Einzelbild herunterladen
 

ss. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post 3 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

21,000 Avonnenten.

Tlnzcigen-Preis:

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

<& «**■>*.* ■>«* 1 M«*rtl*M *0 für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen «Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter AnzeHen zur nächst«

erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebcnen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

N-. 1V7.

Berlags-Fernsprecher No. 2958.

Samstag- drn 4. Warf.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1905,

Morgen - Kusgabe.

1. Matt. _

MlWW Pfltillt- Md WüliiMiM.

s. Paris, 1. März.

Schon feitgeraumer Zeit wurde von fvanMiischen Marineoffizieren und Tagesschriftstellern darauf hinge- wiesen, daß die Soestreitkräfte der Gpo-tzmächte eine Ent­wicklung nehmen, die Frankreich um seinen Rang als zweite Seemacht der Welt bringen und somit seine Sicher­heit gefährden könnten. Diese Warnungsrufe steigerten sich zu Alarmkundgebungen, als Rußlands Seemacht in Ostasien gebrochen und ein japanischer Plan bekannt ge­geben wurde, demzufolge das eroberungssüchtige Insel­volk zuerst beabsichtigt hätte, Frankreichs indochinesisches Kolonialgebiet anzngreifen. Solange das Ministerium Comb es mn Ruder war, verhallten diese Rufe wirkungs­los, was die Nationalisten zu geradezu wahnwitzigen Unterstellungen gegen den vorigen Marinemiinister Pelle- tan vevanlaßte. Äkumnöhr hat sich aber das neue Kabinett Rouvier zu einer Erklärung verstanden, daß ein neues Flottenprogramm zur Ergänzung des rm Jahre 1900 angenommenen und noch in der Ausfühlrung begriffenen erforderlich sei, und die Kammer hat bereits, trotz dem heftigen Widerstand der Sozialisten, als deren Wort­führer wiederum Jaurds austrat, eine Resolution m diesem Sinne angenommen.

Die Ziele, die den Franzosen dabei Vorschweben, und die Besorgnisse, durch die sie sich zu neuen Marine-Aus­gaben gezwungen erachten, hat der ehemalige Marine- minister Abg. de Lanesson in seinem Anträge, sofort die nötigen Kredite für die Kiellegung von sechs neuen Schlachtschiffen, drei Panzerkreuzern und einer größeren Anzahl von Torpedojägern, Torpedo- und Untersee­booten zu bewilligen, sehr klar zuscrinmengefiaßt._ Er stellt wiederum als Hauptmaxime aus, daß die französische Flotte denen der Dreibundsmächte gewachsen sein müßte. Auf die Idee, daß sie diesen überlegen sein sollte, hat man, der Macht der Tatsachen sich fügend, Verzicht ge­leistet. Aber auch die einfache Ebenbürtigkeit der fran­zösischen Flotte und derer der Dreibundsmächte ist nach 'den Darlegungen Lcmessons sehr schwer zu erzielen; selbst nach der Durchführung des von ihm eingäbrachten Pro­gramms wäre sie nach seinen eigenen Berechnungen und Aufstellungen noch nicht ganz vorhanden.

Das ist eine schwere Sorge für die Franzosen, nicht etwa, weil sie mit einer Kriegsedentualität in Europa irgendwie rechnen, sondern weil ihnen dadurch klar z.mn Bewußtsein kommt, wie ungeheuer schwierig die Aufgabe ist, den Rang zu behaupten, den sie sowohl als kontinen­tale wie als Weltmacht beanspruchen. Immer mehr stellt

Feuilleton.

Das §kizzenbuch.

Novellettc von Neinhold Ortman».

Mit immer neuem Entzücken wandten sich Dr. Volk- mamis Blicke der reizenden jungen Hausfrau zu, die sich inmitten ihrer Fünf-Uhr-Teegäste in lässiger Grazie aus einen der niedrigen Sessel stützte. Seitdem er vor einem halben Jahre das Glück gehabt hatte, in das Haus ihres Gatten, des Bankiers Meitenbach, eingeführt zu werden, gehörte er zu ihren enragiertesten Bewunderern. Und dem Kunstkritiker war diese Schwärmerei wohl zu ver­zeihen. In welcher Gewandung und in welcher Stellung auch immer Frau Ada Meitenbach sich zeigen mochte, immer erschien sie wie ein zu Fleisch und Blut gewordenes, aus dem Rahmen herabgestiegenes Bild, wie die holde Verkörperung eines in seliger Ekstase geträumten Künstlertranmes. Es gab sicherlich keine Schönere in von Gesellschaftskreisen, denen sie dank der angesehenen Position ihres Gatten angehörte, und der kleine dick', glatzköpfige Herr, »der dieses Wunder an Lieblichkeit als sein rechtmäßiges und alleiniges Eigentum betrachten durfte, mochte sich mit gutem Grund unter die beneidens­wertesten Sterblichen zählen.

