SS. Jahrgang.
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N-. US.
verlags-Fernsprecher N». 2883.
Samstag, den 11. März.
Redaktions^ernsprecher No. 82. 1905.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt. _
Der Fortschritt in der KergnaveUe.
K. Man schreibt uns dazu aus dem Ruhvgebiet:
Die Berggesetznovelle ist besser ausgefallen als nach der 'lauen Haltung der Regierung während des Streiks AN erwarten war. Ich war erfreut, 31 t hören, baß auch bis Führer der Bergarbeiter mir erklärten, die Regierung hätte im grahen und ganzen ihr Wort enrgÄöst.
Die wichtigste Forderung, die auch bei dem Streik die Hauptrolle gespielt hat, ist die R e ge t u u g der Arbeitszeit. Hier ist zunächst bestimmt, daß „als Arbeitszeit die Zeit gilt vom Beginn iber Seilfahrt bis Zu ihrem Wiederbeginn." Bisher wurde als Arbeits- Keit imr die Zeit vor Ort gerechnet. Der Weg vom Schacht bis zum Betriebspunkt wurde nicht gerechnet. Die genannte Bestimmung ist also in der Lage, die Arbeitszeit uni Vj bis 1% Stunde zu kürzen. Wichtiger noch sind die Bestimiumngen über den sanitären Arbeitstag. Es isr so ziemlich das erstemal, daß in einem preußischen oder deutschen Gesetz ein sanitärer Arbeitstag für Männer festgesetzt wird. Allerdings ist das Kriterium hierfür — die Arbeit bei großer Hitze — sehr unzulänglich. Denn, der Bergmann leidet außer unter großer Hitze durch schlechte Lust, Mangel an Sonne, Feuchtigkeit, gebücktes Arbeiten. Ter Mjaximal- arbeitstag, der bei 22 Grad Celsius beginnt, rammt auch nur einem Teil der Bergleute zugute. In ,Oder- schlesien z. B. verhältnismäßig weniger. Tenn hier ist die Kohle nicht so hitzig und strömt viel weniger Wärme aus. Auch im Kalibergbau ist cs im allgemeinen kühl.
Im Ruhrgebiet dagegen hat der alte Bergarbeiter- verband festgestellt, daß von 222 Schachtanlagen 143 mehr als 22 Grad Wärme aufweifcn: und zwar durchweg. Sodann gibt cs eine Bien ge Schächte, die aus einzelnen Sohlen wie auf einzelnen Betriebspunkten derselben Felder diesen Wärmegrad überschreiten.^ In diesen Fällen wird man aus rein technischen Gründen die Schichtzeit schon für alle Bergleute nach dem Mvxi- malarbeitstag bemessen müssen, weil mmi keine doppelte Seilfahrt einrichtcn kann. Am Allgemeinen! sind es hier gerade die größten und Zukunftsreichsten Schächte, die künftig die beschränkte Schichtzeit genießen werden. Diese haben infolgedessen den meisten Zustrom-. Die anderen Schächte werden- schließlich nicht Zurückbleiben können, wenn sie nicht zu reinen Taubenschlägen sich entwickeln sollen.
Wird die Novelle Gesetz, so wird das Ruhrgebiet der Hauptsache nach vom, 1 . Oktober an den' 8 H 2 - und vom Jahre 1808 an den 8 -Stundentag haben. Das Saar- gebict ebenfalls.
Was die übrigen Punkte in der Novelle betrifft, so
Feuilleton.
Dcr§ pctlöts öe Ict §emme.
Paris, 22. Februar.
