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N-. vv.
BerlagS-Fernsprecher No. 296S.
Dienstag, den 28. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 62.
1905 .
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
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Der üürrsiLUteste Beruf.
Wenn man ganz allgemein die Frage stellen würde, welcher Beruf heute nicht überfüllt sei, so bekäme man sicher nicht viel Antworten. In fast -allen Erwerbs- zwÄgen macht sich ein Überfluß von Kräften bemerkbar. Die Ursachen sind verschieden. Zinnächst ist es unsere starkeVebölkerungsIunahme imi5 der immer schärfer durchgeführte Übergang von der Handarbeit zur Mäschinen- üidnstrie, vom Kleingewerbe zur Großindustrie, also die Konzentration des Kapitals. Auf einem anderen Gebiet ist es die Erschwerung des Absatzes durch ungünstige Zölle; hier ist es eine Verschiebung der Produktion durch den technischen Fortschritt, dort der Einfluß der allgemeinen Krise und in einem anderen Berus seine leichte Zugänglichkeit bei einer Mvissen äußeren Vornchncheft, die in einer Zeit, in der auch aus den unteren Klassen ungezählte Kräfte nach oben streben., einen starken Andrang begünstigt. Zn diesen Bernsen gehört vor allen «chercn der kaufmännische. Mau kann ihn heute als den über, fülltesten Beruf bezeichnen. Er hat mich die schlechtesten i'lvbeitsbedingungeu, wenn man nicht mir Lohnhöhe und Arbeitszeit, sondern auch die unsichere wirtschaftliche Lage und Zukunft seiner Angehörigen mit in Rechnung stellt und sie nicht gerade an den Verhältnissen eines schlesischen oder sächsischen Handwebers mißt. Das ist eine Tatsache, die von allen Eltern beherzigt werden sollte, die etwa die Msicht haben, kommende Ostern einen ans der Schule entlassenen Sohn dem kaufmännischen Beruf znzufiihren.
Nach der Schätzung von Fachleuten gibt es in Berlin fortwährend 4000 junge Kaufleute -ohneStellung. Welches Elend verbirgt sich hinter dieser Ziffer, welche bittere Not unter oft noch mühsam aufrecht erhaltener äußerer Eleganz, die der Beruf verlangt! Der starke Milbewerb
zwingt den Prinzipal, den kaufmännischen Unternehmer zur Sparsamkeit und meistens auch auf Kosten der Arbeitslöhne. Manche kaufmännischen Geschäfte sind Lehr- lingszüchtereien. Die jungen Leute 'werden im ersten Fähre zu allerlei HändreichungÄr benutzt, die sich kaium vom höheren 'Häusknechtsdienst unterscheiden; später werden sich nicht etwa planmäßig ausgebildet, sondern auf gewisse Verrichtungen emgeübt. Kaum halbsertig gehen sch oft aus der „Lehre" und ganz utmilttelbar in das Elend hinein. Tenn meistens bleiben sie nach Abschluß der Lehrsähre nur noch kurze Zeit im Geschäfte des Lehrherrn. Dieser mutz ihnen setzt Gehalt zahlen und nicht nur ei-u geringes Ta'cheugeld. Das will er jedoch nicht und kann er vielleicht auch nicht; .also muß der Aus-gelernte gehen und ein neuer Lehrling wird eingestellt. So ist es nicht immer und überall, aber doch in sehr hälftigen Fällen. Eine mene Stellung zu erhalten, rsl fast ein Glücksfäll. ' Die hochgespannten Höffniungen des jungen Kaufmanns Verwandeln sich im Kampf um das tägliche Brot oft recht bald in -graueste Aschermittwochsstimmung. Hätte er früher -den Ehrgeiz, nur in ersten Geschäften und nur in -der von ihm erlernten Spez-ialbranche tätig zu sein,. so ist er nach kürzer Stellenlosigkeit meistens recht herzlich froh, wenn er überhaupt in einem kaufmännischen Betriebe wieder Beschäftigung erhält und manchmal ist er selbst für eine Stelle Äs — Ausläufer dankbar. Unzählige Käufleute werden sehr bald aus ihrem erlernten Beruf hinausgeschleüdert, unzählige.sinken in die sogenannten niederen Berufe hinab. Und auch unter denen, die ein solches Schicksal nicht trifft, gibt es nur eine geringe Zahl, für die der kaufmännische Beruf keine schwere Enttäuschung bedeutet.
