SS. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag St» Pfg. monatlich, durch die Post — Mk. St» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeigen
ZA,OOO Avorrnenterr.
Anzeigen-Annahme Ikssf^^n^^'Elusgabe bis 12 Uhr mittags,.für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
.__erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschricbenen Tagen wird keine
Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst
Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
N- H8.
Verlags-Fernsprecher No. 2988.
Mittwoch, den 8. Marx.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1905.
Morgen - Kusgabe.
_ <■ Ml'crtt. _
Em KleriKaLes Dokument aus dem 20. Jahrhundert.
Zur För-dermrg der Ascherniittwoch-Stim-muug.
Der bekannte Vorkämpfer gegen den Ultra-ntontanis- mtts. Graf v. Hoens-broech, schreibt den „Leip-z. N. Sk.": Der „a. o. Professor der Theologie an der Königlichen UnidLvsität zu Münster", vr. Josef B a u tz, hat der Wissenschaft und der Religion eine Neujcchrsga.be gewidmet: „Die Hölle, im Anschluß an die Scholastik, zweite verbesserte und vermehrte Auflage, mitirchlkchcr Genehmigung (!) Nkainz, 1905". Schon seit Jahren ist Herr Bauch als Höllenserscher bekannt ; seine buchstäblich tiefgründigen Untersuchungmr über die örtliche Lage der Hölle int Erd- innerni. und über die Abzugskanäle des Höllengualmes rn Gestalt unserer feuerspeienden Berge (Vesuv, Ätna, Ävakatoa, Mont Pelse uiw.) dienten schon seit Fahren teils zur Erheiterung, teils zum Ärger religiös, wissenschaftlich und kulturell interessierter Kreise. Mau glaubte aber die Hoffnung hegen 31 t dürfen, Herr Bauch, der Univevsttärsp-röfessor, werde, auf feine Torheiten cmf- mevksarn gomacht, Vernunft aimehmen unö bei einer Neuauflage seiner Höllen-Mvnographie die Höllen-To-po- graphie ansfallen lassen. Ich hübe diese Hoffnung nie geteilt, und -die Tatsachen haben mir Recht gogisben. Soeben, nach 22 Jahren, ist ,/die zweite verbesserte und vermehrte Auflage", der Schrift erschienen, und — alles ist. beim alten geblieben. Ja, Herr Bauch erklärt sogar mit Emohase, öei: „Spott und der Hohn und das Geplärre eurer gewissen Journalistik" Halte ihn nicht ab, die Ortebeschreibung der Hölle beizubehalten.
Aus sehr naheliegenden Gründen ist es angezeigt, Re betrcrrenden Stellen dieser im Jahre 1905 erschienenen, mit. kirchlicher Genehmigung versehenen, von einem, deutschen Universttätsprofessor verfaßten Schrift noch einmal dem großen Publikum vorzulegen : Professor Bäuch schreibt wörtlich: ./überhaupt ist es ' allgemeine Lehre der Theologen, bemerkt Suarez, der größte Theologe des Jesuitenordens, daß es vier unterirdische (!) Räume gibt, die. zur Aufnahme der Seelen nach dem Tode beutnmiiit sind. Der Schoß Abrahams, der jetzt leer steht, das Fegefeuer, der Aufenthaltsort für die nngetcmftelt Kinder und die Hölle. Und so begreift sich des Lessius Ausspruch: es ist gewiß, daß die Hölle im Erdinnrrn ist. Die Theologen unserer Tage/obgleich sie der imolastischeii These (Uber den Ort der Hölle) bei- pflichten, drücke!: sich nicht so scharf aus und begnügen v. r r ... .. . 1 .' . ..