Das Gr and-Palais in der Avenue des Champs- EllWes dient gegenwärtig als „Palast der Frau": ein Komitee hat die NotlwenKgkeit eingesehen, uns wieder einmal vorzuführen, -was es Neues für das schwächere 'Geschlecht, das bekanntlich ans Leben die stärkeren Ansprüche stellt, im großen Boudoir Paris zur Stunde gibt. Man könnte alle Jahre eine solche -ausgedehnte Ausstellung mit Novitäten füllen: die Industrie der Toilette ist die einzige, die sich unausgesetzt „de fond on comble", sagen wir „bis aufs Hc-md" umkleiden, UtiÄ so reiche Abwechslung wie die Frauenlaune bieten mutz. Da bleibt nichts bestehen. Wir erinnern uns noch sehr gut — obwohl es, um in der Toilettensprache zu reden, schon eine Ewigkeit her ist, — des Palais de la Femme der Weltausstellung von 1900 ... Nichts ist davon in dem heutigen Palais de la Femme wiederzufindeii, wenn wir von der historischen .Nostümsäinmlung, die bekanntlich 1900 ein „Clou" rvar, a-bsehen. Was uns im Grand-Palais gefällt, ist, daß wir diesmal nicht nur sehen, wie die Frau sich schön macht, sondern auch wie sie sich nützlich macht. Es ist vielleicht ein Zeichen der Zeit, daß die Besucherinnen sich weniger in den Abteilungen ihrer Nützlichkeit sehen lassen, und daß sie sich lieber vor der Kollektion einiger Grands Couturiers beellenbogen. Mit einiger Scheu umgehen die Hübschesten die Offenbarungen von Fra'nenvereinen für Hygiene und Wohltätigkeit, vor denen weniger hübsche Komiteedamen die Honneurs machen. Die Hänshaltnn-gsstände besieht man durch die Lorgnette, ganz aus der Ferne. — Im grossen und ganzen ist -das Palais de la Femme ein einziger Jahrmarkt. Warum auch nicht! Die ideellen Ausstellungen, auf denen nichts verkauft werben darf, sind in Paris an der Langeweile gestorben. Die Neuheiten der Toilettebranche haben
ist zunächst -das W a g e n n u l I e n untersagt worden. Jeder Wagen muß nach seinem Inhalt gerechnet werden. Dafür, daß alles -Beim. Dorwiegen ordentlich gu-geht, dürfen die Arbeiter Wagmrkomrollcnre anstell-en„ AUer- diirgs -ist däbei die bödenkliche Klausel hinzug-efügt, daß der Kontrolleur keine Betriebsstörung vemrsachen darf, was leicht beit Zechen Veranlassung -geben kann, eine solche nachguweisen.
Das Mindestmaß für die Strafgelder ist immer noch ziemlich hoch, denn btc Zechen können den doppelten Schich-tlohn auf 10 Mk. berechnen, und der Verlust von 10 Mk. im Monat ist für den Bergmann sehr beträchtlich. Jedenfalls sind in keinem anderen Betriebe -die Strafen auch nur auuähemd so hoch.
Die Arbeiter-Ausschüsse sollen gesetzlich cingeführt werden bei allen Zechen, mit über 100 Bergleuten. Die Wahlen sollen direkt und gchchm sein«. Bisher ist dies noch nicht einmal bei den Knappschaftswahlen erreicht. Auch die Rechte, die dom Arbeiterausschutz zu- stehen sollen, sind angemessen. Doch hängt die Bedeutung der Arbeiterausschüsse weniger vo-m Änchstaben des -Gesetzes ab. denn die Mitglieder können sehr leicht, wenn sie schneidig auftreten, von den Berw-altuugen ge- maßregelt werden. Die Arbeitervusschüsse -müssen ihr Rückgrat an der Organisation haben, die hinter ihnen steht. Ist diese kräftig, so haben auch die Gewählten an ihr einen Rückhalt, der ihnen ein energisches Auftreten ermöglicht. Jedenfalls ist die gesetzliche Grundlage für eine Mitwirkung der Arbeiter in -den Fragen, d-i-e sie an- gehen, geschaffen.
Mangelhaft ist die Regel u n g dev Über- schich-ten. -Sie sollen erlaubt sein -bei Betriebs- und Absatzstörungeu. Tie Unternehmer werden diese Be- slimiumrg sehr weitgehend auslegen, und das Anhören -des Arbeiterans-schüsflSs bei der Bewilligung von llber- schichten will häufig nicht viel sagen. Indes ist für die Gruben mit größerer Hitze eins Einifchräukuing vorgesehen. Bei 22 Grad darf nicht -mehr als 8 Stunden in der Woche übergearbeitet werden. Leider gibt es noch viel zu viel unaufgeklärte Arbeiter, die da meinen, durch Überschichten ihre Lage verbessern zu können.. Die Aufklärung der Gewerkschaften kann hierin „mnrcherler bessern.
Eine alte Arbeiterforderung, Grubenkontrollenre wählen zu dürfen zum Mitbsfahren der Gruben bei Inspektionen, ist leider rächt erstillt.