Es ist schon angedeutet, daß die Bezahlung eine schlechte -ist. In Berlin beträgt nach- fachmännischen Ermittelungen der Turchschnitt?geh a!t für junge Käufleute 100—.125 M. monatlich. Damit ist ein Berliner Maure» handlanger heute kaum-zufrieden, viel weniger «in tüchtiger, gelernter Arbeiter, wenn nicht gerade die Krise seinen Beruf arg .mederdrückt. Kaufmännische Kvrrc- spsndenten, die oft zwei und drei Sprachen beherrschen müssen, werden mit 1800-—2000 M. Fahresgeha.lt ab- gesimden und sie sind vielfach recht froh, wenn sie auf einem derartigen Hasten feftsitzön- Ältere Käufleute- erhalten schwer Stellung, selbst wenn. sie billig arbeiten wollen. Untüchtige und Mittelmäßige werden heute oft Nicht nur schlechter bezahlt, sondern auch schlechter -behandelt als Fabrikarbeiter, die doch häufig an ihrer Organisation einen festen Rückhalt haben. Wo es geht, wird weibliches Personal angestellt.
Nicht berührt -von dieser gangen Misere werden jene wenigen — sei es Herr oder Dame— die gcnitz hervor
ragendes leisten und die für bedeutende Vertrauensstellungen nicht nur die nötigen Kenntnisse. Erfahrungen und Charaktereigenschaften, sondern .als Sicherheitsleistung vielleicht auch noch ein bestimM-tes Kapital mit- bringen. Diese wenigen wenden nicht nur sehp gut bezahlt, sondern sie haben auch sonst keine Ursache zu klagen, da sie oft schwer zu ersetzen sind. Aber das sind Ausnahmen, die an der allgemeinen Lage der kausmänni- scheu Angestellten nichts ändern.
Diese Lage wird gekennzeichnet, um kurz zu wiederholen, durch die überaus große Zahl der Stellenlosen, schlechte Bezahlung, unpassende Behandlung, Aussichtslosigkeit selbständig zu werden und. nach den Ermittelungen der Reichstommission für Arbeiterstatistik. auch durch lange Kontorarbeitszeiten. Das ist wenig verlockend und doch werden nächste Ostern diesem Berus voraussichtlich abermals ungezählte junge „Kräfte" neu zugeführtt Warum? Weil er bei vielen Leuten als ein „höherer" gilt und zahlreiche Eltern -das an und für sich berechtigte Streben haben, ihre Kinder über das eigene Lebensniveau Hinauszuheben — hier allerdings mit untauglichen Misteln. Der Kaufmannsstand ist heute für Unbemittelte eine Lotterie mit sehr vielen Nieten und- sehr wenigen Treffern! «.
Ueuerfrelyeil der Gesellschaften m. b. K.
Von Dr. jur. W. Vrandis, Berlin.
Die erst durch, das Reichsgesetz vom 20. April '1892 geschaffenen Gesellschaften mit beschränkter Haftung erfreuen sich in den -meisten, wenn nicht in -allen deutschen Staaten eines Vorzugs vor den WktiMyesellschwften insofern. -als man die Doppelbesteuerung, welche bgi diesen eintrftt, auf die G. -m. b. H. nicht -ausgedehnt hat. Die Mtieng-esellschaften zählen 'nämlich überall von ihrem Reingewinn Steuern, später müssen- die einzelnen Aktionäre den ihnen zugeflossenen Gewinn- nochmals als ihr Einkommen versteuern. Besicht eine besondere Vermögens-. Ergänzungs- oder Kapitalrontensteu-er, so unterliegt die Divid-end-e auch- noch dieser Steuer. Da dies als Ungerechtigkeit empfunden wurde-, so halben drei Staaten den Aktionär für die von ihm bezogene Dividende steuerfrei gelassen, nämlich Bremen, Hessen und Sachsen-Weimar. Mehr Staaten haben sich für die dem Fiskus willkommenere Doppelbesteuerung entschieden, es sind das Königreich Sachsen, die Thüringischen Staaten mit Ausnahme von Sachsen-Weimar und Gotha und die Hansestädte Hamburg und Lübeck. Die übrigen Staaten haben einen Mittelweg eingeschlagen, und zwar Bayern, die Reichslande und beide Mecklenburg in der Art. daß
Feuilleton.
