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58. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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^$ 0 , 101 + Verlags-Fernsprecher No. 2968.

Morgen - Ausgabe.

1. Wt'crtt. __

Die deutsche Ehrentafel 1904.

So erheblich auch der Aufwand ist, den mach den Au- iorderimgen der Arbeiterversicherungsgesetze die deutschen Arbeitgeber alljährlich für ihre Arbeiter zu machen haben, so weis; mau doch!, daß hiermit ihre Betätigung für die Wohlfah.rt der Arbeiter nicht erschöpft ist. Mw: Hatte nud-, bas Gefühl, daß die freiwilligen Zuwendungen für Arbeiterwohlfahrt und für die Verbesserung der Lage der ünreren Volksklassen nicht ganz unerheblich seien und sprach die Vermutung aus, daß die Gesanitsunmne dieser Zuaendungen sich auf -mehrere Millionen Mark jährlich helanfen möge. Es fehlte aber an Unterlagen für eine genauere Abschätzung dieses zur Beurteilung des sozial- polilischen Lebens nicht unwichtigen Faktors. Vor einigen Fahren versuchte nun die „Ehrentafel" des „Arbeiter- freund", welche bereits seit 1883 hervorragende Stiftun­gen für Arb eiterwohl fahrt registrierte, nach Möglichkeit den erwähnten Faktor sestzustellen. Vom Bearbeiter der „Ehrentafel" — Bibliothekar Peter Schmidt in Dresden

wurde eine systematische Durchsicht von ettva einem Dutzend der großen Tagesblätter und von zahlreichen Berichten, Geschäftsabschlüssen, Fachor'ganen ufw. unter­nommen, auch ein Appell an die Arbeitgeber und Wohl­täter um Mitteilung von Zuwendungen zum Zwecks einer jmöglichen Evgänzung der „Ehrsnt.afel"-Ergebnisse ge­richtet. Dieser Appell war ein fast völliger Fehlschlag. ^Gerade die als Menschenfreunde bekannten^ Inhaber großer Betriebe lehnten es ab, mit der Höhe ihrer Zu­wendungen vor die Öffentlichkeit zu treten,_ und man muß dieses Gefühl als ein berechtigtes respektieren, wenn jauch ^dadurch der Wunsch, die Ergebnisse der „Ehren­haft.'" möglichst vollständig zu gestalten, von vornherein «in unerfüllter bteibou mußte. Dennoch war das Er­gebnis der „Ehrentafel" auch auf Grund der lückenhaften jUmevkagen ein überraschend hohes. Es wurde bei gleichem Urnfcrng des llnterlagenmaterials und gleicher Beo.rbeitungs,Methode festgestellt, daß innerhalb der letzten 4 Jahre 308 332 664 M., d. h. daß nachweislich !<in jedem Einzelfa-lle ist im „Arbeiterfreund" die Quelle der -betreffenden Zuwendung aufgeführt) innerhalb Idicfts Zeitraumes alljährlich -im Deutsche n Reiche zum B e st e n der Angestellten, Arbeiter und der n n b e m i t t e l t e n Volks- klaffen d u r ch s ch n i t t l i ch ü b e r 7 7 Mi I l io - n e a M >a r k (a I s o täglich durchs ch n i t t l i ch 21 10 0 0 Ma r k) frei w i l l i g g e s p e n d e t wor­den. sind. Auf das Jahr 1904 entfällt von vorgenannter Summe ein Betrag von 72 803 021 Mark, hiervon (bei-

Mittwoch, den 1. Marx.

nahe 75 %) 53 234 581 Mark auf Private, und zwar in 1037 Einzelfällen, 13 886 011 Mark auf Aktiengesell­schaften in 458 Einzglfällen und 5 962 420 Atark auf. Banken ufw. in 144 EingeMllen. Man kann also sagen, 'daß etwa % der Ehrentafölermittelrmgen als für diesen Zweck einwandsfrei betrachtet werden können, während die Zuwendungen- der Aiktiengesellschaften und Banken für die Angestellten und Arbeiter in den- Fällen, wo statutarische Kasseneinrichtungen für Pensi-yns- und Unterstützungszwecke nicht bestehen, den betreffenden „Fonds" zufließen und dort gewissermaßen nur als ein Berechnungsgeld zu betrachten sind. Wenn man in Be­tracht zieht, daß alle Wohlfahrts-Zuwendungen von Be­hörden in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber, alle Auf­wendungen gemeinnütziger Vereine, alle von städtischen und sonstigen Stiftungen fließenden Zuwendungen für die „Ehrentafel" nicht in Betracht gezogen find, daß ferner das von einein Bearbeiter herangezogenc Durch- sichtsmaterial doch nur ein recht degrengtes sein kann und daß beispielsweise eine Mitheranziehung -der PvovinKra-l- presse für die Ermittelung von Zuwen-dungen gewiß höchst ergiebig gewesen wäre, so kann man dem Be­arbeiter der „Ehrentafel" wohl in seiner auf Erfahrung begründeten Ansicht Anstimmen, daß im Deutschen Reiche alljährlich neben den gesetzlichen Anforderungen für die Versicherungen der Arbeiter noch freiwillig gegen 100 Millionen Mark für Wohlfahrtspflege der unteren Volt's- klassen aufgetvendet werden.

