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Uo. »7.
BerlagS-Fernsprecher N». 29b».
Sonntag» den 86. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1908.
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Neue Perspektiven.
Der westfälische Bergarbeiterstretk ist verloren und doch nicht verloren. Die Arbeiter haben bediirgiungslos wieder anfahren müssen, ober ihre Forderungen find M einem großen Teile von der Regierung 'gebilligt worden und das Not-Berggesetz, zu dem sich die Staats- regi erring entschlossen Hot, wird beinahe alles das, was die Bergleute verlangten, in -gesetzliche Formen örmgeit, freilich nur dann, wenn die Mehrheit des Abgeordnetenhauses sozialpolitische Einsicht genug besitzt, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Was ist es.mm, was diesem Streik und seinen nachwirkende-n Folgen ihre mit jedem Tage schärfer hervortretende Bedeutung verschafft? Mir sahen ringsum in Deutschland- eine wachsende S-y-mp-nthi-e -der bürgerlichen Bevölkerung für die Bergarbeiter; wir -sahen, wie sich die bürtzevlichen Parteien und ihre Bertretun-gen im Reichstage in Bekundungen solcher Sympathie fövinlich überb,oten; wir beobachteten -eine Haltung der Regierung, die von allem bisher Gchoohnten dermaßen abwich, daß des Staunens keine Ende gewesen wäre, lvemr der N'inschwnng nicht andererseits -so begreiflich, -so notwendig, so logisch erscheinen -mußte. -Was steckt also hinter Alledem? Die Antwort ist einfach und -gerade in ihrer Einfachheit ist fte richtunggebend, kann sie es wenigstens sein', kann sie, wenn -die rechten Konsequenzen gezogen werden, -mit- bestimmend für unsere sozialpolitische Entwicklung und damit für den -gesamten Gang der inneren Politik werden. Z-nm erstenmal nämlich ist ein so gewaltiger Lohn- -und Jnteressenkaimps von seiten der Arbeiterschaft ohne die unmittelbare Anlehnung -an die Sozialdemokratie allein geführt worden; zum ersten Male seit langen Jahrzehnten, seitdem wir eine geschlossene sozialdemokratische Partei haben, ist ein Riesenstreik von Organisationen u-nterno-mmen worden, die mehreren Parteien gemeinsam -angehören, und neben der Sogiat- deino-krati-e w-aren und sind an diesem- -westfälischen Aus- stande gleichermaßen interessiert, das Zentrum, die
Konservativen (beide durch die christlichen Verbände), die Freisinnigen (durch die Hirsch-Dünckersche-n Gewerk- veveine) und die große Masse der sozialpolitisch denkenden Deutschen, die es lieben., sich außerhalb der alten Parteiverbände zu stellen, die sich -bald sozialreformisch, bald sozialliberal nennen, «und die sich ungefähr darin treffen, daß sie einem verständigen Staatsfozialism-us Geschmack abgewinnen-. Das Entscheidende aber b-Iei-bh; Die Sozialdemokratie hat, mindestens für das Gefühl der überwiegenden öffentlichen Meinung, diesmal nicht die Führung gehabt.
