mehreren Bezirken Polens, so iin Gouvernement Warschau, die -anbefohlene Mobili­sierung wieder aufgegeben, während man cs andererseits aus- Rücksicht auf die revolutionäre Bewegung nicht wagt, Kevntruppen, wie das Garde- und G-renaLierkorPs, auf den Kriegsschauplatz zu entsenden.

lind eine noch größere Schwierigkeit als die schweren Verluste, die Rußland bereits erlitten hat, als die mangel- hciste Zufuhr- und Nachschubmöglichkeit und als die inneren Wirren, bedeutet südlich für Rußland jener Faktor, der als der wichtigste für die moderne Kriegs­führung gilt, nämlich die Geldfrage. Der Alliierte Rußlands, Frankreich, ist mit russischen Anleihen derart gesättigt, daß sowohl der Minister des Äußeren, Herr Teloassch wie die französische Bankwelt -den neuesten russi­schen' Anleiheversuchen einen für Rußland anscheinend unerwarteten Widerstand entgegensetzen. In Deutsch­land aber ist unsicher Unterbringung russischer Anleihen ohnehin mehr gesündigt worden, als die Bankwelt ver­antworten kann. Die neuesten t lt f s i schön P umv- versuch e stoßen allem Anscheine nach auf unüb-erst-eig- liche Hindernisse, und dieser Umstand könnte der Frie- densstimmung außerordentlich förderlich sein.

Was Japan betrifft, so hätte es keinen Anlaß, einen Frieden zu verweigern, der ihm das ließe, was es mit bewaffneter Hand errungen hat, nämlich Korea und Port Arthur, während ja nach seiner eigenen Erklärung die Mandschurei an China zurückfallen soll. , Aber frei­lich es ist mehr als fraglich, ob die russische Friedenspartei schon so stark ist, um gegen die Treibereien der Kriegs­partei einen Frieden durchzudrücken, der, wie dis Dinge liegen, für Rußland demütigend fein und seinem Prestige einen kaum je zu verwindenden Schlag zufügen würde.

Rcdaktions.FcruIprccher No. 82. 1905.

Die dedingte Kegnadigung.

Über me Anwendung der bedingten Begnadigung bis zum 31. Dezember 1904 ist dem Reichstag eine Über­sicht zugegmrgen. Danach ist die bedingte Begnadigung im Jahre 1903 nur eingeführt worden in Sachsen- Weimar, Braunschweig und SachsemAltenburg. An­gaben über die Einführung der bedingten Begnadigung fehlen in der Übersicht aus MeckleNburg-Strelitz, WWeck und den beiden Reuß. In den übrigen deutschen Bundesstaaten ist im ganzen bis zum 31. Dezember 1904 in 80 830 Fällen eine bedingte Begnadigung erfolgt. Für die Zeit bis zum 31. Dezomber 1898 ergaben sich durchschnittlich in jedem Jahre 6041 Fälle bedingter Begnadigung. Seitdem hat diese Zahl mit jedem Jahre zugenommen; sie stieg 1899 auf. 7000, 1900 auf 7177, 1901 auf 8381, 1902 auf 11 415, 1903 auf 13 779 und 1904 auf 14 783. Dabei war aber die für 1904 er­mittelte Zunahme der Fälle bedingter Begnadigung Prozentual erheblich geringer als in den vorhergehen­den Jahren, doch erstreckte sich die Zunahme auf die meisten Bundesstaaten, namentlich auf Bayern, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig. Eine Ver­minderung, wenn auch meist nur in geringem Maße, trat ein in Sachsen-Weimar, Oldenburg, Sachsen-Meiningen« Koburg-Gotha Lippe, Lübeck und Hamburg.

