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SS. Jahrgang.

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Verlag: Langgafse 27.

2i,OOO Avormerrterr.

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109. BerlagS-Fernsprecher No.

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2953.

Sonntag, den 5. Marz.

Redaktions-Fernsprecher No. 62.

1905.

Morgen - Ausgabe.

1. Wlatt. _

Die Simultan schule.

Die Rede, die der Mg. v. Bülow aus Homburg kürz­lich im Ab-geo-rdnetenhause hielt, haben wir im wchent- lichen schon mitgeteilt. Bei der Wichtigkeit der Sache für Nassau aber möge sie hier auch im Wortlaut folgen:

v. Bülow (Hornburg): Meine Herren, ich werde ihre Geduld nicht so lange in Anspruch nehmen wie der Herr Vorredner. Wir haben in Nassau eine Anzahl be­rechtigter Eigentümlichkeiten. Dazu gehört die Simultan- schule, die leider nur noch in einem kleinen Teile Preußens vertreten ist. Aber da sich diese so 'außer­ordentlich gut bewährt hat, so ist es unser Wunsch und unser Wille und ich spreche hier insbesondere namens der -nationalliberalen Abgeordneten aus Nassau für diese Schule in der Folge freie Lust und, freies Licht, ebenso wie für die Konfessionsschule, auch für die übrigen Provinzen zu erreichen. Meine Herren, ich komm« jetzt gu einer unberechtigten Eigentümlichkeit des nassau,iischen Landes. Es ist in Preußen vielfach der Fall, 'daß der Beginn der Schulpflicht sehr verschieden geregelt ist. Am buntesten und unzuträglichsten sind in der Beziehung die Zustände im Regierungsbezirk Wiesbaden und dort wieder am schlimmsten in dem Landkreis Frankfurt a. M., Ich darf Ihnen mittsil-en, daß in den ehemaligen nassauischen Bezirken zu Ostern alle diejenigen Kinder schulpflichtig werden, die bis zum 31. Dezember des betreffenden Jahres das 6. Lebensjahr erreicht haben. Im Frank­furter Teil des Bezirks werden nur diejenigen Kinder mrfgenommsn, die -bis zum 31. März des betreffendeu Jahres 6 Jahre afft geworden sind. An diese Bestimmung hält sich die Stadt Frankfurt und weist alle Kinder, die nach dem 31. März das v. Lebensjahr erreichen, zurück. In den Landgemeinden ist die Aufnahme den bis zum 30. Juni 6 Jahrs alt gewordenen Kindern gestattet. Zu diesen Landgemeinden gehören auch die «chemwligen kur- hessischen und hanauischcn Orte des Landkreises Frank­furt. Für diese hat nun wieder das Kammsrgericht obige RegierungsbestimUrung für ungültig erklärt, die dafür also nach altem -hananischen Herkommen alle Kinder aufnchmen, die bis zum 31. Oktober 6 Jahre alt ge­worden sind. In den ehemaligen dar-mstädtischen Ge­bietsteilen, von denen einzelne Orte auch in den Land­kreis fallen, ist es wieder anders, und anders wieder in meinem Wc-mort Homburg v. d. H. Diese Zustände erbittern natürlich das Volk, namentlich wenn es in der einen Gemeinde gänzlich anders ist, wie in der benach­barten, und wenn z. B. in der einen Gemeinde ein Schul­kind in diesem Fahre in die Schule geschickt wird und in

Feuilleton.

Bus meiner Mappe.

fFür basWiesbadener T a g b l a t t".)

Von Walther Schulte vom Brühl.

XXXV.

Im KchiUev-Iahr.