Was. also folgt daraus? Man muß Prof. Delbrück recht geben, wenn er im Märzheft der „Preußischen Jahrbücher" Ausführungen macht, die zunächst überraschen, die aber durch die zutage liegenden Tatsachen durchweg unterstützt werden. Bor zehn Jahren wurde der Bund- der Landwirte gegründet mit dem Motto, man solle sich- die Sozialdemokratie zum Muster nehmen. Dies Wort könnte man heute umkehren: Die Arbeiterschaft solle sich den Bund der Landwirte zum Muster nehmen, denn dieser hat gezeigt, wie eine wirtschaftliche JnteressenWM-einschaft es anfangen mutz, wenn sie auf dem Wege der Politik etwas erreichen will. Der Bund wäre ebenso unfruchtbar geblieben -und hätte sich ebenso sehr wie die Sozialdemokratie in Agitation und Thevre- tisieren verlaufen, wenn er eine -eigene politische Partei gebildet hätte. In diesem Punkte -aber hat er kluger Weise die Sozialdemokratie nicht nachgeahmt, sondern -sich darauf beschränkt, auf -das Zentrum, auf -die National- liberalen, namentlich aber aus die Konservativen einen unausgesetzten Druck auszuüben-, sich niemals für- befriedigt zu erklären und selbst die größten Zugeständnisse immer nur -als kleine Wschlagszahlun-gen einzuhemnsen. Wo mau über -diese Linie hinausging und mit der -direkten Interesse» und Stand-esvertretuu-g in den Reichstag emzichen wollte, kamen selbst die talentvollsten und rührigsten Bundesvertvetör zu Fälle: mit einer einzigen Ausnahme sind ja die sämtlichen. Bundesführer bei den letzten Reichstagswahlen .durch,gefallen. Trotz dieser zerschmetternden Niederlage heute der glänzende Triumph -bei den Handelsverträgen, und- bei den Sozial, demokraten trotz -des großartigen Wahlerfolges praktisch völlige Ohnmacht! Ter -Grund -ist. die verschiedene politische Konstruktion, daß keine Klassenpartei, sondern politische Parteien sich der Wünsche der Landwirte an- neh-men und sie zum- Ziele fiih-ren. Stellen wir uns vor, daß die Sozialdemokratie morgen ihren politischen Charakter abstr-öife -und sich als einen -bloßen A-rbeiter- bund konstituierte, -der denjenigen politischen Parteien, die ihm z-u Willen währen, seine Stimmen verspräche, wie bald würde ein solcher Bund mit seinen Massen den Bund der Landwirte -an die Wand drücken!
Es wird ja nicht so -werden; nicht aber von Interesse ist es jedenfalls, sich Perspektiven vorzustellen, die -inög- lich wären, wenn die merkwürdigen Erscheinungen beim westfälischen Grubenstveik nicht bloß eine gelegentliche Episode blieben.
Politische Übersicht.
Tic Profcssorcn und der Grubenstreik.
Es war ganz selbstverständlich, daß Herr'- Studt ans das.. liebenswürdige Vorhaben, dem Kurator der Universität Bonn, Herrn v. Rottenburg, wegen seines Eintretens für die streikenden Bergarbeiter, einen Dis» ziplinarprozeß zu «rachen., -bei näherem Besinnen verzichtete. Wofern, er es nicht a-us. eigenem getan- hat, lvstd- chm die kbuge Erwägung des Grafen B-ülow- vwhl nützlicherweise nachgvholfcn haben. -Ein. d-iszipiuiarischeS Einschreiten wäre in diesem Falle u»n s-o ärgerlicher gewesen, als Herr v. Rottenburg nicht der einzige war und ist, der aus seiner Teilnahme für die Bergarbeiter aus seiner Abneigung gegen das Kv-hl-ensynd-ikar kein H-chl ge. inacht hat. Noch jetzt, nach der Beilegung des Streiks/ hält -es das Aktionskomitee des Evangelisch-sozialen Kongresses für geboten, -Sammlungen für die Bergleute zu veranstalten, und der -Aufruf, in d-eim das geschieht, läßt es an Deutlichkeit der Sprache nicht fehlen. Es wird da gesagt: „Wir empfinden es als eine Heraus»
fordernng nicht nur des Arbeiterstandes, sondern des gesamten -deutschen Volkes, daß die Grubenbesitzer das von der Regierung an sie gerichtete Ersuchen, -mit Len gewählten Vertrauensleuten der Bergarbeiterschaft über ihre Beschwerden und Ansprüche zu verhandeln, rundweg abg-elehut haben. Die Arbeitgeber sind fest o-rgani- siert, den Arbeitern aber verweigert man das gleiche Recht." Dieser Aufruf nun ist unterzeichnet u. a. von den Professoren Delbrück, Merke, Ha-rnack, Kaftan und Adolf Wagner, ferner von Friedrich Naumann rm-d- dem Pfarrer und- Professor Freiherrn v. Soden. Wäre gegen Herrn -v. Rottenburg ni-it dem Disziplin.arge.sth vorgegangen worden, so hätte es sich gebührt, die ge» nannten Berliner Professoren ebenfalls zur Berant» Wortung zu ziehen, und das wäre ein ebenso anmutiges wie interessantes Schauspiel geworden. Man kann nicht einmal sagen: Zn-in. Glück ist es unterblieben; denn- es wäre kein Unglück gewesen, am- wenigsten für die Betroffenen, und für das zuschaneu-de deutsche Publikum auch nicht, wenn der BiirenutratiSiuns wieder einen seiner hübschesten Streiche gespielt hätte. Immerhin, Herr Studt war vom rein persönlichen Standpunkt ans gut beraten, als er -das heiße Eisen unberührt ließ.