Der Bearbeiter beleuchtet die Ergebnisse der „Ehren­tafel" für 1904 in 6 Tabellen, welche in dem kürzlich er­schienenen 4. Hefte des „Arüeiterftennd" 1904 (Berlin, L. Sim-ion Machst) mitgeteilt -sind- Einige Ziffern möch­ten wir hier hervorheben. Von der Summe für 1904: 72 803 021 Mark entfällt hinsichtlich der Zuweirdmigsart erfreulicherweise ein Hauptteil, nämlich 16 633 718 Mark, aus Pensions- und lluterstübungskassen und -Fonds für Angestellte und Arbeiter. Ein Betrag von 10 225 806 Mark entfällt auf allgemeine gemeinnützige Zwecke. 6 329 206 Mark auf Wohnungsfürsorge, 6 094 926 Mark auf Arbeiterwohlfahrtszwecke im allgemeinen, 5 141838 Mlark auf Armsmmterstützungen mt, allgemeinen, 5 017 678 Mark auf Prämien, Gratifikationen, Gewinn- beteiligung an Angestellte und Arbeiter, 4 160 325 Mar! auf Kinderfürsorge, 3 962 357 Mark auf Erziehungs- und. Ilnterrichtszwecke, 3 800 658 Mark auf Kranken- pflege, Genösenen-FLrsovge ufw., 3 760 901 Mark auf Altenheime, Stifte, 3 413 421 auf Bildungszwecke, 1 295 851 Mark auf Gesundheftspflege, Bäder ufw., 904 760 Mark auf Erholungsstätten, Parks und der Rest von 2 011 588 Mark auf verschiedene Zwecke. —- In territorialer Beziehung entfällt von der Gesamtsuiume von 72 803 021 Mark weit über die Hälfte auf das König­reich Preußen, nämlich 46 879 216 M., hiervon fast der vierte Teil, 10 073 065 Mark, aus die Reichs'hauptstadt,

NeSaktious-Fcrnsprcchcr No. 82. 1803.

17 139 388 Mark auf Rheinland ufw. An- zweiter Stelle kommt das Königreich Sachsen mit 7 437 351s Mark, es folgen Bayern mit 5 026 156 M., Hamburg mit 2 637 681 Mark, Württemberg mit 2 449 708 Mart^' Elsaß-Lothringen mit 2 146 750 Mark, Großh-erzogtum Hessen mit 1 736 266 Mark, Baden mit 1 633 906 Marti Bremen mit 1054 080 Mark, Sachfen-Wetmar mir 838 725 M., Sachsen-Koburg-Gotha mit 426 732 Mark/ Braunschweig mit 862 247 Mark, Reich j. L. mit 304 OOO Mark, Anhalt mit 264 283 Mark usw. Für 4 deutsche Staaten sind keinerlei Zuwendungen vom Bearbeiter er­mittelt worden.

UoMische Übersicht.

