ss. ZKhrgantz.
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Po. ISS.
Berlags-Fernsprecher No. L8S2.
KUttm-ch, de« IS. Marx.
RedaktivnI-Fernsprccher Ro. 52.
1905 .
Morgen - Kusgabe.
1. WkcrLt.
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PüllÜsches mm Euglaud.
Unser S o n b o tt e v n-.slon'sspo>ident schreibt uns rwterm 1.1. L. M.:
Seit 'der Eröffnung des Parlaments sind Ehmnder- stain-Aktien ,ein wenig gefallen, indes diejenigen, des Bwlfourschen. Unternehmens zierntich kräftige Unterstützung fanden. Der Berkehr in diesem Markt hing jedoch ausschließlich von, den Opportunisten unter den amionistischen Parlamentsmitgliedern ab, die lange Zeit fest überzeugt waren, Mr. Ehamberlain wäre ungleich stärker als der dem bekannten Schilfrohr im Wind gleichende Ministerpräsident. Er hatte sich aber auch so gar keck und kühn geberöet, die Leitungen aller politischen Vereine der Unionisten im ganzen Land mrt seinen Leuten vollgepfropft und diese dann Beschlüsse zugunsten seiner großeic Fiskalpläne fassen lassen. Vielen nnionistischen Parlarnsnts . Mitgliedern ^ ohne schntz- zollnerische Neigungen wurde darob Angst und Bange, und nach dem scheinbaren Beispiel ihrer Wähler begannen sie, mehr oder weniger zaghaft nach der Ccham- verlamschen Pfeife zu tanzen. Sie wurden dazu auch noch durch das Verhalten Mr. Balfonrs veranlaßt, den sic für den gebeinren Milverschwörer des Ex-Kolonial- ministers oder dessen gehorsamen Diener Hielten. Dieser zeigte indes neuerdings Neigung zur Widersetzlichkeit, Und wagte es sogar soeben seinem lieben Freund das Recht abzusprecken, seine Anhänger unter den Unionisten anzuhalten, gegen nicht-schutzzölluerische' Kandidaten für etwa frei werdende Minister-Portefenilles zu protestieren. Allem Anschein nach will er sich, wenn irgend möglich, noch während der nächsten zwei Jahre in der Downing-Streel-Festung behaupten, und zwar in der .Hoffnung, in dieser Zeit das Ehaniöerlainsche Projekt in die graue Zukunft verbannen, oder vielleicht ganz und gar begraben zu können. In diesem Falle dürften sich natürlich seine' Aussichten für die nächste Generalwahl wesentlich günstiger gestalten, denn es ist ja nnvevkenn- bar, daß die bisherigen Niederlagen. bei den Nachwahlen zumeist der AnffteÜung von nnionistischen! Sichntzzoll- kandidaten zrrzuschreiben waren. Mr. Chamberlaiin ist jodock' ein hartnäckiger. .Kämpfer, und so wird er bei der Geschichte wohl auch noch ein Wort mitznreden haben. Würde sein großer Plan in das Reich der frommen Wünsche verbannt, so hätte er als ein geschlagener Mann sich ein- für allemal ans der politischen Arena zurückznziehen, zumal er s. Zt. durch den, Rücktritt aus dein Kolonialministerium behufs Durchführung seines Projektes seine Boote gewissermaßen hinter sich verbrannte. Er ist aber der letzte, der seiner politischen
FemlZelBU.
MWer M W modernen MWsen.
Cvu der französischen Mnsikwelt macht sich seit einiger Zeit eine ganz .merkwürdige Erscheinung bemerkbar. Die Herren Kompcnisicn greifen ausfallend oft zur Feder, nicht etwa um neue Werke zu schaffen, sondern um ihre Anschaumigen über das Wesen.der rmrsikalischen Kunst mit südlicher Wärme und Lebhaftigkeit zn verteidigen. Die modernen Franzosen fühlen mit untrüglichem und auch völlig begründetem Instinkt heraus, daß sic sich vor -er musikalischen Kuliurwelt hinsichtlich eines schweren FichlerS zu rechtfertigen haben, den sie begangen.