Vatikanische Finnnzplänc.
in. Rom, 22. Februar.
Nach der Tvönnllngsvorlage, die vom Ministerium Rouvier in der französischen Kammer eingeb-racht wurde, -haben selbst die -eingefleischtesten Optimisten hier dce Hoffnung, äuf eine Versöhnung- zwischen Vatikan und Republik -aufgegeben. Man weiß jetzt, daß salbst ein -abermaliger Ministerwechsel keineswegs einen- System- Wechsel bedeuten würde und sucht sich entsprechend ernzu- richten, Eine -der Hauptsorgen des Vatikans ist cs, auf, welche Weise unter den veränderten Verhältnissen die
Feuilleton.
Ein- und Ausfälle.
ü r das „W i c s b a d -c n e r 'L a g L l a t t".)
Von Joseph Kaisler.
Ihv..Molk".
Dieser Tage schrieb mir ein Freund aus Warschau: Mer -die Stadt ist der Belagerungszustand verhängt. In allen Straßen, vor alle,: Hoteleing-ängen Alilitär- patro-nillen. Und wo -zwei sich begegnen, roden sie von den „Gefechten" in den Vorstädten und streiten um die Z>ahl der Toten und Verwundeten wie auf einem- Kriegsschauplatz. Die -dumpfe Vorahnung noch schrecklickserer Ereignisse liegt -aus allen Gemütern. Die Nachrichten von auswärts vermehren -die Sorgen. Dunkle Gerüchte von Bauernaufständen, die sich vo-rbereiten, werden mit unsicherer Stimme erzählt. Täglich erwartet man die Einstellung des Eisenbahnverkehrs mit einem unheimlichen Gefühl als wäre man in einer Festung, -die -dann von jeder Rettung -abgeschnitten, ihrem gräßlichen Schicksal in -Einsamkeit verfallen ist. -Aus dem. „nahen" Lodz kommen private Nachrichten, die im Gegensatz zu den amtlichen, von einer wilden Anarchie reden, die den Höhepunkt ihrer Fessellosigkeit noch gar nicht erreicht hat.
Es sind Tage voll einer düsteren gewaltigen Sprache, die auch dem Verbohrtesten eine schaud-ernde Ahnung geben -muß, daß Rußland vor tragischen Entscheidungen unerhörter Art steht. Stunden, in -denen -das unsichere, hange „Was morgen?" wie in einer Sterbestunde alle Liefen aufrüttelt!
Gestern abend trieb- mich nun eine dunkle Neugierde Mt „Alexandrine". Du wirst Dich dieses Cafö-ZHe-aters, i-n dem Tu. bei Deinem kurzen Besuch vor zwei Fahren bewundertest, mit welchem eigenartigen Gemisch von westlichster Blasiertheit und östlichster N-aivstät.sro'heit sich
die Le-bewelt von Warschau amüsierte, woh-l noch erinnern. Du hattest damals einen „glücklichen" Abend mit voller Betriebshöhe getroffen. Und ganz so war auch das Bild des gestrigen Abends. Hatte ich Tor wirklich erwartet, das sorglose Vergnügen gelähmt, das Gennß- lachen int Ernst der Tage erstickt zu sgh-en?