Er hatte seine jetzige Frau gelegentlich einer Bade­reise kennen gelernt, und es hieß, sie habe damals die bescheidene Stellung einer Gesellschafterin bekleidet. Etwas Gewisses über ihre Herkunft und ihre Vergangen­heit wußte eigentlich niemand zu sagen, aber hinsichtlich ihrer Gesellschastsfäh-igkeit hatten dessenungeachtet nie­mals irgend welche Zweifel bestanden. Die wohlbe- glcmbigten Mllionm des Herrn Meitenbach und die vor­nehme' Sicherheit, mit der die junge Frau vom ersten Tage an die ihr gebührende Stellung in Besitz ge- nommen 'harte, waren hinreichend gewesen, sie zu einer gefeierten und innerhalb ihres Kreises tonangebenden Persönlichkeit 31 t machen.

sich für sie die Unmöglichkeit heraus, ihre ungeheuren und westzerstrenten Kolonien, die sie nicht zu besiedeln vermögen, gegen die'imimier mächtiger werdenden Neben­buhler zu beschützen.und gleichKeitig in Europa die ein­gebüßte. Hegemonie Widder anznsirebcn.

Es gibt hier auch einige einsichtsvolle Politiker, denen das «inleuchtet und die. den Mut haben, mit der erforder­lichen Energie ans eine weise Beschränkung des Ehrgeizes Frankreichs zu dringen. Aber sie lausen stets Gefahr, des Mangels än Patriotismus bezichtigt, wenn nicht gar Verräter genannt zn worden. Sie vertreten faber trotz- dem unerschrocken die Ansicht, .daß dhs Überbieten in Heeres-' imd Marinerüstungen seitens Frankreichs un­sinnig ist, wail die Macht- und Bevö-lkeruMÄsrhältnisse der Welt sich so verschoben haben, daß selbst bei den günstigsten Konstellationen für Frankreich, ein Zustand ähnlich dem ,vor 1870 nicht mehr herbeigeführt.werden könnte. Es sei daher angezeigt, bei allen Marine-Ver­stärkungen hauptsächlich, .wenn nicht ausschließlich, die Verteidigung der Kolonien im Auge zu behalten. ^ Das sei.schon eine Asifgabe, die Frankreichs Kräfte hinreichend in Anspruch nähme. Das alles wird bei den Erörterun­gen über.die äflgekündigte, Marineyorlage und den An­trag de Lanesson in der Kammer näher ausgesührt wer­den. Es ist zu gewärtigen, daß schlieUich die Vermehrun­gen der. WariMeffektivbestände nur für die Verstärkung der Kolonialgeschwader, besonders der.ostasiatischen, vor­geschlagen werden, und daß inan sich« für Europa mit der Beibehaltung des Status stuo der Seemachtverhältnisse begnügen, dürste. Denn, ein Streben wach mehr könnte nur unangenehme Enttäuschungen nach sich ziehen.

Uolttische Übersicht.

König Alphons als Politiker.

ä. Madrid, 1. März.

Seitdem der König von Spanien den Kinderschuhen entwachsen ist, versteht er es, sich ans'seine Art populär zu machen. Er vadelt, ru-dert, fährt Automobil, inter­essiert, sich für. alle möglichen .sportlichen. Veranstaltungen und nimmt es nicht tragisch, wenn chm, wie es kürzlich im Madrider Stadtrat.geschah, wegen Überschreitung der gesetzlich fixierten Fahrgeschwindigkeit ein Verweis er­teilt wird. De rai 8 'a.inu 86 — das ist .sein gutes Recht. Weniger h-avnilos ist dagegen das Bestreben des Königs, zum Sport auch — Politik zu betreiben, weil es Früchte zeitigt, die auf dem Boden eines konstitutionellen Staats- wesens nicht gedeihen können. Eingeweihten Kreisen ist es kein Geheimnis, daß der junge, persönlichen Ein­flüssen leicht zugängliche Herrscher bei den letzten Minister- krifen seine Hand in einer Weise im Spiele hatte, die mit den Pflichten eines über den Parteien stehenden Monarchen nicht vereinbar ist. Die der Regierung nahe-