Wie in den früheren Jahren kam auch im Jahre 1904 die bedingte Begnadigung überwiegend männ­lichen Bsstraften zugute. Die Aussetzung der Straf­vollstreckung wurde im Jahre 1904 11 283 männlichen und 3500 weiblichen Bestraften bewilligt. Dem Grund» satz, die bedingte Begnadigung in erster Reihe jugerK- lichen Personen zu gewähren, entspricht es, daß % aller Fälle Jugendliche betreffen: 11 871 Jugendlichen wurde die Aussetzung der Strafvollstreckung zuteil neben 291 ff Personen, die bei Begehung der strafbaren Handlungen t8 oder mehr Jahre alt waren. Im allgemeinen ist die Maßregel auf Personen beschränkt geblieben, die noch keine Freiheitsstrafen verbüßt hatten. Nur 379 Per­sonen, die Bereits eine Freiheitsstrafe verbüßt hatten, wurde int Jahre 1904 eine Aussetzung dev Strafvoll­streckung bewilligt. Auch zwei zu Zuchthausstrafe Ver­urteilten wurde eine bedingte Begnadigung gewährt, Überwiegend handelte es sich um Gefängnisstrafen, seltener um Haftstrafen. Die Dauer der ausgefetztenl Gefängnisstrafen, betrug in etwa drei Fünfteln der Falls eins Woche oder weniger, die Zahl der Fälle, in denen diese Strafe einen Monat überstieg, ist nur etwa ein Siebentel der Gesamtzahl.

Die Bewährungsfrist war in der großen Mehrzahl der Fälle auf weniger als 3 Jahre bemessen, nur in 3491 Fällen betrug sie 3 Jahre oder mehr. Nach den

Feuilleton.

Bus meiner Mappe.

(F ii r das „W i-esbadener Tagbla t t".)

Von Walther Schulte vom Brühl.

XXXIX.

Dev Kovüarriresprttrr.

„Minna, der Rübstiel ist ja angegangen. Puh, wie das riecht, mir wird ganz übel. Davon esse ich keinen Bissen", sagte mein Bruder Heinz zu unserer Magd, die eben aus einem Einmachfasse den Rest öes verdächtigen Gemüses zusammenkratzte.

„Es ist auch nur für den Boxhannespitter. Cs toirb mit einem Stück Speck zusammengekocht, dann frißt er es noch mit Vergnügen hinunter", beschied uns die Magd.

„Wer so einen großen Tops voll kann er doch nicht allein ausessen. Du schwindelst, Minna. Das ist für uns mst", argwöhnte mein Bruder.

„Du weißt doch, wie er fressen kann", fagte ich. Als bald darauf das Essen fertig gekocht war, nahm Minna die größte, irdene Milchschüssel, die in der Küche war, die mit der großen Blume in der Mitte und dem Spruch um den Rand:

Unsre Magd, die Ann',

Die hätt' so gern 'nen Mann.

In diese Schüssel wurde das Rübenmus getan. Es gab eine tüchtige „Häufe". Oben barauf wurde der Speck gelegt.

„Das können keine zehn Menschen essen und auch so'n Fresser nicht, wie der Boxhannespitter", sagte mein Bruder entschieden.

„Doch, er kriegt es herunter", entgegnete ich und es entbrannte ein Meinungsstreit darüber. Wir wetteten um einen Pfennig.

Das Essen wurde im Nähstübchen neben der Küche aufgetragen und der Tagelöhner herbeigerufen.

„Hm, Rübstiel und Speck!" sagte 'er, strich sich be­haglich seine unrasierte Wange und setzte sich nieder. Der Papa, die Mama, das Kindermädchen, mein Bruder und

ich und alle anderen Geschwister. versammelten sich, um den Boxhannespitter essen zu sehen. Es war ordentlich eine andächtige Sache. Den Tagelöhner aber kümmerte unsere Anwesenheit nicht; er setzte sich an den Tisch, faltete die Hände und sagte: „Komm, Herr Jesus, sei

unser Gast und segne, was du mir bescheret hast." Dann zerbrach er die große Brotschnitte, die neben der Schüssel lag, in lauter Brocken, spießte mit der Gabel in der Linken den Speck auf und fuhr mit dem Löffel in der Rechten in das Gemüse.

„Rübstiel und Speck Hab ich all mein Leben gern ge- gessen", sagte er und legte los, ganz systematisch, erst drei Löffel Gemüse, dann einen Biß in den Speck und dann ein Stück Brot hinterher. Das ging so eine ganze Weile fort, bis -die Schüssel halb leer war. Da hielt der Box­hannespitter inne und tat einen tiefen Seufzer.