Und dieOffiziöse" hatte wieder einmal gesprochen. Keiner hätte es gelesen, wenn ihre verschämten und ihre weniger verschämten Dementis, wenn ihre Kundgebungen und Meinungen, .bie, ach, so selten die Meinungen des Volkes und der Kulturpioniere sind, nicht in der Presse verbreitet würden, oft nur der Kuriosität wegen. Und' nun ging ich mit mir zu Rate.Nur solche Elemente, deren moralisches Empfinden völlig a b- g e stn m p f t i st, vermögen anders als mit Abscheu auf das grausige Verbrechen zu blicken, dessen Künde in der ganzen gesirreten Welt" mit Entrüstung aufgenommen wurde." So krähte der offiziöse Hahn, und ich Unglück- seliger hatte nicht ausgespuckt, als ich vernahm, daß ein wütender gefürchteter Freiheitsfeind, Menschenquäler und Lüstling den Lohn für seine Daten fand, indem er in die Luft gesprengt wurde von einem todesmutigen Sendling der Verzweifelten, der grausam verfolgten Freunde des Freiheitsgedankens. Wirklich, war ich dieses nmngeln- denAbscheus wegen ein moralisch Versumpfter, ich und die vielen gebildeten Menschen, die auch keine Abscheu heuchelten über die Ermordungdieses Kunden", wie mir gegenüber erst vor einer Stunde ein angesehener Bürger despektierlich von der zerrissenen Kaiserlichen Hoheit gesprochen hatte?

Noch hielt ich das Blatt in den Händen, ganz be­klommen über der Ausfall der Offiziösen gegen die Millionenkonträren Meinungen", die sie witterte, als der Sohn eines Bekannten eintrat, einhöherer Schüler" der oberen Klassen, ein frischer,, an Leib und Seele ge- lund-ev Junge.

der Nachbargemeinds ein Kind ein Jahr hat warten müssen, bis es in die «schule kom'men kann., Das Gesetz wird auch insofern umgangen, als einzelne Eltern ihre Kinder für kürzere Zeit, etwa % oder Jahr, in andere Orte schicken, um die Schule zu besuchen, und wen» ^ sie kurze Zeit die Schule besucht haben, dann wieder zurück­kommen. Das ist ein sehr wenig erfreulicher Zustand, und ich sollte meinen, daß es ber Regierung nicht allzu schwer sestr könnte, nameurlich in den Bezirke:!, wo die Dinge am schlimmsten liegen, eine Änderung ointreten zu lassen. Ich erlaube mir nun, mich den Wünschen einiger Vorredner 'bezüglich der besseren Besoldung «der Lehrer auf dem Lande anzuschließen. Dieselben sind, wie wir wissen, im Verhältnis zu Sen städtischen Lehrern viel zu schlecht besoldet. Das ist «in wesentlicher Grund der Landflucht der Lehrer, und auch in meinem und dem be­nachbarten Wahlkreis ist dies namentlich da.der Fall, wo es sich um gebirgige Gegenden handelt. Im Taunus und Westerwald 'ist der Aufenthalt auf dem Lande wenig angenehm, und die Lehrer hüten sich, für diese Stellen sich zu melden. Es entsteht dadurch ein großer Lehrer­mangel, und die benachbarten älteren LKrer sind ge- nötigt, in den Klassen, wo ein Lehrer nicht vorhanden ist, auszuhelfen zum Zdachteil der Schule und zum Rach- teil des Lehrers. Es ist eben verkehrt,' meine Herren, wenn die Besoldung der Lehrer auf dem Lande den ört­lichen Verhältnissen angepaßt wird statt den Schwierig­keiten der Berufserfüllung. Nach- meiner und meiner Freunde Ansicht ist es eine der wesentlichsten Aufgaben, wenn wir jetzt die Schulunterhaltungspflicht regeln, auch diese Frage aufs energischste in die Hand nehmen und hier eine Änderung eintreten lassen, und ich hoffe, daß der Herr Minister, der in dieser Beziehung wenig Neigung zu halben scheint, sich eines besseren besinnen und für die Lehrer auf dem Lande etwas tun wird. Es wird dann auch der Lehrermangel mehr nnd mehr ver­schwinden und- eine bessere Verteilung der Lehrkräfte erfolgen.

Präsident v. Kroch er: Das Wort hat der Herr MmistemaWirektor.