sich umt der Erklärung, daß der fragliche Denkspruch (daß die Hölle im Erdinnenr sei) die Zustrmmuulg der Väter und Theologen, die Aussprüche der hl. »schrift, auch selbst die gesunde Verimnft (!) in einer Weife für sich habe, daß kein theologischer und kein profanwissenschaftlicher Grund vorliege •(!), von der seutentia communis abzuweichen, und daß der scholastische Satz wohl nicht ohne eine gewisse Verwegenheit bestritten werden könne . . . Selbst auch vom Standpunkte des vernünftigen^ Denkens empfiehlt sich unsere Lehre . . . das Bewußtsein, daß. die Holle uns so nah, daß ihre grausigen Flammen hart unter unseren Füßen 'drohend lodern, daß ein näherer oder entfernterer Ziusmnm-en- hnng besteht zwischen dem, was wir an der Oberfläche beobachten und'dem, was die entsetzliche Tiefe birgt; daß es der Hölle Schloten sind, die vor unseren Augen giftig qualmen (die Vulkane); daß die Riesenwogen ihres ewigen. Feilermeeres aus der Tiefe heraus die Erde, die uns trägt, in banger Angst erzittern machen (die Erdbeben), das alles dürfte wohl geeignet sein, jenen erschütternden Eindruck nicht wenig zu verschärfen . . . Die Frage,, w-ie sich die vier unterirdischen receptacula (Seelenbehälter) der Lage nach zu einander verhalten, wird vor: den Theologen in verschiedener Weise beantwortet. Daß die eigentliche Hölle die tiefste Stelle ein» nimmt, wird von allen Theologen angenommen, nicht minder, daß der Schoß Abrahams in höherer und würdigerer Lage sich befindet. Wo aber ist das Fegfeuer und der Aufenthaltsort für die ■ ungetansten Kinder? Mau könnte geneigt fein, ihn in unmittelbare Nähe öer Holle zu verlegen . . Nichtsdestoweniger verlegen
viele Theologen ihn in die Nähe des Schoßes Abrahams, m einiger Entfernung von der eigentlichen Hölle. Das Fegfeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer Nähe der Hölle. Nach der Auferstehung wird das Fe-gfeuer keine Bewohner mehr haben, wie schon, jetzt der Schoß Abrahams unbewohnt ist. Beide Orte werden denn wähl zur eigentlichen Hölle gezogen; nach Umständen auch der Aufenthaltsort für die ungetansten Kinder, falls die Voraussetzung zutrifft, daß diese Kinder nach der Auferstehung eine andere Wohnung Kugewiesen erhalten. Doch kann cmf solche Einzelfragen eine bestimmte Antwort mcfjit gegeben werden. Auch über die Art und Weise, wie die receptacnla von einander getrennt sind-, läßt sich nichts mit Bestimm,theit ausmachen. Haben Hölle und Fegfeuer dasselbe Feuer, so ist ihre Grenze wohl nur durch Gottes Willen gezogen, so daß ein Überschreiten derselben nicht gestattet ist, eine Rücksicht, die den armen Seelen wegen ihrer Würde gebührt Die beiden anderen Orte aber sind wohl durch zwischen- liegende Massen üou der eigentlichen Hölle abgesondert, Fiir alle Fälle bemerken wir, daß die Hölle' und ihr Feuer zurzeit (von, Herrn Bautz gesperrt!) nur geringe Ausdehnungen erheischen, da sie lediglich von Geistern
bewohnt sind. Sollten diese Ausdehnungen nach der Auferstehung der Leiber unzulänglich sein, so wird der. Schöpfer der neuen Erd« Sorge tragen. Lessius gibt eine weitläufigere Berechnung, um darzutuu, daß ein ganz geringer verschwindender Teil des Erdinnenr Iiinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen" (S. 37—42). „Vom Standpunkt der Naturwissenschaft aus erhebt sich gegen die vorgetragene Lehre (datz^ das Höllenfeuer wahres, eigentliches Feuer sei) keine Schwierigkeit. (Sic!) Wenn uns Scholastiker und spätere Theologen die wohlbegründete Ansicht vortragen, daß die Hölle sich im Innern unserer Erde befinde, so kommt die Naturwissenschaft geradezu mit der Erklärung entgegen, daß das Innere unseres Erdkörpers der Sitz gewaltiger Feuermassen sei. Wie immer die Entwickelung unseres Erdballes in den Jahrtausenden, die ihm vor dem Wettende noch Geschieden sind, verlaufen mag, für den Fortbestand des Höllen- feuers wird die Weisheit und All m a ch t d es st r a f e u d e u Gottes Sorg e t r a g e 11 . -Was aber die Beschaffenheit des ewigen Feuers, zumal nach dem Weitende, anbetrifft, so läßt sich n a r n r. wissenschaftlich (!) nimehmen, daß dieses Feuer durch ewigen Kreislauf gewisser chemischer Prozesse verursacht wird, inbiem kraft göttlicher Einrichtung chemische Verbindungen entstehen, und wiederum zergehen. Auch dürfte nichts im Wege stehen, das Höllenfeuer einfach als ein Gas, vielleicht als ein Gemenge verschiedener Gase uns vorgustellen, 'die, ohne begleitenden chemischen Prozeß, durch Gottes Macht in entsprechende Bewegung und so in den Zustand ewiger Glut versetzt sind. Bei dieser Annahme hätten wir also nicht so sehr an lodernde Flammen, an aufstetgenden Rauch und dergleichen zu denken, als vielmehr au eine, unterirdische Glut- atmo-sphäre, au ein Glutmeer gasförmiger Materie." (S. 147 f.)