Doch alle Ausstellungen, die wir erhoben haben, sollen das nicht leugnen, daß ein erheblicher Fortschritt erzielt wäre, wenn die Novelle Gesetz würde. An eine Verbesserung ist ja keinesfalls zu denken. Man könnte schon zufrieden- sein, wenn der preußische Landtag, in dem -die Arbeiter keine Vertretung haben, nicht gar zuviel Wasser in den Wein schütten würde. Leider hat man auch keinen G-rund zu -glauben, daß die Regierung einer etwaigen Versch-lLchternn'g energischen Widerstand entgegensetzen wird. Sie hat einfach der öffentlichen
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ohnedies nicht lange Zeit, von der Crdation" bis zum Verkaüf zu warten. Die Toilettebranche ist eine angenehme Hydra mit unendlichem Kopswachstum. Kaum ist eine Cräation abgeschlagen, so erstehen an ihrer Stelle zwei neue.
Diese Beobachtung macht uian beispielsweise bei den Korsetts. Der „Artikel" hat alles Bnl-gäre verloren und gehört heute zu dem Poetischsten vom um und drum der Frau. Ihr Körper ist wohl seit fünf Jahren ungefähr derselbe geblieben, aber in was für verschieden geformte Kürasse er sich seitdem nacheinander nicht einzugewöhnen verstanden, ist wunderbar. 1900 schon, aus der Weltäus- stellung, packte man die Hüsten und legte sie platt, als wäre das Weib, die Krone der Schöpfung, ans Gummi geknetet: heute packt, man nicht bloß die Hüften, wal-fisch- Leinene Kleiym-n drücken und schaffen auch für den Rest deir viel erwünschten „.-fug nach oben". Das neueste Pariser Modell ist für Schlangen-weibcheu mit einem Schwung der Linien, der mindestens ebenso tollkühn ist, wie die bekannte Schleifenbahn der Tadesvelozipedlsten im Zirkus. Tie Korscttindüstrie in Paris ist außer Atem geraten. Man hatte so viele „Träume" in Spitzen und Bändern und in nach oben zwingenden Formen ersonnen, daß die Kundin jetzt plötzlich wie ein Gummi ball aus dem federnden, pressenden Korsett her-aushüpstc und geneigt scheint, sich sobald nicht wieder hincinklem'men zu lassen. Zurück zur „Natur"! Eine neue Mode kommt der Korsettindustrie meuchlings über den Weg und behauptet, daß es nichts Schöneres gibt, wie die unkorrigiertcn Linien der Venus. Das neue Ideal ist, der Pariserin die Seidenrv'be gewissermaßen aus die Haut zu kleben, und sie angezogen noch nnangezogener erscheinen zu lassen, als sich Sn za 11 ne bei dem Einsteigen in die Wanne vor- kvnimen' mag.
Die „Robe Sylphide" ist lanciert. Ihr Name sagt schon, was sic will: Sylphen, weibliche L'irskgeistcr, schaffen. Es handelt sich um eine wahre Erfindung der SchueidevkuUst, und man darf sich nicht wundern, daß die Patentämter den gesetzlichen Schutz daraus erteilten. Der
Meinung Rechnung getragen. Eine Niederlage im Landtag- wird sie gleichmütig in -die Tasche stecken. Im Reichstag hätte sie ja -die Aktion viel leichter gehabt. Wir müssen auch- nach wie vor den Reichstag energisch an seine Pflicht erinnern, seinerseits sich der Bergleute anz-unehmen und das Bergrecht zur Reichsfache zu -machen.
Jedenfalls, würde der preußische Dreik-lassen-LaUdtag in der öffentlichen Meinung einen bedenklichen Knacks -wegbekommen, wenn er nicht die Hauptbastimmum-geu der Novelle amiiiumk. Wir gönnen ihm einen solchen.
Zur Frage der Fäkalieuabfuhr.
Der Internationale Verein zur Reinhaltung der Flüsse, d-es Bödens und der Lust hat auf eine Erklärung -des Geheimen Oberregiernngsrates Bmum über d-ie Petition des Vereins an den Reichstag in der Sitzung der Pet!iki 0 nskvNim'isfi 0 n am 20. April 1904 folgende Antwort erteilt:
Der „Internationale Verein znr Reinhaltung der Flüsse Uslw." nimmt mit Freuden Kenntnis von der Erklärung des Geh. Oberregierungsrates Bnm'm, „daß die Forderung -des petitionierenden Vereins, daß menschliche Fäkalien überhaupt nicht in Wasserl-äuse eingeleitet werden Müsen, rein theoretisch betrachtet, berechtigt sei."