D. Schwarzkopff, Ministerialdirektor, Regie- rungskommissar : Meine Herren, der Herr Kultusminister har schon. zu wiederholten Malen ansgcführt, ülaß er nicht daran denke, die Simultanschule im vormaligen Hevzogtum Nassau zu beseitigen oder- ihr die Lebenslust zu nehmen, und der Kampvomißantrag hat ausdrücklich zum Ausdrück gebracht, daß diese. Besonderheit auch in Zukunft aufrecht erhalten werden soll. (Bravo! bei den Nationallliberalen.) , Ich glaube, Besorgnisse des Herrn Vorredners irr dieser Beziehung brauchen für die Züiunft nicht vorzuliegen. Was die zweite Frage anbetrifft, meine Herren, so ist es richtig: -der Regierungsbezirk Wiesbaden seht sich aus verschieden gearteten Landes­teilen zusammen, die historisch zusammengewachserr sirid.

Da, lies das mal", sagte ich und gab ihm das Blatt.

Er las, er erschrak. Seür Gesicht rötete sich bei der Lektüre. Er fühlte, daß auch ihm ein Schimpf angetan werden sollte. Aber dann faßte er sich, urrld das Blatt auf den Tisch schleudernd, sagte er:Quatsch!"

Quatsch, Quatsch?" frug ich ihn scheinbar ver­wundert.Na, findest du es nicht gerecht, mm mau denen die Leviten ließt, denen bei einem solchen Mord nicht sämtliche Haare Pfeilgrad zu Berge stehen?"

Mord, Mord?" brummte er.Weißt du, wir alle, mit Ausnah'me von ein Paar Duckmäusern, fassen das etwas -anders auf.Doch eine Grenze hat Tyrannen- macht", heißt es doch."

Junge,. Funge, der Schiller hat dich entsittlicht", lachte ich. .

Na,", entgegnete er.Guck mal, der Tell zum Beispiel. Nicht währ, der durfte doch sagen:Zum

Himmel heb' ich meine reinen Hände." Das durfte er doch? Siehsie, und das ist nun ein großer Held, weil er den schuftigen Landvogt niederschoß, der das Land und es war doch nur ein kleines Ländchen bedrückte. Wer der, den sie da kapur gemacht haben, der lxat doch noch viel mehr auf dom Gewissen, als der Getzler, mein' ich, und die Angst, die seine Verwandten nun ausstehen, imd den Kummer, der sein Tod vielleicht einigen bereitete,, was ist das- gegen den jahrelangen Jammer von Tausen­den von Unterdrückten und Mißhandelten. Sichst du, und dann der verfluchte Kerl, der ihn in die Luft sprengte, der schoß nicht aus sicherem Hinterhalt, wie der Tell; bei dem kam auch nicht die Wut über die Apfelschußgefchichte und die schuftige Festnahme durch den Geßler dazu, sieh, der war von allen persönlichen Gründen frei. Der schlug feilt Leben in die Schanze der großen Befreiungsjache eines großen Volkes wegen. Und deshalb ist uns dieser Mörder tausendmal lieber, wie der Gemordete. Ich scheu mich nicht, das zu sagen, und es ist mir Wurst, was die da in dem Blatte schreiben. Wenn die den Schiller ge­lesen und kapiert hätten und dann ehrlich ihre Meinung sagten, daun schrieben sie so was nicht in die Zeitung.

und es besteht da eine gewisse Verschiedenheit in dem Beginn und dem Ende der Schulpflicht. Die Staats­regierung ist bereits in Erwägungen eingetreten, wie diesem Übelstande abgcholfen toer'ben kann; die Verhand­lungen sind aber noch nicht abgeschlossen.

Präsident v. K r ö ch e r : Ich schlage dem Hause vor, sich jetzt zu vertagen. Damit ist das Haus einver­standen.

Zu einer persönlichen Bemerkung hat das Wort der Wgeovdnete v. Bülow (Homburg).

v. Bülow (Homburg), Abgeordneter p Der Herr Mmisterialdirektor hat mich insofern mißverstanden, als ich nicht daran gezweifelt habe, daß die Simultanschuleu in Nassau nicht gefährdet sind; ich habe nur g«sagt, daß wir darauf dringen müssen, -daß die _ Simultanschul- Angele-genheit auch für die übrigen Provinzen so geregelt werde, daß diese Schulen auch dort neu gegründet werden können. (Bravo! links).

StrnstolonLsation.