Zu -diesen Sätzen, feines Textes macht Herr Bautz mehrere „gelehrte" Anmerkungen, die. um das Höllenfeuer int Erdinneru gl-cmbenswert zu machen, niatur- wissenischastlich Nachweisen, daß „schon in einer Tiefe von 33 Kilometer eine Temperatur von 1000 .Grad Celsius herrscht", „daß Wärme eine schwingende Bewegung der Moleküle ist", und „daß der Erdkern rein gasförmig ist " Ganz folgerichtig erscheint deshalb auch der Satz des Herrn Bautz: „Wohl mit Recht schließen deshalb bre
meisten neueren Theologen F r 0 st u n d K n I t e v 0 n b-er Hölle aus" (S. 231). Eingchend untersucht 'dann Herr Bautz, 0 b t r 0 h d e s Feuers F i u st e r - n i ö i n d e r H ö I l e herrsche; er kommt zu dem Ergebnis: „Wir haben an einen: anderen Orte im Anschlüsse an verschiedene Fachmänner der Naturwissenschaft darauf hmgewioseir, daß in der Tat Licht und Wärme nicht gleich, daß vielmehr ine Lichtstrahlen vou den Wävmestrahlen unterschieden find. Das Höllen-
Feuilleton.
Der IHorterpanier und die neue Lrützjahrsinude.
Berlin, 1. März.
So hat er also wieder einmal den Sieg davongetragen. Triumphierend kommt er hervor aus der Ru-mpel- kamm-er, in d,er ihti eine Epoche merkwürdigen B-er- nünftigsen-s befördert hatte, und nimmt wieder seine alte Stelle ein, drückt, zwängt, peinigt wieder seine geduldigen Sklavinnen ärger als seit langer Zeit. Wir viel ist über seine Schädlichkeit geschrieben und geredet worden, was haben Arzte und vernünftige Frauen nicht alles gegen ihn vorgebracht, welcher Schandtaten hat man ihn beschuldigt und sie in Wort und Bild deutlich gemacht! Welches Triumphgeschrci erhob sich, als er endlich, endlich nach langem heißem Ringen abgeschafft erschien, als die miederlöse, die glückliche Zeit herankam -und -die natürlichen Formen der Frau endlich einmal wieder zur Geltung kamen. Man schwor schon darauf, daß nun die eigene Einsicht der Frau den Sieg davon- getragen habe, daß sie mit der wachsenden Freiheit ihrer Person nun auch endlich die Freiheit vom Korsett errungen habe!
Und nun?-
Frau Mode spricht ein einziges Wort und das alles Ist, als ob es nie gewesen wäre. Der Marterpanzer, das Korsett, dominiert wieder. Die Schlankheit der Fr'au wird wieder ängstlich -mit dem Zentimeter gemessen, alle Gesetze der Hygiene werden mißachtet und die freie Frau beugt sich sklavisch unter der neuen Modeforderung der schlanken Taille. Sie legt gehorsam das Korsett -wieder an, das fester und höher ist als je, und schwürt es so lange zusammen, bis sie die vvrgefchriebeue Rührenform erreicht hat.
