IteliiuViuT Ts
S3. Jahrgang.
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jto. 123.
Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Dienstag, den 14. Marz.
RcbakUsus-Fcrnsprcchcr No. 52.
1805.
Morgen»Ausgabe.
1 . zscatt.
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GetreideMe und Getreidehandöl.
Es sind teilie Phantasten, sondern reale Wtvflich- seiten, wenn von >der Erhühnn.g der Getreidozölle durch die neuen Handelsverträge um rund 40 Prozent eine starke Beeinflussung auch des Getreideyandels erwartet zvird. Deutschland kann seinen Bedarf an Bvotfrüchteu nicht aus eigenem decken und wird das auch nie könuen, selbst wenn die Prodllktion bis zur äußersten Intensität gesteigert würbe. Das etwaige Plus an Ertrag würde jiämlich sofort aufgowogon werden durch die starke Be- völkerungszuilahinie, so daß schon von diesem Gesichts- punkte ans ein Vergleich •mit den französischen Verhältnissen hinfällig wird. Denn wenn Frankreich zloar die -höchsten Gstreidszölle hat, so kann -deren Wirkung auf den Getreides-reis schon darum nicht so erheblich wie bei nirs sein, weil dies fruchtbare Land so gut wie gar feine Anfuhr gebraucht und wegen der Stagnation der Bevölkerung auch weiterhin nicht gebrauchen wird. Bei uns aber ist, wie-gesagt, der Getreidegroßhandel niemals jausznschalien: ohne ihn wäre die Versorgung mit -ausländischem Getreide, das wir unter allen Umstünden haben müssen, nicht durchführbar. Es ift; demgemäß wichtig, zu wissen, welche Einwirkung die Getreidezoll- cr-höhung ans den Getreidehan-dol haben wird, und man hat den sachkundigen Beurteiler« dankbar zu sein, ..die uns ans ihrer Kenntnis der geschLWchen Intimitäten Heralls etwas über -diese Dinge zu sagen wissen. Mit Interesse nehmen wir -deshalb Notiz davon, wenn beispielsweise ei n solcher Aachmann soeben in der „Zukunft" auseinandersevr, den großen Getreidehändlerir dürfte die Aussicht a-irf die erhöhten Zölle ebenso an genehm sein, wie einst den -groß,» Banken die arif das Börseugesch. Die Gegner der freien Bewegung erschweren den Handel^ so sehr, daß die f:einen -und mittleren Händler dagegen nicht uufkommdy können. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß ungefähr drei Viertel aller Getreide? Händler ans Bankenkredit angewiesen sind-. Nach den neuen Verträgen werden, die Lagerhäuser beseitigt, die den Händlern, die Zollabfertigung -wesentlich erleichterten, und von Tranüftagern bleiben, nur bestehen-:-Mannheim- Ludwigshafen «wegen des Durchgangsverkehrs nach der Schweiz!, Hamburg-Altona (wegen, des Verkehrs mit England, Frankreich „sw.), Danzig n-nd Königsberg (weil da die deutsche -mit russischer Wäre gcnrischt wird). Der Fachmann der „Zukunft" setzt gnur weiter auseinander: „Ein Händler niittlevcn Schlages erhielt und ver- 8'aufte. in Deutschland bisher ungefähr 20 000 .Tonnen
Weizen im Jahr. Darauf lag ein Zoll von rund 700 000 Mark, der nach und nach zu zahlen war. Wenn die neuen Verträge den Tarif bestimmen, sind für dasselbe Quantum 1 100 000 Mark Zoll zu zahlen; lind zwar sofort. Diesen beiden Neuerungen könnten mittlere Firmen nur mit äußerster Anstrengung genügen; uni» viele können es gewiß überhaupt nicht. Gelänge es ihnen -selbst, die Bankiers, inst denen sie arbeiten, zu einer so starken Steigerung des Kredits zu überreden, so würde durch Provision und Zinsen noch immer die ganze Kalkulation umgewandelt. Herr vri Koch, der Reichsb-ankpräsident, hat neulich dem auf 0% herabgesetzten Diskont eine Lebensdauer porausgesagt, die vielleicht bis zum Oktober währen könne. Das wären auf Lombard 4, bei den Bankiers wohl auch 5% ; ändern sich aber die Geldverhältnisse, dann kann der Getreidehändler plötzlich gezwungen sein, 6% Zinsen zu zahlen. Dann aber ist dein Kleino» -die Konkurrenz mit dem Niesen im-mäglich, der mit großen Summen eigenen Geldes arbeitet und außer, dein jeden wünschenswerten Kredit erhält. Potente Leute ziehen ja ruhig nutf ihre Bankverbindung und bringen die Wechsel dann auf offenem Markte zum Privatsatz au, bei einer offiziellen Rate von 0 also zu 1%%. Unter dcu neuen Verhältnissen wird kaum der vierte Teil der heute im Getreidehandel Tätigen sich zu halten vermögen, Drei Viertel wird der -Strudel, verschlingen, ein bißchen früher oder später ; die Großen werden auch hier das Terrain der Kleinen erobern."