Wer in den letzten Jahren die Entwicklung der französischen Musik aufmerksam verfolgt hat, konnte wahr- nehmen. daß ste unter dem Einfluß Richard Wagners ehie Abkehr von ererbten Traditionen und Ansichten anfwies, daß ne sich in mancher Hinsicht selbst verleugnet hat Rach den schlimmen Tagen, in denen Wagners Werte in Frankreich eine so traurige Behandlung erfahren hatten, setzte plötzlich eine Begeisterung für sie ein' die in ihrer offensichtlichen Übertreibung schon den Stempel des Unnatürlichen an sich trug. Daß über kurz oder lang die lodernde Flamme der Liebe sich zur Gleich, aülligkeit verwanldoln würbe, war für jeden Kundigen so ziemlich klar. Allerdings bildete es eine Überraschung, daß der Rückzug sobald schon eintrat. Und täuschen nicht alle Anzeichen, so ist der Augenblick der völligen Ernüchterung nickt mehr allzu fern. Aus -dem Lager der französischen Modernen ertönen jetzt schon Stimmen, die darauf Hinweisen, daß Wagner und seine Kunstanschauung denn doch nickt mit dem französischen Geiste sich vertrügen,, daß seine Musik ein fremdes. Kültureleimmt im Geistesleben der französischen Nation bilde. Nun, es be- dark wohl keiner näheren Begründung, daß niemand hcsser über die kulturellen Bedürfnisse eines Volkes Be-
Laufbahn geduldig durch eine so kraft- und saftlose Persönlichkeit wie Mr. Balfonr ein Ende .machen ließe, wenn es auch seinen väterlichen Gefühlen wohltuen dürfte, seinen Sohn als SchatzDanzler Mr. Balfonrs noch zwei Jahre lang sein schönes Gehalt von 6000 Pfund Sterl. cinstreichen zu sehen. Abrahain war ebenfalls ein guter Vater, doch als er vernahm, sein eigenes Heil hinge davon ab, daß er seinen Sohn Jisaak um- brachte, war er ohne weiteres zu der Tat bereit. Wenn Chainberlain einen' offenen und direkten Versuch wagte, die Auflösung des Parlaments zu veranlassen, würde sich ihm jedoch kaum, ein Dutzend nniorüstischer Parlamentsmitglieder anschließen, denn im Hanse der, Gemeinen ist ihm Balfonr ini Augenblick.entschieden über- legen. Unter den Wählern besitzt jener dagegen einen großen Anhang, und geht es mit einem Frvntangriff nicht, so wird er es eben mit der Jntrigüe versuchen, und als politischer Mineur besitzt er seinesgleichen nicht.
Volitifche Übersicht.
Zur Witwen- und Waise,l-Bcrsichernng.
Zur Witwen- und Waisen-Bersicherung, für deren Inkrafttreten bekanntlich das Jahr' 1910 gesetzlich festgelegt ist, Ijn-t Posädowsky im Reichstage eine Erklärung abgegeben, die erkennen läßt, daß über diese Angelegenheit eingehende Verhandlungen stattgefnnden haben. Darnach sind im Reichsamt des Innern schon die Grnnd- züge für die Witwen- und Waisenvevsicherung ausge- arbertet und den verbündeten Regierungen mit der Bitte zugesandt worden, ihre Gutachten hierzu abzu- geben. Bis jetzt sind von 16 Regierungen Äußerungen emgegangen, die zum Dell |cf)r beachtenswerte Fingerzeige enthalten und eine wesentliche Grundlage für die Ausarbeitung des Gesetzes geben werden. Unklarheit herrscht aber noch über die Hauptsache, nämlich darüber, wie sich die EinnahMefonds stellen werden, die für die Witwen- und Waisenvevsicherung vorgesehen wird. Davon wird es abhängen, unter welchen Bedingungen überhaupt diese gesetzliche Maßregel, die auf Antrag des Reichstages beschlossen ist, ins Leben gerufen werden kann. Wenn man von dem Umbau unserer Arbeiter- Versicherung einmal absieht, so ist jedenfalls die Einführung der Witwen- und Waisen-Nersicherung dasjenige, 'was auf dem Gebiete der Versicherungs-Gesetzgebung am meisten und dringendsten gefordert werden muß. ' Wir erwarten daher sowohl vom Reichstage als auch von den verbündeten Regierungen, daß sie den übernommenen Verpflichtungen gerecht werden, selbst wenn die Einnahmen aus dem Zolltarifgesetz den Erwartungen nicht entsprechen. Reichen die Einnahmen ans den Zöllen nicht aus, so müssen andere Einnahmequellen erschlossen werden. Insbesondere wird man in Erwägung
scheid wissen kann, als die Angehörigen des betreffenden Volkes selbst. Auch in Sachen des Gefühls, besonders der künstlerischen Empfindung, können Fremde die Saite nicht anschlagen, die in der Seele einer anderen Küstur- gememschaft Resonanz finden soll. So unzweifelhaft dies auch sein mag, so feststehend aber bleibt es auch, daß die Franzosen sich selbst in die Begeisterung für Wagner hineingeredet und hineingehört haben, die sich jetzt allmählich als unecht heransstellt.