Oer Teufel auf petrowka.
Russische Charakterskizze von Fronces Kulpe.
Der Gutsbesitzer Jm-an Jwanowitsch, ein massiver Hüne, grollte schwer.
Zitternd drückten sich seine Frau, Sofia Valeria- nowna, und seine Stieftochter Lydia beiseite, wenn sein schwerer Schritt nahte und sein dröhnendes Organ erschallte.
Sofia Valeriano-wn-a hatte guten Grund, zu zittern, denn Iwan Jwanowitsch hatte vor -einigen Tagen zum ersten Mal die Hand wider sie erhoben und das konnte sich wiederholen. Davor schützte sie nicht die Tatsache, -daß sie vor wenigen Wochen ein elendes Töchterchen geboren hatte, im Gegenteil, das war nur ein Grund mehr für Iwan Jwanonfttschs Zorn, denn er fühlte sich schwer enttäuscht. Er hatte sich einen Sohn gewünscht und Sofia Baleriano-wna hatte -es gewagt, ihm schon die dritte Tochter zu schenken.
Iwan Jwanowitsch grollte also -schwer. Aber die Hauptnrsachc seines Grolles kannte Sofia Vatertanowna -nicht, die kannte nur Iwan Jwanowitsch allein, und allenfalls noch Parascha, die Viehmagd.
Parascha, die Viehmagd, eine hübsche blonde Dirn, an -deren unbedingte Ergebenheit Iwan Jwanowitsch so fest glaubte, wie an feine Unwiderstehlichkeit, hatte diesen Glauben in voriger Woche erschüttert, -denn Iwan Jwanowitsch hatte Parascha nächtlicher Weile auf den. Heuboden bei einem Stelldichein mit dem Kutscher Nikita betroffen.
Und darum grollte Iwan Jwanowitsch.
„Diese Weiber!" schimpft« er. — „Unzuverlässig und treulos, wenn sie jung und -hübsch sind, anhänglich und klettenhaft, wenn sie alt und häßlich werden! O -diese Weiber!"
Aber er -wollte es der treulosen Parascha schon cin- trän-ken, ja gewiß, das wollte er, und einen Schrecken sollte sie auch noch davontragen, an den sie zeitlebens -denken -würde. So schwärzte sich denn Iwan Jw-ano- witsch das breite rote Gesicht mit Kohle, hüllte sich in ein Bettuch, steckte die Hundepeitsche in seine Rocktasche und
begab sich als Gespenst nachts um die zwölfte Stunde auf den Heuboden.
Mit der Ausdauer eines Indianerhäuptlings hielt er trotz der kalten Septembernacht zwei ganze Stunden auf dem Heuboden aus. Er hatte sich in das duftende Heu gedrückt und lauschte mit wachsamen Sinnen und angespanntem Atem auf den leisesten Laut, aber er vernahm nichts als das Schnaufen der Pferde im Stalle unten und das Wiederkäuen der Kühe. Sehen konnte er im Jnnenraum trotz des Vollmondes nichts, denn dunkle Wolken fegten immer wieder über die helle Mondscheibe und bedeckten allgemach den ganzen Himmel. Durch die Dachluke beobachtete Iwan Jwanowitsch die jagenden Wolkenmassen und knüpfte daran eine tiefsinnige Betrachtung über die Wandelbarkeit alles -Irdischen.
„Nur den Moment wahrnehmen im Leben", brummte er — „das ist die ganze Kunst. Willst du was erreichen rm Leben — frisch drauf los! Nur nicht lange gefackelt! Hell« fein — «das ist die Hauptsache und die lichten Momente ansmutzen. Hätte ich- dich nur hier, Paraschinka, mein süßes Täubchen — ausnutzen würde ich es- prächtig, das weihe Fell wollte ich dir schon gerben. Die hellen Augenblicke, die mir der liebe Mond zur Hülfe kommt, wollt ich schon beim -Schopf fassen. Wutsch! Gleich ist die verflucht« Wolke wieder dal"
Er lachte ingrimmig und hüllte sich fester in sein Betttuch. Da hörte er .draußen Schritte und ein gedämpftes Kichern.