über die Lebenshaltung in Arbeiterfamilien

hat das Statistische Anft der Stadt Berlin auf Grund) einer Reihe von ihm sestgestellter Haushaltsrechnungen interessante Ermittelungen vor-genommem Der Unter­suchung lagen 908 Haushaltungen zu -Grunde, die über ein' Einkommen von 700 bis über 3000 M. verfügten, während die Kopfzahl der Familien zwischen 1 und 13 Personen schwankte. Der Durchschnitt pro Haushaltung war vier Personen mit rund 1761 Dt. Gösa-niteinko-mmen-: 399 Haushaltungen vermochten Ersparnisse zu machen) 46 kamen mit ihren Einnahmen aus, dagegen mußten 464, b. h. mehr als die Hälfte, Schulden machen. Unter den Ausgaben stehen an erster Stelle diejenigen für Nahrungsmittel, und zwar wächst ihr Anteil -an dev Gesamtausgabe mit der Zahl der Personen im Haushalts Er beträgt 411,6% bei zwei Personen und steigt bis aiufi 572% bei 8 Personen. Unter den einzelnen Arten von Nahrungsmitteln erfordern Fleisch, Brot, Butter und Schmalz die höchsten Beträge. Erheblich sind auch die Ausgaben für Bier. Den zweiten Hanptposten der Aus­gaben stellt die Wohnuwgsmiete dar, jedoch zeigte sich, wie hier bei den kinderreichen Familien nach Möglichkeit gespart wird. Bei Familien von Mer Personen b-eträgß der Anteil an der Gesamtausgabe 177,3%, bei nenn Personen nur noch 142%. Dafür sind aber namentlich in kinderreichen Familien die Wohnungsvechältnisse äußerst elend. Bis zu 11 Personen wohnten m „Woh­nungen" -aus einer Stube bestehend. Die durchschnitt­liche Ausgabe für die Wohnung betrug 281 M. Infolge der hohen Ausgaben für die -genannten Zwecke stehen die für andere, namentlich Luxusbedürfnisse weit zurück: Für Bekleidung wurden 71,8—124,7% je nach der Zahl der Familienmitglieder ausgegeben. Für Vergnügungen sinkt der Durchschnittssatz auf 18,3%, in 18 Budgets find dafür überhaupt keine Beträge ausgeworfen. Auch füg Bücher und Zeitungen wunden höchstens 28% ansge-c geben. Auf Arzt, Medizin entfallen 6,8—11,9%,

Feuilleton.

Oie Heilsarmee im Norden.

Skizze aus Finnland von M. Tcrenz.

Sie haben -sich überall beliebt zu machen -gewußt, die Angehörigen -der Heilsarmee, auch bei uns in Deutsch­land. Man begegnete ihnen anfänglich zwar mit Vor­urteil. aber gegenüber ihrem bescheidenen, niemals zu­dringlichen Wesen und ihrem stillen segensreichen Wir­ken schwand dasselbe bald. So angesehen, wie ftn hohen Norden Europas aber, scheint mir, find sie bei uns docii nicht. Wo ich dort auch hiukam, allenthalben fand ich sie und allenthalben besaßen sie die Sympathien des Puvlitüms. Seltsamerweiser waren es aber nicht nur aus- nahmsweisc Männer, sondern fast immer Mädchen, und zwar solche in jugendlicherem Alter, denen die dunkel- blauen Anzüge mit den rotgeränderten, militärisch steifen Kragen und die Mützen, auf den«n in -der Sprache des Landes das Wort „Heilsarmee" stand, oft gar nicht übel standen.

Zuerst wurde ich in Uleab-org in Nordfinnland aus sie aufmerksam gemacht. In unsevm Hotel wohnte eine Taue, eine gÄorene Finnin, Fräulein Katri Jussula, die aber -bereits seit fünfzehn Jahren in New Dort lebte und für die Dauer eines Sommers herübergskommen -war, um ihrer Heimat und ihren alten Freunden einen Be­such abzuftatten. Diese hegte eine große Vorliebe für die Heilsarmee, und trotzdem fie nicht zu ihr gehörte, ging sie häufig in das Haus, in dem ihre dortigen Vertreterinnen wohnten und besuchte auch -die von ihnen vemnstalteten gottesdienstlichen Versammlungen. Eines . Tages, als tcf) mit Fräulein Jussula in der unsagbar weitläufig ge- Hamen Stadt herumstreifte, führte sie -mich zu einem großen, recht unschönen Holzgebäude, ans dessen Jnnereni eine laute Frauenstimme klang.

„Dies ist das Quartier der Heilsarmee", äußerte sie. „W- Üen wir nicht eintreten?"