Die französische Musik des letzten Jahrzehntes stand unter dem unverkennbaren Einfluß Richard Wagners. Tic französischen Musiker haben, unbewußt vielleicht, die Eigenart des Meisters so sehr auf sich wirken lassen, daß sein. Geist sie befruchtete, daß auch sie, wie so viele Musiker anderer Völker, sich in ihrem künstlerischen Denken von seinen leitenden Gedanken führen ließen. ?lber es stellte sich doch im Laufe der Zeit heraus, daß das Gefallen der Franzosen an den künstleri'chcn Äußerungen dieses Riesengeistes doch nichts anderes als bic Freude an im- gewohnten, ihnen fremdartigen Formen gewesen ist. In Wirklichkeit, nach der jahrhundertelangen künstlerische» Erziehung in musikalischen Dingen, die sie durchgemacht haben, war es nicht anders möglich, als daß das ursprüngliche musikalische Enipfinden bei ihnen über die künstliche Selbsterziehung den Sieg davontragen mutzte. Der Rückzug auf der Linie, des Wagnerknltus stellt sich nun tatsächlich ein. Ten modernen französischen Musikern kommt nun plötzlich die Erkenntnis, daß die Buhnen- gestalten Waaners jenseits der Vogesen doch nur Wesen ohne Heimatschein sind, daß Wotan, und Freia, Sieg- stieb und Brünhilde höchstens als Gäste auf Kündigung im Lande betrachtet werden können. Niemand von uns hat dies jemals bezweifelt. Wir wußten sehr wohl., dag ein Volk, das nur in einer ganz bestimmten musikalischen Atmosphäre, in der des lyrischen Mnsikdramas, sich wohlfühlt für die Dauer sich nicht dem Enrfluß hrngeven kann,' der von Wagners Kunst ausgeht Wenn man so lange einer „Mignon" zuschwärmt, den Geist, der drama- tischen Poesie in Gvunods „Margarete erschöpft steht,
ziehen müssen, ob nicht die Gemeinden zu Beiträgen hevangezogen werden können, die ja ohnehin durch die Einführung der Hinterbliebensn-Versicherüng erhebliche pekuniäre Vorteile durch Verminderung der Armenlasten erfahren würden.
Lohnforderungen und Zolltarife
Bei fast allen Lohnforderungen, die neuerdings auf. gestellt worden, treten in der Begründung die Satze des neuen Zolltarifs auf. Auch die Forderungen der Maurer in Berlin (Erhöhung des Minimalstunden» lohn.es um 5 Pf. und Verkürzung der Arbeitszeit um i /2 Stunde) gipfeln in dem Hinweis auf die,Überlastung der Lebenshaltung, die infolge der bevorstehen, den Zollerhöhungen zu befürchten steht. Der „Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer Berlins und umgeqenld" macht für die gedachten Forderungen geltend, daß das verflossene Jahr der Banspekulation sehr große Gewinne gebracht habe, während trotz der günstigen Konjunktur ein Teil der Maurer mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen gehabt, so daß der verdiente Lohn bei weitem nicht ansgereicht habe, um die, Lebensbedürfnisse zu befriedigen; im Anschlüsse an diesen Rück- blick wird dann für die zukünftige Gestaltung der Verhältnisse ausdrücklich hervvrgehoben, daß dieselben,,du.rch die Zollerhöhungen sich noch schlechter gestalten würden.
Heideknlturen in den Niederlanden.