Gegen diese Ausführungen wird sich schwerlich etwas einwenden lassen, und der neue Zustand, der sich somit cmbahnt, könnte vor allem den deutschen G-etreideProdn- zenten- ziemlich nnangsmch-ln werden. Es ist keine Frage, daß eine kleine Zahl von kapitalsstarken Großhändlern, die sich mit. ihrem Weitblick und ihrer wirtschaftlichen Macht, viel schneller und leichter als eine llnsunune von mittleren und kleineren Getreidehäudler». -znsamnn'n- schließerr können, mfter Umständen in der Lage sein wird, den gesamten Gctrc-idemarkt. die Preisbildung, die Zn- fub rnWilgen nsw. selbstherrlich zu - bestimmen. Au ge, nammen, daß das Ausland eine glänzende Ernte hätte und wegen der Überfülle billig verkaufen «mißte. was würde alsdann einen Ring deutscher Getreidehänd-Ier hindern können, Deutschland wirklich mit diesem ausländischen Getreide zu überschwemmen, und zwar zu Preisen, die trotz des darauf!iegenden Zolls immer noch so gering wären, daß der deutsche Landwirt bei denselben Preisen seine Produktionskosten' nicht decken könnte? Das sind ernste Möglichkeiten, die sehr Wohl ehttreten können, und die, wenn sie cintreten . sollten, beit deutschen Agrariern zeigen würden, eine wie gefährliche Politik es war und ist, immer nur in der Erhöhung der Getreidezölle das Heft suchen zu wollen.
Najsmüsches aus dem Landtag.
Wie schon in dem gestrigen Laudtagsb-ericht kurz gemeldet, -haben sich unsere Abgeordneten am Samstag bei Beratung des Eisenbahnetats für einige nasßrmsche Wünsche ins Zeug gelegt.
Berichterstatter Schmieding (nl.) verbreitet sich über die Kv-m>mtssionsverhandlung«n aus Anlaß der Petition von Jnteressenteri bei Rüdesheim und Bingen« welche beantragen, -veranlassen zu wollen, daß
der Trajekt- Bet r i e b R ü d c s h c i in - Bingerbrück,
sowie der Schalddbetrieb durch die St-uatsbähn-Ver- waltun.g alsbald wieder- ausgenommen werden, zum mindesten aber die Frachtberechnung so vovg-enommeu werde, als ob der Betrieb noch stattfände. Der Mimsted hat in der Kommission alle Wünsche der Petenten^ für unberechtigt erklärt. Die Kvmmission -war der Ansicht, daß hier so wichtige und so wesentliche Grundsätze zur Entscheidung ständen, daß es doch nötig sei, _ der Regierung noch einmal alle diese Verhältnisse zur Erwägung anheimzngcbeu.