Ich folgte -ihr, aber ich muß gestehen, daß der emp­

fangene Eindruck mir nicht angenehm war. In einem weiten Saal mit — wie dies in Nordfinnland häufig ist — unbekleideten Holzwänden und hoher spitzer B-alken- decke' standen lange Stuhlreihen, indes sich an der^emen Kurzseite eine Nische befand, zu der ein paar Stufen emporfiihrten. Dies war der Platz, auf dem der weib­liche Kapitän predigte. Keinerlei Schmuck war irgendwo zu erblicken, es sei denn, man wollte die bunten Tuch­lappen, welche die Nischenbrüstung verkleideten, als solchen >gelten lassen. Es saßen eine gange Menge Menschen'auf den Stichlen, die andächtig dem Vortrag des Kapftäns lauschten. Dieser, ein ganz hübsches Mäd­chen in der Mitte der Zwanziger, in der üblichen blauen Uniform, sprach- so fürchterlich schnell, daß ihre Rede allem eher, als einer Predigt glich. Da sie sich der -finni­schen Sprache bediente, -die ich nicht verstehe, so kann ich über den Inhalt des Vortrags nicht urteilen, ich hörte nur das beständig w-iederkehrende, heftig hera-us- gestoßene Wort „Jumala" (Gott). Zum großen Teil mag es an dem Fremdartigen, so ganz und gar nicht Feierlichen der ganzen Veranstaltung gelegen haben, -daß sie mir so mißfiel. Jedenfalls kann ich nur wieder­holen, daß der kahle sch-mucklose Raum, -das mit bunten Lappen behäugte Podium und die hastige schreiende Sprechweise des Mädchens in seinem -blauen Kleide alles eher als einen erhebenden Eindruck auf mich machten. Auf -die übrigen Hörer wirkte die Sache ihrem Verhalten na-ch aber offenbar ganz anders.

Als wir das Haus verlassen hatten und ich meine -Empfilnd-ungen gegen meine Begleiterin aussprach, war diese sehr enttäuscht. „So kommen Sie übermorgen noch einmal mit, bann wird bas.tzarmonium gespielt, ÄerRaunr ist von außen -mit Lad-en verschlossen und von innen er­leuchtet und -der Kapitän predigt in schwedischer Sprache, so daß Sie dem Vortrag auch folgen -können — dann wird'8 Ihnen besser gefallen", meinte sie. Ich ließ mich aber- nicht überreden, denn ich hatte genug davon.

Dagegen ging ich mit ihr, als acht Tage später in einem Zimmer im Quartier der Heilsarmee allerhand von deren Angehörigen angefertigts .Gegenstände zum

Verka-nf auslagen. Ter Ertrag war für wohltätige Zwecke bestimmt und seine Verwendung lag igänzlich in den Händen des Kapitäns.

Ja, was ich- bei dieser Gelegenheit sah und hörte, das war nun freilich ganz etwas anderes, als jene geschilderte -gottesdienstliche Versammlung!

Wir traten in ein mäßig großes Zimmer, -das, ab-ge- sehen von den hölzernen Wänden, ungefähr so anssah, wie mancher Raum in einem alten, ländlichen Pastoren« hmlse. Tie Einrichtung war überaus einfach-, aber ernst, heimlich- und seltsam stimmungsvoll. An den Wänden hingen Bilder aus der Geschichte der Heilsarmee, dar­unter bie großm kolorierten Photographien desGsneralZ B-ooth und seiner verstorbenen Gattin. Kathei'ine, pietät­voll mit frischen, grünen Gewinden unfträn-zt, und über­all standen Tonkritze mit Laubzw-eigen und dunkelblauouk Akonit. In der dunklen geschnitzten. Bundesl-abe waren die Schriftstücke und Berichte, die regelmäßig an das Hauptquartier abgesandt werden, verwahrt.

In der Mitte des Zimuners befand sich'eine lange Tafel, auf der die Verkaufswaren lagen. Es waren ini wesentlichen praktische Gebrauchsgegenstände - Damen. Nachthemden, Schürzen, Stores, Gardinen, Tisch­decken usw. — doch sah man auch einige hübsche Webereien und Stickereien in den nationalen schwedischen Techniken. Ganz an Zierlichkeit fehlte es aber auch den ainsachston Sachen nicht, die billigen gelben Nachthemden waren mit hellblauen Hexenstichen genäht, die groben Küch-en- schürzen mit bunten Schnüren und Pompons geputzt ufw) In dem Raum befanden sich zwei Mädchen- — der an einem Pult mit Schreibereien beschä-stigte Kapitän iuiS eine jüngst erst der Heils-armee bergetretene, noch nicht einge-kleidete Novize in Bluse und dunklem Rock, die au einer Nähmaschine saß und weitere Gegenstände zmw Verkauf arbeitete.

Das Wesen der beidm Mädchen war äußerordeastlich sympathisch! Sie antworteten bereitwillig ans alle an sie gerichteten Fragen, ohne sich jedoch nur im- mindesten des Guten zu rühmen, das sie vollbrachten. Und -das war wahrlich nicht wenig. Wo ein Kranker verlassen lag^. da