Die gewöhnliche Vorstellung, daß das ganze Gebiet der Niederlande von fruchtbaren Marschen cingeno-mmen sei, ist sehr irrig. Der größere Teil des Binnenlandes besteht vielmehr aus Moor, das heute allerdings größtenteils abgetorft oder sonst in Anbau ist, und aus Heide. Die Heide ist größtenteils noch nicht in Anbau genommen, so daß ein erheblicher Teil des Landes dadurch noch als Ödland daliegt., Jul ganzen sind es, nach einem Bericht von Or. Frost in den, „Biitteilunigen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft", rund 492 000 Hekt., von denen der größte Teil auf Nord-Brabant und Drenthe entfällt. Der Fleiß der Niederläüder, mit dem sie die Moore kultiviert haben, hat vor der Heide vollständig Halt gemacht, hauptsächlich, weil die Besitz. Verhältnisse zur Heidekultur nicht geeignet sind. Die Besitzzersplitterun'g ist in den, Niederlanden sehr weit, gehend und zur Heidekultnr, die ja größtenteils in Aus. forstung besteht, ist Großbesitz notwendig. Fm Fahre 1.903 wurden in den Niederlanden 3680 Hekt. Heide in Kultur gebracht, und zwar 1300 Hekt. zu Ackerland, 1227 Hekt. zu Grasland und 1130 Hekt. zu Forstland;z diese Kultivierung ist hanchtsächlich von den Bauern ans- gegangen. Ten größten Ansporn für diese in den letzten Jahren lebhafter gewordenen Bestrebungen der Heide- kuktiir gab die im Jahre 1889 errichtete NiederlarMche Heidekulturgesellschast. Der Sitz der Gesellschüft ist Utrecht und ihre Beamten sind über das ganze Land ber-
dann kann man unmöglich an dein ernsten Zuge Ge- lallen finden, der Wagners Lebenswerk durchweht.
Daß den Franzosen im letzten Grunde das ,deutsche Geistesleben zumal in Verbindung mit der Musik frotrtö ist, das geht allein schon daraus hervor, in welcher Weise ihre Musiker unsere dramatischen Stoffe zur Umwertung in die Musik verwendet haben. Was haben sie ans dem „Faust", ans „Mignon" gemacht, was aus dem „Wertster" und ans anderen poetischen Vorwürfen des literarischen Schatzes der Deutschen? Sie suchten an ihrer Oberfläche nach dem schillernden Glanze, sie fanden das Äußerliche dort, wo in der Tiefe der geistige Gehalt ver- borgen ist, und darum schufen sie im prunkenden Nahmen nur das, was das Auge blendet und dem leichten Gewisse Vorschub leistet. Billiger Weise aber darf man den Französin ans all dem keinen Vorwurf machen. Ihre musikalische' Sprache verfügt über die Akzente nicht, dm sich dem tiefittnerlichen Gebaltc unserer Literatur an- schmiegen könnten, ihre heitere Anschauung vom Wesen aller Dinge leitet sie auf Wege, die sich von den unseren scheiden, und hieraus kann man auch den Widerstand er. klären, der früher io ehrlich und offen sich gegen Wagner und sein Schaffen bei .ihnen erhob. Tie Diode hat auch sie in den großen K'nlturkreis gezogen, der Wagners An- Hänger umschließt. Sie glauben, hinter den aüdeicn Nationen nicht zurückbleiben zu. dürfen, drc- sich »mlng, und wie es sich nun zeigt, auch beständig dem Zauber des großen deutschen Aleisters hin-gegeben hcrb«n. -Aber euö. lich brach sich dock das natürliche Empfinden Bahn und die Abkehr von einer künstlich anfg-epflanzten Kultur tritt jetzt aus beim Dämmerlicht der falschen Begeisterun,
klar heraus. ^ ..
Fraglich bleibt es nur, ob die iri.ngfranzo!siscrs Mnfikerschnle imstande sein wird, etwas anderes an die Stelle der reformatorischen Entwickstm'g zu fetzen, dis von der deutschen Schule ausgeht. SSemt sie mrgeiMick« lief) im Fahrwasser der ProgranMufik segelt, so bekunder sie selbst, daß -sie die N'otwendigkeit erkennt, mit der Zeir i sortzuschreiten. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß sich