„Sic -sinid's!" flüsterte er und packte seine Peitsche fester. Aber die Schritte kamen nicht die Außentreppe hinauf, sondern verloren sich unten tu der Wagensch-cune neben dem Stall. Spähend mit vovgestrecktem Halse, tappte Iwan Jwanowitsch vorwärts.
„Bis -zur Bodenluke sind's noch sechs Schritt," sagte er — „eins, zwei, drei, vier, fünf", zählte er — sechs-!"
Da trat er auf einen Zipfel seines Bettuches und stürzte -durch die Luke in den Stallraum hinein auf die harten Steinfliesen.
Er hatte die Leiter verfehlt — -jetzt lag er stöhnend unten: Iwan -Jwanowitsch hate beide Beine gebrochen.
„Zu Hülfe! Zu Hülfe!" brüllte er. Schaum trat ihm auf die Lippen. — „Zu Hülfe — zu.HA — ü — ülfe!"
Lauernd hatten sich Parascha und der Kutscher Nikita an die Stalltür gedrückt.
„Es ist der Herr!" flüsterte Parascha angstvoll. —. „Gehen wir hinein!"
„Bist du bei Dtnuen?" raunte ihr der Kutscher zu
— „der Herr liegt längst im Bett und schläft . . . De« böse Geist -ist's, der da ruft, um uns zu locken."
„Nein, nein, es ist der Herr!" stieß Parascha zitternd hervor — „ich kenn' ihn an der Stimme!"
„Nun, und wenn er's ist, — wie sollen wir ihm entgegentreten? Was haben wir hier in der Nacht zu suchen? -Verhauen würde er uns -beide. -Lausen wir lieber weg, das ist viel gescheiter. Nachher hat ihn n-i-e- mand gehört und ^beweisen kann er uns nichts."
„Ja, das ist wahr!" stimmte Parascha zu. Uüd sich an den Händen haltend, schlich das verliebte Paar leise -davon.
Nikita verschlief sich diese Nacht absichtlich- und erst morgens um 6 Uhr wurde Iwan Jwanowitsch von de-nr -Stalljungen gefunden. Als- dieser seines Herrn geschwärztes Gesicht erblickte, rannte er davon wie besessen und schrie das ganze Hausgesinde -zusammen. Im- Stall drunten liege der Teufel, sagte er, er scheine krank -zu sein und hav-e einen leuchtenden -weißen Mantel um.
Das Gerücht verbreitete sich- bis -zu -Sofia Baleria- nowna. Resolut ging sie als erste in den Stall hinein. „D'ummes Volk — Teufel sind nie krank," sagte -sie kurz
und sachverständig-„oder doch!" fügte sie leise hinzu,
als sie ihren Gatten erblickte.
Iwan Jwanowitsch lag in tiefer Ohnmacht auf den Fliesen.-
Von nun an änderte sich «das Bild int Herrenhaus« zu Petrow-ka. Iwan Jwanowitsch, der Gefürchtete, de« -Gewalttätige, der Tyrann, lag hülflos wie ein Kind im Bett, schimpfte, zeterte und fluchte.
Ein ungeschickter Arzt hatte ihn behandelt und Iwan Jwanowitsch konnte ni-e mehr den -vollen Gebrauch seiner Beine erlangen. So blieb er denn ein Krüppel, lag im -Lehn-stnhl oder -auf der Chaiselongue, spuckte und fluchte.
Das dräuende Gespenst des Hauses war wehrlos geworden und das ganze Haus -atmete ans vor Erleichterung. Iwan -Jwanowitsch war eine Null gewvrüeni durch den Verlust seiner Körperkräfte. Geistige und selisch-e Eigenschaften hatte er nie besessen. So wurde er dann -a-uch äußerlich, was er innerlich längst gewesen -war
— eine Null.