„Er zwingt es doch nicht", triumphierte mein Bruder. „Paß auf, dein Pfennig ist perdü!"

Aber der Boxhannespitter öffnete die Weste und einen Knopf seiner Hose und wandte sich an meine Eltern: „Et is nn emol eso; wenn einer einen Bruch hat, hat er immer viel Appetit. Der Bruch verlangt dat eso. On ech han twei Bröke."

Er legte mit ungcminderter Kraft aufs neue los. Wer als noch etwa ein Untertäßchen von dem Gemüse übrig war, seufzte er wiederum gewaltig, wandte sich an die Magd und stöhnte: „Jetzt kann ich nit mehr. Ver­wahrt mir dat tom Koffie."

Mein Bruder behauptete, seine Wette gewonnen zu haben, während ich dabei beharrte, daß ich den Pfennig nicht schuldig geworden, da der Pitter das Rübstiel- gemüfe doch noch vollständig herunterkriegte, wenn auch erst zum Kaffee. Mein Bruder erklärte meine Auffassung für Hinterlist und Gaunerei und somit prügelten wir uns draußen auf -dem Rasen. Ta tönte- die Stimme des B-or- hannespitter: „Kinder, wenn man so liebe Eltern hat und immer so reichlich zu essen, wie ihr und keinen Bruch- und Leib schaden wie ich, dann sollte man immer brav und verträglich sein." Damit ging -er davon, um hinter dem Stalle neben dem Mist sein kleines VerdauunLsschläfchen zu halten.

XD.

Im Konrertkaal.

Der große Konzertsaal in der Residenzstadt war ge- steckt voll, trotz der hohen Preise. Nun, es sollte ja auch etwas Außergewöhnliches sein. Paganini, Sara'aw, sie seien in den Schatten gestellt von diesem Zigeuner, der auf seiner Geige alles möglich mache, für den es keine technischen Schwierigkeiten mehr gäbe und der zum Be­weise dessen sich bei einem Scherzo sogar den Scherz er­laube, den Violinbogen mit einer plötzlichen Bewegung bis an die Saaldecke zu schleudern, um ihn im nächsten Augenblick wieder aufznfangen und in einem Triller auf den Saiten selber über sich zu lachen. Ja, und- dann sek er auch mit einer amerikanischen Großschlächterstochter verheiratet, die ihm zehn Millionen in die Ehe gebracht habe. Er hätte es gar nicht mehr nötig, Konzerte zu geben. Ilm so verdienstvoller, wenn er es doch noch tat» und der Welt seine göttliche Kunst mitteile.

Nun, wie -gesagt, der Saal war gefüllt bis zum letz­ten Platz. Mit Ungeduld lieh -man die Ouvertüre der woh-Ibewährten, aber ständigen Kapelle über sich ergehen und ver-sparte sein ganzes nervöses Interesse auf beu Gast. Oh, man kam auf seine Rechnung. Welche Kunst- fevtigkeit, welch süßer Ton, welch lange Haare, welch elegisches Äußere. Das Publikum raste, Lorb-eerkränze rauschten und nach der letzten Piece des Wundermcmnes wurde der Beifall so stark, daß sich der Gast noch zu einer Zugabe verstieg.

Dann erfolgte eine gewaltige Flucht aus dem Saal, obgleich als Schlußnummer noch eine Beethovensche Sinfonie, aus-gefüh-rt durch das städtische Orchester, auf dem Programm stand. Was kümmert -diese Leute -das Werk -des Großmeisters noch-, was die Darbietung des Orchesters unter.seinem trefflichen Dirigenten, Wohl keiner der wild Herausdrängelnden hatte so viel Herzens- takt, zu empfinden, daß er durch seine -Flucht alle den wackern Künstlern auf dem Podium eine Beleidigung Zufügte, keiner fühlte, -daß er sich selber und seinem Kunstverständnis eine bedenkliche Blöße -gab.

Endlich herrschte Ruhe. Der Saal war kaum noch bis zur Hälfte -gefüllt. Da trat der Dirigent an fein