Wahrlich, wir brauchen uns nicht groß zu tun mit unserer Unabhängigkeit von sinnlosen Modegesetzen; das Gros der Frauen erkennt sie unbedingt an und -das Frühjahr wird zeigen, wie schlank die moderne Frau sein muß, um elegant zu exscheinen.
Allerdings, die Schlankheit ist noch nicht ganz und überall durchgefüyrt. Noch- sieht man neben den modernen
Frühjahrskostümen, deren Jacketts so eng an'liegen, als
seien sie mit äußerster Gewalt über !die Figur gezogen, lose, weite Jacken, die über bauschigen Blusen getragen werden. Aber -diese losen Gewänder sind nur noch das letzte Kompromiß, -das -die scheidende Mode mit der ko-mmend-en e'ing-egangen ist. Die wahre Neuheit 'des Frühjahrs sind die mit schlanken Taillen ausgearb-eiteteu Jacketts mit den angesetzten Schößen, die nur durch- eine
vorn etwas- gerade Front noch einen Schein von Lockerheit Vortäuschen wollen. Aber es ist eben nur ein Schein; denn die gerade Vorderseite wird bedingt durch den alles dominierenden Miedergürtel, der gerade gearbeitet ist, um der Taille den Anschein noch größerer Schlankheit zu geben. Betrachtet man eine Modedame im modernen Fr'tthjahrs'kostüm von rückwärts, so wird die stark nach
einwärts geschweifte Taillenform sofort sichtbar, die die Hüften wieder mehr hervortreten läßt, und -wo diese nicht vorhanden sind, ein wenig 'Nachhülfe nicht verschmäht. Urrd es haben also die Recht behalten, die der lockeren Ac-oüe nur ein ganz vorübergehendes Dasein prophezeiten, weil die Frau immer wieder äußerste Schlank- heit als das -ErstrebensMierteste betrachtet und ganz besonders, ,'iveil^-das stärkere -Geschlecht in den meisten Fällen diese Schlankheit so sehr bewundert, daß die n-rauen dadurch- zu immer tolleren Experimenten getrieben werden, um sie zu erreichen.
Es ist sehr lehrreich, sich jetzt in einem großen Korsettgeschajt me neuen Modelle vor'legcn zu lassen. Wo rst das bequeme Miederchen hin, das die Frau von wirk- licher Eleganz in den letzten Jahren als das einzig Zulässige erachtete? Das Korsett -wird wieder sehr hoch und dre Brustform sehr stark ausgearbeitet. Die Fischbeine sind gleich^ halbö-utzendweise nebeneinaiiö-er gesetzt, und die ganze Form ist -direkt auf starkes Zusammenschnüren berechnet. Sv -werden Marienbad und Karlsbad iit diesem,Jahre noch mehr Zuspruch hab-en, als iit der letzten Zeit, und mehr od-er minder gewaltsam>e Kuren werden den heiß ersehnten 58—60 Zentimcter-Tailleu- schlutz erreichen helfen. Was, unsere Frauen an Gesundheit und Bequemlichkeit einbüßen, das ist ja ganz.nebensäch'- lich. Sie werden modern sein -und schlank. Und es bleibt nur ein Trost, daß die Mode selber d-er neuen und im Grunde doch so alten -Btarter schnell wieder müde wird, und daß der eng geschnürten Frau wieder -die locker gekleidete folgen wird. Darauf deuten einige winzige Anzeichen und vor allem die Hartnäckigkeit, mit der sich die losen Jacketts immer wieder Hervormagen. Hoffen wir daß sie den Sieg davon tragen!
Um ganz unparteiisch zu sein, schildern wir unseren Leserinnen vou jedem Typ einige Exemplare. Die an- liegendcn FrtthjahrLkleider werden meist aus einfarbigem Luch, weniger aus anderen Stossen gearbeitet. Daneben machen sich die englischen karierten Stoffe breit, di- schon im vorigen Herbst begannen, sich, einzubürgern, und in diesem Frühjahr wohl für Strapazierkleider Trn'mpf fern werden. In grauen, sandfarbenen und bräunlichen Melangen sind sie stark vertreten. Auck die Tuchkleid-er sind meist in gedeckten -Farben gearbeitet.