Was Di-. Volkmann an der reizenden jungen Frau fast ebenso sehr bewunderte als ihre unvergleichliche Schönheit und die unverkennbar aus reinster Herzens- güte entspringende Liebenswürdigkeit ihres Wesens, war ihre Meisterschaft in der Knust des überlegenen Zu­hörens und des rechtzeitigen Schweigens-' Noch .nie hatte man sie etwas Dummes sagen hören, und daß man sich aus ihrem Füns-Uhr-Tees so prächtig unterhielt, dankte man gewiß zu allermeist ihrer Geschicklichkeit, alle Ge­spräche, die einen gar zu Hohen Gedankenflug zu nehmen drohten, ganz sacht und oft beinahe unmerklich wieder auf 'das für jedermann erreichbare Niveau der "Alltäglich­keit. zurückzuführen.

Heute, wo -man noch- ganz unter dem Eindrucks des großen Verlustes stand, den die deutsche Kunst jüngst durch den Tod ihres Altmeisters erlitten, war es nur natürlich, daß sich die Konversation vornehmlich um die Person des kleinen Malerfürsten bewegte,! den jedermann gekannt hatte und von dem jeder einen charakteristischen Zug zu erzählen wußte. Ter eilte und der andere suchte mit geistreichen Reminiszenzen zu iinponieron, die ihm von der Lektüre dieses oder jenes Nokrvldgs. zurückge­blieben waren, tntb es mochte wohl auch einer derartigen Quelle entstammen, da sich jemand gedrängt fühlte zu sagen:

„Man hat in diesen Tagen so oft hören können, daß Menzel alles der unerschütterlichen Energie seines Charakters und seinem eisernen Fleiß zu danken gehabt habe, ich aber bin viel eher geneigt zu glauben, haß es ihm vor allem möglich geworden ist, die höchsten Gipfel künstlerischer Leistungsfähigkeit zu erreichen, weil die Frauen in seinem Leben nie eine Rolle gespielt haben. Die Kräfte, die er an die sogenannte Liebe vergeudet, gehen nun einmal für das Schaffen des Mannes verlören, und wer sich mit der Last eines Weibes belud', ist dadurch noch immer harabgezogen worden."

Ein Sturm von Entrüstung und lebhaftem Wider­spruch erhob sich natürlich gegen 'den blasphemischen Redner. Frau Ada aber schwieg und nur ein seines,

stehende konservative „Epoca", die sonst eine fefye^ ge­mäßigte Sprache führt, deutete vor kurzem in einer Übersicht zur Lage an, daß der Krone Unannehmlichkeiten erwachsen könnten, wenn das Kabinett Villaverde ebenso wie das vorhergegangene Ministerium noch vor Ein­berufung der Cortes durch pevjönliche Intrigen am Hofe, gestürzt werden würde. Es gelang Villalverds zwar, den König zu überzeugen, daß die Regierung dieser Veröffentlichung sernstehe, und das Matt selbst beteuerte nachträglich seine Loyalität, aber der Vorgangs bleibt immerhin für die eigentümliche Lage, in die sich dev König durch seine Beteiligung an 'der aktiven Politik ge­bracht hat, charakteristisch. Man geht wohl mit der An- ncchme nicht fehl, daß der frühere Ministerpräsident Maura hinter den Kulissen zu suchen ist. Die Erörterun­gen, die in den Cortes bevorstehen, dürften zu der Sache manche überraschende Aufklärung geben.

Kanadas Abfall von der großbritischc» Politik.

n. London, 2. März.