L. Berlin, 8. März.

Deutschland ist recht eigentlich das Land der auf rätselhafte Weise entstehendenFragen". Woran gestern noch niemand gedacht hat, das kann heute Gegenstand der Erörterung werden, zunächst in engeren. Kreisen, und morgen schon beschäftigt sich alle Welt damit. Eine solche Frage, für die vor wenigen Wochen noch niemand das ge­ringste Interesse verspürt hätte, ist die der Deportation als Strafmittel. Wer sich -mit ber Psychologie der öffent­lichen Meinung beschäftigt, den kann es schon inter­essieren, zu beobachten, wie sich die Zeugnisse dafür häufen, -daß diesProblem mehr und mehr in denGesichts- kreis des Volksbewußtseins tritt. In Fachblättern wird untersucht, ob sich der Deportation nicht die guten Seiten abgew-innen ließen, die man ihr bis dahin bestritten hatte; es gibt bereits Universitätslehrer, die allen Ernstes Vor­schlägen, bei der bevorstehenden Reform- des Str-af-voll- zuges auch die Deportation gesetzlich auszugeftalten, und in den Tagesblättern finden sich hier und da bie Reflexe dieser Erörterungen, so jedoch, daß der aufmerksame Leser fühlt, die öffentliche Meinung sei sich über die Sache keineswegs klar, sie wünsche aber, sich zu unterrichte». Man darf darauf gefaßt sein, daß in ibem Augenblick, wo die Reform des Strafvollzuges praktisch werden wird, von unberufenen wie vielleicht auch von berufnen Seiten konkrete Vorschläge in bezug auf die Deportation werden gemacht werden. Darum verlohnt es sich nicht nur, sondern es ist geboten, dieser Frage rechtzeitig Beachtung zu -schenken. Manche Verwirrung kann so- verhindert werden, che es zu spät ist. Mau muß nämlich wissen, daß di« ganze Frage für die wirklichen Kenner der Ver­hältnisse längst keine mehr ist, daß sie nur noch Leute

Ja, die sollten wirklich erst den Schiller lesen, ch' sie mit ihrem Geschreibsel so viele ordentliche Leut' beleidigten,"

Ich nickte.Bewahr' dir -den Mut deiner freien Meinung, Junge. Aber bedenke, daß es bei uns Kreise gibt, in deren Stnmp-ffinu niemals der göttliche Funke Schillerfchen Idealismus zünden -und leuchten wird. Be­mitleiden wir ihr niederes hochnäsiges Sklaventum."

XXXVI.

©ettwgfrtntSmt.

Das kleine Anneken, ein fünfjähriges Arbeiterkind, guckte oft mit seinen großen Augen bei uns durch den Zäun. Ich wär einige Jahre älter als sie. Als sie eines Tages wieder so dastand, nahm ich einen alten weiß- gebleichten Kohlstrunk, der da herumlag und dessen -dichter Wurzelb-allen einem Haarschopf nicht -unähnlich war. Unter die Wurzeln malte ich ein Gesicht und steckte ein Stück Holz quer durch den Stamm, das als Arme gelten sollte.

Da, hast du eine Puppe", sagte ich- zu dem Anneken und reichte ihr das abenteuerliche T-iug durch den Zaun. Und das Kind- nahm den Kohlstrunk, ivickelte ihn ins Schürzchen, barg ihn im Ärmchen und überschüttete ihn mit Zärtlichkeit.

Sie heißt Liese und ist sehr lieb", sagte sie andern Tages schüchtern zu mir. Da- reute mich -der Spott, -den ich mit dem armen Dingelchen getrieben. Ich -ging- hin, stibitzte eine von den Puppen meiner Schwestern und brachte sie dem Kinde. Aber es lehnte sie -ab, schüttelte das Köpfchen und sagte:Liese ist viel, viel lieber." Damit trollte es -ab, vielleicht um doch nicht in Versuchung zu -geraten und der Koh-lstrnnkpuppe wehe zu tun.

Eines Tages nun machten Nachba-rskinder ein Gartcnfeuerchen. Holz, dürre Pflanzen, alles suchten sie zusammen.

Plötzlich hörte ich ein furchtbares Weinen und Weh­klagen. Das Anneken stand heulend -da und als ich- mich erkundigte. was geschehen, da schluchzte es herzzerbrechend: Sie sic -hahaben mir die Liese genommen und nnd lebendig verbrannt."

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