De. Lotichius (nl.): Ich kann mich -ans die
Ausführungen des Berichterstatters . beziehen , und schließe -mich ihnen vollständig an, soweit sie darauf hin- -ausgoh-en, diese Petition zu unterstützen. .Was darin gesagt ist, ist ganz zutreffend. Rund vierzig Jahre hat das TraiAtboot den Verkehr zwischen Bingerbrück und Rüdesheim- vermittelt, und im Jahre 1000 ist cs eingestellt worden, weil es zu kostspielig sei. Der Minister v. Thielen hat aber damals ausdrücklich bestimmt, daß die Güter tarifarisch so bohan-delt würden, als oiU- das T.rajektboot noch vorhandon wäre. Erst nach dem Ban der Eisenbahnbrücke Mainz 1904 hat sich die Sache geändert. Tie Bittsteller wx-iscn mit Mch-t -auf -den -großen Schaden hin. besonders die Geschäftsleute in- den Kreisen Rüdesheim iind St. Goarshausen. Aber auH die -auf 'dem -glegemiberliegendon UferDivAreuzuach sind erheblich benachteiligt. Der Minister venvies -auf hie Vorteile, die man in jenen. .Kreisen •durch die Brücke Hube und in bezug auf -den Verkehr nach Mainz selbst oder nach Sühboutschlan-d. Ader früher mit dem Tra- iektdoot hatte nmn doch dieselben Vorteile, -und so ist kein Ausgleich vorhanden für den sehr -bedeutendeil Nachteil infolge der Beseitigung des Trajektbootes für alle -diejenigen Waren, die vom rechtsrhemischen User mich der Rahe, der Saar tvie auch nach Bingen -lntö Umgegend gehen. Was diese Frachterh-öhnng bedeutet, -das kann «imr sich ja- selbst an Beispielen klar machen. Für einen Industriellen in St. Goarshausen beträgt das Plus an Ho-lzfracht -gegen früher 7000 M. Ebenso werden alle Wcinhändler und Weinprodstzentcn im
Feuilleton.
Aus dem Falide der Pharaonen.
Bon Will). F. Brand.
I.
Fort, weit fort! Etwas ganz Neues war der dunkle Drang, der mich diefesma-l auf die Reise trieb, möglichst »reit auch von jeglicher Zivilisation fort. „Afrika", hauchte da eine verführerische Stimme nur zu. „Ägypten" ..Mlquclten". Schade, daß sie bereits entdeckt. Aber in Afrika gibt es wohl immer noch manches zu entdecken, und mit diesem erhebenden Gefühle traf ich alsbald meine Reisevorbereitungeu - - als Afrika-rcisender.
In dieser Eigenschaft hielt ich es denn auch für angemessen, statt nnt der Eisenbahn über Italien zu fahren, stm halb Enrova- herum zur See meinen Weg zu nehmen, .und zwar an Bord eines großen RorÄdmitschen Lloyd- Dampfers, der sich auf der Fahrt nach Ostasien befand. (Hier ward mir die erste Enttäuschung zuteil. War ich aus unserem trefflichen Schiff eben, in den Anblick der sich hoch anftürmenden Wogen verloren, entzückt, wenn sie mir —■ oder jemand anderem den schäumenden Gischt ins Antlitz spritzten, so wurde ich im- nächsten Augenblick durch ein- die Wogen übertönendes -Trompetengeschmetter ans metikem Sinnen aufgeschreckt. Es war das Signal zur Tab-le d'höte. Ich nahm aber die Gaben der Zivilisation schließlich um so lieber entgegen, als ich ja nicht wußte, was für Entbehrungen mir noch bevorstehen würden. Als ich jedoch in Jsmailia unser Schiss verließ und nun in dunkler Nacht meinen Fuß ans afrikanisches Gestade setzte, da erkannte ich, sobald ich in den Bereich des elektrischen Lichtes gekommen, in einer der ersten Personen, die mir entgegentraten, einen früheren Oberkellner aus Badenweiler, der während der Saison in Jsmailia einem Gasthof Vorsicht. S-o war ich denn für die Nacht wieder gut aufgehoben.
Am nächsten Morgen wollte ich- sofort in das „Innere" aufbrechen, zunächst bis Kairo. Der.Verkehr in dem alten Lande der Pharaonen wird bekanntermaßen vor
nehmlich durch Kamele und Esel vermittelt. Und so war ich eigentlich schon darauf gefaßt, auf dem Rücken eines -dieser Tiere landeinwärts zu dringen. Indessen hier gibt es ja schon Eisenbahn, und so ließ ich mich bis Kairo noch am „Strang der Zivilisation" befördern.
Hier in der alten Khedivenstadt -sah ich denn am Bahnhof schon eine Anzahl von Damen und Herren auf Eseln der Stadt zureiten; und- da im nämlichen Augen- blick auch bereits eine Menge Eseljungen- mit dom allerdings anfangs mich stutzig machenden. Ausruf „Guter Esel" auf mich ziistürzteu, indem sie sich überboten, mir ihre angepriesenen Tiere dicht vor die Füße zu führen, Uüttc nicht viel gefehlt und ich hätte auch meinen Esel bestiegen und einen anderen für mein Gepäck ansgewählt, froh/endlich emmäl ändere Landessitten, endlich einmal etwas Neues zu erleben. Aber ich gewahrte eben noch eine Droschke; und so groß ist die leidige Macht der Ge- wohnheit, daß ich dem Wagen den Vorzug gab, um nach einem mir besonders empfohlenen „Gasthof" zu gÄmigen, unter dem ich mir allerdings nur eine primitive „Karawanserei" vorgestellt hatte.