Während die Imperialisten im Parlament mühsam ihre Herrschaft behaupten, vollzieht sich gerade in jener Kolonie'Englands, die den Anstoß zuChiamberilains Agi­tation für ein Gveater Britain gegeben hat, in Kanada, ein Stimmungs'umischwung, der einem Abschwenken von der offiziellen Politik der Interessengemeinschaft zwischen Mutterland und Kolonie gleichkommt. Trotz des freund- schaftlichen Gedankenaustausches der leitenden Staats­männer auf beiden Seiten konnte es schon lange keinem Zweifel unterliegen, daß der kanadische Handel eine Vor- zugsbehandlung der englichen Herkünste vor jenen anderer Länder keineswegs als einen Segen betrachtet^ Klagen nach der Richtung hin wurden wiederholt laut, ohne daß man ihnen hier besondere Ausmevksalnkeit schenkte. Nun ist es aber in der jüngsten Zeit zu einer Kundgebung in Kanada gekommen, die auch von den harthörigsten Kämpen -ChcmiberLainL nicht überhört wer- den kann. Tie Vereinigung der kanadischeit Industriellen hat nämlich an die Regierung der Kolonie das Ersuchen gestellt, die Zölle für Fabrikate englischer Herkunft, hauptsächlich für Klempnerwaren, zu erhöhen. Gleich­zeitig wird verlangt, daß die Aufträge für die Marine und für den Unterhalt der Festungen kanadischen und nicht englischen Häusern übertragen werden sollen. AScur hat es also' hier nicht mehr mit den Wünschen einzelner Geschäftsleute, denen ja immerhin noch besondere Motivs untergeschoben werden könnten, sondern mit einer -ganzeik Körperschaft zu tun, die einen großen Teil der 'spezifisch kanadischen Handelsinteressen repräsentiert und wegen des Einflusses, den sie in Kanada ausüb't, ■ bekannt ist, Die Regierung der Kolonie ist dadurch in eine eigentüm­liche Zwickmühle geraten. Verhält sie sich zu den Forde- rungon der Industriellen -Mehnend, so verdirbt sie cs mit einem Element der Bevölkerung, a'uf dessen Unter- stützung sie zu Zeiten geradezu angewiesen ist. G-ibt sie

spöttisches Lächeln huschte itnt ihre rosigen Lippen. Erst

nach einer geraninen Weile, da die Wogen der Debatte immer höher gingen, wandte sie sich an den ^Kunstkritiker:

„Und ivie denkeu Sie, Herr Doktor, über diesen Gegenstand, Sie, der doch gewiß häufiger als mancher andere Gelegenheit hat, in die geheinren Diesen eines Kiünst'lerdaseinS und einer Künstlcrfeele zu blicken?"

Sie hatte es voll liebenswürdiger Heiterkeit gefragt, Volkmann aber machte ein ernstes Gesicht.

.„Das ist ein unerschöpfliches Thema, verehrte gnädige Frau, und leider durchaus nicht im-mev ein lustiges. Gerade in diesen Tagen habe ich da, einen Fall erlebt, der mich sehr wehmütig gestimmt hat. Ich wage nicht zu entscheiden, ob er für oder gegen die vorhin gehörte Be­hauptung spricht — - ein schlagender Beweis für die ver­hängnisvolle Bedeutung aber, die das Weib im' Leben eines Künstlers gewinnen kann, ist er jedenfalls."

Man wünschte etwas Näheres über diesen inieressan- ten Fall zu hören, aber Frau Ada war nicht unter denen, die den Doktor »int eine Erzählung bestürmten.

Trotzdem wandt« er sich, als er ohne langes Sträuben den Bitten nachgab, vornehmlich an sie, wie wenn es ihm darum zu tun sei, gerade ihr Interesse für seinen „Fall" zu erregen,

„Es mögen ungefähr zwei Jahre vergangen sein, seitdem ich in AküNchen die Bekanntschaft eines jungen Malers machte, der mir schon vorher von urteilsfähigen Leuten als ein Künstler von ungewöhnlicher Begabung und glänzenden Zutünftsanssichten bezeichnet worden war. ' Ich besuchte ihn in seinem! Atelier und war gerade­zu verblüfft von Leni', was er mir zeigte. Er war eben mit der Vollendung eines Bildes beschäftigt, das er „Lebensfreude" nannte und das mteiner Ansicht nach nicht weniger zu werden versprach als ein Meisterwerk. Fast noch mehr aber als seine. Kunst interessierte mich die Per­sönlichkeit des Mr/ers. Nie habe ich eine so sprudelnde Frische, nie eine so überschäninende Lust am Dasein ge- - sehen, wie bei diesem Fünfundgwanzigjährigelt, der sich aus kleinen Dcchältnissen und im Kampfe mit tausend