Wir bestreiten aber unter nochmaligem Hinweis aus di-e glänzenden Resultate, die nicht nür in mittelgroßen Städten, Wie Heidelberg und Weimar, mit dem Tonnen- syiste'm gewacht sind, sondern auch in Großstädten wie Stockholm mit 880 000 Einwohnern, noch dazu unter rat-- günstigen TerrainverhMtnjssen, mit der Trockenabfuhr, daß die Durchführung dieses Systems aus „gewaltige Schwierigkeiten" stoßen würde. Diese Schwierigkeiten beruhen tatsächlich lediglich in der scheinbar berechtigten Vorliebe des Einzelnen für die ästhetischen Vorzüge des sogenannten englischen Wasserklosetts, Vorzüge, die um so mehr hinfällig sind, da eine Reihe deutscher Firmen die Ausstattung der Klosetts für das Tonnen- wie für das Trockensystem b-is zu den elegantesten Formen und praktischsten Kdlvstrüktton-en längst dem Geschwack des modernen Publikums angep-aßt hüben.
Won haushygienischen Vorzügen des englischen Wasserklosetts kann aber angesichts des bei g Misse nhastcr Verwaltung, wie z. B. in Heidelberg und Weimar, tadellos funktionierenden Tonnensystems durchaus nicht gesprochen werden. Je>de andere Behauptung beruht aus Unwahrheit.
Wir bestreiten ferner, daß die Durchfiihrung des Tonnen- older TrockenabfuHrsyste'ms die Umwälzung der Kanalnationscinrichtungen hunderter von Geiyeindcn und einen unübersehbaren Kostenaufwand erfordern würde, und behaupten, daß der Geheime Oberrogierungs- rat Bstmw kaum in der Lage seün dürste, mitzuteilen, worin diese „Umwälzung" und der „unüberseWare Koste na ulfwvNd" bestehen würde. Es müßte denn schon
neue „truc" wird Margaine-Jacrvir berühmt -machen. Man denke sich ein griechisches Gewand, etwa wie die Kaiserin Jösesine oder die Königin Luise es trugen, die vordere Bahn von der Brüst glatt bis unten —, aber nicht in Falten gerafft, soüdern über dem Busen, mit die Taille und Hüften trikotähnlich gespannt, glatt bis zu den Knien, daß ganz -deutlich die oberen Beinformen sichtbar sind: er-st in Kniehohe fällt der ln Mode stehende rveit- ranldige, fädern-de Rock nieder. Das dreifache Kunststück ist, die Brust in jungfräulicher Form und ganz wie unter einem Trikot getrennt zu halten —, wozu an Stelle des Korsetts, die geheimsten Toilettenrcqnisiten erfordertich sind den Stofs ohne Falten und. Nähte bis zu den Knien so „anfzükleben", daß er doch nicht die Atwnug oben, intte'n das Gehen behindert, und schließlich die so tapezierte Nacktheit der Formen von rückwärts gefällig einzurahme», zu drapieren und gleichzeitig den g-e-he'imen Apparat, der die Seide oder den sonstigen Stoff spannt, zu verbergen. -Denn eine Art Apparat von hinterrücks arbeitendcu tgUmmi-z'ügen, von diskret plazierten Wattierungen und Fischbein ist natürlich notwendig. Bei einer ganz feenhaften „seeblauen" Tass-ctas-Ballrobe Blargaiuc- Laeroix' wiegt sich gewissermaßen der dünne Sylphidenkörper in einer leichten Wolke von umwallender Spitze und Seide. Hier beginnt unter zwei Spitzcnepaukcttcn der nach rückwärts fallende griechische Manteldehang: unter den Armhöhlen packt er das bis dahin gespannte Bruststück, schlägt sich weiter unten als der in Knichöhe niederfallende, eigentliche Rock um, und überrascht den etwas aufmerksameren Beobachter mit der Entdeckung, daß die ganze Robe, Bruststück, Rückcubeihaug und Rock, ans einer einzigen Bahn -des „seeblauen" TaffctaS- S'tvffcs geschaffen wurde —, die einzige Naht im Rücken und die ElUsatzstücke im Rock zählen nicht mit! Würden die Fabriken den Tafselas in genügend breiten Bahnen weben, Margaine-Sacroix hätte die Naht und die' Mn- satzstücke nicht nötig. Wenn wir sagten, daß die Syl- phidenrobe ein Wunder ist! Es ist jcdensalls das sinnlichste Kostüm, das für die Gesellschastsrä'mnc je geschaffen