Doch tvie wurde ich abermals „enttäuscht"! Was für eiir großartig schönes Hotel das tvar, das tu bezug auf Bequemlichkeit wie auf Luxus. -— -und vor allem auch die Höhe der Preise! — hinter keinem europäischen Gasthof zurücksteht. Vor demselben, auf einer -großen Herr- lichen, von Palmen überdachten- Terrasse standen am Eingang ztvei europäische Portiers und außerdem noch zwei allerliebste ägyptische Pagen in Türkentracht von düukel- rotgm Sammt. Und auf der prächtigen Terrasse saß die erlesenste Gesellschaft beider Hemisphären — insonderheit wohl Amerikaner, Engländer und die mit jedem Jahre sichtbar mehr auf das Reisen bedachten Deutschen,
Die Kavalkade von Eselreitern von vorhin mußte wohl eine solche von Ausflüglern gewesen sein. Man kann ja in Kairo immer noch überallhin -auf einem Esel reiten, aber nun gerade vom Bahnhof zum Hotel! —- Ich war doch recht froh, auf andere Weise hier einzntreffen.
Es schien,-als könnte ich die „Zivilisation" mit dem besten Willen absolut nicht ab-sckmttely, und ich- freute mich schließlich, daß ich — nicht weil ich daran gedacht hatte.
in -Ägypten eines Fracks- oder auch nur eines Dinner Jäckels*) zu bedürfen, sondern weil ich es mir seit Jahren zur Gewohnheit gemacht, nie ohne ein solches Kleiünngs- stück auf Reisen zu gehen — in der Lage war, mm doch noch ein solches in meinem Koffer vorzufinden. Denn in Kairo speist man in allen vornehmeren Hotels all-abendlich in vollstem G-esellschaftsanzug.
Die Bedienung wird dagegen vorwiegend -schon von Eingeborenen besorgt, zumal von -Arabern in festlicher Türtcutracht, die sich auch recht gut auf solchen- Dienst verstehen, mag es -uns zu Anfang auch -wohl eigentümlich ankoimn-cn,' wenn plötzlich eine -beinahe schwarze Hand so von hinten hpr über das weiße Tischtuch die Speise uns -darreicht. Auch die „Zimniermänuer", die den Dieust der Zimmermädchen versehen, sind junge Araber, die -sic." in ihrem langen, losen weißen Gewände, -mit rotem- Fez. roter Schärpe, und roten Pantoffeln recht gut ausnehmen.
Aber das ist - für manche wenigstens! .gerade.
der ganz besondere Reiz der Med-ipensiadt, daß man nicht einen Augenblick der occidentalen Gosittmcg, auch in ihrer verfeinerÄc-n Form, verlustig zu gehen braucht und -dicht daneben- doch- auch das -unverfälschte Orientleiben genießen kann; neben -den großartigen Gasthöfen und -dem europäischen Villenviertel die Basare und Rkoscheen, d-re Lehmhütten wie -die Paläste der Eingeborenen vorfindet.- llnb nun erst diese Menschen selbst! Und diese Trachte»! Da naht eine prächtige Karosse, der zwei bis an-s die nackten Füße in prunkhafte Goldstickereicn gekleidet „Eais" voraufl-aufen. -Sie tragen lange -Stäbe, mit denen sie erforderlichensallS für ihre Herrschaft Platz z-n machen wissen. In dem geschlossenen Wagen sitzen ein paar einheimische Damen — wohlverschlcüert. Nur die Glut der dunklen Augen strahlt aus- den dichten weißen Gerden- gewoben hervor. Tie Frauen -der unteren Stände aber, -die da eben über die Straßen huschen, sind eigentlich nur mit einem großen, schwarzen Lunchoyüberwurf behängt und begnügen sich damit, statt eines Schleiers einen Zipfel dieses Überwurfs vor den Ätnnd zu halten. Oftmals unterlassen -sie auch das. Schade! Denn so an-
*) Wie Me Engländer es nennen, oder wie wir „auf deutsch" sagen: „smoking".