Da war die ganze Gesellschaft wie auch sonst immer in ungeschmälerter Zahl. Alles, was -mit dein Recht, sich durchs Leben zu amüsiereit, geboren wird. Aber auch mit dem Recht, das „Volk" zu beherrschen und zu regieren. Junge Adelige, die sich aus den Chantants von Paris und London eben die Befähigung für die höhere Regie- rungss-aüfbahir heiingöbrachr haben, reiche Grundbesitzer, die Mittler des Zavep- auf ihren weiten Gütern, und vor allem überwiegend- die Gardeoffiziere, in diesen schweren Zeiten die treuesten und wichtigsteir Stützen des Zaren, llnd ihre einzige Sorge des Abends: das Weib un-d der Champagner. Auf der Bühne eilt Chansonetten- progr-cunm von östlichster Jnternationalität. Von der pikanten Französin, an der die „Kenner" ihre Pariser Erinnerungen beleben, bis zur sch-önhäLltigen Schwedin, die in „Gemüt" posiert, alle Nationen. Fm Saale die „sisters" -der Koryphäen auf der B-ühue. Pariserisch blasiertes Ablehnen-, -mehr russisch röh-eö Werben.
Juanita, die „Spanierin", schildert mit -lauernden Augen dem' blutjungen, halb gläubig, halb mißtrauisch horchenden Gardeleutnant Grasen- Kutusow ihre Trmmphe in der Heimat, natürlich in Madrid. Sie hat Temperament un-d weiß , zu überzeugen. Der Junge muß Rußlands Prestige wahren, O die stolze Spanierni soll sehen, daß man auch in Rußland zu leben -weiß Glücklich gelingt ihm diss Nachlässigkeit, ni-it -der er der Kapelle ein paar Hundertrubelscheine zuiw-irft, daß sie der Spanierin ihren Lieblingstanz spiele. Immer rascher folgen sich die knallenden Sektpsropfm. Jni-mer höher steigt -die Stimmung. Auf den Divans um die Tische bilden sich ungenierte G-vrippen. Die Unterh-altung fliegt voir Tisch zu Tisch,
Und schließlich erinnert man sich auch, daß es Unzu, frieden« in Rußland gebe-u soll. Die üppig«, blonde Dagmar erklärt entrüstet, daß die russische Polizei die li-eb-enswiirdigste -der Welt sei. Nirgends, und sie kenne doch so ziemlich alle Polizeien Europas, habe man ihr so wenig Scherereien gemacht. Kreischend un-d lachend-, bestätigen ihre Gefährtinnen. Ein alter, vsii.rdi.gcr Herr, dem man den hohe» Boauüen ansieht. hält mit jett- schwerer Zunge eine Rede auf die Autokratie. Ein. junger Offizier, die Hand auf die üppige Schütter seiner Nachbarin gestützt, -bringt ein Hoch auf Pobedonoszew aus. Im Gassenh-äuerton grölt main einzelne Takte russischer Lieder, die die Macht Rußlands und die Herr- lichkeit des Zaren preisen. Die Dirnen kreischen ver- giuigt, -die Kellner grinsen ohrer-bietig in der Hoffnung, auf das reiche Trinkgeld.
Der junge -Kutusow, den- Arm- jytt! Jucmitas Taille, glotzt -auf die Dirnen, glotzt auf die Kellner und- nm-rmelt im Halbrausch: Wie vergnügt doch -das Volk in Ruß
land ist!
Tote Re! igioircn.
Ich möchte ein recht gottesfürchtiger, alter Jude sein, und den Zorn meines Jehova Herabrufen können.
In Wien sind dieser Tage 70 Studenten vom Katholizismus zn-nr Protestantismus übergetret-en. Sie hatten mit dem Rektor der Wiener Universität „Krach gehabt". Der ist ein katholischer Geistlicher, der nicht begreifen kann, daß -der deutsche Student -manchmal die Sehnsucht hat, zu sagen, daß er auch -deutsch, bleiben möchte. Da wollten, es. ihm die -Studenten einmal zeigen. In der gebildeten Sprache -heißt das „Deni-onstrieren". Zu diesem Zweck der Übertritt, der von dem protestantischem Geistlichen in. feierlicher Weise vollzogen wurde. Am- Abend fand dann -ein Festkommers statt.
Selbstverstän-dlich kamt kein Zweifel sein: Die -katholische. Geistlichkeit und Presse Wiens, die nun entrüstet jammern und zetern, würden das Ereigttis sehr erb-au-
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